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Wenn er doch käme

Vom Tür-aufmachen und der Sehnsucht nach dem Friedenskönig

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Die Predigt "Wenn er doch käme" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Sacharja 9,9

In aller Kürze

Einen Friedenskönig könnten wir wirklich gut gebrauchen. Wenn er doch nur käme! Vielleicht müssen wir ihm einfach mal die Tür öffnen?

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ein Friedenskönig. So einen könnte ich brauchen.

Der Heil und Leben mit sich bringt.
Gerecht, ein Helfer wert.
Mit Sanftmütigkeit als Gefährten.
So einen könnte ich wirklich gebrauchen.

All uns're Not zum End er bringt.
Da würde ich auch jauchzen und vor Freude singen.

Die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn
-- die käme mir jetzt gerade recht.

Gnade und Freundlichkeit
und den Weg zur ew'gen Seligkeit.
All das könnte ich so richtig gut gebrauchen.
Und ich glaube, ich bin nicht der Einzige.

Ganz bestimmt nicht dieses Jahr.

Das wäre doch was:

Heil werden, statt sich vor Ansteckung fürchten.
Leben, statt sich vor dem Virus zu verstecken.
Gerechtigkeit, statt dass jeder nur an sich selbst denkt.
Und ein Helfer, für alle, die es allein nicht schaffen.
Sanftmut, statt aufgebrachter Parolen.
Und ein Ende der Not.
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt.

Freudensonn, statt sorgenvoller Nachrichten.
Freude und Wonne und Gnade.
Und Freundlichkeit, statt harter Begrenzungen.
Derhalben jauchzt, mit Freuden singt.

Man bräuchte endlich einen Impfstoff, meinen die einen.
Man bräuchte mehr Freiheit, meinen die anderen.
Man bräuchte einen, der mal so richtig durchgreift, meinen viele.
Man bräuchte...
Man bräuchte einen Friedenskönig.
So einen, wie bei Sacharja:

Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Sacharja 9,9-10)

Ein Friedenskönig.
Ein Gerechter und ein Helfer.

Da würde nicht nur Zion jauchzen, sondern der Lammerberg und der Schlossberg und der Braunhardsberg gleich mit.
Freu dich, Tailfingen, jauchze!
Siehe, dein König kommt zu dir.

Wenn er doch nur käme...

Weg mit den Wagen und den Rossen.
Weg mit Gewalt und mit Geschrei.
Weg mit Gerüchten von Verschwörung.
Weg mit politischem Druck und immer härteren Maßnahmen.
Weg mit Abständen und Masken und Kontaktverboten und Besuchseinschränkungen.
Weg mit all dem, was uns das Leben so schwer macht.
Was uns voneinander entfremdet.
Was uns gegeneinander aufbringt.
Was uns voneinander fernhält.
Weg damit.

Zerbrecht doch den Kriegsbogen und lasst sein Friedensreich endlich anbrechen von einem Meer bis zum anderen und mittendrin auf der Schwäbischen Alb, hier in Tailfingen, da sowieso.

Ein Friedenskönig.
Den bräuchten wir jetzt wirklich.
Wenn er doch käme.
Wenn er doch endlich käme!

Sehnsucht.
Es zerreißt mir fast das Herz.
Ich möchte platzen, so sehr wünsche ich mir, dass er käme, dieser Friedenskönig.

Sehnsucht.
Diese Sehnsucht hat einen Namen.
Sie heißt:

Advent.

Advent. Er kommt.
Er ist noch nicht da.
Aber wir haben gehört, er kommt.
Und dann wird alles anders.

Wenn er kommt, dann wird Friede.
Wenn er kommt, dann freuen wir uns.
Wenn er kommt, dann sind wir frei und können lachen und feiern und unbeschwert fröhlich sein.

Wenn er doch nur endlich käme.

Advent.
Sehnsucht.
Advent.

Macht hoch die Tür.

Der Advent ist voll davon, von dieser Sehnsucht
und voll davon, von diesem "Tür-hochmachen."
Von dem Sehnen nach seinem Kommen und von der Vorbereitung darauf.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit.

Ist sie denn zu, die Tür?
Vielleicht liegt es daran, dass wir uns immernoch sehnen?
Sind es am Ende gar wir, die die Tür zuhalten?
Sind es unsere Befindlichkeiten und unsere kleinen Ungerechtigkeiten,
unser Stolz und unser Streit, die die Tür geschlossen halten?

Macht hoch die Tür! Lass sie uns weit aufstoßen?

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
Eu'r Herz zum Tempel zubereit'.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
Steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
So kommt der König auch zu euch,
Ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
Voll Rat, voll Tat, voll Gnad.
Ach so ist das.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
Steckt auf mit Andacht, Lust und Freud;
So kommt der König auch zu euch.

Kann es so einfach sein?

Dann möchte ich sie aufstecken, diese Zweiglein, und jetzt muss ich nur noch finden, wo man sie kaufen kann, diese Gottseligkeits-Zweiglein, oder ernten, oder einfach am Wegrand auflesen -- und dann werden sie aufgesteckt und der König kommt und alles wird gut. Selbst Corona vergessen. Gelobet sei mein Gott!

Aber wie geht das denn? Was soll das denn überhaupt sein?

Die Zweiglein sind ja einfach der typische Advents- und Weihnachtsschmuck. In Kirchen, Wohnzimmern, Geschäften -- überall schmückt man gerade mit Zweigen. So soll man wohl auch das Leben schmücken. Aber womit?

Beim alten Wort von der "Gottseligkeit" gerate ich ins Stolpern.

Es ist nicht so recht griffig.
Es kommt in meinem Wortschatz gar nicht vor.
Es sagt mir nichts.

Martin Luther hat es einmal so erklärt:

Dass wir in allem äußerlichen Leben, was wir tun oder leiden, uns also halten, dass wir Gott darin dienen, nicht unsere Ehre und Nutzen suchen, sondern dass Gott alleine dadurch gepriesen werde.

Das leuchtet mir irgendwie ein.
Aber was kann ich tun, gerade jetzt, in den nächsten Tagen, um Gott die Ehre zu geben? Was macht denn dem König die Tür auf?

Zur Einweihung der neuen Altrossgärtner Kirche und der eigenen Amtseinführung verfasste Weissel im 17. Jahrhundert seine bekannte Vertonung des 24. Psalms:

Neulich, als der starke Nordoststurm von der nahen Samlandküste herüberwehte und viel Schnee mit sich brachte, hatte ich in der Nähe des Domes zu tun. Die Schneeflocken klatschten den Menschen auf der Strasse gegen das Gesicht, als wollten sie ihnen die Augen zukleben. Mit mir strebten deshalb noch mehr Leute dem Dom zu, um Schutz zu suchen. Der freundliche und humorvolle Küster öffnete uns die Tür mit einer tiefen Verbeugung und sagte: 'Willkommen im Hause des Herrn! Hier ist jeder in gleicher Weise willkommen, ob Patrizier oder Tagelöhner! Sollen wir nicht hinausgehen auf die Strassen, an die Zäune und alle hereinholen, die kommen wollen? Das Tor des Königs aller Könige steht jedem offen'.» Weissel bedankte sich bei seinem Küster: «Er hat mir eben eine ausgezeichnete Predigt gehalten!

Direkt neben der Kirche wohnte der reiche Geschäftsmann Sturgis. Es waren unsichere Zeiten und Sturgis hatte sein Grundstück abgesichert und mit Toren abgeschlossen. Natürlich war dies sein gutes Recht, doch gerade hinter seinem Grundstück befand sich das Armen- und Siechenheim des Ortes. Die Menschen, die dort lebten, konnten nun nicht mehr auf kurzem Wege in die Stadt oder die Kirche gehen. Sie mussten einen weiten Umweg nehmen. Viele waren dadurch abgeschnitten, sie hatten keine Möglichkeit mehr, am Gemeindeleben teilzunehmen.

Am vierten Advent kam Georg Weissel mit dem Kurrendechor zu Sturgis' Haus. Zahlreiche arme und gebrechliche Leute aus dem Armenhaus hatten sich ihm angeschlossen. Weissel selbst hielt eine kurze Predigt. Er hatte seine Stelle gerade erst angetreten und stand vor der Haustür seines reichsten Gemeindegliedes. Aber er sprach davon, dass viele Menschen dem König aller Könige, dem Kind in der Krippe, die Tore ihres Herzens versperrten, sodass er bei ihnen nicht einziehen könne. Und er wurde sehr konkret: "Heute, lieber Herr Sturgis, steht er vor eurem verriegelten Tor. Ich rate euch, ich flehe euch an bei eurer Seele Seligkeit, öffnet ihm nicht nur dieses sichtbare Tor, sondern auch das Tor eures Herzens und lasst ihn demütig mit Freuden ein, ehe es zu spät ist."

Und dann begann der Chor zu singen:
"Macht hoch die Tür, die Tor macht weit! Es kommt der Herr der Herrlichkeit…"

Der reiche Geschäftsmann stand da wie vom Donner gerührt. Noch bevor das Lied verklungen war, griff er in die Tasche und holte den Schlüssel zum Tor heraus. Er sperrte die Pforten wieder auf und sie wurden nie mehr verschlossen. Die Heimbewohner hatten ihren Weg zur Kirche wieder, der im Ort noch lange Zeit der "Adventsweg" genannt wurde.

Vielleicht ist gerade das das Geheimnis: Wo ich die Tür für andere aufmache -- ganz wörtlich oder einfach in meinem Herzen, in meiner Haltung anderen gegenüber -- da geht sie auch für den Friedenskönig auf.

So kommt der König auch zu euch,
Ja, Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott,
Voll Rat, voll Tat, voll Gnad.
Das will ich gerne tun in diesen Tagen. Möge Gott mir die Augen öffnen für meine verschlossenen Türen und möge er mir selbst diese "Zweiglein der Gottseligkeit" aufstecken, indem er mir Mut gibt, Schritte auf die anderen zu zu tun.
Dann kann er kommen, der Friedenskönig,
der Heil und Leben mit sich bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt.
Ja, das wünsche ich mir.
Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, einem Füllen der Eselin. Denn ich will die Wagen wegtun aus Ephraim und die Rosse aus Jerusalem, und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde. (Sacharja 9,9-10)
Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer