Predigt
Bestelltes Haus
Eine kluge Lebensperspektive
Wie lebt man, wenn man weiß, dass man sterben muss? Ist es nicht besser, einfach nicht daran zu denken?
Gottesdienste und Anlässe
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14.10.2021
· 10:00 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.
Abweichend von den Texten dieser Woche lese ich heute eine kurze Erzählung aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 38. Kapitel. Es ist eine Geschichte aus dem alten Orient, aus Israel in der Königszeit, unter der Herrschaft des Königs Hiskia:
Zu der Zeit wurde Hiskia todkrank. Und der Prophet Jesaja, der Sohn des Amoz, kam zu ihm und sprach zu ihm: So spricht der Herr: Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben. Da wandte Hiskia sein Angesicht zur Wand und betete zum Herrn und sprach: Ach, Herr, gedenke doch, wie ich vor dir in Treue und ungeteilten Herzens gewandelt bin und getan habe, was dir gefällt. Und Hiskia weinte sehr. Da geschah das Wort des Herrn zu Jesaja: Geh hin und sage Hiskia: So spricht der Herr, der Gott deines Vaters David: Ich habe dein Gebet gehört und deine Tränen gesehen. Siehe, ich will deinen Tagen noch fünfzehn Jahre zulegen (Jesaja 38,1-5)
Eine kurze Erzählung. So eine typische Prophetengeschichte. Unterwegs im Auftrag des Herrn, um dessen Wort in die aktuelle Zeit hineinzusprechen.
Aber was für ein Wort: "Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben."
Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Eine Binsenweisheit -- dass das Leben endlich ist. Das wissen wir alle. Das muss man uns nicht sagen. Und trotzdem wüssten wir es am liebsten nicht. Wir würden es viel lieber gar nicht hören, dass einmal alles zu Ende ist. Aus den Augen, aus dem Sinn. Und ein Teil des Schmerzes, der uns befällt, wenn ein lieber Mensch von uns geht, kommt doch auch daher, dass uns das wieder unerbittlich vor Augen malt, dass auch unser Leben nicht unendlich weiter geht.
Du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
"Einmal ist es halt so weit, dass einer stirbt und der andere bleibt", hat mir eine Ehefrau, die gerade ganz plötzlich ihren Mann verloren hat, Anfang der Woche etwas resigniert gesagt.
Einer stirbt. Der andere bleibt. So ist das Leben.
Die Bibel nennt diese Perspektive übrigens Weisheit. Leben mit Blick auf die Begrenztheit unseres Seins. Nicht einfach nur in den Tag hinein Leben, sondern die Zeit, die uns bleibt, klug zu nutzen. "Lehre uns bedenken, Herr, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden", beten wir da im 90. Psalm.
Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Was macht man denn, wenn man das im Blick hat? Was macht, man, wenn man weiß, dass das Ende näher kommt und die Zeit, die noch bleibt, endlich ist? Mit der Perspektive des Sterbens zu leben, klug zu sein, das heißt ja auch, sich zu fragen: Was will ich denn noch aus meinem Leben machen? Wie will ich denn gehen? Was will ich vielleicht auch anderen hinterlassen.
Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Von Martin Luther wird erzählt, er habe gesagt, wenn morgen die Welt zu Ende ginge, dann würde er heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen. Ob das wirklich von Luther stammt, ist sehr umstritten, aber das Zitat zeugt jedenfalls von einem überlegten Umgang mit der Perspektive der Endlichkeit.
Lehre uns bedenken, Herr, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Ich will euch viel lieber von Bruno erzählen. Bruno habe ich gerade vor Kurzem beerdigt. 85 war er. Früher ein Bär von einem Mann. Ein Bastler, ein Handwerker, ein rundum begabtes Talent. In der letzten Zeit hatte er leider sehr abgebaut. Es ging nicht mehr so, wie früher, und das hat ihm zu schaffen gemacht. Damit war er unzufrieden.
Trotzdem hätte niemand damit gerechnet, dass er dann eines Tages plötzlich umkippt. Hirnblutung. Seine Frau fand ihn im Schlafzimmer, rief noch den Notarzt -- aber im Krankenhaus ist er dann nach wenigen Stunden verstorben.
Ausgerechnet Bruno ist es, der mich auf diesen Text gebracht hat. Wie viele Menschen scheint es, als habe er, wenn auch sicher nur unbewusst, in den Tagen vor seinem Sterben so eine Art Vorahnung gehabt, dass das Ende naht. Geredet hat er darüber nicht. Und niemand sonst ahnte da, dass der Tod so plötzlich kommen würde.
Von Bruno wird zu erzählen sein, dass er, der früher leidenschaftlich kochte, in den Tagen vor seinem plötzlichen Sterben noch einmal in der Küche stand und ein letztes Mal sein berühmtes Schaschlik kochte. Das hatte er in früheren Jahren oft getan. Seine Frau war damals oft nur die Küchenhilfe. Aber das ist lange her. In letzter Zeit hat Bruno nie gekocht. Warum ihm das jetzt auf einmal einfiel? Ganz stolz war er darauf, dass er das noch konnte -- und dass er seine Frau noch einmal bewirten konnte. Ein letztes Mal. Das wusste sie da nicht -- und er sicher auch nur ganz tief in sich drin.
Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Von Bruno wird zu erzählen sein, dass er, der immer da war, wenn Hilfe nötig war; er, dem es wichtig war, Haus und Hof in Ordnung zu halten; dass er an seinem letzten Tag noch einmal den Staubsauger aus dem oberen Stock nach unten trug. Streng verboten hatten ihm das seine Frau eigentlich, aus Angst, dass er in seinem geschwächten Zustand dabei zu Schaden kommen konnte. An seinem letzten Tag hat er es doch getan und dann hat er das Erdgeschoß gesaugt für seine Frau. Sie hat das in dem Moment gar nicht mitbekommen. Ganz stolz hat er es ihr dann gezeigt, was er für sie getan hatte -- vielleicht, weil er wusste, dass es das letzte Mal sein würde; und weil er sein Haus korrekt hinterlassen wollte und sauber, bevor er von dieser Erde ging.
Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Lehre uns bedenken, Herr, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Für den altorientalischen König Hiskia war das eine Schreckensnachricht, wie es für viele von uns auch wäre. Für den, der seine Endlichkeit mit einbezieht in seine Lebensperspektive, ist es klug und weise.
Bestelle dein Haus, denn du wirst sterben und nicht am Leben bleiben.
Der altorientalischen König Hiskia hat Gott um Aufschub gebeten, hat gefleht für sein Leben und noch einmal einige Jahre geschenkt bekommen.
Brunos Leben ist zu Ende--ohne Aufschub. Wohl dem, der bereits vorher jedes Jahr als Geschenk genommen hat.
Brunos Leben ist zu Ende. So wie meines einmal zu Ende sein wird. Vielleicht ganz plötzlich vielleicht auch -- sagen wir "mit Anlauf." Aber Gottes Geschichte mit Bruno ist noch nicht zu Ende. Auch das gilt es, zu erzählen. So wie man es über mich eines Tages erzählen wird. Gottes Geschichte ist noch nicht zu Ende.
Auch im Sterben gilt das Versprechen aus der Taufe, dass Gott bei uns ist und wir zu ihm gehören und nichts uns aus seiner Hand reißen kann.
Auch das gehört zur klugen Lebensperspektive: Das Vertrauen auf Christus, der vor mir und für mich in den Tod gegangen ist -- und daraus auferstand. Das wird auch mein Ende sein, und unseres und Brunos. Neues Leben, ewiges Leben, wenn Christus kommt und die Seinen zu sich nimmt.
Das ändert die Aussicht noch einmal. Von der Begrenztheit, die so wichtig ist, zu bedenken, hin zur Ewigkeit. Zu dem größeren Ganzen, gegen das alles, was ich hier tue und lasse einmal verblassen wird. Zu dem großen, herrlichen Ganzen, zu dem Gott mich berufen hat, erwählt hat, mit hineingenommen in der Taufe und fest zugesagt in Jesus Christus.
Wohl dem, der aus dieser Perspektive leben kann. Wer das kann, der kann in derselben Zuversicht auch ruhig sterben.
Und plötzlich wird klar, was der Apostel Paulus meint, wenn er schreibt: "Tod, wo ist [jetzt] dein Stachel? Tod, wo ist [jetzt] dein Sieg?"
Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt, durch Jesus Christus, unseren Herrn!
Lehre uns bedenken, Herr, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.
Amen.
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