Predigt

Verrat

Der Verräter könnte ich sein. Auch das weiß Jesus. Und begegnet mir trotzdem mit Liebe und Vergebung.

Titelbild zur Predigt "Verrat".

Gottesdienste und Anlässe

  • 13.04.2022 · 18:00 Uhr · Peterskirche
    Passionsandacht

Was du tust, das tue bald.

Als Judas vom Tisch aufsteht, sind die anderen immer noch arglos. Er wird wohl noch für das Fest einkaufen, denken sie. Was Judas denkt, wissen wir nicht. Jedenfalls lässt er sich nichts anmerken. Sein Herz muss ganz schön in Aufruhr gewesen sein.

Was du tust, das tue bald.

Wie man sich das vorzustellen hat, dass "der Satan in ihn fuhr", führt das Johannesevangelium nicht weiter aus. Jedenfalls regt sich der Impuls des Bösen in ihm, lässt ihm keine Ruhe, gewinnt die Oberhand. Ob er die Zerrissenheit gespürt hat in diesem Moment? Ob er mit sich gekämpft hat, mit dem Bösen gerungen? Oder war es einfach auf einmal da, ganz klar und ohne Zweifel?

Hat Jesus mit Judas eine falsche Wahl getroffen? Ist er wirklich ein Diener des Teufels? Für sich selbst hat er seine Beweggründe sicher gut rationalisiert. Er sieht sich als Teil eines großen Plans. Ein Rädchen im Getriebe des anbrechenden Reichs. Weg mit den Römern! Weg mit dem verhassten System! Weg mit allem, was dem im Weg steht. Da will er mit Hand anlegen. Den Prozess beschleunigen. Auch wenn es Opfer kostet. Wo gehobelt wird, da fallen Späne.

Anmerken lässt er sich jedenfalls nichts. Sollen die anderen ruhig denken, er sei zum Einkaufen gegangen. Er nimmt den Bissen aus Jesu Hand und geht hinaus in die Nacht.

Was du tust, das tue bald.

Vielleicht hat es ihn auch durchzuckt wie einen Blitz in diesem Moment. Er weiß es! Jesus weiß Bescheid. Er kennt mein Herz. Er sieht auch die niedrigen Beweggründe. Er sieht das Ringen mit dem Bösen. Er sieht, wer diesen Kampf gewinnt. Er weiß, dass ich ein Verräter bin.

"Einer unter euch wird mich verraten."

Zurück bleiben die, die es wirklich durchzuckt hat wie ein Blitz. "Einer unter euch wird mich verraten." Und plötzlich fragt sich jeder: "Könnte ich das sein?" Schon die Frage ist so beschämend, dass selbst Petrus, der sonst nie auf den Mund gefallen ist, sich nicht traut, sie zu stellen. "Herr, wer ist's?", fragt einer aus der initimen Nähe zu Jesus hinaus. Einer, der sich auch nicht selber ausschließen mag.

Herr, wer ist's?

Könnte ich es sein?

Plötzlich scheint keiner mehr sicher. Auch die engste Nähe zu Jesus schützt wohl nicht vor bösen Gedanken, niedrigen Absichten und gebrochenem Vertrauen. Keiner hat die Sicherheit da ganz auszuschließen. Nähe schützt nicht. Dass Judas da keine Ausnahme ist, zeigt die ganze Geschichte der Kirche. Eine Geschichte mit Inquisitoren und Nazikollaborateuren, mit Stasi-Spitzeln und mit sexuellem Mißbrauch -- um nur die ganz großen Dinge zu nennen.

Judas ist immer mit dabei. Einer der Jünger.

Oder alle?

Könnte ich es sein?

Ich bin kein Stasi-Spitzel und kein Nazi. Wenn es nur um die großen Dinge ginge, könnte ich mir schnell die Hände in Unschuld waschen. Und doch kann ich mich ganz gut sehen, da am Tisch mit den Jüngern Jesu.

"Einer unter euch wird mich verraten."

Wahrscheinlich hätte es auch mich durchzuckt wie einen Blitz. Mit einem Schlag wären mir so manche Dinge in meinem Herzen eingefallen, von denen keiner wissen darf. Die nicht vorzeigbar sind. Das Böse kenne ich nur zu gut. Mit einem Schlag wäre mir eingefallen, wo ich Vertrauen gebrochen habe; anderen in den Rücken gefallen bin; lieblos geredet und gedacht oder Liebe einfach nur geheuchelt habe.

Nein, ich hätte nicht ausschließen können, dass ich es bin.

Nein, ich hätte nicht behaupten können, dass das Böse bei mir nie die Oberhand gewinnt.

"Einer unter euch wird mich verraten."

Ein "corpus permixtum", sei die Kirche, sagen ihre Lehrer seid vielen Jahren: eine wilde Mischung aus Glaubenden und Unglaubenden, die kein Mensch wirklich auseinander sortieren kann. Jeder Versuch, die "congregatio sanctorum", die eine, reine Versammlung der wahren Gläubigen herauszufiltern, ist von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Auf Gottes Ackerfeld wachsen Weizen und Unkraut nebeneinander.

"Einer unter euch wird mich verraten."

Das könnte ich sein. Das bin ich schon gewesen.

Und am Ende bleibt nur die Bitte, die uns Jesus lehrt: "Vergib uns unsere Schuld, wie wir vergeben unseren Schuldigern."

Kyrie eleison. Herr, erbarme dich.

Was du tust, das tue bald.

Jesus sitzt mit am Tisch. Wie allen anderen wäscht er Judas die Füße. Er tuacht das Brot ein und reicht es ihm. Er schaut ihn an. Er sieht die Zerrissenheit. Er weiß um das Böse, um das Ringen, um die Kämpfe--auch die verlorenen. Er sieht Schmerz und Verzweiflung. Er kennt das Versagen. Er weiß bei Judas, was geschehen wird.

Und er gibt ihm das Brot.

Er schaut ihn voll Liebe an.

Er kennt mich auch. Und bleibt doch an meiner Seite.

Einen halben Tag später wird er am Kreuz sterben.

Wegen Judas. Für Judas. Und für mich auch.

"Vater, vergib ihnen", betet er da.

In der Antwort auf dieses Gebet liegt meine Hoffnung und die der ganzen Kirche.

Amen.

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