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Was ist anders in dieser Nacht?

Aufnahme der Predigt (16:06)
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Die Predigt "Was ist anders in dieser Nacht?" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Exodus 12,1-14

In aller Kürze

Aus dem alten Fest der Befreiung macht Jesus noch einmal ein ganz neues Fest der Freiheit, die Gott durch ihn allen Menschen schenkt.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Gestern haben sie wieder begonnen. In Jerusalem und anderswo. Zugegeben, auch dort unter anderen Bedingungen als in sonstigen Jahren. Das Pessachfest ist das wichtigste Fest des jüdischen Glaubens. Es erinnert an die Befreiung des Volkes aus der Sklaverei in Ägypten durch die mächtige Hand Gottes. 8 Tage wird dazu gefeiert, nach dem jüdischen Kalender im Monat Nissan, immer im März oder April. Der erste Abend ist dabei ein ganz besonderer. Mit einem speziellen Festessen beginnt das große Fest. Einem von Gott selbst eingesetzten Festessen, sagen die alten Texte. Wir lesen heute davon, aus dem 12. Kapitel des Buchs vom Auszug, "Exodus" (2. Mose).

Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron in Ägyptenland:
Dieser Monat soll bei euch der erste Monat sein, und von ihm an sollt ihr die Monate des Jahres zählen. Sagt der ganzen Gemeinde Israel: Am zehnten Tage dieses Monats nehme jeder Hausvater ein Lamm, je ein Lamm für ein Haus. Wenn aber in einem Hause für ein Lamm zu wenige sind, so nehme er's mit seinem Nachbarn, der seinem Hause am nächsten wohnt, bis es so viele sind, dass sie das Lamm aufessen können. Da soll es die ganze Versammlung der Gemeinde Israel schlachten gegen Abend. Und sie sollen von seinem Blut nehmen und beide Pfosten an der Tür und den Türsturz damit bestreichen an den Häusern, in denen sie's essen, und sollen das Fleisch essen in derselben Nacht, am Feuer gebraten, und ungesäuertes Brot dazu und sollen es mit bitteren Kräutern essen. Und ihr sollt nichts davon übrig lassen bis zum Morgen; wenn aber etwas übrig bleibt bis zum Morgen, sollt ihr's mit Feuer verbrennen.
So sollt ihr's aber essen: Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt es in Eile essen; es ist des HERRN Passa. Denn ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh und will Strafgericht halten über alle Götter der Ägypter. Ich bin der HERR. Dann aber soll das Blut euer Zeichen sein an den Häusern, in denen ihr seid: Wo ich das Blut sehe, will ich an euch vorübergehen, und die Plage soll euch nicht widerfahren, die das Verderben bringt, wenn ich Ägyptenland schlage. Ihr sollt diesen Tag als Gedenktag haben und sollt ihn feiern als ein Fest für den HERRN, ihr und alle eure Nachkommen, als ewige Ordnung.
(Exodus 12,1-3.4-8.10-14)

Israel. Irgendwo in einem Haus. Am ersten Abend des Pessachfests.

Draußen wird es dunkel. Drinnen lässt Simon die Blicke stolz über den festlich gedeckten Tisch schweifen. In Gedanken geht er noch einmal alles durch, was gleich geschehen wird. Als Hausvater ist er verantwortlich für den Ablauf des Fests in seiner Familie. Und er ist zufrieden: Ja, alles da. Das Fest kann beginnen. Simon lächelt seine Frau an und schaut fröhlich zu den Kindern, die um den Tisch sitzen. Er greift nach dem ersten Becher mit Wein und hebt ihn hoch. "Baruch Atah Adonaj Elohejnu melech ha’olam, borej peri ha’gafen." "Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du die Frucht des Weinstocks erschaffen hast." "Amen", ruft die ganze Familie. Mit diesem Segen, dem "Kiddusch" beginnt das Fest.

Symbolisch wäscht Simon sich die Hände. Dann beginnt das Mahl. Grüne Kräuter werden in Salzwasser getaucht und als erster Gang gegessen. Dann nimmt Simon die Matza, das ungesäuerte Brot und bricht es in mehrere Stücke. Er erzählt vom "Brot der Armut" in Ägypten.

Gerade füllt Simon den zweiten Becher mit Wein, da unterbricht ihn eine helle Kinderstimme. Benjamin, sein Jüngster, hat eine wichtige Miene aufgesetzt. "Was ist anders in dieser Nacht? Warum essen wir in allen anderen Nächten gesäuertes und ungesäuertes Brot, aber in dieser Nacht nur ungesäuertes Brot? "

Simon muss lächeln bei dieser Unterbrechung. Das sind keine dummen Fragen eines kleinen Jungen. Die vorher sorgfältig eingeübte Frage gehört zum Ritual des Abends dazu. Sanft schiebt er seinen Teller beiseite und beginnt zu erzählen.

Er erzählt von Ägypten. Von der Sklaverei und dem Leiden. Und von der Aufbruchstimmung in jener Nacht des ersten Pessachmahls. Alle wussten: Bald würde Gott etwas tun. Die Freiheit war zum Greifen nahe. Mit gepackten Bündeln und gekleidet für die Reise, den Wanderstab griffbereit, setzten sich die Familien an diesem Abend zum Essen. Da war keine Zeit für lange Vorbereitungen, nicht einmal für einen gut durchsäuerten Brotteig. Jetzt war nicht mehr die Zeit für das große Backen. Nein: Der Tag der Befreiung war jetzt da.

"Warum essen wir in allen anderen Nächten angelehnt oder frei sitzend, aber in dieser Nacht nur angelehnt?", fragt Benjamin, dessen Rücken sich an die bequeme, gepolsterte Lehne des Stuhls drückt.

Und Simon erzählt noch mehr von den Zeiten der Sklaverei, vom harten Leben unter dem Joch der Ägypter. Da konnte man nicht bequem sitzen und feiern. An diesem Abend jedoch war alles anders. Ein Fest feierte man da: Gott macht aus Sklaven freie Menschen, die aufrecht, gerade und frei sitzen können.

"Und warum essen wir heute so bittere Kräuter?" Der kleine Benjamin verzieht das Gesicht bei der Erinnerung an den ersten Gang. Dabei ist es ihm eigentlich schon klar. Bitter waren nicht nur die Kräuter. Bitter war vor allem das Leben in Ägypten. Kein Element dieses Abendessens ist zufällig. Alle sollen erinnern an die Geschichte Israels mit Gott, der sein Volk befreit.

"Und das Salzwasser? Sonst tunken wir doch auch nichts in Salzwasser?" Benjamin ist ganz stolz, dass er auch die vierte und letzte Frage noch weiß. Das Salzwasser steht für die Tränen, die Israel in Ägypten weinte. Tränen, die Gott an jenem Tag in Freude verwandelte. So ist er nämlich, der Gott Israels. Unser Gott. Der seine Menschen liebt.

Jerusalem. Irgendwo, in einem großen Haus. Am ersten Abend des Pessachfests.

Ob es wohl Petrus war, der an diesem Abend die Rolle des Fragenden hatte? Oder Thomas, der für seine zweifelnden Fragen bekannt war? Oder Nathanael, der sich gut in den Schriften und Traditionen auskannte? Kinder gab es ja keine in der Runde. Ich weiß es nicht.

Da saßen sie nun zusammen, zu einem Pessachmahl, Jesus und seine Freunde. So viel hatten sie miteinander erlebt in den letzten drei Jahren. Und es waren besondere Zeiten. Mit dem Einzug Jesu in Jerusalem hatte sich die Lage zugespitzt. "Hosianna", riefen die Einen. "Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn." Auf der anderen Seite war die Feindseligkeit mit den Händen zu greifen. Die Mächtigen in Jerusalem tuschelten in geheimen Ecken. Sie schmiedeten schon Pläne, wie sie ihn endgültig loswerden könnten, diesen Störenfried aus Galiläa. Die Spannung lag in der Luft, schon die ganze Woche.

"Was ist anders in dieser Nacht?", beginnt die erste Frage in der festgelegten Ordnung des Pessachfests. Selten hat die Frage so gepasst, wie an diesem Abend.

Sie kannten ja alle schon die Fragen. Und die Antworten. Das Fest war nicht neu für sie, sondern alt und vertraut. Seid frühester Kindheit hatte jeder von ihnen es jährlich gefeiert. Manche hatten schon selbst als Hausvater das Kiddusch gesprochen. Die feierlichen Rituale würden wohltuend sein in dieser spannenden Zeit voller Ungewissheiten, da waren sie sich alle sicher.

Was ist anders in dieser Nacht?

"Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt, der du die Frucht des Weinstocks erschaffen hast.", sagt Jesus. "Amen", antworten die Jünger.

Aufbruchstimmung liegt in der Luft. Fast wie damals in Ägypten. Nur wohin dieser Aufbruch führen wird, ahnt noch keiner so wirklich.

Gemütlich liegen sie auf ihren Kissen zu Tisch. Ein Fest. Aber was für eines, das wissen sie noch nicht.

Ob Jesus bei den bitteren Kräutern und dem salzigen Wasser wirklich nur an die Tränen der Sklaven in Ägypten denkt? Ich glaube, er denkt auch an seine eigenen Tränen. Nur wenige Tage zuvor standen sie ihm in den Augen, als er an Gottes geliebte Menschen dachte, deren Leben sich so weit weg von ihrem Schöpfer bewegt: "Jerusalem, Jerusalem... Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!" (Matthäus 23, 37)

Irgendetwas ist anders in dieser Nacht.

An Pessach begann Gott etwas Neues. Er befreite seine geliebten Menschen aus der Sklaverei. Er zeigt sich als der Treue, der zu seinem Volk steht. Er führt sie hinaus ins Leben, ins Leben mit ihm.

Was ist anders in dieser Nacht?

Jesus nimmt die Matza zur Hand. Er bricht sie in Stücke und reicht sie seinen Jüngern. Ernst schaut er von einem zum anderen.

"Das ist mein Leib, der für euch gegeben ist."

Die Jünger horchen auf. Das gehört nicht zu den vertrauten Texten des Pessachfests. Das kennen sie nicht. Das ist neu. Was geschieht hier?

Was ist anders in dieser Nacht?

Jesus hält den Weinkelch in seiner Hand.

"Trinket alle daraus.", sagt er. "Dieser Kelch ist mein Blut des neuen Bundes, das für euch und für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden."

Was ist anders in dieser Nacht?

An Pessach befreite Gott sein Volk aus Ägypten. Aus Sklaverei und Leiden wurde Freiheit und Gottesnähe.

In den nächsten Tagen wird er das wieder tun. Für alle. Für die ganze Welt. Auf nie dagewesene Art und Weise.

In Jesus Christus, dem Gottessohn, in dem Gott den Menschen wie nie zuvor nahe gekommen ist, wird er alles Leid des menschlichen Lebens auf sich nehmen bis zum bitteren Ende. Selbst bis in den Tod. Gott selbst trägt unser Leid. Er ist bei uns in allem, was das Leben mit sich bringt. In Jesus nimmt er es auf sich: Schmerz und Verachtung, Leiden und Einsamkeit und Gottesferne. Er stirbt für uns.

"Mein Leib... für euch gegeben", sagt Jesus.
"Mein Blut... für euch vergossen", sagt er.

Den Jüngern stockt der Atem. Was ist anders in dieser Nacht?

Und Nacht wird es erst noch richtig werden. Verzweifelte Nacht im Garten Gethsemane. Qualvolle Nacht im Gefängnis. Gottverlassene Nacht am Kreuz, als es finster wird im ganzen Land und Jesus stirbt.

Unendliche, einsame, angstvolle Nacht am Samstag, als sie alleine sind. Ohne Hoffnung. Ohne Trost. Ohne Jesus. Hinter verschlossenen Türen.

Und dann... -- das wissen wir, das ahnen wir schon jetzt. Die Jünger wissen das noch nicht. -- dann...

Dann wird der Morgen kommen, der herrliche, leuchtende, hoffnungsvolle, siegreiche Ostermorgen. Dieser Morgen aller Morgen wird Gewissheit bringen: Der Tod ist besiegt. Alles, was Jesus mit ans Kreuz genommen hat, ist überwunden. Gott schenkt neues Leben.

Wie das befreite Israel jubelnd durch die geteilten Wellen des Roten Meers gezogen ist, so bricht die Macht der Befreiung unbändig und herrlich aus dem leeren Grab hervor. Er ist wahrhaftig auferstanden.

Die Jünger wissen das noch nicht.

Was ist anders in dieser Nacht?

Das alte Fest hat plötzlich eine neue Bedeutung bekommen. Gott, der Befreier, ist viel näher, als nur in alten Erzählungen. Im Blick auf Jesus scheint selbst die Geschichte des Auszugs aus Ägypten nur noch wie ein bloßer Fingerzeig auf das, was jetzt geschehen wird.

"Mein Leib... für euch gegeben", sagt Jesus.
"Mein Blut... für euch vergossen", sagt er.

In ihm schenkt Gott die Freiheit allen Menschen. Davon spricht nun dieses plötzlich ganz neue Fest.

"Nehmet, esset", sagt Jesus. "Trinket alle daraus", sagt er. "Tut dies zu meinem Gedächtnis."

Uns alle lädt er ein. Nicht nur zwölf Männer dort mit ihm am Tisch. Wir alle sind eingeladen. Wir haben Teil an dem, was Gott hier tut.

Tut dies zu meinem Gedächtnis.

Seit fast 2.000 Jahren feiern Christen dieses Fest nun miteinander. Das neue Fest. Vom Brot des Lebens und vom Kelch des Heils.

Was ist anders in dieser Nacht?

"Was ist anders seit dieser Nacht?", müsste es eigentlich heißen. In Jesus hat sich alles verändert. Wir sind frei geworden durch ihn. Feiern dürfen wir, weil er uns zu Hoffnung und Leben befreit hat.

Heute und morgen, an seinem Tisch und in jedem anderen Moment unseres Lebens, schmecken und sehen wir, wie freundlich der Herr ist.

Wohl dem, der auf ihn traut!

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer