Predigt
Keiner kann Frieden schmieden
Wo Schwerter trotzdem zu Pflugscharen werden
"Schwerter zu Pflugscharen" -- das klingt super und wäre in unserer Welt gerade heute wieder dringend nötig. Aber zu viele Friedensversprechen wurden schon gebrochen und zu wenige Friedensvisionen wurden tatsächlich wahr. Kann man "Frieden schmieden"? Anscheinend nicht. Gott sei Dank gibt es trotzdem einen Weg zum Frieden. [<em>Kurzversion der Predigt vom 8. Sonntag nach Trinitatis für das Seniorenzentrum Augustenhilfe]</em>
Gottesdienste und Anlässe
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15.08.2019
· 15:30 Uhr
· Augustenhilfe
Gottesdienst
Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, seinem Sohn!
Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,
Der Mann mit den starken Muskeln schwingt einen großen Schmiedehammer. Krachend lässt er den auf das Metallstück in seiner Hand niedersausen. Ding. Das rotglühende Metall biegt sich ein wenig unter der Wucht des Hammers. Nicht viel, nur ein wenig. Aber weil der Hammer immer wieder auf das heiße Eisen kracht, entsteht langsam eine neue Form. Ding. Ding. Ding. Eine Platte formt sich am Ende. Ding. Ding. Ding. Das einst so scharfe, so glänzende, so bedrohlich wirkende Schwert wird keine Köpfe mehr rollen lassen. Ding Ding. Ding. Mit jedem Schlag wird die Kriegswaffe weiter umgeformt. Ein Pflug entsteht. Ein Werkzeug des Friedens. Des Bebauens, des Pflanzens, des Ernährens. Mit dem Pflug wird Leben bewahrt und genährt, nicht jäh beendet. Ding. Ding. Ding. Aus Krieg wird Frieden. Ding. Ding. Ding.
Der Mann mit den starken Muskeln ist eine Skulptur. Das Dingen des Metalls, die Bewegung des Hammers und die langsame Verformung des Eisens finden in der Vorstellung des Betrachters statt. Geschaffen hat die Bronzeplastik der russische Künstler Jewgeni Wutschetitsch. Das Original steht in einem Museum in Moskau. Die viel bekanntere Kopie steht im Garten des Hauptquartiers der Vereinten Nationen in New York, wo sie 1959 als ein Geschenk der Sowjetunion ankamen.
Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Schwerter zu Pflugscharen. Ding. Spieße zu Sicheln. Ding. Ding. Krieg zu Frieden. Ding. Ding. Ding.
Heute, sechzig Jahre später, gibt es keine Sowjetunion mehr. Der kalte Krieg ist längst Geschichte. Das Säbelrasseln der großen Weltmächte gehört der Vergangenheit an. Das Damoklesschwert der atomaren Aufrüstung hängt nicht mehr über unserem Kopf. Hach! Schön wäre es. Auch dreißig Jahre nach dem sogenannten Ende des kalten Kriegs ist unsere Welt keineswegs das friedliche Paradies geworden, von dem die biblischen Propheten immer wieder schwärmen. Kein Ort von universellem Wohlergehen. Kein friedliches Miteinander aller Völker und schon gar nicht aller Menschen. Im Gegenteil: Weltweit wird wieder aufgerüstet. Im Persischen Golf beobachten wir ein intensives Säbelrasseln. Aus Nordkorea fliegen die Raketen. Die Großen der Welt lassen Abrüstungsverträge ohne Folgevereinbarung auslaufen. Da werden wieder Raketenschilde gebaut und Allianzen geschmiedet. Und Manöver durchgeführt. Als Probe für den Ernstfall. Nicht mit Pflugscharen.
Und im ganz kleinen, so einfach von Mensch zu Mensch? Auch da fehlt der Friede an so vielen Stellen. In kaputten Beziehungen und zerstrittenen Partnerschaften und verkrachten Nachbarschaften und bei gemobbten Schülern, bei vergessenen Verwandten und kaltschnäuzigen Kollegen und überhaupt an so vielen Orten des zerrütteten Zusammenlebens finden sich Schwerter viel eher als Pflugscharen. Mehr Spieße als Sicheln. Mehr Gewalt und Hass und Lieblosigkeit und Gefühlskälte statt dem "Schalom", dem umfassenden Gottesfriedens, von dem der Prophet hier redet.
Schwerter zu Pflugscharen. Ding. Spieße zu Sicheln. Ding. Ding. Krieg zu Frieden. Ding. Ding. Ding.
Noch eine Skulptur steht vor dem UN-Hauptquartier in New York. "Non violence" heißt sie: "Gewaltlosigkeit". Geschaffen hat sie 30 Jahre nach Wutschetitschs Schmiedeplastik der Schwede Carl Fredrik Reuterswärd. Kopien davon stehen in 30 Städten der Welt, in Los Angeles, Peking, Lausanne, Malmö und vor dem Bundeskanzleramt in Berlin. Die Bronzeskulptur zeigt eine riesige Pistole. Eine Kriegswaffe. Aber der Lauf der Pistole hat einen Knoten. Kein Schuss wird hier jemals mehr durchkommen. Kein Leben wird mehr plötzlich enden. "Non violence" -- Gewaltlosigkeit. Frieden.
Schwerter zu Pflugscharen. Ding. Spieße zu Sicheln. Ding. Ding. Krieg zu Frieden. Ding. Ding. Ding.
Wenn es doch nur so einfach wäre. Wenn wir alle Pistolen der Welt einfach verknoten könnten. Alle Schwerter zu Pflugscharen umschmieden. Alle Spieße zu Sicheln. Wenn einfach alle Waffen einsammeln könnten und die Atomraketen verschrotten würden und die Panzer einschmelzen zu einer Million Kopien der Plastiken von Wutschewitsch und Reuterswärd. Wenn wir die Grenzzäune abreißen könnten und die Grenzen in den Köpfen der Menschen gleich mit. Wenn wir das Kriegsbeil nicht begraben, sondern in Stücke hauen würden, und den Hass und die Hetze und die Angstpropaganda abschaffen könnten. Wenn wir jeden Streit ein für alle mal beenden könnten. Wenn wir keine Polizei mehr bräuchten und keinen Grenzschutz und keine Wasserwerfer und keine Gefängniszellen...
Schwerter zu Pflugscharen. Ding. Spieße zu Sicheln. Ding. Ding. Krieg zu Frieden. Ding. Ding. Ding.
Aber so einfach ist es eben nicht. Klar kann man viel tun für den Frieden: kann vernünftige Verträge schließen und sinnvolle Gesetze erlassen und Kinder und Jugendliche zu verantwortungsvollen, friedensbereiten Menschen erziehen. Man kann aufeinander zugehen, auf den Partner, auf den Nachbarn, auf den Kollegen, selbst auf den größten Idioten, mit ausgestreckter Hand. Das kann man alles tun. Aber Frieden schaffen -- mit oder ohne Waffen -- so einfach mal umfassend und komplett? Das kann man nicht. Das haben wir Menschen nie geschafft. Und ich sehe keine Anzeichen dafür, dass wir es in Zukunft können werden. Keiner kann Frieden schmieden. Wir suchen, wir jagen ihm nach. Aber irgendwie bleibt er unerreichbar. Keiner kann Frieden schmieden.
Schwerter zu Pflugscharen. Ding. Spieße zu Sicheln. Ding. Ding. Krieg zu Frieden. Ding. Ding. Ding. Keiner kann Frieden schmieden.
Kannste vergessen, Jesaja!
Der Mann mit den starken Muskeln schwingt einen großen Schmiedehammer. Krachend lässt er den auf das Metallstück in seiner Hand niedersausen. Ding. Der Mann mit den starken Muskeln heißt Stefan Nau. Er steht 1983, zum Kirchentag, im Lutherhof in Wittenberg. Der als "Friedenspfarrer" bekannt gewordene Theologe Friedrich Schorlemmer feiert dort eine "Schmiedeliturgie" mit circa 600 Menschen. Die alten Prophetentexte sollen lebendig werden. Prophetisch eben. Lange vorher angemeldet hat man die Veranstaltung nicht, damals in der DDR, aus Angst, sie könne verboten werden. Längst ist Jewgeni Wutschetitschs Skulptur zum Symbol der ostdeutschen Friedensbewegung geworden. Zu einem verbotenen Symbol. Schwerter zu Pflugscharen.
Das Prophetenwort wird tatsächlich prophetisch. Nur wenige Jahre später tragen die Menschen, die sich mit diesem Symbol identifizieren, zur friedlichen Wende bei. 1989 öffnet sich die Grenze. Friedlich. Selbstschussanlagen und Minenfelder werden abgebaut. Schwerter zu Pflugscharen. Die Mauer in Berlin und quer durch deutschland wird in Stücke gehauen. Speere zu sicheln. 1990 wird Deutschland wieder vereint. Krieg zu Frieden. Zumindest ein Stück mehr, in dieser Welt.
Was da wohl passiert ist? Ob der Prophet am Ende doch recht hatte?
Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen.
Das entscheidende Wort geht fast unter in diesem berühmten Satz. "Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen...". Da. Da.
Ja, wo eigentlich?
Da. Der Fingerzeig des Propheten ist ein Wink mit dem Zaunpfahl. Der Satz hat einen Zusammenhang! Man kann ihn nicht einfach herausreißen, nicht einfach loslösen von dem, was drum herum gesagt wird. Hören wir also noch einmal hinein:
... und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des HERRN, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. ... DA werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen machen und ihre Spieße zu Sicheln. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN! (Jesaja 2,1-5)
Den Frieden, von dem der Prophet redet, gibt es nicht ohne Gott. Schwerter werden da zu Pflugscharen geschmiedet, Spieße da zu Sicheln gemacht, wo Gottes Wort gehört wird und seine Weisung die Menschen leitet. Da!
Ja, wo eigentlich?
Dass Gott nicht auf bestimmten Bergen wohnt und in einzelnen Häusern, das wissen wir heute. Es geht also um mehr als nur eine geographische Bestimmung, wenn die Menschen in diesem Prophetenwort sagen, "Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn, zum Hause des Gottes Jakobs..." Es geht um einen Ort, nein um alle Orte, wo man Gottes Wort hören kann, seine Wege lernen kann und das Leben nach seiner Weisheit ausrichtet.
Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Berg des Herrn!
Für uns ragt dieser Berg hoch und weithin sichtbar auf in der Mitte der Schrift, im Evangelium. Christus ist unser Friede! Er hat uns mit Gott versöhnt. Er hat uns gezeigt wie Friede geht, auch und direkt gegen eine Welt, die ihn ablehnte und hasste. Und der hat den Hass besiegt. Die Gewalt, den Ärger, die Wut. Mitten aus all dem ist er auferstanden. Christus ist unser Friede!
Kommt, lasst uns hinaufgehen zum Hause des Gottes Jakobs!
"Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?", fragt Paulus (1. Korinther 3,16). Christus ist unser Friede. Und wo er Einzug hält ins Leben von Menschen, da ist Gottes Gegenwart. Da geschieht Veränderung.
Genau an dieser Stelle fängt Friede an. Im Kleinen. Bei uns. Bei dir und mir. Nicht mit wuchtigen Hammerschlägen. Sondern mit ganz kleinen Schritten. Ich habe Friede mit Gott. Mit diesem Frieden kann ich auf die Menschen um mich her zugehen. Kann lieben, statt zu hassen. Kann vergeben, statt auszuteilen. Kann aufbauen, statt einzureißen. Kann anders sein, als man es erwartet. Dazu hat Christus mich befreit. In ihm habe ich Frieden gefunden. Genug, um ihn weiterzugeben. Und Schritt für Schritt, Stück um Stück, Zentimeter um Zentimeter, wird das Feld gepflügt. Kleine Hoffnungspflänzchen sprießen. Das Feld wird grün und Friede wächst.
Nicht mit brachialen Hammerschlägen. Und doch wächst er, überall dort, wo wir auf Gott hören und uns von ihm gebrauchen und verändern lassen. Und irgendwann, vielleicht langsam, vielleicht erst nach langer Zeit, irgendwann da wird es dann auch Wahrheit, dass Schwerter zu Pflugscharen werden. Und Spieße zu Sicheln.
Keiner kann Frieden schmieden. Man kann ihn nur suchen. Und finden. Bei Gott. Christus ist unser Friede!
Schalom!
Möge der Friede Gottes mit uns sein und durch uns wirken.
Amen.
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