Predigt
Erntefreude
Wie echtes Leben wächst und blüht
Mitten in den Leidenserinnerungen der Passionszeit: Ein Hoffnungsschimmer. Das Leiden ist nicht umsonst. Im Gegenteil: Daraus wächst etwas und fängt an zu blühen -- echtes Leben. Der Sonntag Lätare wird zu einem "kleinen Osterfest", wenn uns im Gleichnis vom Weizenkorn schon die Vorfreude auf Ostern und Auferstehung entgegenleuchtet.

Gottesdienste und Anlässe
-
14.03.2021
· 10:30 Uhr
· Pauluskirche
Gottesdienst mit Taufe(n)
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!
Aus dem Evangelium nach Johannes, aus dem 12. Kapitel:
Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. Die traten zu Philippus, der aus Betsaida in Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollen Jesus sehen. Philippus kommt und sagt es Andreas, und Andreas und Philippus sagen’s Jesus. Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.
Brot
Als der Bäcker das Brot aus dem Ofen zieht, liegt ein zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. Kein Wunder! Bis hierher kann man riechen, wie wunderbar es duftet. Ich kann schon förmlich die leckere Kruste zwischen meinen Zähnen spüren und das luftige Innere, das beinahe auf der Zunge zergeht. Dieses Brot wird ein Genuss, auch ganz ohne Belag oder irgendwelche weiteren Zutaten. Einfach so, ofenfrisch auf den Teller. Da ist es noch nicht, aber ich kann schon von hier aus seine wunderbaren Brauntöne sehen, kann die Texturen erahnen, die ich mit meiner Zunge spüren werde und mir läuft das Wasser im Mund zusammen. Himmlisch!
Man sagt uns Deutschen nach, wir seien auf der ganzen Welt unterwegs und mit allem zufrieden, nur nicht mit schlechtem Brot. Da mag was dran sein. In meinen fünf Jahren im Studium in Belgien habe ich mich immer wieder darüber gewundert, was man alles als Brot bezeichnen kann. Und bis heute ist das beste Brot, an das ich mich erinnern kann, immer noch das, das meine Oma im Steinhofen des Dorfbackhäuschens backte.
Brot. Grundnahrungsmittel und Genuss. Sinnbild für alles, was wir zum Leben brauchen.
Nicht umsonst betet Jesus: "Unser tägliches Brot gib uns heute."
Brot. Satt werden. Leben. Genuss.
Zoe.
Das Brot, das beim Bäcker so verheißungsvoll duftet, ist nicht vom Himmel gefallen. Da steckt viel Arbeit drin. Der Bäcker ist früh aufgestanden, hat das Mehl gesiebt und gewogen, den Teig gerührt und geknetet. Und viel Geduld steckt drin, denn ein guter Brotteig braucht Zeit.
Zeit, und dann genau die richtige Temperatur und die richtige Feuchtigkeit im perfekten Ofen.
Ah, gelungen ist das ein Genuss.
Satt werden. Leben.
Das Mehl, dass der Bäcker in seinen Teig knetet, ist nicht vom Himmel gefallen. In der Mühle wurden die Getreidekörner zermahlen, sorgfältig getrennt nach Sorten und Güteklassen und Mahlgraden -- eine ganze Wissenschaft für sich, mit Typen und Aschezahlen. Das perfekte Mehl für das perfekte Teig für das perfekte Brot.
Ein perfekter Genuss.
Satt werden. Leben.
Auch das Getreide, das der Müller mahlt, ist nicht vom Himmel gefallen. Der Bauer hat es geerntet, auf sonnenverwöhnten, goldgelben Feldern, wo sich die Ähren sanft im Wind der lauen Sommerabende wogten. Vielleicht ist es das, was ich ein wenig schmecke in diesem Brot: den Sommer, die Sonne, den Wind.
Das Leben.
Auch die goldenen Ähren sind nicht vom Himmel gefallen. Vom Himmel -- da kam die Sonne, die sie so gold werden ließ und der Regen, der ihnen das Wasser gab und der Wind, in dem sie sich dann im Sommer wiegen. Aber die Ähren fallen nicht vom Himmel. Sie haben ihren Anfang in einem kleinen, unscheinbaren Weizenkorn genommen, das der Bauer viele Monate vorher in die fruchtbare Erde legte.
Dann kam der Regen und die Sonne und der Wind und die Zeit verging. Wurzeln sprießten, wo man sie nicht sah. Ein winziges grünes Hälmchen steckte irgendwann den Kopf aus der Erde, in Sonne und Regen und Wind.
Der Frühling verging und das Grün auf den Feldern stand höher. Mit der Sommersonne reckten sich die ersten Ähren empor und da war schon eine Ahnung von Körnern und Ernte.
Bis dann der Tag kam mit dem wogenden Sommerwind auf dem weizengelben Ährenfeld und der Bauer, der den Weizen mähte und drosch und zur Mühle fuhr.
Weizenkorn
Von dem kleinen Weizenkorn ist jetzt nichts mehr zu sehen.
In Erde und Regen und Sonne und Wind ist es zu Wurzeln geworden, zu einem Halm, erst grün dann goldgelb, zu vielen kleinen Weizenkörnern in einer Ähre, in einem Sack, in der Mühle; dann zu Mehl im Teig den der Bäcker knetet und schließlich zu diesem wunderbar duftenden Brot.
Ein Genuss. Satt werden. Leben.
Zoe.
Jetzt sagst du, man hätte das alles auch schneller haben können. Man hätte ja gleich das kleine Weizenkorn zur Mühle fahren können. Der Müller hätte das beste Mehl daraus gemahlen und der Bäcker das beste Brot daraus gebacken. Und ich wäre auch zu meinem Genuss gekommen.
Einem sehr kleinen, zugegebenermaßen, aus einem einzigen Weizenkorn. Das gibt nicht viel Brot her, und selbst wenn der beste aller Bäcker das tollste aller Brote draus machte, so bliebe es doch das letzte Brot, denn im nächsten Jahr wird dann kein Weizenkorn mehr gesät und es wachsen keine Ähren mit Körnern für Mehl und für neue Laibe.
Ohne das kleine Weizenkorn gibt es das alles nicht: das Mehl, das Brot, den Genuss.
"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein.", sagt Jesus.
"Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht."
Neue Ähren. Neue Weizenkörner. Mehl und Brot.
Genuss. Leben.
Zoe.
Leben -- das ist es ja, was Gott verspricht -- uns nämlich, seinen Menschen, die er liebt. Der kleinen Zoe, die heute getauft wurde und das Leben schon im Namen trägt, genauso wie jedem anderen.
Leben sagt er uns zu, echtes Leben, "ewiges" Leben lesen wir im Evangelium, das schon hier den Charakter der Ewigkeit in sich trägt und sich auch vom Sterben am Ende nicht besiegen lässt.
Leben.
Zoe eben.
Dieses Leben, das echte eben -- also nicht bloß "Existieren", sondern wirklich und erfüllt und mit Ewigkeitcharakter leben -- dieses Leben fällt nicht mal eben vom Himmel. Man kann es nicht im Supermarkt kaufen, nicht beim Müller und nicht beim Bäcker. Man kann es auch nicht irgendwie selbst herstellen -- auch wenn die Welt voll ist von Ratgebern und von Methoden und vor Scharlatanen, die genau das versprechen. Aber mehr als einen billigen Abklatsch von Leben kann mir niemand bieten.
Leben, das echte, das braucht ein Weizenkorn, mit dem alles anfängt. Das man in den Boden legt und das vergeht, damit neues Leben daraus entstehen kann.
Zoe eben.
Sagt Jesus, und macht sich auf den Weg nach Jerusalem, um eben dieses Weizenkorn zu sein. Was das heißt, das wissen wir, weil uns seine Lebensgeschichte vertraut ist. Mit seinem Leiden und seinem Sterben beschäftigten wir uns intensiv in diesen Wochen der Passionszeit. So weit geht Gott, der in Jesus Mensch wird. So weit zieht er sich unsere menschlichen Umstände, unser Leben an, dass es selbst vor dem Sterben nicht halt macht.
In wenigen Wochen ist Karfreitag und wir stehen da, an dem Kreuz vor dem finsteren Himmel und sehen das Unbeschreibliche, das Unbegreifliche: Gottes Sohn stirbt am Kreuz.
"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein.", sagt Jesus.
"Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht."
Ähren. Körner. Leben.
Mein Leben, begreife ich staunend, der ich vorher wieder neu das Versprechen der Taufe gehört habe, dass Christi Leben das meine wird, dass Gott mich mit hinein nimmt in sein Sterben und dann auch in seine Auferstehung.
Ein Weizenkorn, das gesät wird und seine Frucht -- bin ich, lebe ich heute, hier.
Zoe.
Wir wollen Jesus sehen
"Wir wollen Jesus sehen", sagen die, die von weit her angereist sind zum Fest der Juden. Sie haben von ihm gehört, kennen wohl all die Geschichte und wollen jetzt den berühmten Rabbi mit eigenen Augen sehen. Was sie da wohl erwartet haben? Was sie sich wohl ausgemalt haben, was da passieren würde an diesem Tag, bei diesem Fest?
Sicher hatten sie viel Spannendes erwartet.
"Die Stunde ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde", sagt Jesus.
Das klingt ja gut.
Aber mit dem, was dann folgt haben sie sicher nicht gerechnet.
Wer will denn schon ein sterbendes Weizenkorn sehen?
Was fängt man denn mit einem leidenden Messias an? Gar mit einem verhafteten, gekreuzigten Heilsbringer?
Das ist doch völlig unattraktiv!
"Wir wollen Jesus sehen." Das haben sie sicher nicht gemeint.
Bis heute können viele nichts anfangen mit dem leidenden Gottessohn, der dort am Kreuz stirbt.
Dann doch lieber ein Superstar, ein Weltenherrscher, oder ein therapeutischer Seelenstreichler, oder sonst irgendeines der vielen attraktiven Jesusbilder, die man so finden kann.
Ein Weizenkorn?
"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein.", sagt Jesus.
"Wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht."
Wer aufmerksam zuhört, der hat vielleicht jetzt begriffen, dass es genau das ist, was wir brauchen, wenn wir echtes Leben wollen. Zoe eben. Wie Gott es uns schenken will.
Für den erscheint plötzlich in all dem Erzählen vom Leiden und Sterben ein grünes Hälmchen im tristen Braun.
Während das Weizenkorn stirbt, trägt der sanfte Wind schon den Duft von Ostern herbei, von Sonne und Licht, von Auferstehung und neuem Leben.
Echtem Leben.
Meinem Leben--durch Jesus Christus.
Zoe eben.
Und an Lätare, am kleinen Ostern mitten in der Passionszeit, beginnt in mir die Sehnsucht nach goldgelben, wogenden Ähren im lauen Sommerwind, nach Leben und Freude, nach Genuss und einem Lied:
So gab der Herr sein Leben, verschenkte sich wie Brot. Wer dieses Brot genommen, verkündet seinen Tod. Geheimnis des Glaubens: Im Tod ist das Leben.
Amen.
Nutzungsbedingungen
Dieser Inhalt wird unter folgender Lizenz veröffentlicht: CC BY-SA 4.0. Was das bedeutet, steht hier.
Verwandte Predigten
- Erntefreude · Johannes 12,20-24
- Was ist anders in dieser Nacht?
- Was ist anders in dieser Nacht? · Exodus 12,1-14