Predigt

Im Zeichen des Kreuzes

Die Botschaft vom heruntergekommenen Gott

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn! Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus, Sein Bild thront unübersehbar über der geschäftigen Hafenstadt Korinth. Sein Tempel --…

Titelbild zur Predigt "Im Zeichen des Kreuzes".

Gottesdienste und Anlässe

  • 08.07.2021 · 10:00 Uhr · Augustenhilfe
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Sein Bild thront unübersehbar über der geschäftigen Hafenstadt Korinth. Sein Tempel -- ein Meisterwerk der klassischen Antike. Vorbild für Tempel landauf, landab. Bis heute ragen die Reste der Säulenhalle majestätisch in den Himmel. Damals, strahlend in ihrem ganzen Glanz, verkündeten sie für jeden sichtbar die Botschaft, für die der Tempel gebaut wurde: Groß ist Apollo, Gott des Lichts, Gott der Heilung. Beschützer von Korinth. Dort oben war sein rechtmäßiger Platz. Über all den Dingen des Alltags. Dort oben brachte man ihm Opfer. Alles, was Rang und Namen hatte; jeder, der gesehen werden wollte, ließ sich dort blicken. Im Licht der Herrlichkeit dieses Gottes strahlte man selbst auch gleich ein wenig mehr. Groß ist Apollo.

Sein Platz ist viel weniger glanzvoll. Auf einer Wand im Wachlokal der kaiserlichen Garde am Palatin in Rom haben gelangweilte Diensthabende in einer ruhigen Schicht etwas gekritzelt. Mobbing unter Kollegen eigentlich, denn die Idee war wohl, sich über einen der Ihren lustig zu machen. "Alexamenos betet seinen Gott an" haben sie in kruden Buchstaben in die Wand geritzt. Darüber das Bild eines Kreuzes, an dem ein Mann hängt. Offensichtlich ein Verbrecher, zum Tode verurteilt. Der Mann auf dem Bild hat einen Eselskopf. Die Botschaft des Bildes ist klar: Diese Idee eines Gottes am Kreuz ist eine Eselei. Und Alexamenos und alle, die ihn anbeten, sind selbst nicht schlauer als ein Esel.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Das Gottesbild vom Apollotempel hat die Jahrhunderte überdauert. Quer durch die Zeit und rund um die Welt. Unabhängig von unterschiedlichen Religionen und Frömmigkeitsstilen. Gott ist groß! Heißt die Botschaft. Nicht nur auf arabisch ("Allahu akbar!"), sondern in ganz vielen Sprachen und Vorstellungen. Gott ist groß. Herrlich. Mächtig. Überragend. Schön. Alles übertreffend. Allmächtig. Man nehme all die positiven Eigenschaften, die man finden kann und multipliziere sie mit der größten erfassbaren Zahl und dann ahnt man, wie Gott wohl sein muss. Ansatzweise zumindest. Gott ist groß.

Diesen großen Gott findet man auf Bildern und in Erzählungen und vor allem in den Köpfen der Menschen. So einen Gott wünscht man sich. Einen, der alles kann. Einen, der ein Wort spricht und alles geschieht. Einen, der in jeder Lage übernatürlich eingreift und die Geschicke der Welt in seinem Sinne lenkt. Der Ordnung schafft. Der die Fäden in der Hand hält. Der über allem steht. "Pantokrator", hießt das in der alten Kirche und es findet sich auf Christusdarstellungen mit der Weltkugel in seiner Hand. Gott ist groß.

Das Kreuz passt da gar nicht dazu.

Das Zeichen der Christen ist ein Folterwerkzeug. Ein Hinrichtungsinstrument. Schrecklich gebraucht von einer oft willkürlich herrschenden Besatzungsmacht als Drohung für alle, die den Aufstand wagen. Die meisten hatten es schon einmal irgendwo mit ansehen müssen, wie ein zum Tode Verurteilter dort grausam starb.

Das Kreuz steht für Blut und Schweiß und Tränen, für schier endlose Qual und für unfassbares Leiden. Das Kreuz steht für bohrende Schmerzen, für verzweifelte Schreie und für klägliches Wimmern. Das Kreuz kann man nicht beschönigen. Es steht für ein qualvolles Verrecken hingerichteter Verbrecher.

Das Kreuz ist das genaue Gegenteil all dessen, wofür der herrliche Apollotempel steht.

Würden Sie sich so etwas um den Hals hängen?

Würden Sie so etwas in eine Kirche stellen?

"Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit", schreibt Paulus. Völlig widersinnig, sich damit irgendwie in Verbindung bringen zu wollen.

"Das Wort vom Kreuz ist ein Ärgernis", schreibt er, für die einen und totaler Unsinn für die anderen.

Man kann ja versuchen, das Kreuz zu verschönern. Zu vergolden. Zu schmücken. Riesengroß zu machen und triumphal aufzuhängen.

Aber das ändert ja nichts daran:

Das Zeichen unseres Glaubens ist ein Mordinstrument.

Das Zeichen unseres Gottes steht für Blut und Schweiß und Schmerzen und Tränen.

Eine Schande! Ein Skandal!

So weit ist Gott heruntergekommen.

So weit ist Gott heruntergekommen.

Das ist wohl der entscheidende Satz. Besser kann man Gott gar nicht beschreiben. Der eine Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde, er lebt nämlich nicht in den Palästen luftiger Gedanken, die wir uns über seine Größe machen. Er thront nicht völlig losgelöst von allem als allmächtiger Herrscher über alles. Er braucht die ganzen überhöhten Schmeichelein von seiner Größe und Herrlichkeit gar nicht.

So weit ist Gott heruntergekommen.

Als der eine Gott beschließt, sich uns Menschen zu offenbaren -- also offenzulegen, sichtbar und zugänglich zu machen -- da tut er das nicht, indem er uns einen Blick in einen galaktischen Thronsaal seiner herrlichen Allmacht werfen lässt. Er tut es, indem er Mensch wird. In Jesus von Nazareth, den wir Christus nennen, den von Gott gesandten Retter der Welt.

So weit ist Gott heruntergekommen.

Ganz wörtlich. Wer die Weihnachtsgeschichte verstehen will, der muss sich selbst hinunterbücken in einen engen Stall und der muss hinunterschauen in das Gesicht eines Kindes in der Krippe. Jesus von Nazareth, den wir Christus nennen. Auf Stroh, in der Krippe, in den lieblichen Gerüchen eines Viehstalls. Und wer Gott sehen will, der muss verstehen, wie er selbst sich hineinzwängt in diese Enge und in dieses Windelkind.

So weit ist Gott heruntergekommen.

Statt abgehoben über allem zustehen, unerreichbar oder höchsten noch denen zugänglich, die selbst groß und stark und mächtig und wichtig sind, ist er Mensch geworden. Ganz einfach. Der Sohn eines Zimmermanns aus einem entlegenen Kaff am Rande der Welt. Ein Wanderprediger ohne eigene Wohnung, der mit seiner seltsamen Gruppe von Nachfolgern durch die Gegend zieht. Der mit den Armen spricht, mit den Ausgestoßenen, mit den ansteckend Kranken in Dauerquarantäne, mit Frauen, mit Kindern, mit stadtbekannten Sündern. Der sich nie zu schade ist für irgendjemand, und möge er noch so weit am Rand stehen. Und wer Gott verstehen will, der muss mit ihm in diese Gesichter schauen, muss mit ihm ihre Geschichten anhören, sich zu ihnen setzen und mit ihnen essen.

So weit ist Gott heruntergekommen.

Ein Ärgernis für viele endet sein Leben an diesem Kreuz. Qualvoll. Schmerzverzerrt. Würdelos. Nicht die geringste Spur von Triumph. Nur endloses Leiden und dann -- Tod. Aber wer wissen will, wie Gott ist, der darf nicht wegschauen. Nirgends zeigt es sich besser als an diesem Kreuz, mitten in Schmerz und Leid und Sterben. Genau da ist Gott.

So weit ist Gott heruntergekommen.

"Das Wort vom Kreuz ist eine Torheit", schreibt Paulus. Unsinn "denen, die verloren werden. Uns aber, die wir daran glauben ist es Gottes Kraft."

Nirgends kann man Gott besser sehen als dort am Kreuz.

Am Kreuz zeigt sich, dass Gott nie ferne ist. Dass er nicht weit weg über allem steht. Dass er nicht so abgehoben ist, dass er gar keinen Bezug mehr hat zu dem, was in meinem Leben so passiert.

Am Kreuz zeigt sich Gott, der das alles kennt. Der das alles mitmacht.

Am Kreuz zeigt sich, dass es nichts, aber auch gar nichts gibt, wo Gott sich rauszieht und nicht mehr bereit ist, mitzugehen.

Nicht Einsamkeit. Nicht Ausgrenzung. Nicht Schmerz und Leid. Nicht einmal das Sterben.

O nein!

Glaubt mir, Gott macht das alles mit. Er hat es schon mitgemacht.

So tief kann der Abgrund gar nicht sein, dass Gott nicht bereit ist, herunterzukommen.

Das Zeichen dafür ist das Kreuz.

Gottes Zeichen.

Unser Zeichen.

Das Zeichen für alles, was in diesem Leben passieren kann und sei es noch so kaputt, noch so unscheinbar, noch so schmerzvoll und noch so dunkel.

Wenn Gott ans Kreuz geht, dann geht er überall mit.

Uns aber, die wir daran glauben, ist das Gottes Kraft.

Das ist die Kraft, die uns hält. Im Leben und im Sterben. In Freude und im allerallertiefsten Leid. In der Blüte des Lebens und in den schlimmsten Schmerzen. In der allereinsamsten dunklen Nacht.

Gott ist da. Ganz nah bei uns.

Heruntergekommen um bei mir zu sein.

Das ist sein Zeichen: Das Kreuz.

Gottes Kraft. Meine Zuversicht.

Amen.

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