Predigt

ABER

Christus ist auferstanden

Kein Ostern ohne Karfreitag und den dunklen Karsamstag. Fragen, Zweifel, Ängste ohne Ende. ABER Christus ist auferstanden. Das muss gehört werden

Gottesdienste und Anlässe

  • 04.04.2021 · 10:30 Uhr · Pauluskirche
    Gottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Ihr Lieben,

Das Osterevangelium hängt nicht in der Luft. Man kann die freudige Erzählung vom Ostersonntag nur dann verstehen, wenn man sich auch dem aussetzt, was davor geschehen ist.

Kein Ostern ohne Karfreitag. Mit Jesus am Kreuz, der verzweifelt schreit und stirbt. Mit Dunkelheit im ganzen Land, mit Erdbeben und seltsamen Erscheinungen und einem zerrissenen Vorhang im Tempel. Mit römischen Soldaten, die entsetzt begreifen, dass sie da einen Unschuldigen, gar Gottes Sohn, getötet haben. Mit Josef von Arimathäa, der immer ein heimlicher Fan von Jesus gewesen war und sich wenigstens jetzt aus der Deckung wagt und bittet, Jesus begraben zu dürfen. Sonst bleibt ja sowieso nichts mehr zu tun. Mit trostlosen Frauen, die am Grab sitzen und nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Kein Ostern ohne diesen Karfreitag.

Kein Ostern ohne den Samstag, von dem wir oft gar nicht wissen, wie wir ihn überhaupt nennen sollen. In Israel war Sabbat, Ruhetag. Aber man hätte ja sowieso nichts tun können. Die biblischen Texte schweigen von diesem Tag, weil es einfach nichts zu erzählen gibt. Nichts. Wirklich gar nichts. Nur unendliche Trostlosigkeit. Pures Entsetzen. Der Schock, der noch so tief sitzt, dass die Wirklichkeit noch gar nicht so richtig in den Köpfen der Freund:innen Jesu angekommen ist. Die Trauer, die allen fast das Herz zerreist. Die quälende Ungewissheit, was den jetzt werden würde. Die Angst vor dem eigenen Schicksal. Versteckt haben sie sich. Eingeschlossen, irgendwo. Der Raum ist stickig mit ihren Fragen, ihrer Trauer, ihrer Enttäuschung und keiner weiß, was er sagen soll.

Kein Ostern ohne diesen Samstag. Vielleicht der dunkelste Tag der Geschichte.

Ich habe das Gefühl, dass wir dieses Jahr einen ganz besonderen Bezug zu diesem Samstag haben. Vielleicht verstehen wir ihn dieses Jahr besser, als wir ihn jemals zuvor verstanden haben -- jetzt, im zweiten Coronajahr am zweiten Corona-Osterwochenende. Wo so vieles von dem, was wir seit Monaten erleben, irgendwie dem gleicht, was die Nachfolger:innen Jesu damals quält. Ungewissheit. Schlechte Nachrichten ohne Ende. Quälende Fragen, nach dem, was jetzt richtig wäre -- und doch eigentlich nichts, was man jetzt konkret tun könnte. Angst um die eigene Zukunft. Die Frage, wie lange das eigentlich noch so weiter gehen soll. Wie lange noch immer wieder die aufkeimende Hoffnung wieder unbarmherzig unterdrückt werden wird.

Viele von uns haben liebe Menschen verloren in diesem Jahr. Manche sind selbst krank geworden. Manche leiden heute noch unter den Folgen. Manche trauen sich nicht mehr raus. Manche versuchen endlos erfolglos, einen Impftermin zu ergattern.

Irgendwie scheint der Samstag der Osterwoche so nahe in dieser Zeit.

Dabei hätten wir gar kein Corona gebraucht, um den zu verstehen. Das gab es doch auch alles schon vorher.

Menschen in quälender Einsamkeit.

Den Verlust von geliebten Anderen, mit dem man das Leben geteilt hatte. Und jetzt ist er weg, ist sie weg, und nichts scheint mehr Sinn zu machen. Es ist, als hätte man die Freude aus dem Leben rausgelassen wie man die Luft aus einem Luftballon lässt. Pfft... Leer.

Manche leben nur noch nebeneinander her, aber reden seit Jahren nicht mehr miteinander.

Hass und Neid vergiften Beziehungen.

Manche leiden an Krankheiten, die das Leben unerträglich machen. Weder Genesung noch ein erträgliches Ende sind in Sicht. Wie lange noch? Und warum?

Manche wurden als Kind missbraucht. Was du damals erlebt hast, wirft über alles, was seither kam, seinen Schatten. Die Wunden sind tief und reißen immer wieder auf.

Manche haben Angst um die Zukunft. Der Job ist vielleicht unsicher. Die Gesellschaft verändert sich. Das Klima des Miteinanders wird rauer. Das wirkliche Klima draußen ist in Gefahr. Was ist überhaupt noch sicher? Woran kann man sich festhalten?

Der Samstag der Osterwoche war eigentlich schon immer nahe, mit seiner Dunkelheit und Leere.

Und mitten hinein platzt das Osterevangelium, dessen Beginn man nicht überlesen darf:

"ABER als der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen."

Aber.

Mitten in die Verzweiflung der Osternacht spricht Gott sein großes Aber.

Ja, es ist dunkel. ABER.

Ja, es gibt Grund zur Angst. ABER.

Ja, ihr habt keine Hoffnung. ABER.

Als aber der Sabbat vorüber war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, um nach dem Grab zu sehen. Und siehe, es geschah ein großes Erdbeben. Denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab, trat hinzu und wälzte den Stein weg und setzte sich darauf. Seine Erscheinung war wie der Blitz und sein Gewand weiß wie der Schnee. Die Wachen aber erbebten aus Furcht vor ihm und wurden, als wären sie tot.

Die Wachen wissen nicht, wie ihnen geschieht.

Die Frauen am Grab auch nicht. Doch sie hören es. Das "Aber" Gottes:

"Fürchtet euch nicht! Ich weiß, dass ihr Jesus, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. Kommt und seht die Stätte, wo er gelegen hat;"

Das ist es.

All dem Schrecklichen, all dem Leid der ganzen Welt, das sich am Ostersamstag zu konzentrieren scheint, setzt Gott dieses "Aber" entgegen. In ihm hat alles Fragen, eine Antwort. Alles Zweifeln eine Gewissheit. Alles Suchen ein Finden.

Ihr sucht den Gekreuzigten. ABER er ist nicht hier. Er ist auferstanden!

Wo Gott sein "Aber" spricht, da hat keine Dunkelheit bestand. Es ist, als habe man das hellste Licht des Universums angeknipst. Das Dunkle wird nicht langsam ausgeblendet. Es ist weg. Auf einen Schlag. Denn vorher war es finster. ABER Christus ist auferstanden.

Vorher waren alle traurig. ABER Christus ist auferstanden!

Vorher stand ihnen der Tod vor Augen. ABER Christus ist auferstanden!

Vorher hatten alle Zweifel. ABER Christus ist auferstanden!

Vorher hatte sie die Angst gepackt. ABER Christus ist auferstanden!

Vorher verstanden sie gar nichts mehr. ABER Christus ist auferstanden!

Vorher schien alles zu Ende. ABER Christus ist auferstanden!

Ihr merkt, das könnten wir noch lange weitermachen. Wir könnten unsere Fragen, unseren Schmerzen, unsere dunkle Ostersamstagslage in solche Sätze hineinschreiben -- und dem das große "Aber" entgegensetzen.

ABER Christus ist auferstanden.

Und genau das lade ich euch ein, zu tun. Der Slido-Link dazu wird jetzt eingeblendet.

Das müssen wir nämlich tun.

Wenn es neben dem "Aber" etwas gibt, was in dieser Ostererzählung auffällt, dann, wie oft wiederholt wird, man müsse nun gehen und es den anderen sagen. "Eilends" heißt es gleich mehrfach.

Die Osterbotschaft muss nämlich laut werden. Die darf man nicht verschweigen. Das große "Aber" Gottes, das alles -- aber wirklich alles -- ändert -- das muss in die tiefsten Ecken der Welt hineindringen. Jeder muss es wissen: Es ist nicht mehr der Samstag. Der Samstag ist zu Ende. Die Nacht ist vergangen. "Die Sonne geht auf, Christ ist erstanden. Die Nacht ist vorbei, Christ ist erstanden." "Lasst alle hören: Mein Erlöser lebt."

Denn da sind ja noch so viele, die das noch nicht begriffen haben. Die noch in der bangen Ungewissheit, in den Fragen und Zweifeln und Ängsten und dem Leid dieses unsäglichen Samstags festhängen. Die müssen doch hören, dass die Ausweglosigkeit einen Ausweg hat: ABER Christus ist auferstanden.

Manchmal gehöre ich selbst noch dazu. Was ich den anderen sage, ist auch ein Stück Selbstvergewisserung. Ich sage es gegen meine Zweifel, gegen meine Ängste, gegen das beklemmende Gefühl des Samstags, das sich auch in mir immer wieder breit macht -- nicht nur im Coronajahr. Ich will da ganz ehrlich mit mir sein. Die Fragen und Zweifel haben ja ihren Platz in meinem Leben. ABER. ABER. ABER. ABER Christus ist auferstanden.

Da haben wir eine Aufgabe für heute. Dieses ABER muss raus. Es muss in die Welt.

Vielleicht rufst du es nachher jemand zu: ABER Christus ist auferstanden.

Vielleicht nimmst du Kreide und schreibst es auf die Straße vor dem Haus: ABER Christus ist auferstanden.

Vielleicht hängst du ein Plakat an den Gartenzaun oder ins Fenster: ABER Christus ist auferstanden.

Vielleicht schreibst du deinem Nachbarn eine Osterkarte: ABER Christus ist auferstanden.

Vielleicht rufst du jemanden an, von dem du schon lange nichts mehr gehört hast: ABER Christus ist auferstanden.

Vielleicht fällt dir noch etwas ganz anderes ein, weil du viel kreativer bist als ich. Super! Dann mach's!

"Werft mit Hoffnung um euch", hat eine Facebookfreundin heute Morgen gepostet.

Es muss raus: ABER Christus ist auferstanden.

Und nicht nur heute. Da reicht die Zeit eines Tages gar nicht aus, um dieses "Aber" zu fassen-

Gut, dass es auch noch Ostermontag gibt, denkst du.

Aber das reicht auch nicht.

Wir werden es mitnehmen müssen. Eilends. In alle anderen Tage, die da kommen. Bis es zum Lebensstil wird. Bis es keine Plakate und Schriftzüge mehr braucht, sondern alle es an unserem Leben ablesen können -- jeden Tag und besonders an den trüben, dunklen Tagen:

ABER Christus ist auferstanden.

Er ist wahrhaftig auferstanden.

Amen.

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