Predigt
Parlez-vous français?
Von Sprachen, Verwirrung und Einheit
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn! Am Pfingstfest begegnet uns dieses Jahr ein Text aus dem ersten Buch der Bibel, aus der Genesis ("1. Mose"). Die bekannte Geschichte v…

Gottesdienste und Anlässe
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27.05.2021
· 10:00 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Am Pfingstfest begegnet uns dieses Jahr ein Text aus dem ersten Buch der Bibel, aus der Genesis ("1. Mose"). Die bekannte Geschichte vom Turmbau zu Babel gewinnt ganz neu an Bedeutung, wenn man die Pfingsterzählung daneben legt. Genau das tun wir heute Morgen, wenn auch nur in einem kurzen Streifzug durch die Texte. Dazu lese ich aus Genesis 11:
Es hatte aber alle Welt einerlei Zunge und Sprache. Als sie nun von Osten aufbrachen, fanden sie eine Ebene im Lande Schinar und wohnten daselbst. Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut über die ganze Erde. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort über die ganze Erde, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Welt Sprache und sie von dort zerstreut hat über die ganze Erde. (Genesis 11,1-9).
Liebe Schwestern und Brüder in Christus,
Parlez-vous français? Do you speak English? ¿Hablas español? Spreek je Nederlands?
Haben Sie schon einmal eine Fremdsprache gelernt? Dann kennen Sie die Tücken, die damit verbunden sind, sich in einer fremdsprachigen Umgebung verständlich auszudrücken.
Ich kann mich noch gut erinnern, als ich in meiner Zeit in Belgien das erste Mal auf Französisch predigen durfte. Es ging um die bekannte Geschichte von David und Goliat. Der kleine David gegen den großen Riesen. In der Geschichte bietet man David an, für den Kampf mit dem Giganten die Rüstung von König Saul anzuziehen. Die ist ihm aber viel zu groß und der kleine David sieht geradezu lächerlich darin aus. Davon habe ich erzählt. Nur, dass Rüstung auf Französisch "armure" heißt und ich ständig das ähnlich klingende Wort "armoire" verwendet habe. Warum mich die Zuhörer ständig angrinsten, habe ich erst hinterher verstanden. Schließlich habe ich Ihnen ausführlich erklärt, wie seltsam David in Sauls Kleiderschrank aussah! Peinlich!
Da wünscht man sich doch geradezu Zustände wie am Anfang von Genesis 11. Aus der Perspektive unserer Zeit ist diese Geschichte in vielem ein Idealbild. Die Menschheit ist sich einig. Es gibt nicht nur eine gemeinsame Sprache, es gibt auch eine gemeinsame Zielrichtung. Fortschritt findet sichtbar statt. Die zivilen Errungenschaften einer sich einigen Gesellschaft wachsen geradezu in den Himmel. Kultur und Technologie blühen auf. Es gibt Wohlstand für alle. So gewaltig ist das, was man miteinander erreicht hat, dass man ihm mit einem großen Bauprojekt ein Ziel setzen will. Ein Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht.
Gott erscheint in dieser Geschichte geradezu als ein Spielverderber. Als ob er neidisch sei auf die Errungenschaften der Menschen "fährt er hernieder" und macht alles kaputt. Plötzlich versteht keiner mehr den anderen. Ein Miteinander ist nicht mehr möglich, weil es nicht mehr nur Wortverwechslungen zum Schmunzeln sind, von Rüstungen und Kleiderschränken. Man versteht einander überhaupt nicht mehr. Wo Kommunikation nicht funktioniert, fehlt die Grundlage für Gemeinsamkeit. Kommt uns das nicht sehr bekannt vor?
Es ist kein Zufall, dass die Geschichte vom Turmbau zu Babel in ein Buch Eingang findet, an dem viel gearbeitet wird in einer Zeit, als die große Stadt "Babel", Babylon, im eines der großen Zentren der Weltgeschichte ist. Die Großmacht Babylon hat sich in den Jahrhunderten zuvor Schritt für Schritt über die ganze Umgebung ausgebreitet. Ein Nachbarland nach dem anderen fiel den aufstrebenden Babyloniern und ihren überlegenen Armeen anheim. Auch das kleine Land Juda, Überrest des Volkes Israel, gehörte dazu. Die Strategie der babylonischen Sieger bestand darin, die besiegten Völker mit Gewalt aus ihren Heimatländern zu reißen und sie anderswo wieder anzusiedeln. Dort, fern von ihren Wurzeln, würden sie schnell ihre eigene Identität verlieren und ein Teil des neuen großen Ganzen werden. Ein Volk, eine Kultur, eine Sprache -- eine großartige Zukunft. So hatte man sich das gedacht.
Viel von dem ersten Teil der Bibel, den wir "Altes Testament" nennen, ist aus der theologischen Auseinandersetzung Israels mit der Niederlage und dem Exil in der Fremde entstanden. Auch diese Geschichte hat in diesem Zusammenhang ihre Bedeutung gewonnen. Vor diesem Hintergrund wird die dort beschriebene Einheit eine erzwungene. Wenn der Text vor "Zerstreuung über die ganze Erde" warnt, dann ist das Feindbild die Vielfalt der Menschen unterschiedlicher Sprache, Herkunft und Kultur. Gemeinsam eine neue Zukunft bauen, eine neue Welt mit einem neuen Einheitsmenschen, das ist das Ziel. Gott, der die Welt in ihrer wunderbaren Vielfalt geschaffen hat, kommt in diesem Denken gar nicht vor.
Kein Wunder, dass der Schöpfer in dieser Erzählung zu drastischen Maßnahmen ergreift, um die Vielfalt seiner Schöpfung zu bewahren.
Wie anders ist da die Pfingstgeschichte: Als der von Jesus versprochene Heilige Geist zu den Menschen kommt, ist das Ergebnis eben kein unverständliches Sprachgewirr mehr. Plötzlich können sich völlig Fremde verstehen! Dass das ein Wunder ist, liegt für alle auf der Hand. Was die Apostelgeschichte hier berichtet ist nichts anderes als die Umkehr der Babel-Geschichte, die Umkehr der Sprachverwirrung. Wir können wieder miteinander reden.
Aber die Voraussetzungen sind ganz andere: Die Vielfalt und Einzigartigkeit der Menschen wird hier nicht zugunsten der Einheit abgeschafft. Nein: Parther, Elamiter, Juden, Griechen, Römer -- alle, die an diesem Tag zugegen sind, behalten ihre Identität. Gott braucht gar keine Einheitsmenschen! Im Gegenteil: Sein Geist lebt gerade in der Vielfalt und Buntheit der unterschiedlichen Menschen mit all ihren verschiedenen Facetten auf. Gottes Geist zwingt nicht in eine wie auch immer geartete Einheitsgußform. Er verbindet einfach die Unterschiedlichen. Er macht Verständnis möglich, Kommunikation und Miteinander in aller Verschiedenheit. Unterschiede sind plötzlich kein Hindernis mehr: Unterschiedliche Menschen können einander bereichern.
Das tut gut zu wissen, in einer Zeit, wo wir immer wieder feststellen, dass es gar keine Fremdsprachen braucht, damit wir einander nicht verstehen. Wir schaffen das auch ganz gut, wenn wir dieselbe Sprache sprechen. Schauen sie die Nachrichten an in diesen Tagen und hören sie über die neuen Konflikte im Nahen Osten. Lassen Sie sich von zwei Personen die Hintergründe der Spannungen in Israel erklären und sie werden denken, die zwei leben auf unterschiedlichen Planeten. Bleiben Sie hier im Land und verfolgen Sie die Diskussionen mit, die aus den Herausforderungen der Corona-Pandemie entstanden sind. Auch da hat man oft den Eindruck, zwei Gesprächspartner sprächen zwei völlig verschiedene Sprachen. Wir reden aneinander vorbei. Wir finden nicht mehr zueinander. Es ist, als käme bei jedem nur noch "Gebabbel" an -- ein Lautspiel, das übrigens aus der Turmbausgeschichte stammt und bewusst auf den Namen der Stadt "Babel" anspielt.
Man braucht aber auch keine Pandemie dazu: Selbst in kleinsten Dingen schaffen wir Menschen es immer ganz gut, einander nicht zu verstehen. Auch hier, im Zusammenleben, auf dem Flur in der Wohngruppe passiert das und liegt nicht nur am falsch eingestellten Hörgerät.
Wie finden wir wieder zueinander? Wie lernen wir wieder, miteinander zu reden, aufeinander zu hören und gemeinsam vorwärts zu gehen?
Manche denken immer noch, Babel sei die Lösung. Eine erzwungene Einheit, die alles Unterschiedliche aufhebt und alles gleichförmig macht. Wo alles glattgebügelt ist, dürfte es ja keine Reibungspunkte mehr geben. Und die Zielform der Einheit, davon gehen wir dann meist stillschweigend aus, liegt ja immer in der eigenen Position. Wenn nur alle so wären wie ich, so dächten, redeten und handelten wie ich, dann gäbe es doch all die Probleme gar nicht.
Die Erfahrung der Menschheitsgeschichte lehrt uns, das Babel zum Scheitern verurteilt ist und nur Ruinen hinterlässt. Auch unsere eigene, deutsche Geschichte lehrt uns das mehr als deutlich.
Die Lösung könnte Pfingsten sein: Gottes Geist, der verbindet, über alle Unterschiede hinweg. Der uns lehrt, miteinander zu reden, aufeinander zu hören und aus dem Reichtum unserer Unterschiede Gewinn zu ziehen. Alleine schaffen wir das nicht. Das Fremde, das Andere, erscheint uns viel zu sehr als Bedrohung. Gottes Geist kann uns diese Angst nehmen. Kann uns Liebe für den Anderen, die Anderen, das Andersartige schenken und uns die Augen öffnen für die bunte Vielfalt, die Gott in seine Menschen hineingelegt hat. Gottes Geist kann das, was uns trennt, in den Hintergrund treten lassen und den hervorheben, der zentral ist: Jesus Christus, den Erlöser, der uns alle verbindet. Er ist es, der uns seinen Geist versprach und der durch ihn seit dem ersten Pfingsten in der Welt wirkt. Möge er das auch bei uns tun.
Es soll nicht durch Heer oder Kraft, sondern durch meinen Geist geschehen, spricht der Herr Zebaoth. (Sach 4, 6)
O Heil'ger Geist bereite, ein Pfingstfest nah und fern.
Amen.
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