Predigt
L'Chaim
Spaziergang zum Fest des Lebens
Ein paar Körner auf der Zunge. Ein Verbotsschild an der Wand. Und die Frage: Wozu sind Gottes Gebote da? Jesus führt uns durch ein Getreidefeld – hinein in Gottes gute Ordnung, die Leben schützt, Raum zum Aufatmen schafft und auf ein Fest hinführt. L’Chaim – auf das Leben.

Gottesdienste und Anlässe
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18.10.2026
· 10:30 Uhr
· Stephanskirche
Gottesdienst -
18.10.2026
· 9:00 Uhr
· Kirche Tailfingen
Gottesdienst
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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Markus, aus dem 2. Kapitel:
Es ist Schabbat. Jesus geht durch ein Getreidefeld. Seine Jünger:innen reißen unterwegs Ähren ab.
Die Pharisäer sagen zu Jesus: „Schau, was deine Jünger tun! Das ist am Schabbat verboten.“
Jesus sagt zu ihnen: „Habt ihr von David gelesen? Er war in Not. Er hatte Hunger. Die bei ihm waren, auch. David ging in Gottes Haus. Dort lagen besondere Brote. Nur die Priester durften diese Brote essen. David aß davon. Er gab auch den Menschen bei ihm davon.“
Jesus sagt: „Nicht die Menschen sind für den Schabbat da. Der Schabbat ist für die Menschen da. Der Menschensohn ist deshalb auch Herr über den Schabbat.“
(Markus 2,23-28; von mir in leichte Sprache übertragen)
Ein Schabbatspaziergang. Techum Schabbat. Maximal 2.000 Ellen außerhalb des bewohnten Ortes. Ein Kilometer etwa. Eine kleine Runde in der Nachmittagssonne, nach einem guten Essen vielleicht. Die Beine strecken. Das Wetter genießen unter Gottes blauem Himmel. Ein Schwätzchen halten mit den Nachbar:innen, die man trifft. Idyllisch, auf Wegpfaden zwischen reifen Feldern. Gold leuchtet das Korn. Verlockend.
Einer greift nach einer Ähre, reibt sie zwischen den Händen und pustet die trockenen Spelzen davon. Ein paar weiche Körner bleiben übrig. Er steckt sie in den Mund. Sie schmecken mild, ein wenig süß und nussig. Vielleicht kein großes Essen. Vielleicht nur ein kleiner Genuss unterwegs. Aber heute ist Schabbat. Heute muss nicht alles einem Zweck dienen. Heute darf das Leben einfach gut schmecken. Gott hat es gut gemacht!
L'Chaim. Auf das Leben!
Sie hätten wohl besser ein Verbotsschild aufgestellt. Nach bester deutscher Kleingartenmanier.
„Das Aufstellen von Gartenzwergen über 27 Zentimeter Höhe ist verboten.“ „Der Rasen darf nicht betreten werden.“ „Hier ist kein Fahrradabstellplatz.“ „Kein Durchgang – auch nicht für Hilfesuchende.“
Oder eben hier: „Ährenraufen am Schabbat strengstens untersagt.“
Ganz empört sind sie: „Schau, was deine Jünger tun! Das ist am Schabbat verboten.“
Ihr Entsetzen sitzt tief. Nur wenige Verse später wird das Markusevangelium davon berichten, dass sie Jesus umbringen wollen. Der Konflikt verschärft sich radikal.
Die Pharisäer sind keine kleingeistigen Bürokraten. Die Krümmung der Banane ist ihnen vollkommen egal.
Sie sind eine jüdische Reformbewegung. Ihnen geht es um Gott. Um Gottes Weisung. Und um Gottes kommende Welt.
Sie glauben: Wenn Israel nach der Tora lebt, wenn Recht geschieht, wenn Menschen Gottes Weisung ernst nehmen, dann wird Gottes Herrschaft sichtbar. Dann kann die Erlösung kommen.
Der Schabbat ist dafür ein besonders sichtbares Zeichen. An ihm zeigt sich, ob Israel Gott vertraut und seine Weisung bewahrt. Deshalb nehmen sie es genau.
Den Schabbat hat Gott selbst in seine Schöpfung eingewebt. In sechs Tagen, erzählt die Genesis, entsteht alles. Am siebten Tag macht Gott nichts mehr. Er segnet diesen Tag. Er heiligt ihn. Die Welt muss nicht immer weiter gemacht werden. Sie darf einfach da sein.
Der Schabbat ist deshalb kein leerer Tag. Er ist ein voller Tag. Voller Ruhe. Voller Gegenwart. Voller Freude an dem, was Gott geschaffen hat. An diesem Tag muss niemand etwas herstellen, verdienen oder beweisen. Der Mensch darf aufhören, sich selbst und anderen etwas beweisen zu müssen. Er darf Geschöpf sein. Gast in Gottes guter Welt.
Der Schabbat ist wie ein Vorgeschmack auf Gottes kommende Welt. Auf die Zeit, in der niemand mehr unter Druck steht und niemand mehr auf Kosten anderer leben muss. Der Schabbat ist nicht nur die Ruhe eines einzelnen Menschen. Er ist Gottes Zusage an eine ganze Gemeinschaft: Niemand soll auf Dauer unter der Last von Arbeit, Armut oder Angst leben müssen. Ein kleiner Anfang der großen Ruhe, in der Gott mitten unter seinen Menschen wohnt. Der Schabbat ist Gottes Einladung: Komm zur Ruhe. Atme auf. Freu dich am Leben. Es ist gut, dass du da bist.
Jüdische Ausleger:innen sagen heute sogar: Das ganze Leben könnte Schabbat sein. Der siebte Tag endet in der Schöpfungserzählung nicht mit „Abend und Morgen“. Vielleicht sind wir noch mittendrin. Vielleicht ist die Welt, auf die Gott seine Schöpfung zuführt, ein großes Fest des Lebens. Ein Schabbat, der nicht mehr aufhört. Gut, dass du da bist.
Zwänge und einengende Regeln stehen im krassen Gegensatz dazu. Wo Menschen nicht mehr aufatmen, sondern ständig aufpassen müssen, ob sie etwas falsch machen. Wo nicht mehr gefragt wird: Was braucht dieser Mensch? Sondern: Was steht in der Vorschrift?
Ein Formular ist nicht vollständig ausgefüllt. Also gibt es keine Hilfe. Eine Tür bleibt geschlossen, weil der Antrag fehlt. Ein Mensch braucht einen Weg durch den Raum – aber auf dem Schild steht: „Kein Durchgang.“ Eine Ausnahme ist nicht vorgesehen. Auch dann nicht, wenn jemand gerade dringend darauf angewiesen ist. Er wartet. Er bittet. Er erklärt seine Not. Und bekommt zur Antwort: „Das geht leider nicht. Vorschrift ist Vorschrift.“
Natürlich sind Regeln nicht schlecht. Eine rote Ampel schützt Menschen. Eine Hausordnung kann Rücksicht ermöglichen. Gesetze können die Schwachen schützen und die Starken begrenzen. Die Frage ist also nicht: Gibt es eine Regel? Sondern: Wofür ist sie da? Wen soll sie schützen? Wer Regeln macht und auslegt, trägt Verantwortung für die Menschen, die unter ihnen leben müssen. Dienen sie noch dem Leben, für das sie gegeben wurden?
Denn eine Regel kann ihren Sinn verlieren. Dann schützt sie nicht mehr das Leben. Dann schützt sie nur noch sich selbst. Die Ordnung sieht den Menschen nicht mehr, für den sie einmal geschaffen wurde. Genau dann wird eine gute Ordnung lebensfeindlich.
Wir kennen beides: Menschen, die an Regeln zerbrechen – und unsere eigene Versuchung, es uns mit einer Vorschrift einfach zu machen.
Auch der Schabbat ist eine Regel. Aber er ist eine Regel zum Leben. Er soll Menschen Ruhe schenken. Er soll sie aus dem Zwang der Arbeit befreien. Er soll ihnen Raum geben, vor Gott und miteinander aufzuleben. Darum geht es nicht darum, jede Verbindlichkeit abzuschaffen. Es geht darum, den Sinn einer Regel nicht zu verlieren. Eine Ordnung ist dann gut, wenn sie dem Leben dient.
L'Chaim – auf das Leben!
Und genau hier setzt Jesus an. Er erzählt von David. Nicht von irgendeinem Regelbrecher. Von David, dem späteren großen König Israels. Von einem Menschen, der in Not war und Hunger hatte.
David ging in Gottes Haus. Dort lagen besondere Brote. Heilige Brote. Sie erinnerten daran, dass ganz Israel vor Gottes Angesicht steht. Woche für Woche. Kein Teil des Volkes ist vergessen. Israel lebt aus Gottes Gegenwart – und aus dem Brot, das Gott gibt. Nur die Priester durften diese Brote essen. Aber David aß davon. Und er gab auch den Menschen bei ihm davon.
Jesus erzählt diese Geschichte nicht, weil ihm heilige Dinge gleichgültig wären. Im Gegenteil. Er nimmt die Heiligkeit dieser Brote ernst. Aber er erinnert daran, wozu Gottes Heiligkeit da ist. Sie soll dem Leben dienen. Sie soll Menschen nicht verhungern lassen.
Eine heilige Ordnung, die einen hungrigen Menschen abweist, wird ihrem eigenen Sinn untreu. Ein Gebot, das gegen das Leben gewendet wird, wird seinem eigenen Ursprung untreu. Denn Gott ist kein Gott, der Menschen an seiner Ordnung zerbrechen lässt. Gott ist der Gott des Lebens.
Und dann sagt Jesus den entscheidenden Satz:
Nicht die Menschen sind für den Schabbat da. Der Schabbat ist für die Menschen da.
Jesus erklärt den Schabbat nicht für überflüssig. Er nimmt ihn ernst. Aber er erinnert an seinen Sinn. Der Schabbat ist Gottes gute Gabe für die Menschen. Er soll ihnen Ruhe schenken. Er soll sie frei machen. Er soll ihnen guttun.
Nicht der Mensch muss sich dem Schabbat unterwerfen, als wäre er nur ein Teil einer religiösen Ordnung. Der Schabbat ist für den Menschen da, weil Gott den Menschen liebt.
Darum sagt Jesus:
Der Menschensohn ist deshalb auch Herr über den Schabbat.
Der „Menschensohn“ ist ein Bild aus dem Ersten Testament. Jesus beansprucht diesen Titel für sich. In ihm wird Gottes kommende Welt sichtbar. Eine Welt, in der Gottes Weisung nicht gegen das Leben ausgespielt wird, sondern ganz und gar dem Leben dient. In Jesus ist diese Zukunft schon mitten unter den Menschen. Ein kleiner Spaziergang. Ein paar Körner. Ein Mensch, der aufatmet.
L’Chaim – auf das Leben.
Die Jünger:innen müssen sich Gottes Wohlwollen nicht durch perfekte Beachtung des Schabbat verdienen. Sie gehen mit Jesus durch das Feld. Sie essen ein paar Körner. Sie leben aus einer Gabe, die schon da ist.
Jesus gibt ihnen nicht zuerst eine neue Regel. Er eröffnet ihnen einen Raum zum Leben. In seiner Nähe müssen Menschen nicht erst beweisen, dass sie vor Gott bestehen können. Sie dürfen aufatmen. Sie dürfen essen. Sie dürfen einfach da sein.
Das ist Evangelium. Schon in der Taufe steht zuerst Gottes Zuspruch. Unser Leben beginnt nicht mit Leistung. Gott nennt uns bei unserem Namen, bevor wir irgendetwas vorweisen können. Gott ist uns nahe, ohne dass wir uns das erst verdienen müssten.
Was Jesus an diesem kleinen Stück Weg sichtbar macht, führt bis in die tiefste Nacht: Gottes Leben lässt sich nicht aussperren – nicht durch Regeln und nicht durch den Tod. Am Kreuz zeigt Gott, dass diese Nähe noch viel weiter geht, als wir denken. Jesus bleibt nicht am Rand des Leidens stehen. Er geht hinein. Bis ans Kreuz. Bis in den Tod.
Am Schabbat liegt Jesus im Grab. Der, der gesagt hat: „Der Schabbat ist für den Menschen da“, ruht nun selbst im Tod. Sein Schrei der Gottverlassenheit bleibt wahr. Und doch ist er nicht aus Gottes Gegenwart gefallen. Gott selbst ist es, der seine Gegenwart und das Geschenk seines Lebens bis in die Gottverlassenheit hineinträgt. Denn der Schabbat endet nicht im Grab.
Am Morgen nach dem Schabbat beginnt etwas Neues. Gott erweckt Jesus von den Toten. Die neue Schöpfung beginnt.
Der Schabbat, der in der Schöpfungserzählung offen bleibt, weist auf diesen Morgen. Auf die Zeit, in der Gott ganz in seiner Schöpfung wohnt. Auf die Welt, in der nichts mehr zerstört wird und niemand mehr unter der Last des Todes lebt.
Die Auferstehung ist Gottes großes Ja zum Leben. Gottes Ja zu Jesus. Gottes Ja zu seiner Menschenfreundlichkeit. Gottes Ja zu einer Schöpfung, die auf ihren ewigen Schabbat hin unterwegs ist.
L’Chaim – auf das Leben.
Denn darum geht es Gott: dass Leben entsteht, bewahrt und vollendet wird. Das Leben, von dem wir sprechen, ist nicht einfach das, was uns angenehm ist. Es ist das Leben, das Gott schenkt und vor Gott Bestand hat. Von der Schöpfung über Christus bis zur neuen Schöpfung zielt sein Handeln darauf. Seine Worte und Gebote sind Wegweiser zu diesem Leben. Wer sie so versteht und ernst nimmt, entdeckt: Sie führen in das Leben, das Gott schenkt.
Psalm 1 sagt es in alten Worten:
Wohl dem, der nicht wandelt im Rat der Gottlosen / noch tritt auf den Weg der Sünder noch sitzt, wo die Spötter sitzen, sondern hat Lust am Gesetz des Herrn und sinnt über seinem Gesetz Tag und Nacht! Der ist wie ein Baum, gepflanzt an den Wasserbächen, / der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter verwelken nicht. Und was er macht, das gerät wohl. (Psalm 1,1-3)
Psalm 119 singt von Gottes Wort nicht als Last. Gottes Weisung ist dort Freude. Sie gibt Orientierung. Sie hält Menschen am Leben.
Der Wochenspruch, Micha 6,8, fragt nach dem Kern: Was fordert Gott von uns? Nicht, dass wir möglichst viele Regeln kennen und andere damit zurechtweisen. Sondern: Recht tun. Güte lieben. Demütig mit Gott gehen.
Gottes Weisung ist nicht daran zu erkennen, dass sie möglichst viele Menschen zurechtweist. Sie ist daran zu erkennen, dass durch sie Recht, Güte und ein demütiges Leben wachsen.
Weil Gott uns in Christus zuerst Leben schenkt, dürfen wir nach seinen Weisungen leben. Nicht, damit Gott uns annimmt. Sondern weil wir angenommen sind. Wir tun es nicht, um uns vor Gott oder voreinander als die Guten zu erweisen. Wir tun es, weil Gottes Zuspruch uns schon gilt.
Wir dürfen Gottes Weisungen suchen, prüfen und ihnen folgen. Wir dürfen fragen: Was schützt das Leben? Was schafft Raum zum Aufatmen? Was lässt Menschen in Würde leben?
Das kann heißen: Ein Mensch, der alt wird, krank oder schwach, muss seinen Platz nicht erst neu verdienen. Das kann heißen: Wenn jemand nicht mehr mithalten kann, wird er nicht aus der Gemeinschaft gedrängt. Das kann heißen: Ein Mensch mit Behinderung muss nicht erst beweisen, dass er oder sie etwas leisten kann, um dazuzugehören. Das kann heißen: „Wir schaffen das“ – und wir machen Grenzen auf, um Menschen in Not Raum zu geben. Das kann heißen: Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben, müssen ihre Liebe nicht verstecken, um in der Kirche dazuzugehören. Das kann heißen, von vertrauten Formen von Kirche Abschied zu nehmen, wenn sie nicht mehr mit Leben gefüllt sind.
Recht tun. Güte lieben. Demütig mit Gott gehen. Nicht als neues Korsett. Sondern als Weg, auf dem Gottes gutes Leben Gestalt gewinnt.
Wir gehen mit Jesus durch ein Getreidefeld. Wir sehen, wie ein paar Körner zwischen den Händen herausfallen. Wir stellen uns vor, wie sie auf der Zunge schmecken. Wir hören, wie aus diesem kleinen Genuss ein großer Streit wird. Und wir hören seine Antwort: Der Schabbat ist für den Menschen da.
Wir gehen weiter. Auf unseren ganz eigenen Lebenswegen. Was fördert das Leben?
Gottes Worte und Gebote sollen Menschen nicht kleiner machen. Sie sollen sie in das Leben führen, das Gott schenkt. Sie sollen Raum schaffen zum Aufatmen. Sie sollen Menschen helfen, Recht zu tun, Güte zu lieben und demütig mit Gott zu gehen.
Am Ende steht kein Verbotsschild. Am Ende steht ein Fest.
Sektglas erheben
L’Chaim – auf das Leben. Auf das Leben, das Gott schenkt und das durch Gottes Weisung wächst.
Amen.
Trinken
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