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Was will denn die da?

Von Gott, der keine Grenzen kennt

Aufnahme der Predigt (17:39)
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Die Predigt "Was will denn die da?" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Rut 1,1-19

In aller Kürze

"Was will denn die da?", ist genau die Frage, die im Rutbuch nicht vorkommt. Denn Gott stellt solche trennenden Fragen nicht. Im Gegenteil: "Der Heiden Heiland" lädt alle Menschen zu sich ein.

Gnade mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Der Predigttext für heute kommt aus dem ersten Testament, aus dem ersten Kapitel des Rutbuchs. Seit wenigen Tagen kann man ihn in einer neuen Bibelübersetzung lesen: In der Basisbibel, mit leichtem, gut verständlichem Text für heutige Ohren. Nach vielen Jahren Arbeit gibt es nun die Gesamtausgabe. Die enthält auch die Texte der hebräischen Bibel. Deshalb lese ich den Text heute in dieser Version:

Es war zu der Zeit,
als Richter in Israel regierten.
Wieder einmal herrschte Hunger im Land.
Da verließ ein Mann die Stadt Betlehem in Juda.
Er wollte mit seiner Frau und seinen zwei Söhnen
eine Zeit lang im Land Moab leben.
Der Mann hieß Elimelech
und seine Frau hieß Noomi.
Seine beiden Söhne hießen Machlon und Kiljon.
Sie gehörten zur Großfamilie der Efratiter,
die aus Betlehem im Land Juda kam.

Sie gingen nach Moab und ließen sich dort nieder.
Da starb Noomis Mann Elimelech,
und sie blieb mit ihren zwei Söhnen zurück.
Die beiden heirateten Moabiterinnen.
Eine hieß Orpa und die andere Rut.
Ungefähr zehn Jahre lang wohnten sie in Moab.
Dann starben auch die beiden Söhne
Machlon und Kiljon.
Noomi blieb allein zurück, ohne Söhne und Mann.
Noomi machte sich auf und zog aus Moab weg,
zusammen mit ihren Schwiegertöchtern.
Sie hatte dort nämlich erfahren,
dass der Herr sich um sein Volk kümmerte
und ihm Brot gab.
So verließ sie den Ort,
an dem sie gelebt hatte.
Die beiden Schwiegertöchter begleiteten sie
auf dem Weg zurück ins Land Juda.
Unterwegs sagte Noomi
zu ihren beiden Schwiegertöchtern:
»Kehrt um! Geht zu euren Müttern zurück!
Der Herr soll euch genauso lieben,
wie ihr die Verstorbenen und auch mich geliebt habt.
Er soll dafür sorgen, dass ihr ein neues Zuhause findet
bei neuen Ehemännern.«
Noomi küsste die beiden.
Aber sie weinten laut und baten Noomi:
»Lass uns mit dir zu deinem Volk zurückkehren!«

Doch Noomi erwiderte: »Kehrt um, meine Töchter!
Warum wollt ihr mit mir gehen?
Ich kann keine Söhne mehr zu Welt bringen,
die euch heiraten würden.
Kehrt um, meine Töchter! Geht!
Ich bin einfach zu alt für eine neue Ehe.
Selbst wenn ich es nicht wäre –
wenn ich noch heute Nacht mit einem Mann schlafen
und danach Söhne zur Welt bringen würde:
Wollt ihr wirklich warten, bis sie groß sind?
Wollt ihr euch so lange einschließen
und mit keinem Mann verheiratet sein?
Nein, meine Töchter!
Mein Schicksal ist zu bitter für euch!
Die Hand des Herrn hat mich getroffen.«
Da weinten die beiden noch lauter.
Orpa küsste ihre Schwiegermutter zum Abschied.
Aber Rut blieb bei Noomi.
Noomi sagte zu Rut: »Schau!
Deine Schwägerin ist umgekehrt zu ihrem Volk
und zu ihrem Gott.
Mach es wie sie: Kehr um!«
Aber Rut antwortete: »Schick mich nicht fort!
Ich will dich nicht im Stich lassen.
Ja, wohin du gehst, dahin gehe auch ich.
Und wo du bleibst, da bleibe auch ich.
Dein Volk ist mein Volk,
und dein Gott ist mein Gott!
Wo du stirbst, da will auch ich sterben,
und da will ich auch begraben sein.
Der Herr soll mir antun, was immer er will!
Nichts kann mich von dir trennen außer dem Tod.«
Noomi sah, dass Rut entschlossen war,
mit ihr zu ziehen.
Da hörte sie auf, es ihr auszureden.

So wanderten sie gemeinsam nach Betlehem.
Als sie dort ankamen,
geriet die ganze Stadt in Aufregung.
Die Frauen riefen: »Das ist doch Noomi!«

Was will denn die da?

So haben sie vielleicht gefragt, als sie ankam in Moab. Hinter vorgehaltener Hand oder auch ganz offen. Die Familie aus Betlehem mit Mann, Frau und Kindern. Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Westen, wo es gerade nicht genug für alle gab. Jetzt kommen sie hier zu uns, um von unserem Wohlstand zu profitieren -- als wären wir das Sozialamt der ganzen Welt.

Elimelech heißt er, der Migrant von den Efratitern aus Juda. "Mein Gott ist König." Das klingt nicht nach Unterordnung unter die Grundordnung des moabitischen Königreichs. Ehrlich gesagt, klingt es wie Hohn in den Ohren der Menschen von dort. Die gehen davon aus, dass jede Gegend ihre eigenen Gottheiten hat. Macht und Stärke dieser Götter lassen sich ganz direkt daran ablesen, wie gut es "ihren" Menschen geht. Das spricht nicht gerade für einen Gott, der angeblich "König" ist und dessen Nachfolger vor einer Hungersnot fliehen müssen.

Machlon, "der Schwächliche" und Kiljon, "der Gebrechliche" -- die Namen der Söhne passen da schon viel eher. Und die Vorurteile scheinen sich ja zu bestätigen: Nach nur wenigen Jahren in Moab stirbt Elimelech und Machlon und Kiljon kurz nach ihm.

"Was will denn die da?", haben sie vielleicht gefragt, als jetzt nur noch Noomi übrig blieb. Und mit ihr ihre zwei moabitischen Schwiegertöchter Rut und Orpa.

Was die sich schon alles anhören müssen hatten, weil sie zwei Flüchtlinge geheiratet haben, das kann sich wahrscheinlich auch hier in Tailfingen so mancher bildlich vorstellen. Bei Trauergesprächen vor Beerdigungen habe ich oft ganz ähnliche Geschichten aus der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gehört.

Und so macht sich Noomi mit ihren zwei Begleiterinnen auf in Richtung Heimat. Nach Westen. Nach Juda.

"Was will denn die da?", hat man vielleicht auch dort gesagt, als sie dort ankommen. Inzwischen sind sie nur noch zu zweit, denn eine der Schwiegertöchter, Orpa, ist umgekehrt. Auf Anraten von Noomi, das muss man ihr zugute halten. Die will nämlich nur das beste für ihre Schwiegertöchter. Sie will ihnen ein Leben als Witwen und Ausländerinnen in der Fremde ersparen. "Kehrt doch um", hat sie den beiden geraten. Fangt doch noch einmal neu an, zu Hause, bei eurem Volk! Orpa hat den Rat angenommen. Rut nicht.

"Was will denn die da?", hat so mancher vermutlich gesagt (oder zumindest gedacht), als Noomi mit Rut im Schlepptau nach Betlehem zurückkehrt. Noomi, die es damals nicht ausgehalten hatte, hier in der Heimat. Die sich Besseres erhoffte in der Fremde und dort alles verlor. "War ja klar", denkt da vielleicht mancher. Ist nicht "Bleibe im Lande und nähre dich redlich" eine biblische Weisheit?

Und jetzt kommt sie zurück mit so einer. Einer Fremden. Einer Moabiterin. Einer Götzenanbeterin, weiß man in Israel und hat strenge Gesetze gegen die Vermischung mit solchen Ausländern. Jetzt kommt die hier zu uns, und will mit profitieren vom Segen, den der eine wahre Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde, seinem auserwählten Volk versprochen hat. Will vielleicht noch einen von uns heiraten... So weit kommt's noch!

Was will denn die da?

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ich hoffe ja, dass die eine oder der andere es bemerkt hat: Fast alles, was ihr bisher gehört habt, war pure Spekulation. Im biblischen Text sind all die Vorurteile und die Frage, "Was will denn die da?" nicht zu finden. Klar, sagen wir, man muss ja zwischen den Zeilen lesen und man kann sich schon vorstellen, wie das damals vermutlich gelaufen ist. Kann man das? Oder sind es einfach unsere eigenen Vorurteile, die wir da in einen alten Text hineinlesen?

Wir sind nämlich die, die so denken. Es ist in unserer Zeit, dass Menschen, die auf der Flucht sind -- auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten, nach besseren Lebensbedingungen, getrieben von Krieg, Hunger und Verfolgung -- im Mittelmeer ertrinken. Wir erschauern kurz, wenn wir das in der Zeitung lesen und blättern um zu den Wirtschaftsnachrichten. Es ist auf unserem Kontinent, in unserem Europa, dass Menschen unter den unwürdigsten Bedingungen in Lager gepfercht werden, wo selbst sauberes Trinkwasser Mangelware ist. Wo Boote mit Flüchtlingen von rechtsstaatlichen Organen auf offener See abgedrängt werden und Rettungsschiffen der sichere Hafen verweigert wird (wenn sie nicht schon vorher einfach aus fadenscheinigen Gründen festgesetzt werden). Es ist hier bei uns in Europa, dass neue Grenzzäune gebaut werden und Menschen auf der Flucht im Winter ohne ein Dach über dem Kopf übernachten müssen.

Das was wir in der Antike des Rutbuchs vermuten, das passiert hier bei uns. Und gerät gerne in Vergessenheit. Ja, Corona ist schlimm und stellt uns alle auf die Probe, zehrt an unseren Nerven und bringt ganz ungekannte Herausforderungen mit sich. Aber während ich mich in meinem warmen Wohnzimmer isoliere, um Kontakte zu vermeiden, versinken gar nicht so weit südlich von uns Menschen in Eis und Schlamm und Elend oder einfach im Meer.

Was will denn die da? Was will denn der da?

Das sind unsere Fragen. Nicht die des Rutbuchs.

Im Gegenteil: Es ist geradezu erstaunlich, wie sehr sich dieses Buch gegen Grenzen wehrt, die natürlich auch in der Antike an manchen Stellen gezogen werden. Wo Herkunft und Nationalität, Religion und Glaube sonst als Maßstab für Abgrenzung gelten, da spricht dieses Buch eine andere Sprache:

Ich will dich nicht im Stich lassen.
Ja, wohin du gehst, dahin gehe ich auch.
Und wo du bleibst, da bleibe auch ich.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!

Wo Geschlecht und sozialer Status sonst Grenzen sind, nach denen sich Menschen in Gruppen einteilen lassen, spricht dieses Buch, ganz ungewöhnlich für seine Zeit, durchgehend aus der Sicht der Frauen, nicht der Männer. Aus der Sicht der Armen, nicht der Reichen und Mächtigen. Aus der Sicht derer, die um's Überleben kämpfen und derer, die vom Schicksal schwer gebeutelt wurden: "Nennt mich nicht Noomi, 'meine Freude', sondern nennt mich Mara, 'die Bittere'!" Das Rutbuch stellt die in den Vordergrund, die oft keinen Fürsprecher haben, die von den Resten der Gesellschaft leben, die nicht im sichtbaren Segen schwelgen.

Da werden Grenzen überwunden, die sonst Menschen voneinander trennen. An dem Punkt, wo sonst eine von beiden hätte umkehren müssen, geht es hier gemeinsam weiter. "Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!"

"Was will denn die da?", ist genau die Frage, die im Rutbuch nicht vorkommt.

Ein kleines Schmuckstück der hebräischen Weisheitsliteratur klingt plötzlich ganz modern und aufgeklärt, wenn wir genau hinhören. Wir stehen daneben und sind fast peinlich berührt, weil wir, die Aufgeklärten und Modernen, uns oft ganz anders benehmen.

"Was will denn die da?", ist genau die Frage, die im Rutbuch nicht vorkommt.

Und genau diese Tatsache ist der Grund, warum uns heute dieser Text begegnet -- am 3. Sonntag nach Epiphanias. Als Christen können wir nämlich gar nicht anders, als darin Spuren des Gottes zu entdecken, der die Grenzen überwindet, die wir oft ziehen. Der bedingungslos und grenzenlos alle Menschen liebt. Seinen Herzschlag entdecken wir in Rut und Noomi aus dem alten Weisheitsbuch. Seinen Herzschlag hören wir in der Jahreslosung: "Seid barmherzig, wie auch euer Vater im Himmel barmherzig ist." Dieser Herzschlag durchzieht den Wochenspruch, in dem es keine Grenzen gibt: "Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes." Und dieser Herzschlag wird Mensch in dem, an dem sich unser Glaube festmacht: in Jesus Christus.

Die Sonntage nach Epiphanias beschäftigen sich ja alle thematisch mit verschiedenen Aspekten dessen, was geschieht wenn Gott -- wie wir an Weihnachten gefeiert haben -- zu den Menschen kommt. Sein Herzschlag lässt sich schon in den alten Schriften spüren, aber nirgends besser beobachten als in diesem Jesus von Nazaret. Der kennt nämlich auch nicht die üblichen Grenzen. Der geht ganz unerschrocken auf Frauen zu, lässt Kinder zu sich kommen, berührt selbst ansteckend Kranke. Er schreckt vor stadtbekannten Sündern nicht zurück. Er hat keine Hemmungen gegenüber Ausländern, oder Armen oder sonst irgendjemand, der in der übrigen Gesellschaft eher ausgegrenzt wird. Er ist es, auf den der Wochenspruch zurückgeht: "Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes." Und er ist der Grund dafür, weil Gott in ihm allen Menschen das Heil bringt -- nicht nur Israel, sondern auch allen anderen. Er ist, mit den Worten eines Adventslieds, "der Heiden Heiland."

"Heiden", das ist auch wieder so ein menschlicher Trennungsbegriff. Da wird unterschieden, wer dazugehört und wer nicht. Gott tut das nicht. Das sehen wir in Jesus und in Texten wie dem Rutbuch. Gut für uns, denn so dürfen auch wir zu ihm gehören. Über diese Wahrheit des Evangeliums können wir uns heute freuen -- der Heiden Heiland. Unser Heiland.

Aber mehr noch als das dürfen wir uns ruhig von diesem Herzschlag Gottes anstecken lassen.

"Was will denn die da?" fragen und denken wir, bewusst oder unbewusst, noch viel zu oft. Und wo wir Grenzen ziehen, da bleiben Menschen auf der Strecke. Draußen.

"Mein Volk ist dein Volk und mein Gott ist dein Gott." Wo wir mit Gottes Herzschlag zu leben lernen, da zeigt sich Barmherzigkeit wie eine einladende Hand. Da werden Grenzen abgebaut, Zäune niedergerissen und Trennungen überwunden. Da geschieht etwas, was uns alle verändert: Da erleben alle ein Stück mehr das Heil des Heilands der Heiden.

Möge das hier bei uns geschehen.

Amen.

 

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer