Predigt
Ganz einfach und unendlich schwer
Von der goldenen Regel und dem, was am Ende wirklich glänzt
Es könnte so einfach sein: Ein einziger Satz genügt als Leitvers für ein gutes Leben. Nur ist es leider nicht so einfach, denn wir schaffen das nicht. Wo unserem Leben der goldene Glanz fehlt, kommt Gott ins Spiel und schafft ein leuchtendes Kunstwerk seiner Gnade.

Gottesdienste und Anlässe
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17.11.2021
· 19:00 Uhr
· Pauluskirche
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,
Es könnte so einfach sein. Friede. Gerechtigkeit. Bewahrung der Schöpfung. Ein gesundes, fruchtbares, liebevolles Miteinander hier auf dieser Erde, in dieser Gesellschaft. Mitten in allen Problemen, in allen Herausforderungen, in den großen und kleinen Fragen unserer Zeit.
Auch hier in Tailfingen: Es könnte so einfach sein.
Es ist nicht kompliziert, richtig zu leben. Es braucht nicht erst besondere "Heilige" mit unerreichbaren Ausnahmebiografien und vergoldetem Heiligenschein, um so zu leben, dass es golden leuchtet und glänzt.
Es geht ganz einfach.
Es geht in einem Satz.
Jesus macht es vor:
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!" (Mt 7,12a)
Das war's schon. Das reicht.
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!" (Mt 7,12a)
613 Gebote ("Mizwot") hat das jüdische Gesetz, die Torah neben den bekannten, grundlegenden 10 Geboten. 365 Verbote und 248 Gebote. Da steckt alles grundlegende drin und die wichtigsten Lebensbereiche sind darin erfasst.
Ganz schön kompliziert. 613 Gebote.
Und damit man die auch alle einhält und nicht aus Versehen eines übertritt, hat man die eingebettet in ein noch komplizierteres Geflecht aus Auslegungen, Zusatztexten und Handlungsanweisungen, die alles noch viel genauer erklären. Das Ergebnis füllt schon zur Zeit Jesu ganze Schriftrollen und es braucht Gelehrte, die da überhaupt noch durchblicken.
Ganz schön kompliziert.
Ungefähr 33.000 Paragraphen hat das Steuerrecht der Bundesrepublik Deutschland. Das ist die Grundlage für das, was Du und ich regelmäßig an Steuern und Abgaben an den deutschen Staat abführen. Weil es eine Straftat ist, dagegen zu verstoßen und weil 33.000 Paragraphen mehr sind, als normale Bürger einfach überblicken können, sind wir froh, dass es Fachleute gibt, die uns dabei unterstützen und beraten. Sonst hätten viele von uns keine Chance, da nicht straffällig zu werden. Zumal Unwissenheit vor Strafe ja nicht schützt.
Auf 146 Paragraphen wollte der frühere Verfassungsrichter Paul Kirchhof das ganze Regelwerk kürzen, als er 2005 im Bundestagswahlkampf als Finanzexperte Teil des Schattenkabinetts von Angela Merkel war. Das würde es doch etwas übersichtlich machen. Noch populärer war damals die Aussage von Friedrich Merz, der versprach, jeder könne seine Steuererklärung in Zukunft auf einem Bierdeckel machen. 148 Paragraphen sind nämlich zwar deutlich weniger als 33.000, aber immer noch ganz schön kompliziert.
Ganz schön kompliziert.
14 cm lang und mindestens 27mm dick müssen in die EU eingeführte Bananen der Güteklasse 1 laut EU-Verordnung 2257/94 Anhang III sein -- außer sie kommen aus Madeira, Azoren, Algarve, Kreta oder Lakonien. Ganz schön kompliziert, und nur eine Regelung von unzählig vielen, über so etwas banales wie Bananen.
Ganz schön kompliziert.
Wer soll denn da noch durchblicken? Wer kann den das alles noch wissen und einhalten in einer immer komplexer werdenden Zeit? Das Leben scheint unendlich kompliziert -- lange bevor dann auch noch Gott mit seinem Anspruch an uns kommt.
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!" (Mt 7,12a)
Bei Jesus reicht ein einzelner Satz. So einfach kann es sein. "Das ist das Gesetz und die Propheten". Die Torah, die Nebi'im und die Ketuvim. Das ganze sogenannte "Alte Testament", die ganze hebräische Bibel als Ausdruck des Willens Gottes sieht er in diesem einen Satz zusammengefasst. So zitiert in Matthäus hier kurz vor Ende der Bergpredigt.
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!" (Mt 7,12a)
Es kann so einfach sein.
Wir nennen das die "Goldene Regel".
Ein Satz. Den kann man auswendig lernen. Man tut sogar gut daran.
Ganz. Einfach.
So einfach, dass man gar nicht erst Jesus sein muss, um da drauf zu kommen. Eigentlich liegt das ja auf der Hand, wenn man drüber nachdenkt. Konfuzius wusste das schon 500 Jahre vor ihm. Die alten indischen Religionen kennen die goldene Regel genau so wie Buddha und viel später der Islam. Im antiken Griechenland findet sich die Regel schon bei Herodot und bei den Rhetorikern, in den jüdischen Weisheitsschriften ist sie ebenfalls bekannt. Vom berühmten Rabbi Hillel, erzählt man, ein Heide habe ihn einmal gebeten, die komplizierte Torah in der Zeit zusammenzufassen, die ein Mann auf einem Bein stehen kann. Auch Hillel schaffte das in einem Satz. Die französische Revolution, der man nun wirklich keine allzu christlichen Tendenzen unterstellen kann und der aufgeklärte Humanismus kommen auch ohne Bezug auf Gott zu genau dem gleichen Schluß. Moralisch gutes Leben geht von einem gegenseitigen aufeinander bezogen sein aus. Eine der berühmtesten Formulierungen ist der "kategorische Imperativ" von Immanuel Kant:
"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde."
Klingt kompliziert, ist aber eigentlich ganz einfach: Stell dir vor, jeder Mensch auf der Welt benähme sich genau so, wie du es gerade tust. Wenn das nichts ist, vor dem man Angst haben müsste, dann ist es gut, was du tust.
Ganz einfach.
Vernünftig. Und gut.
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!" (Mt 7,12a)
So einfach ist gutes Leben.
So einfach wird man ein Vorbild.
So einfach wird man ein Heiliger.
Ganz einfach.
Nur: Warum schaffen wir das dann nicht?
Warum stellt selbst dieses einfache Gebot für uns eine so unüberwindbare Hürde dar?
Stellt euch einmal vor, wir alle -- und damit meine ich wirklich alle, denn man muss nicht erst Christ oder einer bestimmten Konfession zugehörig sein, um die goldene Regel für richtig zu halten -- würden konsequent nach dieser Regel leben.
Die Frage nach dem Impfen in der Pandemie wäre längst gelöst. Der Umgang mit dem Klimawandel wäre kein Problem mehr. Flucht und Vertreibung wären gar keine Themen, weil es keinen Grund dazu gäbe. Die Schere zwischen Arm und Reich wäre auf einen Schlag geschlossen. Das Sozialamt auch. Wir bräuchten keine Vorfahrtsregeln und kein Nachlassgericht, keine Frauenhäuser und keine Streitschlichter. Wir spielten Fußball ohne Schiedsrichter und in der Schule Fangen ohne Pausenaufsicht. Wir hätten keine Neiddebatten, keine Lobbypolitik und keine Zukunftsängste. Extreme Parteien hätten keinen Zulauf und die Kommentarspalten auf Facebook wären ein Hafen von Friede und zuvorkommender Höflichkeit. Keiner würde in der Schlange vordrängeln, niemand hinter vorgehaltener Hand etwas tuscheln, und nie müsste jemand sich vor dem fürchten, was die anderen jetzt wohl über ihn denken. Niemand hätte Angst, man wolle ihm etwas wegnehmen. Keiner, der anders ist als die anderen würde ausgegrenzt und wir alle staunten über den Reichtum des Lebens in all seinen bunten Farben und Formen. Es gäbe keinen Streit, keine Gewalt und keine schlimmen Worte -- noch nicht einmal schlimme Gedanken. Wenn Krieg wäre, ginge tatsächlich keiner hin und wir könnten alle Waffen endlich zu Pflugscharen schmieden oder zu kunstvoll verschnörkelten Gartenbänken, um im Schatten unter dem Apfelbaum miteinander Kuchen zu essen, oder zu gigantischen Suppentöpfen, aus denen alle satt würden.
Es wäre ... das Paradies.
Es wäre Frieden, "Schalom", im ganzen, vollen, unübersetzbaren Vollsinn des hebräischen Wortes.
Es wäre wunderbar.
Es wäre ganz einfach.
"Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch!" (Mt 7,12a)
Ganz. Einfach.
Aber wir schaffen es nicht.
Und da ist keiner ausgenommen.
Klar, wir zeigen da gerne auf die, die ganz offensichtlich weit weg sind von allem, was die Goldene Regel ausmacht. Die mit den "großen Sünden". Dabei sind wir da alle im selben Boot. Jeder von uns scheitern unweigerlich daran, diesen einfachen Satz überall konsequent umzusetzen. Deshalb zielt der Text nach dem Matthäusevangelium, mit seinen ausdrucksstarken Bildern von breitem und schmalen Weg, von guten und schlechten Früchten, von fruchbaren und fauligen Bäumen, auch nicht -- wie viele andere Texte seiner Zeit -- auf die ungläubigen Heiden, sondern genau auf die, die Jesus Christus ihren "Herrn" nennen. Das fängt bei uns an. Wir sind da nicht ausgenommen.
So sehr wir uns an dieser leuchtend goldenen Regel orientieren, wir alle finden immer wieder unsere Schleichwege drum herum. Manchmal nur ganz knapp vorbei, manchmal auch im großen Bogen. Wie oft haben wir schon die "Breite" dieses eigenen Wegs damit begründet, dass das doch alle machen? Dass doch ganz viele so unterwegs sind? Aus dem Unrecht der Vielen machen wir das Recht des Einzelnen.
Natürlich nicht immer. Vielen von uns gelingt es immer wieder, teils auch auf spektakulär vorbildliche Art und Weise, die Goldene Regel in bestimmten Aspekten unseres Lebens umzusetzen. Aber eben nicht überall.
Es entsteht ein gemischtes Bild. Was ein schönes, goldenes Gesamtkunstwerk hätte werden können, hat nun seine Dellen und Macken, seine Kanten und Brüche. Das setzt sich fort, über das eigene Leben hinaus hinein in die Welt um uns herum. Wo sich die faulen Kompromisse stapeln und multiplizieren, da ziehen sich die Risse durch Beziehungen und Familien, durch die Gesellschaften und durch das Leben aller, die dann darunter leiden. Das Paradies, der Schalom, ist da längst verloren.
Was also nun?
Mit einer Erinnerung an die einfache Lebensregel ist es offensichtlich nicht getan. Die Lösung wird nicht sein, dass wir uns für das nächste Jahr eben alle noch ein bisschen fester als bisher vornehmen, in jeder Situation nach der Goldenen Regel zu handeln. Die Jahrtausende der Menschheitsgeschichte haben zur Genüge bewiesen, dass uns das nicht Gelingen wird.
Also: Aufgeben?
Ganz sicher nicht. Aber zunächst einmal innehalten. Dazu gibt uns der Buß- und Bettag jedes Jahr besonders Gelegenheit. Innehalten und einmal einen ehrlichen Blick auf das eigene Leben werfen. Wo ich den wage, da ist es, als nähme ich ein Tongefäß zur Hand. Ich sehe genau hin. Meine Finger fahren über die Glasur und spüren die Risse, die Unebenheiten. Es ist kein perfektes Stück, das ich da in der Hand halte. Das wird mir wieder schmerzhaft bewusst. Was soll ich tun mit meinen meinem gar nicht so goldenen Leben?
In Japan gibt es seit langer Zeit die Kunst des "Kitsugi", der "Goldreparatur". Die Scherben einer zerbrochenen Schale werden mit einer Mischung aus Lack, Kitt und etwas Goldstaub neu zusammengefügt. Dabei werden die Brüche nicht unsichtbar. Im Gegenteil: Sie beginnen zu glänzen und das ganze Gefäß bekommt ein völlig neues Gesicht. Selbst vorher unscheinbare Stücke werden veredelt durch die gold glänzenden Risse.
Das ist es, was hier heute passiert. Ich halte Gott mein unvollkommenes Leben hin. Meine Umwege und Kompromisse. Mein Versagen und meine Sünde. All die Brüche und Risse und Kanten. Alles, was so überhaupt nicht golden glänzt. Ich halte es dem hin, der mir in Jesus Christus seine Liebe gezeigt hat. Ich halte es dem hin, der mich in Gnade annimmt. Er weiß um alles, was ich so gerne geschafft hätte und doch nicht kann. Und er wirft die Scherben nicht weg. Er fügt sie neu zusammen.
Die Risse und Spalten, die Brüche und Kanten meines Lebens füllt er mit dem strahlenden Gold seiner Gnade und schafft ein Kunstwerk in mir, in dem nicht ich leuchte, sondern er glänzt.
Er macht wieder "heil". Und wo sein Heil leuchtet, da gibt es Heilung auch für eine zerbrochene Welt.
Das ist keine einfache Lösung. Und schon gar keine billige. Gott hat sie alles gekostet in Christus am Kreuz.
Das ist keine Lösung, die leicht fällt. Viel lieber hätte ich einfach eine tolle Motivationspredigt gehalten und euch versichert, dass uns so im kommenden Jahr alles viel besser gelingen wird.
Das ist keine schnelle Lösung. Aber sie fängt bei uns an und bringt ein kleines Stück mehr von Gottes Heil in seine Welt. Heil, das mich selbst ein Stückchen sicherer machen könnte im neuen Jahr. Gnade und Liebe, die mir von Gott zuteil werden und die ich teilen werden kann mit anderen.
Es könnte so einfach sein. Aber das ist es nicht.
Doch aus diesem Dilemma heraus entsteht mit Gottes Hand ein großes Kunstwerk. Möge seine Gnade leuchten in uns und durch unser Leben in Tailfingen und in der Welt.
Amen.
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