Predigt
Sag auch Danke
Wenn Gott so viel Gutes tut, kann man das Danken doch gar nicht vergessen! Oder doch?

Gottesdienste und Anlässe
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14.09.2023
· 10:00 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Der Text dieser Predigt folgt im Wesentlichen der Vorlage von Thomas Borchers (2023) aus Gottesdienstpraxis Serie A, V. Perikopenreihe, Band 4. Gütersloh: GVH. S.10-14.
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Geliebte Gottes in der Augustenhilfe,
"Sag auch Danke" haben wir unsere Kinder immer wieder ermahnt, wenn Sie von irgendjemand etwas Nettes bekommen hatten: Ein Bonbon vielleicht, ein Stück Schokolade, eine Scheibe Wurst beim Metzger. Da leuchteten die Kinderaugen und schnell wurde freudig zugegriffen. "Sag auch Danke". Das haben wir schon von unseren Eltern gelernt. "Danke" sagen gehört dazu. So viel Zeit muss sein. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass mir jemand anderes unaufgefordert Gutes tut. Seine Motivation, seine Zuwendung zu mir, die Zeit, die jemand sich nimmt, die Energie, die jemand investiert -- das will ich würdigen.
"Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat." Als ob man das vergessen könnte! Hat mir doch Gott so viel mehr geschenkt als ein Bonbon, eine Scheibe Wurst oder ein Stück Schokolade! Er ist doch immer bei mir. Er begleitet mich. Er segnet und beschenkt mich. Er trägt und hält mich in schweren Zeiten. Wie gut, dass ich ihn habe, was wäre ich ohne ihn!
Als ob man das vergessen könnte!
Zehn Menschen begegnen Jesus in unserer heutigen Erzählung aus dem Lukasevangelium. Zehn, die ihm unendlich viel zu verdanken haben. Als Aussätzige waren sie aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Zu schlimm war die Krankheit, mit der sie andere hätten anstecken könnten. Wer sie hatte, der war unweigerlich dem Tode geweiht. Er zerfiel förmlich bei lebendigem Leib. Dazu war er allein in seinem Leiden. Selbst die engste Familie, selbst die Allerliebsten, durften nicht an seiner Seite sein. Zu groß war das Risiko, dass sie mit in den Untergang gerissen würden. Wer Aussatz hatte, dessen Leben war eigentlich schon zu Ende. Nichts von dem, was früher lieb und wert und schön war, blieb noch. Nur Not und Elend. Und vielleicht, wie hier, die Gesellschaft anderer Todgeweihter.
Zehn solchen Menschen begegnet Jesus -- und dass er ihnen begegnet, ist an sich schon ein Wunder. Er macht keinen großen Bogen um sie, wie es andere getan hätten. Er sucht nicht das Weite, wenn er sie entdeckt. Wer Aussatz hatte, war verpflichtet, andere zu warnen. "Unrein, unrein", musste man rufen, um andere vom Näherkommen abzuhalten. Jesus hält das nicht ab. Er ist in Galiläa unterwegs, um vom kommenden Reich Gottes zu Reden -- in Wort und Tat und Zeichen. So viele haben bei ihm schon Heilun gefunden. Das gibt auch diesen Zehn ein kleines Fünkchen Hoffnung. "Jesus, lieber Meister, erbarme dich unser!" Und dieses kleine Körnchen Glaube, dieser winzige Rest Vertrauen auf das, was Gott tun kann, wird belohnt: Alle Zehn werden gesund.
Am Ende der Geschichte kniet einer der Zehn vor Jesus. Er ist zurückgekommen, um sich zu bedanken. Ihm wurde gerade ganz neu das Leben geschenkt. Nie wird er Jesus genug danken können für das, was da geschehen ist. Nur: Wo sind die anderen Neun?
"Nun sag, wie hast du's mit der Dankbarkeit?", heißt es schon bei Goethe und ich frage mich, wo ich wäre, als Teil der Geschichte. Man liest sich ja oft hinein in diese Jesusgeschichten, weil ich daraus so viel lernen kann für mein eigenes Leben. Die Versuchung ist groß, zu sagen, ich wäre dieser Zehnte, der Danke sagt. Aber ist das auch so? Oder wäre ich einer derer, die ganz woanders sind?
Wo denn eigentlich? Die Geschichte schweigt dazu. Aber vielleicht können wir uns ja heute Morgen in Gedanken auf den Weg machen, um nach Ihnen zu suchen. Wo könnten sie nur geblieben sein?
Einer davon ist vermutlich nach Hause geeilt. Wer kann es ihm denn auch verübeln? Völlig unerwartet wurde ihm das Leben ganz neu geschenkt. In einem Augenblick wurde alles gut. Nichts bleibt mehr von dem Fluch, der über seinem Leben lag. Nach all den Jahren! Wie lange ist es wohl her, dass er seine Familie nicht mehr gesehen hat? Die geliebte Frau. Die Kinder, die inzwischen schon groß geworden sind. Ob er sie überhaupt noch erkennen wird. Leben seine alten Eltern noch? Keine Sekunde länger will er warten. Er hat schon genug vom Leben verpasst. Es gibt so viel nachzuholen! Er wird sie gar nicht mehr loslassen wollen, wenn er sie in die Arme drückt: die Frau, die Kinder, die Eltern die Freunde. Und sie werden ihren Augen nicht trauen, wenn sie sehen, was an ihm geschehen ist. Weg ist er -- und mich hätte es vielleicht genauso weg gezogen.
Der Zweite ist vielleicht etwas nachdenklicher unterwegs. Nach all den Jahren war die Krankheit Teil seines Lebens geworden. Damals, da war er gezwungen gewesen, alles loszulassen. Er musste sich ganz neu zurechtfinden in einem Leben, in dem sich alles verändert hat. Das war ein Schock, an dem er noch lange gelitten hat. Aber die Zeit hat geholfen. Er hat sich eingerichtet in der neuen Situation. Hat neue Routinen gefunden. Neue Strategien, dem Leben, das ihm noch bleibt, zu begegnen. Er hat gelernt, das Leiden hinzunehmen. Dem näherkommenden Tod ins Auge zu sehen. Ein Stück weit ist er daran vielleicht auch gewachsen, dass er sich so bewusst damit beschäftigt hat. "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", heißt es im Psalm. Eigentlich hätte er darauf verzichten können. Jetzt ist er doch klüger geworden.
Bis Jesus wieder alles durcheinander wirbelt. Wieder ändert sich auf einen Schlag alles. Die gewohnten Gewissheiten gelten plötzlich nicht mehr. Was gilt denn jetzt? Was kommt den jetzt? Unsicher macht er sich auf den Weg. Irgendwie ziellos. Er muss das alles erst einmal einordnen...
Der Dritte hat vielleicht einfach Glück gehabt. "Hach, was für ein Tag! Gut, dass wir diesem Jesus über den Weg gelaufen sind. Eigentlich wollten wir ja heute auf der ganz anderen Seite des Dorfs sein. Aber dann waren da Leute und wir mussten weg -- wieder einmal. So kam es völlig ungeplant zu diesem Zusammentreffen. Reiner Zufall. Aber was für einer. Zack! Und wir waren gesund. Kannste dir nicht ausdenken! Wie der das wohl gemacht hat? Einer aus unserer Gruppe meinte, der käme von Gott. Weiß nicht. Ich bin mir nicht sicher, ob ich noch an einen Gott glaube. Aber ist ja letztlich auch egal. Wie auch immer es passiert ist: Ich hab Glück gehabt." Und genau so glücklich geht er dann auch auf die nächsten Zufälle im Leben zu.
Der Vierte ist vielleicht immer noch ein Opfer. Dass der Aussatz ausgerechnet auch ihn erwischt haben musste. Alles kaputt gemacht hat diese Krankheit. Seinen Körper. Sein ganzes Leben. Nur weil er einmal der falschen Person zu nahe kam. Zack! Alles aus. Und alle, von denen er dachte, sie hätten ihn lieb, waren auf einen Schlag weg. Alle! Damit ist er nie zurecht gekommen. Schlimmer als jedes Geschwür des Aussatzes hat sich die Verbitterung in ihn hineingefressen. Er kann schon lange an nichts anderes mehr denken. Auch, als er Jesus begegnet ist. Der hat den Aussatz weggenommen. Aber wer nimmt die Wunden im Herz weg? Wer nimmt die Spuren weg, die diese schrecklichen Jahre hinterlassen haben? Wer baut wieder auf, was da zerstört wurde. Klar ist es schön, dass jetzt außen nichts mehr weh tut! Aber tief drinnen, im Herzen, wird er für immer gezeichnet bleiben. Dass das keiner sieht! Bitter und düster stapft er davon.
Der Fünfte macht sich vielleicht ganz viele Gedanken -- jetzt, wo er gesund ist, hat sich ja alles verändert. Ein ganzes neues Leben. Aber... Das heißt ja... Was heißt das denn jetzt? Was mache ich denn jetzt? Kann ich in mein altes Leben zurück? Die haben doch auch weitergelebt in der Zwischenzeit? Werden sie mich wiedererkennen? Werden sie mir glauben, dass ich geheilt bin? Werden sie mich wieder aufnehmen? Hat meine Frau vielleicht einen Neuen? Kann ich meinen Kindern noch ein Vater sein? Wird mein alter Chef mich wieder aufnehmen? Wo werde ich wohnen? Was werde ich tun? Wie komme ich überhaupt nach Hause? Tausend Fragen schwirren durch den Kopf und er weiß gar nicht, wo er anfangen soll. Jesus steht jedenfalls erst einmal ganz weit unten auf der Liste. Es gibt doch so viele Fragen zu klären!
Der Sechste war sich vielleicht einfach schon immer sicher, dass dieser Moment kommen würde. Er wusste doch, dass man mit positivem Denken, mit Festhalten an der Krankheit, diese blöde Krankheit überwinden kann! Nur den Kopf nicht in den Sand stecken! Den eigenen Körper und vor allem die Kräfte des eigenen Willens nicht unterschätzen. Das hat er den neuen Anderen immer gesagt -- auch wenn die es längst nicht mehr hören wollten. Er hatte doch Recht! Klar, es hat gedauert. Aber am Ende hat es sich ausgezahlt. Blöder Zufall, dass ausgerechnet gerade an diesem Tag dieser Wanderprediger vorbei kam. Jetzt glauben die ernsthaft, der hätte etwas damit zu tun. So ein Blödsinn! Er weiß es besser. Er ist niemand etwas schuldig. Das werden auch alle zu Hause sehen, wenn er, den sie schon tot glaubten, triumphierend zurück kommt. Erhobenen Hauptes macht er sich auf den Weg.
Der Siebte hat vielleicht einfach nie gelernt zu danken. Für ihn war immer alles selbstverständlich. Wo er aufgewachsen ist, war immer alles da, was er brauchte. Die Eltern haben ihm keinen Wunsch verweigert. Wenn er etwas wollte, dann bekam er das auch. Mit dieser Erwartungshaltung ist er aufgewachsen. Dass die erfüllt werden würde, war das Normalste der Welt für ihn. "Sag auch danke", hat man zu ihm natürlich auch gesagt. Das war halt so eine Floskel. Eine Höflichkeitsformel. Wirkliche Bedeutung hatte die nie. Es war ja normal, dass man alles bekam. Diesmal, mit der Heilung, hat es eben etwas länger gedauert. Sehr lange sogar. Aber am Ende ist dann doch wieder passiert, was zu erwarten war. Stimmt, denkt er sich, als er schon lange weg ist. "Sag mal danke" -- das wäre höflich gewesen. Hat er vergessen. Na ja. Ist ja nicht sooo wichtig.
Der Achte war vielleicht schon vor dem Aussatz hoffnungslos. Chronisch depressiv, würden wir heute sagen. Er kann sich gar nicht daran erinnern, dass es jemals etwas Gutes gab in seinem Leben. Immer war alles anstrengend. Immer sah alles dunkel aus. Hoffnung kennt er gar nicht. An Freude kann er sich nicht erinnern. Erschöpft geht er durchs Leben. Der Aussatz war da eigentlich gar nichts besonderes. Der kam einfach dazu, zu all dem Schweren, was eh schon da war. Jetzt ist er wieder weg. Hm. Ja. Besser fühlt er sich nicht wirklich. Dankbarkeit ist ein Gefühl, dass er schon vor vielen Jahren verlernt hat.
Der Neunte ist vielleicht einfach vergesslich. Klar ist er dankbar. Wie könnte er nicht? Jesus hat ihm doch alles geschenkt. Völlig unerwartet und unverdient. Das weiß er auch, tief in seinem Herzen. Aber, wie bei anderen Gelegenheiten, vergisst er oft, das auch zu sagen. Das ist keine böse Absicht. Er denkt da einfach nicht dran. Würde ihm Jesus noch einmal über den Weg laufen, wäre ihm das vermutlich sehr, sehr peinlich und er würde sich ehrlich entschuldigen und sich wirklich vornehmen, das in Zukunft besser zu machen. Ganz echt! Heute kommt es gar nicht so weit.
"Sag auch danke!" Neun Menschen haben es nicht getan. Aus ganz unterschiedlichen Gründen. Manche davon kann ich sogar nachvollziehen. Beim einen oder anderen fühle ich mich fast ein wenig ertappt. Mir fallen Dinge ein, wo ich es ganz ähnlich gemacht habe.
Heute hier ist heute hier.
"Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."
Der Wochenspruch lädt mich dazu ein, es heute anders zu machen. Er lädt mich ein, nachzudenken, wie viel Gutes mir Gott schon geschenkt hat.
Vielleicht kommt heute einer mehr zu Jesus. Dankbar. Das könnte ich sein.
Und wenn ich dann schon beim Danken bin, dann gehe ich dankbar weiter in den Tag. Wer weiß, wem ich ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, wenn ich nicht nur Gott, sondern auch den anderen um mich her dankbar begegne?
"Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat."
Amen.
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