Predigt

Weinberglied

Misstöne und Hoffnungsklänge

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn! Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus, Kommt mit mir, ins alte Israel. Kommt mit mir auf den Markt, an einem sonnigen Tag -- v…

Gottesdienste und Anlässe

  • 04.03.2021 · 10:00 Uhr · Augustenhilfe
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Kommt mit mir, ins alte Israel. Kommt mit mir auf den Markt, an einem sonnigen Tag -- viel wärmer als heute --, ganz weit weg von Corona. Kommt mit und taucht mit ein in fröhliches Gewimmel, in Lachen und Begegnungen. Kommt mit und setzt euch mit mir auf eine Bank mitten auf dem Marktplatz, von wo aus wir das Gedränge überblicken können, während ein warmer Wind alle unsere Sorgen wegbläst.

Wir sehen die Menschen, junge und alte, wie sie ihren täglichen Geschäften nachgehen. Wir hören sie schwatzen und handeln und sehen wie Geld und Waren den Besitzer wechseln. Wir holen uns bei einem der Händler einen kleinen Krug mit Wein und setzen uns zwischen die anderen, die dort fröhlich beisammen sind. Und da hören wir die ersten Saitenklänge. Musik! Das hat noch gefehlt für dieses fröhliche kleine Fest. Er ist wohl das, was wir heute einen Bänkelsänger nennen würden, der, der da in die Saiten greift. Und was er singt, das hebt die Stimmung. Er singt von Freundschaft und von Liebe und von gutem Wein. Und wir fangen an, mit vielen anderen, den Worten seiner Lieder zu lauschen...

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben.

Schön ist es, was er da singt. Beschwingt und hell, ein Meisterwerk der Poesie und wunderbar anzuhören. Mit dem Fuß wippen wir den Takt mit. Die Sonne scheint. Es geht uns gut. "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder."

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben.

Und: Wein! Wein ist Kulturgut. Wein ist Genuß! Wein ist schon damals der Inbegriff all dessen, was das Leben schön und lebenswert macht, was Genuss bringt und Freude. Mit Wein feiert man Feste. Wein ist das Gegenstück zum gewöhnlichen Alltagsbrot. Das, was über bloßen Nährwert hinausgeht. Man braucht ihn streng genommen nicht zum überleben. Aber wie viel leichter ist das Leben, wenn die Seele etwas hat, an dem sie sich freuen kann.

Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe.

Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben.

Das sind gute Voraussetzungen für ein Fest. Fetter Boden. Sorgfältige Vorbereitung. Viel Schweiß und Mühe ist in diesen Weinberg investiert worden.

Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte.

Mauern und graben und schwitzen und schaffen... und dann hört man schon fast den Feierabend. Man hört schon den Moment des Ausruhens im Schatten heraus und den kühlen Krug Wein in der Abendsonne. Zufrieden zurücklehnen und den Erfolg, die Früchte der harten Arbeit genießen. Gute Trauben. Die müssen in Wirklichkeit natürlich noch reifen in der Sonne der kommenden Monate -- aber das ist in dieser guten Lage ja ein Selbstläufer und der Herbst mit der Weinlese kommt bald...

Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte... aber er brachte schlechte.

Hat der Saitenspieler da gerade daneben gegriffen? Jäh unterbricht ein furchtbar disharmonischer Akkord das bisher so schöne Spiel. Eine zweite Stimme mischt sich ein in den Gesangt. Von hinten kommt ein anderer, der singt ganz neue Töne dazwischen.

Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg!

Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

Aus Dur wird Moll, die hellen, fröhlichen Vokale, weichen schweren, dunklen. Es ist, als zögen Gewitterwolken über dem Marktplatz auf. Mich fröstelt unwillkürlich und der Wein in meinem Krug schmeckt plötzlich sauer.

Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde.

Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Die fröhliche Stimmung ist dahin. Dunkle Wolken haben sich auch auf die Gesichter der Menschen gelegt. Die meisten haben ihren Weinkrug längst zur Seite gestellt.

Trotzdem nicken viele zustimmend. Den Missmut des Sängers können sie verstehen. Wer hätte auch damit rechnen können, dass die Geschichte so ausgeht? Dass der Weinberg so schlechte Frucht bringt, nach so harter Arbeit? Nach so sorgfältiger Pflege? Nach den allerbesten Voraussetzungen in allerbester Sonnenlage?

Ungerecht ist das. Enttäuschend. Da kann man geradezu wütend werden -- oder zumindest die schlechte Laune des Winzers verstehen.

Der schlägt in seinem Lied nun alles kurz und klein. Was vorher mühsam aufgebaut wurde, wird jetzt in wenigen Zeilen wieder abgerissen.

Die Rage hat ihn gepackt. Aber wer kann es ihm verübeln?

Nach so einer herben Enttäuschung?

Nur der letzte Halbsatz lässt uns alle wieder aufhorchen.

Ich will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen.

Huch? Das klingt jetzt nicht mehr nach einem normalen Winzer.

Wir ahnen schon fast, was jetzt passiert, als der erste Sänger das Wort ergreift. Die Menschen beginnen zu murmeln, als er aufsteht und sie ihn erkennen. Jesaja, der Prophet, ist es.

Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

Schweigen. Wortlos steht einer nach dem anderen auf und geht. Halbvolle Weinkrüge bleiben zurück auf den Tischen.

Wir sitzen plötzlich allein auf dem vorher so fröhlichen Marktplatz, den alle jetzt schweigend und schuldbewusst verlassen haben.

Ein kalter Wind pfeift um die Ecke, seit sich eine dunkle Wolke vor die Sonne geschoben hat.

Auch wir sind nachdenklich geworden.

Unrecht statt Recht. Schlechtigkeit statt Gerechtigkeit.

Wir haben gar keine Zeit, über die Schuld der Menschen hier in Israel nachzudenken.

Wenn es darum geht, konsequent nach Gottes Standards zu leben, haben wir uns alle selbst genügen zuschulden kommen lassen.

Gottes Weinberg, das sind wir.

Und jetzt? Was jetzt?

Gerade haben wir zustimmend genickt, als der wütende Winzer seinen Weinberg kurz und klein hackte.

Verstehen konnten wir seine Wut und seine Enttäuschung.

Und jetzt?

Gottes Weinberg, das sind wir.

Ist jetzt alles aus? Ist Gott (sicher berechtigt) jetzt wütend auf uns wie der Winzer auf seinen Weinberg?

Macht er jetzt auch kurzen Prozess? Haut er jetzt alles kurz und klein?

Ist, fragen sich manche in diesen Tagen, gar Corona Teil seines Gerichts über eine böse Welt?

Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte,

die von Ewigkeit her gewesen sind.

Der Psalm, nach dem der Sonntag dieser Woche benannt ist, verschafft sich in mir Gehör: Reminiszere!

Gedenke nicht der Sünden meiner Jugend

und meiner Übertretungen,

gedenke aber meiner nach deiner Barmherzigkeit,

HERR, um deiner Güte willen!

Und plötzlich kann ich aufatmen. Aus der großen Geschichte der Bibel -- nein, aus der großen Geschichte Gottes mit den Menschen, höre ich leise ganz neue Töne heraus.

Gottes Weinberg, das sind wir.

Aber sein Weinberglied mit uns ist nicht zu Ende.

Es endet nicht im Missklang von Schuld und Ungerechtigkeit, von Enttäuschung und Gericht.

Gottes Lied geht weiter.

Es singt von Barmherzigkeit und Gnade, von Geduld und Vergebung.

Die schönsten und hellsten Töne singt es von Jesus Christus, in dem uns Gott seine ganze Liebe zeigt.

Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. (Röm 5, 8)

Er kommt um auszureißen und zu zerstören, aber nicht uns, die Pflanzen in Gottes Weinberg, sondern die Werke des Bösen.

In ihm gewährt Gott uns, seinem untreuen Weinberg Gnade.

Die dunkle Wolke zieht weiter. Der saure Geschmack des Weins vergeht.

Stattdessen leuchtet das Licht der Hoffnung, das Licht von Ostern her, auf mich

und wir werden ganz neu gewärmt in der Gewissheit,

dass Gott noch viele Takte mit uns zu singen hat,

Takte, in denen seine Barmherzigkeit und Liebe den Ton angibt.

Amen.

Nutzungsbedingungen

Dieser Inhalt wird unter folgender Lizenz veröffentlicht: CC BY-SA 4.0. Was das bedeutet, steht hier.

Verwandte Predigten