Predigt
Atem Gottes
Neues von Gott in der Welt
Pfingsten klingt nach Sturm und Feuer. Doch das eigentliche Wunder geschieht anders: Menschen verstehen einander. Trotz aller Unterschiede. Trotz Angst und Sprachlosigkeit. Was geschieht, wenn Gottes Geist neue Worte, neuen Mut und neues Leben in diese Welt atmet?

Gottesdienste und Anlässe
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24.05.2026
· 10:30 Uhr
· Kirche Tailfingen
Gottesdienst
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Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus, dem Messias, unserem Herrn.
Geliebte Gottes, hört den Predigttext für den Pfingstsonntag. Wir hören ihn aus der Apostelgeschichte, aus dem 2. Kapitel:
Das Pfingstfest kam. Alle Jünger:innen waren zusammen. An einem Ort.
Plötzlich kam vom Himmel ein starkes Geräusch. Wie ein heftiger Sturm. Das Geräusch erfüllte das ganze Haus. Dort saßen die Jünger:innen.
Sie sahen etwas wie Feuerflammen. Die Flammen verteilten sich. Auf jede Person setzte sich eine Flamme.
Gottes heilige Geistkraft erfüllte alle. Sie fingen an, in anderen Sprachen zu reden. Gottes Geistkraft gab ihnen die Worte.
In Jerusalem lebten jüdische Menschen. Sie kamen aus der ganzen Welt. Sie glaubten an Gott.
Viele Menschen hörten das Sturmgeräusch. Sie kamen zusammen. Sie wussten nicht, was sie denken sollten. Jede Person hörte die Jünger:innen in der eigenen Sprache reden.
Die Menschen staunten. Sie sagten: „Alle diese Menschen kommen doch aus Galiläa?
Wir hören sie in unseren eigenen Sprachen reden.
Wir kommen aus vielen Ländern. Manche kommen aus Mesopotamien. Andere kommen aus Judäa. Andere aus Kappadozien. Aus Pontus. Aus der Provinz Asien.
Andere kommen aus Phrygien und Pamphylien. Andere aus Ägypten und Libyen bei Kyrene. Auch Menschen aus Rom sind hier.
Hier sind jüdische Menschen. Hier sind Menschen, die zum jüdischen Glauben gekommen sind. Leute aus Kreta. Und Araber. Wir hören die Jünger:innen in unseren eigenen Sprachen reden. Sie erzählen von den großen Taten Gottes.“
Alle staunten. Und sie wussten nicht weiter. Sie fragten sich: „Was soll das werden?“
Andere Menschen machten sich lustig. Sie sagten: „Die sind betrunken.“
Petrus trat vor die Menschen. Die elf anderen Apostel standen bei ihm. Petrus rief laut: „Jüdische Menschen! Menschen in Jerusalem! Hört mir zu. Ich erkläre euch jetzt, was hier geschieht.“
Petrus sagte: Ihr denkt: Diese Menschen hier sind betrunken. Das sind sie nicht. Es ist doch erst früh am Morgen.
Nein! Jetzt geschieht das, was der Prophet Joel gesagt hat.
Gott sagt: „Die letzten Tage kommen. Ich gieße meine Geistkraft über alle Menschen aus. Eure Kinder werden Propheten sein. Junge Menschen werden Visionen haben. Alte Menschen werden träumen.“
Gott sagt: „Sogar über Sklav:innen gieße ich meine Geistkraft aus. Auch sie reden prophetisch.“
Gott sagt: „Ich zeige Wunder am Himmel. Ich zeige Zeichen auf der Erde. Man wird Blut sehen. Feuer und Rauchwolken.“
Gott sagt: „Die Sonne wird dunkel. Der Mond wird rot wie Blut. Dann kommt der Tag Gottes. Ein großer Tag! Ein herrlicher Tag!“
Gott sagt: „Alle Menschen können meinen Namen anrufen. Sie werden gerettet.“
"Was ist denn hier los?"
"Was soll das werden?"
Der Sturm hat sie zusammengebracht. Der Sturm, der keiner war. Und doch war er überall zu hören. Er hat sie aus den Häusern gelockt. Auf die Straßen getrieben. Neugierige. Schaulustige.
Was ist da los?
Sie haben keinen Sturm gefunden. Doch das ist nicht das, worüber sie sich wundern.
Sie recken die Hälse. Sie drängen sich durch die Menge nach vorne.
"Sei doch mal leise!"
Da vorne reden welche. Es wird laut. Durcheinander. Ganz viele auf einmal. Wer soll denn da etwas verstehen?
Doch plötzlich... -- alles an Pfingsten ist plötzlich!
Plötzlich hörst du es: Einer spricht deine Sprache.
Da spricht einer deinen Dialekt. Gäu-Schwäbisch. Oder aus dem Schwarzwald. Von der Alb. Plattdeutsch vielleicht. Oder Sächsisch. Ostpreußisch, wie es manche von den Großeltern noch kennen. Die Sprache deiner Eltern. Deiner Mutter. Die vertrauten Klänge, die dir direkt ins Herz reden. Französisch. Wallon. Litauisch. Persisch. Ukrainisch.
Wie kann das sein?
„Wir hören sie in unseren eigenen Sprachen reden.“
Das ist vielleicht der wichtigste Satz an Pfingsten.
Nicht das Sturmgeräusch. Nicht die Feuerflammen. Nicht das Spektakel.
Sondern das hier:
„Wir verstehen sie.“
Pfingsten beginnt mit einem Wunder des Verstehens.
Das ist gar nicht selbstverständlich.
Menschen reden ständig. Aber Verstehen ist selten geworden.
Überall.
Das kann man zu Hause am Küchentisch erleben. Auf der Arbeit, in der Pause, im Gespräch mit Menschen, die man eigentlich mag. Der Nachbar vertritt plötzlich seltsame Ansichten. Die Kollegin hat Fragliches im Internet gelesen. Der Onkel meint immer, er weiß, wie sich die Welt verändern muss.
In den politischen Debatten hat jede Seite ihre ganz eigene Sprache. Eigene Begriffe. Eigene Wahrheiten. Wir verstehen uns nicht mehr. Nicht einmal mehr die Angst des anderen.
Auch die Kirche kennt das. Manche reden sehr fromm. Andere können mit dieser Sprache gar nichts anfangen. Worte prallen ab. Oder bleiben leer.
Und manchmal merken wir es sogar im eigenen Leben: Es gibt Dinge, für die uns selbst die Sprache fehlt. Trauer. Angst. Einsamkeit.
Plötzlich...
Bei uns braust nichts. Kein Windrauschen. Keine Feuerflammen. Kein Sprachenwunder.
"O, heil'ger Geist, bereite ein Pfingstfest nah und fern..."
Wenn es doch auch bei uns plötzlich brausen würde.
Wenn wir einander verstehen könnten!
„Wir hören sie in unseren eigenen Sprachen reden.“
Pfingsten.
Genau da beginnt es.
Mit ganz unterschiedlichen Menschen. Herkunft. Prägung. Positionen.
Verschiedene Geschichten. Verschiedene Sprachen. Verschiedene Erfahrungen.
Und plötzlich geschieht etwas.
Es braust. Es weht.
Was weht da denn?
Gottes Geistkraft ist am Wirken.
Gottes neue Schöpfung beginnt.
So kennen wir das schon vom Anfang der Bibel: Gott schafft den Menschen, heißt es dort. Und dann bläst er ihm seinen Atem ein.
Lebensatem.
Wind des Lebens.
Geistkraft. Das ist ganz wörtlich, was "Geist" in den alten Sprachen bedeutet.
Gottes Leben, in uns hineingeatmet.
Ein tiefer Luftzug.
Und da - plötzlich! - da ist es:
Unverfügbar, weil Gott selbst das tut.
Unkalkulierbar, weil nur Gott das kann.
Atem Gottes - in uns.
"Was soll das werden?"
"Menschen in Jerusalem! Hört mir zu. Ich erkläre euch jetzt, was hier geschieht."
Petrus tritt vor die Menge. Schon hier geschieht etwas Neues, Unglaubliches. Hatten die Jünger:innen sich nicht eben noch versteckt? Mutlos. Verängstigt. Zurückgezogen. So kurz nach der Kreuzigung Jesu.
Plötzlich hat Gott geatmet.
Geisteskraft.
Auch Petrus atmet freier. Und die um ihn herum.
Geisteskraft. Geistesmut. Geistesfreiheit.
"Menschen in Jerusalem! Hört mir zu. Ich erkläre euch jetzt, was hier geschieht."
"Jetzt geschieht das, was der Prophet Joel gesagt hat. [...] Gott sagt: „Die letzten Tage kommen. Ich gieße meine Geistkraft über alle Menschen aus."
"Die letzten Tage...", das klingt fast bedrohlich. Apokalyptisch. "Das Ende der Welt ist nahe ..."
Im Horizont von Gottes Verheißungen verändert sich der Klang. Die "letzten Tage" sind die, auf die alles hinausläuft. Das Ziel. Die Verwandlung. Die Herrlichkeit. "Am Ende ist Gott alles in allem."
"Jetzt... die letzten Tage..." -- das heißt: Gottes neue Zeit beginnt. Gottes neues Reich ist angebrochen. Gottes neue Welt kommt ans Licht. Nicht ohne Schmerzen. Nicht ohne Widerstand der alten Welt. Auch hier nicht ohne Rauch, Blut und Feuer. Aber das alles überstrahlt der Anbruch des Neuen, das Gott schafft. "Siehe, ich mache alles neu!" "Die letzten Tage", das ist das neue Leben, im Licht des Ostermorgens.
Jetzt. Jetzt fängt es an.
Gott atmet seinen Schöpfungsatem neu.
Und er schafft: Neue Menschen.
Wir sagen oft: "Pfingsten ist der Geburtstag der Kirche."
Gott gründet keinen Oberkirchenrat. Gott beruft keine Synode ein. Gott startet keine Verwaltungsreform.
Neue Menschen entstehen. Erfüllt von seinem Lebensatem.
Geisteskraft. Geistesmut. Geistesfreiheit.
Das ist die Gemeinschaft, die wir "Kirche" nennen.
Gott startet keine Institution. Gott atmet neues Leben.
Sein Leben. Jesus, der Messias, der Auferstandene selbst ist es. In uns gegenwärtig.
Gottes Hoffnung gewinnt Gestalt.
Plötzlich... beginnen wir zu verstehen.
Nicht: Alle sprechen dieselbe Sprache. Das wäre einfach.
Nein: Jede Person hört in der eigenen Sprache. Das ist das Wunder.
Die Unterschiede verschwinden nicht. Der Geist Gottes macht nicht alle gleich.
Pfingsten ist keine Gleichmacherei.
Die Menschen bleiben verschieden. Manche hören Metal. Andere die Fugen von Bach. Und sie verstehen sich trotzdem.
Vielleicht ist genau das Gottes Zukunft für diese Welt.
Nicht Uniformität. Nicht Gleichklang. Nicht: Alle müssen denken wie ich.
Sondern: Der andere bleibt anders. Und wird trotzdem verstehbar.
Das wäre schon ein Wunder.
Der Geist Gottes übersetzt.
Nicht nur Worte. Menschen.
Das machen wir nicht selbst. Es geschieht uns. Gott selbst eröffnet diese neue Wirklichkeit.
Wo Menschen einander wieder verstehen können, beginnt bereits die neue Schöpfung.
Der Geist öffnet Räume, die längst verschlossen waren.
Da hört plötzlich jemand wirklich zu. Da wird eine fremde Stimme nicht sofort zur Bedrohung. Da muss ich nicht zuerst gewinnen. Da wird Verständigung wichtiger als Rechthaben.
Da entsteht Gemeinschaft.
Nicht perfekte Harmonie. Aber Verbindung.
Denn wirkliche Gemeinschaft entsteht nicht durch Organisation. Nicht durch Plan und nicht durch Fusion. Übrigens auch in Gäufelden nicht.
Wirkliche Gemeinschaft entsteht durch Gottes Geistkraft.
Dieser Geist kommt nicht nur zu den Starken.
Das ist Joel wichtig.
Kinder reden prophetisch. Junge Menschen sehen Visionen. Alte Menschen träumen.
Sogar Sklav:innen bekommen eine Stimme.
Was könnte noch geschehen in dieser Welt, wenn die gehört werden, die keine Stimme haben? In der Kirche? In der Gesellschaft? In der Politik? Vielleicht ist genau das der Ort, wo es auch heute noch einmal Pfingsten werden kann. Vielleicht beginnt genau dort Gottes neue Welt: Wo Menschen nicht länger klein gehalten werden.
Der Geist Gottes ist demokratisch.
Er gehört nicht religiösen Spezialist:innen.
Nicht nur denen mit Macht. Nicht nur denen, die gelernt haben, wie man über Gott spricht--und, ja, das sage ich auch als Pfarrer.
Pfingsten heißt: Gott spricht alle Sprachen.
Auch deine.
Die Sprache deiner Hoffnung. Die Sprache deiner Müdigkeit. Die Sprache deiner Zweifel.
Vielleicht ist das die tröstlichste Seite dieses Textes: Du musst nicht erst lernen, religiös zu sprechen, damit Gott dich versteht.
Gott spricht deine Sprache längst.
Und vielleicht beginnt Glaube genau dort: Wo Menschen erfahren: Ich werde verstanden.
Wirklich verstanden.
Nicht bewertet. Nicht vorsortiert. Nicht aussortiert.
Nicht erst richtig. Nicht erst würdig. Angenommen.
Verstanden.
Jesus selbst war so ein Mensch.
Menschen, die sonst niemand verstand, saßen mit ihm am Tisch.
Kranke. Einsame. Schuldige. Verzweifelte.
Jesus hörte zu.
Er sprach so, dass Menschen aufatmen konnten.
Er sprach Menschen nicht auf ihre Schuld fest. Nicht auf ihre Herkunft. Nicht auf ihr Scheitern. Weil Gott selbst dem Verlorenen nicht fern bleibt.
So war Jesus. Ihm waren sie gefolgt.
Und nach Ostern bleibt genau das nicht Vergangenheit.
Der auferstandene Jesus, der Messias, schenkt seinen Geist.
Seinen Atem.
Seine Art zu hören. Seine Art zu reden. Seine Art, Menschen zusammenzubringen.
Der Gekreuzigte lebt. Und sein Leben atmet weiter in diese Welt hinein. Der Geist ist die Gegenwart der Zukunft des Messias.
Darum beginnt mit Pfingsten etwas Neues.
Nicht einfach die Kirche.
Sondern Gottes neue Welt mitten in dieser Welt.
Gottes Atem geht durch seine ganze Schöpfung. Durch Menschen. Durch alles, was lebt. Durch alles, was nach Leben schreit.
Eine Welt, in der Verständigung stärker wird als Angst. Eine Welt, in der Menschen nicht auf ihre Herkunft reduziert werden. Eine Welt, in der Unterschiede nicht verschwinden müssen. Eine Welt, in der Gottes Geist Verbindung schafft.
Vielleicht spüren wir manchmal etwas davon.
In einem Gespräch, das plötzlich ehrlich wird. In einem Streit, der nicht eskaliert. In einem Satz, der genau im richtigen Moment ankommt. In einem Menschen, der sagt: „Ich verstehe dich.“
Denn das ist Pfingsten: Pfingsten ist Gottes Protest gegen eine Welt, in der Menschen einander nicht mehr verstehen, nicht mehr zuhören, nicht mehr hoffen.
Und deshalb ist Pfingsten immer Hoffnung gegen die Angst.
Dann ist das mehr als nur ein schöner Moment.
Dann weht dort Gottes Geist.
Leise.
Aber wirklich.
Und wir atmen. Er. In uns.
Hoffnung. Geistkraft. Geistesmut. Geistesfreiheit.
Amen.
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