Predigt

Drei Affen

Hinsehen. Hinhören. Handeln.

Es gibt nichts, was wir noch wissen müssten. Gott hat uns als Botschafter seines Reichs berufen: Gerechtigkeit, Friede und Freude. Was es braucht, sind Menschen, die sich nicht zum Affen machen. Sondern hinsehen, hinhören und handeln.

Titelbild zur Predigt "Drei Affen".

Gottesdienste und Anlässe

  • 23.06.2022 · 10:00 Uhr · Augustenhilfe
    Gottesdienst

Kennen Sie die drei Affen?

Die sogenannten drei weisen Affen sind in der Nachkriegszeit auch in Deutschland berühmt geworden. Einer hält sich die Augen zu. Einer die Ohren. Und einer den Mund. "Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen." Ursprünglich kommen die drei aus Japan, wo sie sehr berühmt sind, weil sie an einen Teil der alten Weisheit des Konfuzius erinnern, nach der sich viele Menschen bemühen, zu leben: "„Was nicht dem Gesetz der Schönheit [= angemessenes Verhalten] entspricht, darauf schaue nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, darauf höre nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, davon rede nicht; was nicht dem Gesetz der Schönheit entspricht, das tue nicht.“ (Kungfutse: Lun Yu. Gespräche. Buch 12)

Nichts sehen. Nichts hören. Nicht reden.

Mir sind die drei Affen eingefallen, als ich wieder einmal diesen seltsamen Jesustext las, den wir für heute aus dem Lukasevangelium haben. Das sind ja ungewohnte Bilder, die uns Jesus hier vor Augen stellt: vom Totenreich und von "Abrahams Schoß", von Feuerqualen und von Gesprächen im Jenseits. Ungewöhnlich. Fast wie ein seltsamer Traum, der uns unvermittelt in schräge Bilder mit hineinnimmt und auch am Morgen mit seinen Bildfetzen im Gedächtnis bleibt. Ja, so könnte man es lesen: Wie einen Traum, der am Ende etwas sagen will.

Nichts sehen. Nichts hören. Nicht reden.

Da liegt ein Mann vor der Tür. Direkt vor der Schwelle des Hauses. Wenn man hinausgeht, stolpert man fast über ihn. Ein unangenehmes Bild. Er riecht nicht gut. Er ist ungewaschen und ungekämmt. Er ist sichtbar krank -- vielleicht sogar ansteckend. Er liegt vor der Tür und bettelt, weil ihm das allernötigste zum Leben fehlt. Er wäre schon mit ein paar Tischabfällen zufrieden. Irgendetwas, das ihm hilft in seiner Not.

Nichts sehen. Nichts hören. Nicht reden.

Der Mann im Haus bekommt davon nichts mit. Er lebt hinter der Tür in Saus und Braus und "alle Tage herrlich und in Freuden." Er schwelgt im Luxus, gönnt sich jeden Genuß. Er lebt das Leben voll aus. Er leistet sich Dinge, die das Jahresgehalt anderer weit übersteigen. Er hat mehr als er braucht. Viel mehr. Er könnte davon abgeben, ohne überhaupt zu merken, dass er jetzt weniger hat. Aber der Gedanke kommt ihm gar nicht. Er nimmt den Armen vor dem Haus überhaupt nicht wahr. Viel zu weit weg ist das von seiner Realität.

Nichts sehen. Nichts hören. Nicht reden.

In der deutschen Übersetzung der "drei Affen" geht etwas verloren. "See no evil. Hear no evil. Speak no evil.", heißt es im Englischen. Es ist das Böse, das Unangenehme, das Leidvolle, das die Gedanken des Menschen nicht erfüllen soll. Es tut nicht gut, sich mit solchen Dingen zu beschäftigen, meint Konfuzius. Lieber solle man den eigenen Fokus auf die guten Dinge des Lebens richten.

So kann man es auch machen. Das Leid einfach ausblenden. Sich von den Missständen dieser Welt nicht runterziehen lassen.

Nichts sehen. Nichts hören. Nicht reden.

Wie der Mann in der Jesusgeschichte.

Da wird jetzt allerdings gestorben. Und da wendet sich das Blatt. Jesus nimmt uns mit in eine Vorstellung von dem, was hinter der Schwelle des Todes liegt. Und auch ohne die damaligen Vorstellungen und Hoffnungen von Orten wie "Abrahams Schoß" genau zu kennen, begreifen wir: Dem Armen geht es jetzt gut. Lazarus -- dass wir seinen Namen kennen und den des Reichen nicht, ist schon bezeichnend. Lazarus, das heißt "Gott hilft." "Gotthilf" würde er auf deutsch heißen. Lazarus/Gotthilf geht es jetzt gut. Gott nimmt sich des Armen an. Gott richtet den Schwachen auf. Gott heilt seine Leiden. Gott macht alles gut. Gott, der Gott der Gerechtigkeit und des Friedens. Gott lässt die Schieflagen dieser Welt nicht ewig schief. Er rückt sie gerade. Er hilft den Niedrigen auf.

Selig seid ihr Armen; denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hungert; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstoßen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist groß im Himmel. Denn das Gleiche haben ihre Väter den Propheten getan. (Lukas 6,20b-23)

Ganz anders sieht es für den Reichen aus. Dem geht es nicht zu gut. Vergeblich versucht er, irgendwie die alten Zustände wieder zurechtzurücken. Lazarus hätte er gerne als Diener, um seine Hitze zu kühlen und seine Leiden zu lindern. Aber am Ende muss er einsehen: Es ist zu spät. Er steht auf der falschen Seite.

Zum ersten Mal in der Geschichte denkt der reiche Mann jetzt an andere. Nein, auch jetzt nicht an die Armen und Bedürftigen in der Welt. Auch jetzt ändert sein Weltbild sich nicht grundlegend. Aber zumindest denkt er an seine fünf Brüder, die noch am Leben sind. Vielleicht kann man denen noch helfen. Lass sie nicht denselben Fehler machen. Lass sie umdenken, lernen, ihr Leben verändern, so lange es noch Zeit ist. Ein Wunder schwebt ihm vor als Idee: Die Auferstehung des armen Lazarus. Zurück aus dem Jenseits mit einer Botschaft. Das wäre doch sicher spektakulär genug, um sie zu überzeugen.

Aber die Bitte des reichen Manns wird abgeschmettert. Längst wissen die Lebenden doch alles, was sie wissen müssten. Bis jetzt hat sie das nicht zur Umkehr gebracht. "Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.", meint der Abraham in der Jesusgeschichte.

Nichts sehen. Nichts hören. Nicht reden.

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. (Micha 6,8)

So die Propheten. Und Jesus selbst folgt der jüdischen Tradition, wenn er die Gesetze und Gebote Gottes in eine kurze, übersichtliche Form zusammenfasst:

Jesus antwortete: Das höchste Gebot ist das: »Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft« (5.Mose 6,4-5). Das andre ist dies: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst« (3.Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese. (Markus 12,29-31)

Mehr muss man eigentlich nicht wissen. Da steckt alles drin.

Man muss nur sehen. Hören. Reden und handeln.

So einfach könnte es sein.

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Ich fürchte, wir kommen nicht umhin, uns in der Jesusgeschichte in die Rolle des Reichen einzuzeichnen. Dem entkommen wir nicht. In einer Welt voller Armut und Hunger, voller Existenznöte und Mangel, gehört jeder von uns hier im Raum zu den reichsten 1%. Während wir hier reden, sterben in dieser Welt Menschen an Unterernährung und vermeidbaren Krankheiten. Während wir hier reden, mühen sich andere ab, irgendwie auch nur das Nötigste für den heutigen Tag zusammenzubekommen und schaffen es doch nicht. Und es werden mehr werden. Durch Kriege. Durch den Klimawandel. Durch Dinge, an denen man etwas ändern könnte.

Tun wir das unsere? Wir leben in Deutschland in Saus und Braus und haben genug, um abzugeben. Jeder von uns.

Vielleicht geht es gar nicht immer um Geld. Vielleicht auch um Zeit. Um Zuwendung. Um Veränderung unseres Lebensstils, der an so vielen Stellen auf Kosten anderer geht. Vielleicht besteht dein persönlicher Reichtum aus Dingen, die du für so selbstverständlich nimmst, dass du gar nicht an sie denkst, wenn wir über Reichtum reden. Erst im Blick auf die Armen, die Bedürftigen, wird oft klar, wie viel ich zu geben habe.

Hinsehen. Hinhören. Handeln.

Da braucht es keine Erklärungen. Eigentlich wissen wir alles.

Da braucht es keine aufsehenerregenden Enthüllungen, keine Engelsbotschaften vom Himmel oder aus dem Jenseits, damit wir endlich wüssten, was wir tun sollen. Es ist alles längst bekannt. Gott hat das seine dazu gesagt. Und er hat uns beauftragt, seine Boten zu sein. Zeugnis seines Reichs der Gerechtigkeit und des Friedens und der Freude.

Sind wir das?

Geliebte Gottes in Tailfingen,

Ich wünsche uns allen -- mir eingeschlossen -- eins: dass wir aufhören, uns zum Affen zu machen.

Hinsehen. Hinhören. Handeln.

Damit Gottes Reich -- Gerechtigkeit, Friede und Freude -- wächst unter seinen geliebten Menschen hier in Tailfingen und überall sonst.

Hinsehen. Hinhören. Handeln.

Möge Gott uns dabei helfen.

Amen.

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