Predigt
Die Zeit kommt
Hoffnung in der müden Zwischenzeit
Die Welt ist erschöpft. Nachrichten, Krisen, Unsicherheit. Nicht nur der Körper wird müde. Auch die Hoffnung. "Seht, die Zeit kommt." Was heißt das zwischen Ostern und Pfingsten, zwischen Verheißung und Wirklichkeit? Eine Predigt über Gottes Zukunft mitten in einer verwundeten Welt.

Gottesdienste und Anlässe
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17.05.2026
· 9:00 Uhr
· Kirche Tailfingen
Gottesdienst
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Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Es gibt Zeiten, die machen müde. Nicht nur körperlich. Tiefer.
Man steht morgens auf. Kaffee. Handy.
Noch bevor der Tag richtig beginnt, ist die Welt schon da.
Man sitzt am Küchentisch. Draußen wird es hell. Auf dem Bildschirm schon die nächsten schlechten Nachrichten.
Die Welt passt inzwischen in eine Hand. Und manchmal fühlt sie sich genau deshalb zu groß an.
Man macht weiter. Arbeit. Termine. Alltag.
Aber innerlich ist alles schwer. Zu vieles ist passiert. Zu vieles gleichzeitig.
Krisen, die nicht enden. Kriege. Unsicherheit. Veränderungen, die schneller kommen, als man mitkommt.
Diese Müdigkeit zeigt sich ja nicht nur in den Nachrichten.
Manchmal auch in Gesprächen.
Menschen sagen: „Man weiß ja gar nicht mehr, was man noch glauben soll.“
Oder: „Früher dachte ich, es wird Schritt für Schritt besser.“
Heute hoffen viele nur noch, dass es nicht völlig auseinanderfliegt.
Man gewöhnt sich daran, im Krisenmodus zu leben.
Das macht etwas mit Menschen.
Man wird vorsichtiger. Härter vielleicht.
Oder einfach müde.
Und irgendwann merkt man: Nicht nur die Kräfte werden weniger. Auch die Hoffnung.
Man erwartet gar nicht mehr viel. Hauptsache, es wird nicht noch schlimmer.
Man schützt sich lieber vor Enttäuschung, als noch einmal zu viel zu erwarten.
So ähnlich klingt die Welt, in die Jeremia spricht.
Jerusalem zerstört. Das Land traumatisiert. Menschen verschleppt. Die alten Gewissheiten zerbrochen.
Und über allem liegt eine Frage. Eine Frage, die kaum jemand laut ausspricht:
Hat Gott uns vergessen?
Geliebte Gottes, hört, aus dem Buch des Propheten Jeremia, aus dem 31. Kapitel:
Gott sagt:
Seht! Die Zeit kommt!
Ich schließe einen neuen Bund. Mit Israel. Mit Juda.
Der neue Bund wird anders sein.
Nicht wie früher. Nicht wie bei den Vorfahren.
Früher habe ich Israel an der Hand genommen. Ich habe Israel aus Ägypten geführt.
Ich war ihr Herr.
Aber sie haben diesen Bund gebrochen.
Das ist es, was Gott sagt.
Gott sagt:
Ich schließe einen Bund mit Israel.
Nach dieser Zeit.
So wird dieser Bund sein:
Ich lege mein Wort in die Menschen hinein.
Ich schreibe mein Wort in ihr Herz.
Ich werde ihr Gott sein. Sie werden mein Volk sein.
Niemand muss mehr andere belehren.
Niemand muss mehr sagen: „Lernt Gott kennen!“
Alle werden mich kennen. Die Kleinen und die Großen.
Ich vergebe ihre Schuld. Ich denke nicht mehr an das, was sie falsch gemacht haben.
Das ist es, was Gott sagt.
(Jeremia 31,31-34; von mir in leichte Sprache übertragen)
Das hatten wir doch schon einmal: Gott schließt einen Bund.
Was ist denn eigentlich neu daran?
Beim ersten Mal hat das nicht so ganz geklappt. Die Menschen haben sich nicht an seinen Bund gehalten.
Gott--Gott ist treu. Er bleibt es auch. Die Menschen nicht.
Jetzt also: Alles neu?
Vielleicht war Gott am Anfang leichter zu erkennen.
Da war die Befreiung aus Ägypten. Die große Hoffnung. Die Geschichten von Feuer und Wolke. Der Weg durch das Meer.
Aber irgendwann kehrt Alltag ein.
Die Wunder liegen lange zurück.
Die Geschichten bleiben. Aber sie tragen nicht mehr automatisch.
Unendlich viele Stimmen. Aber nur wenig, worauf Menschen wirklich vertrauen.
Und ringsherum leben die anderen Völker scheinbar erfolgreich ohne diesen Gott.
Da wächst die Versuchung: Einfach zu werden wie alle anderen.
Sich anzupassen. Sich abzusichern.
Auch Hoffnung kann müde werden.
Irgendwann schützt man sich lieber vor Enttäuschung, als noch einmal zu viel zu erwarten.
Gott kommt jetzt nicht mit strengeren Regeln.
Kein neuer Mose, mit steinernen Tafeln vom Sinai. Diesmal vielleicht mit mehr Paragraphen.
Gott sagt jetzt nicht: Strengt euch in Zukunft mehr an.
Gott zieht jetzt nicht die Daumenschrauben an: Religion wird härter. Kontrollierter. Ernster.
Enger.
Nein. Gott geht tiefer.
Der alte Bund war ja nicht falsch. Gott hatte Israel an der Hand genommen. Befreiung. Nähe. Rettung.
Geliebt, wie seinen Augapfel.
Und trotzdem wurde dieser Bund gebrochen.
Der neue Bund bedeutet nicht: Der alte war Gott plötzlich egal.
Gott kündigt Israel nicht.
Gott sagt nicht: „Das hat nicht funktioniert. Dann eben etwas anderes.“
Gott bleibt treu.
Gerade das ist das Erstaunliche: Die Menschen brechen den Bund. Gott nicht.
Darum beginnt Gott neu. Nicht gegen sein Volk. Sondern für seine Menschen.
Gott ist Liebe. Seine Lösung heißt nicht: Mehr Druck.
Gott probiert nicht eine andere Strategie. Gott handelt, so wie er ist.
Neu ist: Gott kommt näher. Er bleibt nicht außen. Er schreibt sein Wort nicht nur auf steinerne Tafeln. Nicht nur in Bücher. Nicht nur in Ordnungen.
Gott schreibt sein Wort in Menschen hinein.
Sein Wort, das trägt. Das orientiert. Das Leben verändert.
Gott schreibt sein Wort in Menschen hinein.
In ihr Herz. Dorthin, wo Angst sitzt. Dorthin, wo Vertrauen wachsen kann. Dorthin, wo Entscheidungen reifen. Dorthin, wo Hoffnung müde wird.
Gott selbst will uns von innen her leiten.
Was heißt eigentlich: "Ich schreibe mein Wort in ihr Herz?"
Das Herz ist in der Bibel nicht nur das Gefühl.
Dort sitzt der Mensch selbst: Mut. Angst. Entscheidungen. Vertrauen. Sehnsucht.
Genau dorthin will Gott.
Nicht nur in Gottesdienste. Nicht nur in Bücher. Nicht nur in Traditionen oder in richtige Sätze.
Nicht nur in auswendig gelernte Gebete.
Sondern mitten hinein ins Leben.
Die "neue Zeit" beginnt nicht zuerst in den Verhältnissen außen. Sie beginnt mit Menschen, die anders hoffen lernen.
Wenn Gott sein Wort ins Herz schreibt, dann entsteht auch neue Gemeinschaft.
„Ich werde ihr Gott sein. Sie werden mein Volk sein.“
Hoffnung bleibt nicht privat. Sie verbindet Menschen. Sie macht sie empfindsam. Für Gott. Für andere. Für die Welt.
Gott kommt näher.
Gott geht tiefer.
Gott verbindet neu.
So neu spricht Gott. So weit geht seine Hoffnung.
"Seht, die Zeit kommt."
Ein Satz gegen die Müdigkeit der Welt.
Ein Satz voller Zukunft.
Für Jeremia und viele seiner Zeit ist das ein Hoffnungswort.
Gott hat uns nicht verlassen. Gott hat uns nicht vergessen.
Die Hoffnung lohnt sich noch. Sie ist das Warten wert.
Wie lange, das weiß niemand.
Das kann ganz schön an den Nerven zehren -- diese lange Zwischenzeit.
Wir hören diese Worte heute anders.
Wir hören sie nach Ostern. Der Messias ist auferstanden.
Und wir hören sie auf Pfingsten hin.
Gott gibt seine Geistkraft allen Menschen.
Mit Jesus, dem Messias, hat eine neue Zeit begonnen. Gottes Zeit.
Sie ist gekommen.
Sie ist da.
Nicht plötzlich vollständig. Nicht fertig.
Noch nicht.
Aber wirklich.
Wir haben immer noch Zwischenzeit.
Als er Jesus, den Messias, vom Tod erweckt, zeigt Gott:
Der Tod hat nicht das letzte Wort.
Und an Pfingsten geschieht etwas Neues:
Gottes Geist lebt mitten unter uns Menschen.
Noch bleibt die Welt ja verwundet. Die Kriege hören nicht sofort auf. Menschen leiden weiter--besonders die, die wenig Schutz haben: Kinder. Kranke. Arme. Geflüchtete.
Die Welt bleibt verletzlich. Oft genug im Krisenmodus.
Die ganze Schöpfung seufzt. Wälder brennen. Arten verschwinden. Viele spüren: So kann es nicht ewig weitergehen.
Auch die ersten Christ:innen merken: Die neue Zeit Gottes ist da. Aber sie ist noch nicht vollendet. Wir leben dazwischen.
Zwischen Push-Nachrichten und Verheißung. Zwischen Daueralarm und Gottes Zukunft.
Zwischen Auferstehung und Vollendung. Zwischen Hoffnung und dem, was wir sehen.
Das ist Exaudi.
Da sind wir heute.
Menschen der Zwischenzeit.
Und doch: Die Zeit ist gekommen.
Wir haben Hoffnung.
Und manchmal sehen wir schon etwas davon. Nicht vollständig. Aber wirklich.
Wo Menschen einander nicht aufgeben. Wo jemand vergibt. Wo Menschen weiter lieben, obwohl vieles schwerer geworden ist.
Wo Hoffnung stärker bleibt als der Zynismus.
Wo Menschen aufstehen gegen Angst und Hass.
Wo Menschen widersprechen, wenn andere klein gemacht werden.
Da blitzt etwas von Gottes neuer Zeit auf.
Nicht, weil alle plötzlich besser werden.
Sondern weil Gott selbst seine Welt nicht loslässt.
Manchmal sieht man das ganz unscheinbar:
Wenn Menschen nach Jahren wieder miteinander reden.
Wenn Nachbar:innen füreinander einkaufen, obwohl sie selbst kaum Kraft haben.
Wenn einer sagt: „Ich gebe dich nicht auf.“
Wenn jemand nach einer schlimmen Diagnose trotzdem weiter plant.
Nicht groß. Nicht spektakulär.
Aber vielleicht genau dort:
ein Aufblitzen von Gottes neuer Zeit.
Die Hoffnung wird sichtbar.
Nicht billiger Optimismus.
Nein!
Das Vertrauen:
Gott hat die Zukunft nicht aufgegeben.
Exaudi heißt: Wir warten noch.
Wir sind noch nicht endgültig dort.
Die Hoffnung hat noch Zukunft. Ein Ziel.
Seit Ostern hoffen wir: "Am Ende ist Gott alles in allem."
Aber wir warten nicht leer.
Wir warten mit Gottes Geistkraft.
Wie Menschen, die im Dunkeln schon den ersten Luftzug des Morgens spüren.
Wie ein Atemzug Hoffnung.
Auch, wenn wir müde sind. Und die Welt um uns herum auch.
Wir sind Menschen der Zwischenzeit.
Und doch:
Die Zeit ist gekommen.
Gott hat die Zukunft nicht aufgegeben.
Gott hat uns nicht aufgegeben.
Darum tun wir es auch nicht.
Wir sehen noch nicht, was kommen wird.
Aber wir warten darauf.
"Seht", sagt Gott.
"Die Zeit kommt."
Wir haben Hoffnung.
Amen.
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