Predigt

Licht

Wo sichtbar wird, was Gott tut

Oft sehen wir zuerst das Problem. Die Krankheit. Die Schuld. Das, was fehlt. Jesus schaut anders hin. Er sieht einen Menschen. Und er zeigt: Gott ist längst am Werk – oft gerade dort, wo wir nur Dunkel sehen. Eine Predigt über das Licht, das unsere Welt und unseren Blick auf andere verändert.

Titelbild zur Predigt "Licht".

Gottesdienste und Anlässe

  • 26.07.2026 · 9:00 Uhr · Kirche Tailfingen
    Gottesdienst

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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus, dem Messias, unserem Herrn!

Am Anfang der Bibel spricht Gott drei Worte:

Es werde Licht.

Noch keine Sonne. Noch kein Mond. Noch keine Sterne. Aber Licht.

Ohne Licht beginnt kein Leben.

Wir merken das jeden Morgen. Im Winter noch mehr als im Sommer. Licht weckt. Licht wärmt. Licht gibt Orientierung. Ohne Licht tappen wir im Dunkeln.

Das kennen wir nicht nur nachts.

Wir tappen im Dunkeln, wenn wir nicht wissen, wie es weitergeht.

Nach einer Diagnose. Nach dem Tod eines Menschen. Wenn eine Freundschaft zerbricht. Wenn Kinder eigene Wege gehen. Wenn wir Entscheidungen treffen müssen. Wenn wir den nächsten Schritt nicht sehen. Wenn wir nicht wissen, wem wir glauben können. Oder was richtig ist.

Dann wünschen wir uns: Dass uns ein Licht aufgeht.

Licht ist mehr als Helligkeit. Licht lässt uns erkennen.

Mit diesem Licht beginnt auch das Johannesevangelium. Es beginnt nicht in Bethlehem. Es beginnt bei der Schöpfung: „Im Anfang …", beginnt Johannes.

Und gleich in den nächsten Versen heißt es dann: „Das Licht scheint in der Finsternis."

"Ich bin es.", sagt Jesus. "Ich bin das Licht der Welt." (8,12)

Damit es auch uns aufgeht, erzählt Johannes eine Geschichte.

Jesus ging weiter. Da sah er einen Mann. Der Mann war von Geburt an blind.

Die Jünger fragten Jesus: „Rabbi“ – das heißt: Lehrer –, „wer ist schuld? Hat dieser Mann etwas falsch gemacht? Oder seine Eltern? Warum ist er blind geboren?“

Jesus antwortete: „Dieser Mann ist nicht schuld. Seine Eltern sind auch nicht schuld. An ihm soll sichtbar werden, was Gott tut.

Gott hat mich gesandt. Solange es Tag ist, müssen wir tun, was Gott tun will. Die Nacht kommt. Dann kann niemand mehr arbeiten.

Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.“

Danach spuckte Jesus auf die Erde. Er machte einen Brei aus Erde und Speichel. Den strich er dem Mann auf die Augen.

Jesus sagte zu ihm: „Geh zum Teich Schiloach. Wasch dich dort.“

Schiloach bedeutet: „Der Gesandte“.

Der Mann ging hin. Er wusch sich. Als er zurückkam, konnte er sehen. (Johannes 9,1-7; von mir in leichte Sprache übertragen)

Dein ganzes Leben hast du nach Klarheit gesucht. Nach dem Durchblick. So sehr du auch in dieses Dunkel hineinstarrtest, du konntest nichts erkennen. Hilflos hat sich das angefühlt. Verloren. Allein.

Und jetzt ist da plötzlich etwas. Etwas, was du noch nie erlebt hast. Erst ist es nur ein dämmriger Schein. Verschwommene Konturen. Du blinzelst. Helligkeit. Geblendet bist zu von dem, was da ins Dunkel hineinleuchtet. Aus Schatten werden Formen. Aus Formen werden Gesichter. Plötzlich erkennst du einen Menschen. Mit einem Mal hat die Welt einen Umriss. Farben. Formen. Schönheit. Unendlich neue Entdeckungen.

Da schaut dich einer an. Ein anderer Mensch. Ein Gegenüber. Auf seinem Gesicht leuchtet die Größe von Gottes Handeln. Er strahlt!

"Ich kann sehen!", ruft er. "Ich kann sehen."

Und du begreifst, was du bisher verpasst hast. Was du bisher nicht erkennen konntest: Der, der da hüpft und tanzt und singt, weil er zum ersten Mal in seinem Leben sehen kann, der war gar nicht der einzige Blinde in dieser Geschichte.

Du warst der, dem der Durchblick fehlte.

"Ich bin das Licht der Welt", hat Jesus gesagt. Aber was das heißt, blieb dir so lange verborgen. Du hast ein Problem gesehen, nicht einen Menschen. Du hast nach Erklärungen gesucht. Nach einer Ursache. Nach einem Schuldigen. Und darüber den Menschen aus dem Blick verloren.

Erst jetzt geht dir ein Licht auf: An diesem Menschen wird sichtbar, was Gott tut.

So handelt Gott nämlich: Nicht von oben herab. Sondern mitten im Dunkel.

Jesus selbst wird diesen Weg gehen. Bis ans Kreuz.

Gottes Licht kann gerade dort leuchten, wo wir nur Dunkel sehen.

An diesem Menschen wird sichtbar, was Gott tut.

Das heißt ja:

Gott ist längst am Werk.

Nicht erst, wenn ich komme.

Nicht erst, wenn ich helfe.

Nicht erst, wenn ich richtig handle.

Ich darf entdecken, wo Christus schon wirkt.

An welchem Mensch wirst du entdecken, dass Gott längst handelt? In deinem Umfeld. In deinen Begegnungen. Wo schaust du hin? Wo suchst du Spuren von Gottes Handeln?

"Wir müssen tun, was Gott tun will.", sagt Jesus.

Nicht: Gott wird handeln. Nicht: Ich übernehme das.

Wir.

Er, der das Licht der Welt ist, sagt:

Wir!

Kein Versprecher.

Kein Zufall.

Wir.

Das hätte ich nicht erwartet. Ich schon gar nicht. Die Jünger auch nicht. Sie wollten eine Erklärung. Jesus gibt ihnen einen Auftrag.

Zwischen „Ich bin das Licht der Welt." und „Der Mann konnte sehen." steht dieser kleine Satz:

„Wir müssen tun, was Gott tun will."

Jesus spricht von mehr als einer guten Tat.

Er spricht von Gottes neuer Schöpfung. Sie leuchtet schon auf. Mitten in dieser Welt.

Nicht zufällig nimmt Jesus Erde in seine Hände.

Wie am Anfang.

Als Gott den Menschen aus Erde formte.

Jetzt beginnt etwas Neues.

Licht. Leben.

Eine neue Schöpfung, in der nicht zuerst gefragt wird: Wer ist schuld? Sondern: Wie heißt du?

In der Menschen nicht auf ihre Krankheit, ihre Angst oder ihre Vergangenheit festgelegt werden.

Eine neue Schöpfung, in der Licht stärker ist als die Finsternis.

Und genau dort, wo etwas von dieser neuen neue Schöpfung aufleuchtet, wird sichtbar, was Gott tut.

Und in dieses Handeln nimmt Jesus uns hinein.

„Wir müssen tun, was Gott tun will."

Wo macht Gott dich zum Teil seines Handelns? Wo will Gott durch dich sichtbar machen, was er tut?

Das Licht Gottes geht nicht nur in unseren Augen auf. Es geht in unserem Blick auf Menschen auf. In dem, was wir sehen. In dem, was wir tun. Weil Jesus sagt: "Ich bin das Licht der Welt.", wird durch unser Tun sichtbar, was Gott tut.

Wo Menschen durch uns Jesus begegnen, fällt etwas von seinem Licht auf die Welt.

Dann werden auf einmal ganz neue Geschichten erzählt. Vielleicht so:

Jesus ging weiter. Da sah er einen Mann. Der Mann war von Geburt an blind.

Auch seine Jünger hatten den Mann gesehen.

Sie fragten: „Wie heißt du?“

Sie hörten zu. Er erzählte von seinem Leben. Von den Straßen Jerusalems. Von Stimmen, die er erkannte. An ihrer Freude. An ihrer Müdigkeit. An ihrer Angst. Von Menschen, die täglich an ihm vorbeigingen.

Er erzählte, wie die Stadt morgens klingt. Wie sich Regen auf Stein anhört. Wie Hoffnung und Verzweiflung manchmal schon in einer Stimme liegen.

Sie lachten miteinander. Sie schwiegen miteinander.

Und plötzlich sahen sie nicht mehr zuerst den blinden Mann.

Sondern einen Bruder. Und dann staunten sie alle. Sie sahen, was Gott an ihm und an ihnen tat.

Im Supermarkt steht die Kassiererin. Freundlich ist sie heute nicht. Kein Lächeln. Kein Wort.

Man denkt schnell: Schlechter Tag. Unfreundlich.

Beim Bezahlen fragst du: „Wie geht es Ihnen heute?“

Sie schaut auf. „Mein Vater liegt im Sterben.“

Plötzlich ist da nicht mehr die unfreundliche Kassiererin.

Sondern ein Mensch.

Der Nachbar sitzt wieder vor seinem Haus. Wie fast jeden Tag.

Diesmal setzt du dich dazu.

Erst redet ihr über das Wetter. Dann über den Garten. Dann erzählt er von seiner Frau.

Als du gehst, kennst du nicht nur seine Geschichte. Du kennst seinen Humor. Seine Sorge. Seinen Namen.

Plötzlich ist da nicht mehr der alte Nachbar.

Sondern ein Bruder.

Da ist dieser eine. Mit dem schwierigen Ton. Immer hat er Einwände.

Man weiß schon, was gleich kommt.

Nach der Sitzung bleibt jemand noch kurz.

Erst da erzählt er, wie viel Angst er gerade hat. Um seine Arbeit. Um seine Gesundheit.

Plötzlich ist da nicht mehr der schwierige Mensch.

Sondern ein Bruder.

Wo Menschen durch uns Jesus begegnen, fällt etwas von seinem Licht auf diese Welt.

Christus ist das Licht der Welt.

Darum müssen wir die Finsternis nicht fürchten.

Nicht, weil das Dunkel vorbei wäre. Sondern weil Christus das letzte Wort hat.

Darum dürfen wir Menschen anders ansehen.

Darum können wir mittun, wo Gott schon handelt.

Amen.

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