Predigt

Nett

Wie Gott dich anschaut

So viele Menschen erwarten einen strengen Gott. Der alte Segen Israels erzählt etwas ganz anderes. Er zeigt das Gesicht Gottes – freundlich, gnädig, zugewandt. Und in Jesus bekommt dieses Gesicht Konturen

Titelbild zur Predigt "Nett".

Gottesdienste und Anlässe

  • 31.05.2026 · 10:30 Uhr · Stephanskirche
    Segnungsgottesdienst
  • 31.05.2026 · 9:00 Uhr · Kirche Tailfingen
    Segnungsgottesdienst

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Gnade mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus, dem Messias, unserem Herrn.

So hatten sie sich das nicht vorgestellt: Jeden Tag dasselbe! "Ba-Midbar", "In der Wüste", heißt das Buch der Bibel, aus dem wir heute lesen. Es folgt als "4. Mose" auf die Erzählung von Gott, der sein Israel aus der Sklaverei befreit. Der das Meer für sie teilt und das Heer der Feinde schlägt. Der Wasser aus dem Felsen fließen lässt und seinem Volk am Sinai begegnet. Einen ewigen Bund verspricht er dort. Und "ein Land, in dem Milch und Honig fließen." Dafür sind sie losgezogen. Im Vertrauen auf ihn, der Wolken- und Feuersäule seiner mächtigen Taten nach. Voll Hoffnung.

Und jetzt das. In der Wüste. Irgendwo sind sie falsch abgebogen. Nicht wörtlich, sondern in ihrer Nachfolge Gottes. Eine ganze Generation findet nicht Milch und Honig, sondern nur: Wüste. Jeden Tag. Immer dasselbe. Zermürbender Alltag.

Und die Frage: Wo ist Gott?

Oder besser: Wie ist Gott? Wie schaut er uns an, hier, auf unseren Wüstenwegen?

Aus dem Buch Numeri, "Ba-Midbar", "4. Mose", aus dem 6. Kapitel:

Gott sagte zu Mose:

Sag zu Aaron und zu seinen Söhnen:

So sollt ihr die Menschen von Israel segnen.

Sagt zu ihnen:

Der HERR segne dich. Der HERR behüte dich.

Der HERR schaue dich freundlich an. Der HERR sei gut zu dir.

Der HERR wende sich dir zu. Der HERR schenke dir Frieden.

So sollen sie meinen Namen auf die Menschen von Israel legen.

Dann werde ich sie segnen. (Numeri 6,22-27; von mir in leichte Sprache übertragen)

So hattest du dir das nicht vorgestellt.

Den Alltag. Den Beruf. Die Ehe. Familienleben. Gesundheit. Die Welt. Die Zukunft.

So hattest du dir das nicht vorgestellt.

Du bist aufgebrochen mit Hoffnungen. Die Welt lag dir zu Füßen. Die Zukunft wartete. Große Versprechen.

Und irgendwann merkst du: Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Die Realität fühlt sich ganz anders an.

Jeden Tag dasselbe. Wüste?

So fühlt es sich jedenfalls manchmal an.

Wüste.

Auch im Oberen Gäu.

Wüste. Und die Frage: Wo ist Gott?

Oder besser: Wie ist Gott?

Du gehst in die Kirche. Sagt dir das überhaupt noch etwas? Manche Predigt zieht an dir vorbei. Wieder nur Worte. Nichts davon greift wirklich.

Am Ende bleibt vielleicht nur das: Diese einfachen paar Sätze am Ende.

Der Herr segne dich und behüte dich. Der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der Herr erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Nur das.

Vielleicht reicht das auch.

Wenn wir über Gott reden, dann fallen schnelle große Worte: Allmacht. Ewigkeit. Wir philosophieren über den, den wir nicht sehen. Den wir nicht einmal mit unseren Gedanken erfassen können. Unendlich. Ewig. Dreieinig. Spätestens da hört es auf.

Der Segen tut nichts davon. In ganz einfachen Worten tut er stattdessen etwas Unglaubliches: Er zeigt uns das Gesicht des unsichtbaren Gottes.

Gott schaut uns an.

Gott schaut dich an.

Beim Segen wird es ganz persönlich. "Du" stehst vor Gott. "Du" schaust in sein Angesicht. Nicht als Teil einer anonymen Masse. Beim Segen geht es um Gott und "dich".

Gott schaut dich an.

Wie schaut er denn?

Manche erwarten jetzt den strengen Blick. Wenn vor Gottes Allwissenheit nichts verborgen bleibt. Wenn selbst das Geheimste ans Licht kommt. Das, was du nie jemandem zeigen würdest. Du kennst das aus Alpträumen, wenn die Maske fällt und du schutzlos vor allen stehst.

Gott schaut dich an.

Sicher bewertet er alles. Kontrolliert die Qualität deines Lebens. Ist er jetzt zornig? Mindestens doch enttäuscht. Er hätte mehr erwartet.

Manche erwarten gar nichts. Sie haben verlernt, sich Gott überhaupt irgendwie persönlich vorzustellen.

Gott schaut dich an.

Er schaut dich freundlich an.

Das klingt selbstverständlich. Ist es aber nicht.

So viele haben nie gelernt, Gott so zu sehen.

Freundlich.

Zugewandt.

Kannst du das glauben?

Gott ist nett!

Ich frage deshalb: Weil viele von uns gelernt haben, etwas anderes zu erwarten.

Auch mir fällt es nicht jeden Tag leicht, das anzunehmen.

Manchmal glaube ich gerade das Gegenteil.

Der Herr schaut dich freundlich an.

Er bleibt stehen. Er wendet sich dir zu. Er zeigt dir sein Gesicht.

Du siehst hin. Du siehst in an.

Offen. Freundlich. Interessiert an dir.

Gott ist nett!

Das ist es, was du entdecken darfst:

Gott segnet dich.

Er hält nicht zurück. Er gönnt dir das Leben. Er freut sich, wenn es dir gut geht. Gott ist für dich.

Er gibt nicht knausrig. Er gibt gerne.

Gott segnet dich.

Gott behütet dich.

Wie Eltern, die nachts aufstehen, weil ihr Kind weint. Wie eine Hand, die festhält, wenn jemand stolpert. Ein Arm, der sich um dich legt, damit du ruhig wirst.

Er lässt dich nicht fallen.

Gott behütet dich.

Gott schaut dich freundlich an.

Wenn du in ihn anschaust, siehst du nur Güte.

Und plötzlich erkennst du diese Züge.

Plötzlich weißt du, wo das schon gesehen hast.

In seinen Augen siehst du... Jesus.

Nie hat sich Gott deutlicher gezeigt als in ihm.

Er kommt zu uns. Der unendliche Gott macht sich ganz klein.

Er kommt auf Augenhöhe.

Er kniet sich hinein in seine Welt.

Er krempelt die Ärmel hoch und nimmt unser Leben auf sich.

Ein Mensch. Wie du.

Er ist sich nicht zu fein für all das Schwere.

Er trägt es alles.

Last. Angst. Schuld. Einsamkeit.

Selbst das Sterben.

Gottes Freundlichkeit ist teuer: Sie kostet ihn das Kreuz.

Er zeigt, ohne Grenzen und Einschränkungen:

Gott ist für dich.

Gott hat dich gern.

Schau auf Jesus.

Gott schaut dich freundlich an.

Er ist dir gnädig.

Gott lässt dich gelten.

Er rechnet nicht ab.

Er fragt nicht, ob du würdig bist. Was du geleistet hast. Was du darstellst.

Gott hält dir deine Schuld nicht ständig vor.

Du hast Fehler gemacht?

Gott schlägt sie dir nicht um die Ohren.

Du bist gescheitert?

Gott schreibt dich nicht ab.

Du musst vor Gott nicht perfekt sein.

Er ist gnädig.

Er schenkt. Gerne.

Und mehr, als du dir selbst geben kannst.

Er ist dir gnädig.

Er wendet sich dir zu.

Das ist mehr noch als ein Blick.

Man kann dich anschauen und trotzdem auf Distanz bleiben.

Schau auf Jesus.

Da siehst du Gottes Körpersprache.

Er kommt näher.

Er bleibt nicht auf Abstand.

Er lässt dich nicht allein.

Er bleibt nicht bei sich.

Er kommt dir entgegen.

Er nimmt Anteil.

Er hört zu.

Er bleibt.

Wenn du fällst, geht er nicht weiter.

Wenn du weinst, schaut er nicht weg.

Wenn du rufst, dreht er sich nicht um.

In Jesus siehst du Gottes offene Arme.

Er wendet sich dir zu.

Ganz.

Mit seiner ganzen Aufmerksamkeit.

Mit seinem ganzen Herzen.

Er wendet sich dir zu.

Er gibt dir Schalom.

Nicht nur "Frieden".

Schalom.

Ein großes Wort.

Ein heiles Leben.

Ein Leben, das nicht ständig zerreißt.

Ein Leben im Einklang.

Mit Gott.

Mit anderen.

Mit dir selbst.

Schalom ist mehr als mein innerer Frieden.

Es ist Gottes Traum für diese Welt.

Er gibt dir Schalom.

Wenn Gott dich segnet.

Wenn Gott dich behütet.

Wenn Gott dich freundlich anschaut.

Wenn Gott dir gnädig ist.

Wenn Gott sich dir zuwendet.

Dann wächst etwas in deinem Leben.

Frieden.

Schalom.

Wo wir so angesehen werden,

können wir auch anders aufeinander schauen.

Nicht alles wird leicht.

Nicht alles wird gut.

Aber du bist nicht mehr allein.

Er gibt dir Schalom.

Menschen können Schalom nicht machen.

Das wächst, wo Gottes Freundlichkeit dir begegnet.

Gott gibt nicht einfach Frieden.

Er setzt Menschen in den Frieden hinein.

Wie eine Mutter ihr Kind auf den Arm nimnmt.

So setzt Gott dich in seinen Frieden hinein.

Schalom ist das, was entsteht, wenn Gott wirklich so ist, wie der Segen ihn beschreibt:

Für dich.

Freundlich.

Gnädig.

Zugewandt.

Die Wüste verschwindet nicht.

Manche Wüsten suchen wir uns nicht aus.

Israel war vierzig Jahre dort. Eine ganze Generation.

Auch wir bleiben in unseren offenen Fragen.

Doch hier wie dort leuchtet plötzlich etwas auf.

Keine großen Konzepte.

Keine leeren Worthülsen.

Keine komplizierten Erklärungen.

Sondern einfach: Ein nettes Gesicht.

Gott ist für dich.

Gott schaut dich freundlich an.

Gott wendet sich dir zu.

Gott setzt dich in seinen Frieden hinein.

Das ist eine Hoffnung, die der Realität standhält. Genau deshalb trägt dieser uralte Segen Menschen seit Jahrtausenden.

Denn am Ende heißt es nicht:

"So sollen sie hoffen, dass ich sie segne."

Sondern:

"Dann werde ich sie segnen."

Gott selbst verspricht es.

Sein Name steht dafür.

Wie ein Siegel wird er auf dich gelegt.

Das ist nämlich der Clou des Segnens:

Der Segen ist nicht bloß ein schönes Wort über Gott.

Er ist Gottes eigenes Wort an dich.

Wenn du ihn hörst, auch heute wieder, dann hörst du mehr als alte Worte.

Gott schaut dich an.

Wie schaut er denn?

Vielleicht kannst du das heute entdecken:

Freundlich.

Gnädig.

Zugewandt.

Nett.

Für dich.

Amen.

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