Predigt

Einladung

Mit einem Lobgesang ins Ungewisse

An der Schwelle zu einer ungewissen Zukunft ist für Jesus das Wichtigste, seine Jünger:innen einzuladen: Stärkung, Vergewisserung, Zuspruch, Hoffnung. Ein altes, ein neues und ein zukünftiges Fest öffnen Perspektiven, die wir brauchen, um mit einem Lobgesang ins Ungewisse zu ziehen.

Gottesdienste und Anlässe

  • 01.04.2021 · 19:00 Uhr · Pauluskirche
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, seinem Sohn!

Aus dem 26. Kapitel des Matthäusevangeliums:

Aber am ersten Tag der Ungesäuerten Brote traten die Jünger zu Jesus und sprachen: Wo willst du, dass wir dir das Passalamm zum Essen bereiten? Er sprach: Geht hin in die Stadt zu einem und sprecht zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist nahe; ich will bei dir das Passamahl halten mit meinen Jüngern. Und die Jünger taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte, und bereiteten das Passalamm.

Und am Abend setzte er sich zu Tisch mit den Zwölfen. Und als sie aßen, sprach er: Wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Und sie wurden sehr betrübt und fingen an, jeder einzeln zu ihm zu sagen: Herr, bin ich's? Er antwortete und sprach: Der die Hand mit mir in die Schüssel taucht, der wird mich verraten. Der Menschensohn geht zwar dahin, wie von ihm geschrieben steht; doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn verraten wird! Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre. Da antwortete Judas, der ihn verriet, und sprach: Bin ich's, Rabbi? Er sprach zu ihm: Du sagst es.

Als sie aber aßen, nahm Jesus das Brot, dankte und brach's und gab's den Jüngern und sprach: Nehmet, esset; das ist mein Leib. Und er nahm den Kelch und dankte, gab ihnen den und sprach: Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden. Ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich aufs Neue davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich. Und als sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus an den Ölberg.

Liebe Schwester, lieber Bruder in Jesus Christus,

Was würdest du tun, wenn du sicher wüßtest, dass du nur noch ganz kurze Zeit zu leben hast? Dass dir vielleicht gar nur noch wenige Tage, wenige Stunden bleiben?

Wir denken ja im Allgemeinen nicht so gerne über die Begrenztheit des Lebens nach. Wir tun oft so, als würde das alles noch ewig so weitergehen. Aber hin und wieder werden wir dann doch ganz unvermittelt mit der Begrenztheit des Lebens konfrontiert. Dann leben wir, zumindest für kurze Zeit, bewusster. Wir versuchen, das beste aus unserer Zeit zu machen. Dinge, die sich lohnen. Qualität, statt Quantität. Was, wenn wir plötzlich wüssten, dass das Ende nun wirklich akut näher rückt?

Sicher würden viele von uns die verbleibende Zeit mit ihren Liebsten verbringen. Wahrscheinlich würden wir versuchen, unsere Geschäfte zu ordnen und uns Gedanken darüber machen, was wir wem wie hinterlassen. Vielleicht wäre es auch eine Zeit, in der wir die Gedanken zurückschweifen lassen -- im Geist einen Film ansehen von unserem Lebene, von all den Jahren, all den Augenblicken. Höhepunkte, Herausforderungen. Chancen, auch manche davon vertan. Glück. Lerid. Lachen. Tränen. Vieles davon unendlich wertvoll. Vieles davon, im Licht des Moments betrachtet, entsetzlich banal. Zeit, sich die Frage zu stellen: Was bleibt? Was hatte Wert? Woran wird man sich erinnern?

Manchem wäre das alles aber auch vielleicht viel zu Grüblerisch. Genau jetzt wäre doch endlich der lang erwartete, immer aufgeschobene Moment gekommen, endlich einmal einfach im Augenblick zu leben. Das Wenige Verbleibende zu genießen. Ein Apfelbäumchen pflanzen, wie es Luther angedichtet wird.

Was würdest du tun?

Das Evangelium vom Abendmahl Jesu mit seinen Jüngern nimmt uns genau dahin mit -- in einen Augenblick voll solcher Fragen: "Meine Zeit ist nahe", weiß Jesus. Während andere sich noch im rasch verblassenden Ruhm des königlichen Einzugs nach Jerusalem sonnen, weiß Jesus schon um das beklemmende Leid der nächsten Tage. "Meine Zeit ist nahe." Das Ende ist gekommen. Das Ziel seiner Reise hier auf der Erde rückt immer näher. Nur wenig verbleibt noch für alles, was er seinen Jünger:innen noch sagen möchte. So viel wäre noch zu tun, zu sagen. So viel bleibt noch offen.

Was wird Jesus tun?

Meine Zeit ist gekommen, weiß er.

Jetzt gilt es, sich auf das Wesentliche zu konzertrieren. Für Jesus ist ganz klar, was zu tun ist: "Ich will das Passamahl halten mit meinen Jüngern."

Und dann sitzt er dort zu Tisch mit seinen engsten Vertrauten. Alles, was er ihnen in drei ereignisreichen Jahren vermitteln wollen hat, spitzt sich zu auf diesen Abend. Die letzte Chance, die Lücken zu füllen. Das Ungesagte noch zu sagen. Das Unverstandene begreiflich zu machen.

Für Jesus beginnt das mit einer Einladung: Ich will das Passamahl mit euch feiern.

Ich finde das spannend. Kein theologischer Vortrag. Keine volle Tagesordnung mit lauter wichtigen Punkten, die dringend abgearbeitet werden müssen.

Eine Tischgemeinschaft.

Nehmt. Esst.

Trinket alle davon.

Er nimmt sich Zeit für die um ihn her. Ganz persönlich wird dieser Abend. Und ganz existentiell: Essen. Trinken. Grundbedürfnisse der menschlichen Existenz.

Jesus lädt ein. An seinen Tisch. Das ist es, was ihm wichtig ist.

Nehmt. Esst.

Ein altes Fest

Natürlich ist es nicht einfach irgendein Abendessen, das hier aufgetischt wird. Das Passamahl ist jedem der Anwesenden seit seiner Kindheit vertraut. Ein Ritual, ein Stück Heimat, Identität. Psalmen werden gesungen. Die alten Texte werden gelesen -- Texte von der Erwählung, der Errettung, der Bundestreue Gottes.

Das Passalamm als Zeichen seiner Gnade, die die Seinen vor dem Gericht verschont.

Brot als Proviant auf den Weg, damals auf den Weg des erwählten Volkes, unterwegs in das von Gott versprochene Land. Vor ihnen die Wüste, das Unbekannte. Ort der Prüfung. Sie wissen noch nicht, was vor ihnen liegt. Werden sie bestehen? Brot, Proviant, Stärkung braucht es da.

Wein als Zeichen des Feierns, der Freude. Gottes Volk zu sein, zu ihm zu gehören, das ist ein Grund für ein Fest. Damals lag die Zeit in Ägypten hinter ihnen. Unterdrückung, Entbehrung, Hoffnungslosigkeit. Die Konfrontation mit dem Pharao, immer wieder dasselbe Muster, das sich wiederholt. Mancher hat schon aufgehört, an den Sinn des Ganzen zu glauben. Und dann: Der Durchbruch. Welch eine Erlösung! Da muss man sich doch freuen.

Viele Jahrhunderte später sind Passalamm und Brot und Wein Zeichen der Vergewisserung: Der Gott, der sein Volk aus Ägypten geholt hat, ist immer noch an unserer Seite. Wir gehören zu ihm, wie unsere Väter und Mütter damals. Gnade, Stärkung, Lobgesang -- auch bei uns heute.

Auch die, die mit Jesus am Tisch sitzen, wissen wenig von dem, was vor ihnen liegt. Vor ein paar Tagen waren sie noch ganz euphorisch, als er unter dem Jubel der Menge in die Stadt einzog. Inzwischen sind manche von ihnen stiller geworden. Nachdenklicher vielleicht.

"Meine Zeit ist gekommen", sagt Jesus. Auch zu ihnen. Er hält damit nicht hinter dem Berg.

Vor ihnen liegt nicht die Wüste. Damit hätten sie vielleicht umgehen können. Vor ihnen liegt eine ganz andere Reise. Ganz andere Prüfungen. Werden sie bestehen? Werden sie durchhalten?

Nur Stunden bevor es hinausgeht nach Getsemane, wo die Soldaten ihn verhaften werden, ist es für Jesus das wichtigste, seine geliebten Jünger einzuladen.

Kommt. Nehmt. Esst. Trinkt.

Das ist für euch.

Stärkung. Vergewisserung. Zuspruch.

Ihr werdet es brauchen.

Am Ende des Abends können sie mit einem Lobgesang auf den Lippen ins Ungewisse ziehen.

Ein neues Fest

Ganz bewusst knüpft Jesus an das alte Passafest an und macht ein neues, aktuelles Fest daraus: Mein Leib. Das Blut meines Bundes.

Was er sagt -- und was sie vermutlich alle noch nicht voll verstehen -- nimmt vorweg, was am nächsten Tag am Kreuz geschehen wird.

Aber seine Worte sind noch viel größer, viel tiefer. Das wenige, was Jesus hier im Bericht des Matthäusevangeliums sagt, nimmt Bezug auf eine Reise die weiter geht als nach Getsemane, nach Golgata und zu einer Grabhöhle in der Nähe von Jerusalem. Jesus schaut nicht mit den alten Texten zurück nach Ägypten, sondern mit Hoffnung und Gewissheit nach vorne zu noch einem weiteren Passamahl -- im Reich seines Vaters. Er greift die Einladung auf, die nicht nur seinen Jüngern damals galt, sondern auch allen Jünger:innen Jesu nach Ihnen, durch die Zeit, bis hierher nach heute in Tailfingen. Die Einladung, um mit der er drei Jahre durch das Land gezogen war und jedem, der es hören wollte, gesagt hatte: "Das Reich Gotttes ist nahe herbeigekommen."

In Brot und Wein an diesem Abend wird diese Einladung noch einmal ganz konkret. Gottes Gnade gilt nicht nur Sklaven, die in Ägypten unterdrückt werden. Sie gilt allen, die sie hören wollen, zu jeder Zeit. Selbst denen, die es mit keinem Recht der Welt erwarten können:

Nehmt, esst. Das ist mein Leib.

Trinket alle daraus; das ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele zur Vergebung der Sünden.

Noch ein Fest und wir auf dem Weg dorthin

Da sitzen jetzt wieder welche, deren Zukunft unbekannt ist. Heute sitzen sie in der Pauluskirche in Tailfingen. Weit auseinander. Mit Masken im Gesicht und desinfizierten Händen, voller Ungewissheit, ob nicht doch irgendwo ein tödliches Virus auf sie lauert. Sie sitzen da -- wir sitzen da haben keine leichte Reise hinter uns. Viele Sicherheiten, die uns immer gehalten hatten, existieren nicht mehr. Was kommt, ist ungewiss und keiner von uns kennt den Weg. Welche Prüfungen wir wohl noch zu bestehen haben werden? Was wohl auf uns noch wartet.

Das Ziel, zu dem wir unterwegs sind, liegt nicht in Kanaan. Unser gelobtes Land liegt genau da, wo Jesus im Reich seines Vaters mit dem Kelch auf uns wartet, zum großen Festmahl in der Ewigkeit. Und der Weg dahin ist vielleicht weiter, als wir es immer gedacht haben.

Was machen wir jetzt hier, an dieser Stelle, mitten auf diesen von Fragen gesäumten Weg?

Die Antwort kommt von Jesus und sie ist dieselbe, die sie immer war. Bei ihm gibt es keinen Zweifel daran, was jetzt das Wichtigste ist:

Ich will das Mahl mit euch halten.

Kommt. Nehmt. Esst. Trinkt.

Das ist für euch.

Stärkung. Vergewisserung. Zuspruch. Hoffnung.

Weil ihr es braucht.

Weil er uns einlädt, könnten auch wir am Ende des Abends mit einem Lobgesang auf den Lippen ins Ungewisse ziehen.

Amen.

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