Predigt
Johannes
Eine Babygeschichte
Ein Baby ist geboren. Eigentlich nichts besonderes, aber dieses Baby hier ist ein Zeichen. Ein Hinweis: Gott hat uns nicht vergessen. Gott ist gnädig. Gott rettet uns.

Gottesdienste und Anlässe
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24.06.2021
· 10:00 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,
Ein Baby ist geboren. Das ist immer ein freudiger Moment. Nicht nur für die Eltern, sondern auch für alle drum herum, die sich mitfreuen. Wir schreiben heute gerne Karten. Wir berichten von einer gut überstandenen Geburt. Wir erzählen von Körpergröße und Gewicht. Und Kopfumfang. Das habe ich ehrlich gesagt nie ganz verstanden, warum man den Kopfumfang mit auf die Karte schreibt. Aber das wichtigste ist dann das Bild: Das Bild von einem sanft schlafenden Neugeborenen. Von winzig kleinen Händchen und Füßchen und einer kleinen Stupsnase unter dem Mützchen. Sicher haben manche von Ihnen solche Karten und Bilder in ihrem Zimmer stehen. Von den Urenkeln vielleicht.
Die Babybilder kann man dann herumzeigen. Alle wollen es sehen und finden das Kleine ganz furchtbar süß. "Ooh!" sagen sie. Und sie freuen sich mit, weil uns der Anblick eines neugeborenen Baby fast unweigerlich zum Lächeln bringt.
Ein Baby ist geboren.
Damals in Israel hat man keine Fotokarten verschickt, aber das war auch gar nicht nötig. Das ganze Dorf hat es sowieso mitbekommen. Und alle freuen sich mit. Diesmal ganz besonders, denn die Geburt ist nicht ganz gewöhnlich. Die Mutter, Elisabeth, ist alt und keiner hatte mehr damit gerechnet, dass sie noch ein Kind bekommen könnte. Damals war das schwierig für ein Paar, ganz besonders für eine Frau. Man suchte oft die Schuld bei denen, die keine Kinder bekamen. Das war irgendwie verdächtig. Kinder waren ein Zeichen für Gottes Segen. Wenn Gott hier jemand nicht segnet, dann -- so sagte man sich -- muss das ja vielleicht Gründe haben. Natürlich sagte man das nicht offen. Aber hinter vorgehaltener Hand. Jeder wusste Bescheid. Und die Blicke allein genügten, um einer Frau das Leben schwer zu machen.
Für Elisabeth ist diese Zeit nun vorbei. Die alte Frau des alten Priesters hat ein Kind bekommen. Die Nachbarn staunen mit und freuen sich: Gott hat ihr Barmherzigkeit geschenkt.
Ein Baby ist geboren.
Viel mehr passiert in dem Text, den wir gelesen haben, aber auch nicht.
Ein Baby ist geboren.
Wir kennen solche Geschichten ja. Wir lassen uns von den Babybildern ein Lächeln aufs Gesicht zaubern. Wir sagen "Ooh" und "aah" und freuen uns für einen Augenblick mit. Und dann kommt der Alltag wieder.
Ein Baby ist geboren.
Das passiert tausendfach, jeden Tag auf dieser Welt. Es ist immer eine schöne Sache. Aber trotzdem ganz alltäglich.
Auch nach dem "ooh" und "aah" im Alten Israel kehrt wieder Ruhe ein. Der Alltag geht weiter. Die Dinge nehmen ihren Lauf. Ein paar davon müssen noch geregelt werden, aber das kennt man alles schon. So braucht das Kind zum Beispiel noch einen Namen. Aber den kann man schon ahnen, sagen sich alle. Namen haben Tradition im Alten Israel. Familiennamen wie bei uns gibt es noch nicht. Nachkommen sollen doch den Namen weitertragen. Zacharias und Elisabeth hatten bisher noch keine Kinder und vermutlich werden sie auch keine mehr bekommen. Wie wird er wohl heißen, der lang ersehnte Sohn? Man ahnt es schon: Er wird den Namen des Vaters tragen. Zacharias ben Zacharias Zacharias, Sohn des Zacharias. Allenfalls vielleicht noch den Namen des Großvaters oder eines anderen, wichtigen Verwandten.
Zacharias selbst kann sich dazu nicht äußern. Er ist sowieso seltsam in letzter Zeit. Irgendetwas ist mit ihm passiert, damals, an diesem Tag vor 9 Monaten, als er im Heiligtum des Tempels Dienst vor Gott tat. Er war verändert, als er wieder herauskam. Seltsam verändert. Eine Engelserscheinung habe er gehabt, behauptet er. Andere vermuten, es war wohl eher eine Alterserscheinung. Seit diesem Tag vor 9 Monaten ist Zacharias wunderlich geworden. Kein Wort hat er mehr gesprochen, als er aus dem Tempel kam. Nicht einmal bei der Geburt seines Sohens.
Elisabeth kann sich sehr wohl noch äußern -- auch wenn die Meinung einer Frau damals nicht viel zählt. "Johannes soll er heißen", sagt sie. Und die Nachbarn sind gleich zur Stelle, um ihr diese seltsame Idee auszureden. Das kann doch nicht im Sinne Zacharias' sein. Johannes heißt doch gar niemand in dieser Familie. Nein, Zacharias ist doch ein viel besserer Name für den Jungen.
Der Alte wird plötzlich ganz aufgeregt. Er gestikuliert, verlangt nach einer Schreibtafel. "Er heißt Johannes.", kritzelt er dort hin. "Er heißt Johannes", sagt er dann laut. Stille. Staunen. Der erste Satz seit 9 Monaten. "Er heißt Johannes."
Ein Baby ist geboren.
Ein bisschen Aufregung, ein paar Sätze Geschichte, dann ist es vorbei. Wir sind schon bereit, weiterzublättern.
Für Zacharias und Elisabeth sieht die Geschichte ganz anders aus.
Ein Baby ist geboren.
Aber nicht nur irgendeines von Tausenden auf der Welt jeden Tag. Ein Baby ist geboren, ein Wunder von Gott. Lange ersehnt, erwartet, mit unendlich viel Hoffnung und immer wieder nur Enttäuschung. Gemeinsam sind sie älter geworden. Die biologische Uhr tickte und lief ab. Und die Hoffnung? Tickte die auch und lief ab?
Ein Baby ist geboren.
Namen haben Bedeutung. Heute auch noch, auch wenn wir die oft gar nicht kennen. Wir müssen nachschlagen oder im Internet suchen, um herauszufinden, was hinter einem Namen steckt. Den Menschen damals war die Bedeutung eines Namens immer bewusst. Namen haben Bedeutung, haben Sinn -- oft als Zeichen, als Hoffnung, als Segen für das ganze Leben.
Zacharias trägt so einen Namen. "Gott erinnert sich an mich", lautet sein Name. Gott hat mich nicht vergessen. Das ist zu hören, jedes Mal, wenn der Name Zacharias fällt.
Die Realität sieht ganz anders aus. Zacharias ist Priester. Ein Diener Gottes. Ganz nah dran am Glauben, an Gott selbst.
Und trotzdem bleibt sein sehnlichster Wunsch unerhört. So sehr hätten sie sich ein Kind gewünscht.
Aber Gott hat ihn wohl vergessen.
Ich bin mir sicher, an manchen Tagen klang sein Name wie Hohn in seinen Ohren: Zacharias. "Gott erinnert sich an mich."
Und dann geschieht das Wunder:
Ein Baby ist geboren.
Gott erinnert sich an Zacharias. Und an Elisabeth.
Was keiner mehr geglaubt hätte, ist geschehen. Gott erinnert sich.
Eigentlich müsste die ganze Welt diesen Namen tragen:
Zacharias: Gott erinnert sich an mich.
Die Welt, in der Zacharias und Elisabeth leben, sieht ganz anders aus. Die Welt, in der wir leben, auch. Man sieht es ihr oft nicht an, dass Gott sich erinnert. Es scheint uns oft, als habe er uns vergessen. Als wären wir ganz allein, auf uns selbst gestellt. Auf uns selbst gestellt? Verloren! Hat Gott uns im Stich gelassen?
Deshalb müssen wir von Zacharias hören.
Gott erinnert sich. Er erinnert sich an dich. Und an mich. Er hat uns nicht vergessen. Er ist nicht still weg gegangen. Er hat uns nicht im Stich gelassen.
Gott ist bei uns -- erinnert ihr euch an sein Versprechen in der Taufe? -- alle Tage, bis an das Ende der Welt. Nie weicht er von meiner Seite. Nie hat er keine Zeit für mich. Nie ist er zu beschäftigt, um bei mir zu sein.
Gott erinnert sich an mich.
Und das Zeichen dafür?
Ein Baby ist geboren.
"Er heißt Johannes", sagt Zacharias. Auch Johannes hat eine Bedeutung. "Gott ist gnädig", sagt dieser Name aus.
Das Kind, das hier geboren ist, ist nicht nur eines von vielen Tausend täglich. Es ist auch nicht nur das lang ersehnte Wunschkind für Zacharias und Elisabeth.
Ein Baby ist geboren. Ein Zeichen, von Gott.
Zacharias weiß das, seit er im Tempel dem Engel begegnete.
[D]ein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen Johannes geben. Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über seine Geburt freuen. Denn er wird groß sein vor dem Herrn; ... und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem Heiligen Geist. Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn, ihrem Gott, bekehren. Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu bekehren die Herzen der Väter zu den Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten dem Herrn ein Volk, das wohl vorbereitet ist.
Ein Baby ist geboren. Ein Zeichen.
Zacharias hat es damals die Sprache verschlagen. So weit reichte sein Glaube nicht. Zu groß war das, was Gott da versprach:
Alles wird sich ändern. Gott ist gnädig. Gott hat die Welt nicht vergessen. Er greift ein. Er schenkt sein Heil. Dieses Wunderbaby in Elisabeths Bauch ist der Anfang dessen, was Gott tut. Und sein Name erinnert daran. Johannes: Gott ist gnädig.
An den Tagen, an denen wir uns von Gott verlassen und vergessen fühlen fragen wir uns manchmal, ob wir vielleicht nicht gut genug für seine Zuwendung sind. Ob es an uns liegt, dass er uns alleine lässt.
Deshalb müssen wir von Johannes hören: Gott ist gnädig. Er schaut nicht auf die Person, nicht auf Leistung, auf Frömmigkeit, auf Gottesdienstbesucht oder Gebetsminuten oder irgendetwas sonst, was wir tun könnten. Er hat uns lieb. Er hat uns nie vergessen. Und deshalb, nur deshalb, bleibt er immer bei uns. Er hält sein Versprechen.
Und das Zeichen dafür ist:
Ein Baby ist geboren.
Natürlich wissen wir: Die Geschichte geht weiter. Das wahre Wunderbaby ist nicht der kleine Johannes, der zum großen, berühmten Johannes dem Täufer heranwächst. Auf das wahre Wunder weist er nur hin, bereitet ihm den Weg. Nur wenige Zeilen später wendet sich der Bibeltext von Elisabeth und ihrem Baby hin zu ihrer Cousine, die genauso unerwartet schwanger ist, nachdem ein Engel ihr erschien.
Und dann geschieht bald, was wir an Weihnachten feiern:
Ein Baby ist geboren.
Noch ein Sohn. Gottes Sohn. Auch er trägt einen Namen. Jesus. "Jeschua", auf Hebräisch. "Gott rettet."
Noch eine Botschaft für uns.
Aber das ist eine andere Geschichte. Eine, die wir genauso hören müssen wie diese hier. Denn die Botschaft, die darin steckt, ist für uns:
Gott hat uns nicht vergessen.
Gott ist uns gnädig.
Gott rettet uns.
Amen.
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