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Was will denn die da?

Von Gott, der keine Grenzen kennt

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Die Predigt "Was will denn die da?" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Rut 1,1-19

In aller Kürze

"Was will denn die da?", ist genau die Frage, die im Rutbuch nicht vorkommt. Denn Gott stellt solche trennenden Fragen nicht. Im Gegenteil: "Der Heiden Heiland" lädt alle Menschen zu sich ein. [Kurzversion für den Telefongottesdienst]

Gnade mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Was will denn die da?

So haben sie vielleicht gefragt, als sie ankam in Moab. Die Familie aus Betlehem mit Mann, Frau und Kindern. Wirtschaftsflüchtlinge aus dem Westen, wo es gerade nicht genug für alle gab.

Nach nur wenigen Jahren in Moab stirbt Elimelech und Machlon und Kiljon kurz nach ihm.

"Was will denn die da?", haben sie vielleicht gefragt, als jetzt nur noch Noomi übrig blieb. Und mit ihr ihre zwei moabitischen Schwiegertöchter Rut und Orpa.

"Was will denn die da?", hat so mancher vermutlich gesagt (oder zumindest gedacht), als Noomi mit Rut im Schlepptau nach Betlehem zurückkehrt. Noomi, die es damals nicht ausgehalten hatte, hier in der Heimat. Die sich Besseres erhoffte in der Fremde und dort alles verlor.

Und jetzt kommt sie zurück mit so einer. Einer Fremden. Einer Moabiterin. Einer Götzenanbeterin, weiß man in Israel und hat strenge Gesetze gegen die Vermischung mit solchen Ausländern.

Was will denn die da?

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ich hoffe ja, dass die eine oder der andere es bemerkt hat: Fast alles, was ihr bisher gehört habt, war pure Spekulation. Im biblischen Text sind all die Vorurteile und die Frage, "Was will denn die da?" nicht zu finden. Klar, sagen wir, man muss ja zwischen den Zeilen lesen und man kann sich schon vorstellen, wie das damals vermutlich gelaufen ist. Kann man das? Oder sind es einfach unsere eigenen Vorurteile, die wir da in einen alten Text hineinlesen?

Wir sind nämlich die, die so denken. Wir sind auch die, die so handeln. Es ist in unserer Zeit, dass Menschen, die auf der Flucht sind -- auf der Suche nach Überlebensmöglichkeiten, nach besseren Lebensbedingungen, getrieben von Krieg, Hunger und Verfolgung -- im Mittelmeer ertrinken.  Es ist auf unserem Kontinent, in unserem Europa, dass Menschen unter den unwürdigsten Bedingungen in Lager gepfercht werden, wo selbst sauberes Trinkwasser Mangelware ist. Wo Boote mit Flüchtlingen von rechtsstaatlichen Organen auf offener See abgedrängt werden und Rettungsschiffen der sichere Hafen verweigert wird (wenn sie nicht schon vorher einfach aus fadenscheinigen Gründen festgesetzt werden). Es ist hier bei uns in Europa, dass neue Grenzzäune gebaut werden und Menschen auf der Flucht im Winter ohne ein Dach über dem Kopf übernachten müssen.

Was will denn die da? Was will denn der da?

Das sind unsere Fragen. Nicht die des Rutbuchs.

Im Gegenteil: Es ist geradezu erstaunlich, wie sehr sich dieses Buch gegen Grenzen wehrt, die natürlich auch in der Antike an manchen Stellen gezogen werden. Wo Herkunft und Nationalität, Religion und Glaube sonst als Maßstab für Abgrenzung gelten, da spricht dieses Buch eine andere Sprache:

Ich will dich nicht im Stich lassen.
Ja, wohin du gehst, dahin gehe ich auch.
Und wo du bleibst, da bleibe auch ich.
Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!

Wo Geschlecht und sozialer Status sonst Grenzen sind, nach denen sich Menschen in Gruppen einteilen lassen, spricht dieses Buch, ganz ungewöhnlich für seine Zeit, durchgehend aus der Sicht der Frauen, nicht der Männer. Aus der Sicht der Armen, nicht der Reichen und Mächtigen. Aus der Sicht derer, die um's Überleben kämpfen und derer, die vom Schicksal schwer gebeutelt wurden. Das Rutbuch stellt die in den Vordergrund, die oft keinen Fürsprecher haben, die von den Resten der Gesellschaft leben, die nicht im sichtbaren Segen schwelgen.

Da werden Grenzen überwunden, die sonst Menschen voneinander trennen. An dem Punkt, wo sonst eine von beiden hätte umkehren müssen, geht es hier gemeinsam weiter. "Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott!"

"Was will denn die da?", ist genau die Frage, die im Rutbuch nicht vorkommt.

Und genau diese Tatsache ist der Grund, warum uns heute dieser Text begegnet -- am 3. Sonntag nach Epiphanias. Als Christen können wir gar nicht anders, als darin Spuren des Gottes zu entdecken, der die Grenzen überwindet, die wir oft ziehen. Der bedingungslos und grenzenlos alle Menschen liebt. Seinen Herzschlag entdecken wir in Rut und Noomi aus dem alten Weisheitsbuch. Dieser Herzschlag durchzieht den Wochenspruch, in dem es keine Grenzen gibt: "Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes." Und dieser Herzschlag wird Mensch in dem, an dem sich unser Glaube festmacht: in Jesus Christus.

Die Sonntage nach Epiphanias beschäftigen sich ja alle thematisch mit verschiedenen Aspekten dessen, was geschieht wenn Gott -- wie wir an Weihnachten gefeiert haben -- zu den Menschen kommt. Sein Herzschlag lässt sich schon in den alten Schriften spüren, aber nirgends besser beobachten als in diesem Jesus von Nazaret. Der kennt nämlich auch nicht die üblichen Grenzen. Der geht ganz unerschrocken auf Frauen zu, lässt Kinder zu sich kommen, berührt selbst ansteckend Kranke. Er schreckt vor stadtbekannten Sündern nicht zurück. Er hat keine Hemmungen gegenüber Ausländern, oder Armen oder sonst irgendjemand, der in der übrigen Gesellschaft eher ausgegrenzt wird. Er ist es, auf den der Wochenspruch zurückgeht: "Es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes." Und er ist der Grund dafür, weil Gott in ihm allen Menschen das Heil bringt -- nicht nur Israel, sondern auch allen anderen. Er ist, mit den Worten eines Adventslieds, "der Heiden Heiland."

"Heiden", das ist auch wieder so ein menschlicher Trennungsbegriff. Da wird unterschieden, wer dazugehört und wer nicht. Gott tut das nicht. Das sehen wir in Jesus und in Texten wie dem Rutbuch. Gut für uns, denn so dürfen auch wir zu ihm gehören. Über diese Wahrheit des Evangeliums können wir uns heute freuen -- der Heiden Heiland. Unser Heiland.

Aber mehr noch als das dürfen wir uns ruhig von diesem Herzschlag Gottes anstecken lassen.

"Was will denn die da?" fragen und denken wir, bewusst oder unbewusst, noch viel zu oft. Und wo wir Grenzen ziehen, da bleiben Menschen auf der Strecke. Draußen.

"Mein Volk ist dein Volk und mein Gott ist dein Gott." Wo wir mit Gottes Herzschlag zu leben lernen, da zeigt sich Barmherzigkeit wie eine einladende Hand. Da werden Grenzen abgebaut, Zäune niedergerissen und Trennungen überwunden. Da geschieht etwas, was uns alle verändert: Da erleben alle ein Stück mehr das Heil des Heilands der Heiden.

Möge das hier bei uns geschehen.

Amen.

 

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer