Aufnahme der Predigt (16:24)
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Die Predigt "Vaterhaus" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Lukas 2,41-52

In aller Kürze

Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was macht mich aus? Schon als Zwölfjähriger scheint Jesus Gewissheit in diesen existentiellen Lebensfragen zu haben -- und eröffnet auch für uns eine völlig neue Perspektive.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Lukasevangelium, im 2. Kapitel:

Und seine Eltern gingen alle Jahre nach Jerusalem zum Passafest. Und als er zwölf Jahre alt war, gingen sie hinauf nach dem Brauch des Festes. Und als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem, und seine Eltern wussten's nicht. Sie meinten aber, er wäre unter den Gefährten, und kamen eine Tagereise weit und suchten ihn unter den Verwandten und Bekannten. Und da sie ihn nicht fanden, gingen sie wieder nach Jerusalem und suchten ihn.
Und es begab sich nach drei Tagen, da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht. Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte. Und er ging mit ihnen hinab und kam nach Nazareth und war ihnen gehorsam. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen. Und Jesus nahm zu an Weisheit, Alter und Gnade bei Gott und den Menschen. (Lukas 2,41-52)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Nach Jerusalem! Für die einen ist es Tradition. Jedes Jahr geht man hinauf nach Jerusalem, um im Tempel das Fest zu feiern. Vertraute Rituale. Das Leben geht seinen gewohnten Gang. Strukturen, an denen man sich festhalten kann, auch im Wandel der Zeiten. Tröstlich, irgendwie.

Für andere ist es ein Abenteuer. Mitten drin, dieser zwölfjährige Junge, der zum ersten Mal mit darf zum Fest. So viel zu entdecken, zu erleben. Ganz neue Lebensperspektiven eröffnen sich. Die Welt wird größer, bunter, weiter. Ein Abenteuer, dass er mit vielen anderen Zwölfjährigen auf dieser Reise teilt.

Und dann, ein paar Tage später, ist der Festtrubel schon wieder vorbei. Zufrieden und müde macht man sich nach der Heimreise. Wahrscheinlich geht es den meisten so, wie es auch uns oft geht nach solch großen Ereignissen: Es hat Spaß gemacht, so lange es währte. Irgendwann ist man dann aber doch auch wieder ganz glücklich, auf dem Heimweg zu sein. Nach Hause. Dorthin, wo wir hingehören. Wo das Zentrum unseres Lebens liegt. Der "Alltag", sozusagen. Das Leben ist ja kein immerwährendes Fest -- und das ist wahrscheinlich auch ganz gut so. Wir alle sind ganz froh, uns nach einem Höhepunkt wieder in den gewohnten Rhythmus des Alltäglichen zurückzubegeben.

Nur einer fehlt: Der Zwölfjährige. Es dauert, bis das überhaupt bemerkt wird. Zu sehr hängen sie alle ihren Gedanken an das Fest nach und an das, was jetzt zu Hause auf sie wartet. Es dauert, bis man die naiven Hoffnungen, ihn irgendwo in der Menge auf dem Weg zu finden, aufgegeben hat. Zurück nach Jerusalem. Banges Suchen, hoffen, beten.

Und dann sitzt er da seelenruhig im Tempel. Hat neue Freunde gefunden, aus einer ganz anderen Welt als der Seinen. Er sitzt bei den Großen. Er stellt kluge Fragen und er gibt kluge Antworten. "Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand."

Solche Kindheitsgeschichten sind typisch für die Antike. Kaum ein Großer dieser Zeit, über dessen Heranwachsen man nicht hinterher großartige Dinge erzählt hätte. Eigentlich, so sagen diese Geschichten, hätte doch damals schon jeder begreifen müssen, dass hier eine ganz besondere Persönlichkeit heranwächst. Die Zeichen waren doch alle da. Eigentlich lag es doch auf der Hand. Wo er doch damals schon... Geschichten wie diese gibt es auch über Julius Cäsar, über Cicero und andere Größen. Das Lukasevangelium, in dem Jesus schon in der Geburtsgeschichte mit Kaisertiteln belegt wurde und dessen Geburtsankündigung durch Engel die kaiserlichen Herolde sogar noch übertraf, steht hier den Erzählungen über die Großen kein Bisschen nach. Ein Wunderkind wächst hier auf. Das legt den Grundstein für alles, was später über Jesu Wirken erzählt wird. "Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand."

Alle?

Wahrscheinlich nicht ganz alle! Am Rand der Menge tauchen zwei Gestalten auf, die keine Zeit dafür haben, kluge Antworten zu bewundern. Und ich kann gar nicht anders, als mich unwillkürlich auf ihre Seite zu stellen. Man liest diesen Text definitiv noch einmal anders, wenn man selbst Kinder hat. "Typisch", denke ich, wenn ich den Zwölfjährigen sehe, der sich hier völlig unbekümmert mit seinen neu entdeckten Interessen beschäftigt und darüber alles andere vergisst. Aber mehr noch als das komme ich nicht umhin, mir die ganzen Sorgen und panischen Angstzustände seiner Eltern vorzustellen, die jetzt mehr als einen Tag lang ihren Zwölfjährigen in einem ihm fremden Teil des Landes vermisst haben. Was die sich wohl schon alles ausgemalt haben, was passiert sein könnte.

"Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht."

Er bleibt unbekümmert. Typisch. "Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Der Lukasevangelist hat andere Erzählinteressen als das, was mir hier gefühlsmäßig naheliegt. Klug formuliert stellt er den bewundernswerten Einsichten des jungen Jesus seine eben ganz gewöhnlichen Eltern gegenüber: "Sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen sagte." So ist das eben. Nicht jeder ist ein Wunderkind. Jesus schon.

Auch das hätte eine Erzählung über Cäsar und Cicero sein können.

Das wirklich Spannende dieser Erzählung, finde ich, liegt in einem ganz anderen Gegensatz, der hier aufgezeigt wird.

"Dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht."

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Wir waren doch schon auf dem Nachhauseweg.

Ich bin doch hier zu Hause.

Siehst du denn nicht, dass sich dein Vater Sorgen macht?

Sorgt euch doch nicht! Ich bin doch bei meinem Vater.

Die Erzählung erinnert an das, was dieses Kind so besonders macht. Ob es etwas bringen würde, die aufgeregte Maria an die Worte des Engels zu erinnern?

Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. (Lukas 1, 30-33).

Damals sprach Maria zu dem Engel: "Wie soll das zugehen, da ich doch von keinem Manne weiß?"

Und die Antwort des Gottesboten lautete: "Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden."

Gottes Sohn.

Wer ist eigentlich hier der "Vater"? Wo gehört denn der Junge eigentlich hin?

Die Geschichte zeigt, dass die überraschenden Einsichten des jungen Jesus sich vor allem auf eines beziehen: Auf ihn selbst, auf seinen Platz im Leben und im großen Plan Gottes. Das, wonach andere ein Leben lang suchen, das hat er bereits in jungen Jahren entdeckt und kann sich mit Gewissheit darauf berufen. Er ist sich seiner Identität sicher. Das ist das eigentlich Wunder!

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Zum ersten Mal zeigt Jesus selbst das Bewusstsein für eine neue, ganz besondere Beziehung, auf die er sich in seinem ganzen Dienst immer wieder berufen wird. Gott ist für ihn nicht nur Schöpfer, Weltenlenker, übernatürliche Macht die das Universum in der Hand hält. Gott ist nicht nur eine abstrakte Größe, nicht nur Herrscher und Richter, sondern für Jesus ist Gott in seiner Beziehung ganz nahe gekommen: Er ist Vater. "Abba", in seiner Sprache.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

In Jesus ist Gott Mensch geworden -- das feiern wir in dieser Weihnachtszeit. Er begibt sich mitten hinein in unsere menschliche Lebenswelt, mit all ihren Herausforderungen und Fragen, mit all ihren Nöten und Problemen und Hoffnungen und Freuden, auch mit dem ganzen Beziehung, das sie mit sich bringt: Jesus hat Mutter und Vater, ganz menschlich, wie sie hier aufgeregt vor ihm stehen. Gleich wird er mit ihnen nach Hause gehen, folgsam, wie es sich für einen braven Zwölfjährigen seiner Zeit gehört.

Und doch: Jesus blickt über die normalen, bekannten Verhältnisse hinaus. Er verortet seine Identität nicht in dem, was vor Augen liegt. Er weiß, dass das, was und wer er wirklich ist, sich an ganz anderen Realitäten festmacht.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Dieser Jesus ist etwas ganz besonderes. Mehr als ein Mensch. Sohn Gottes wird er zurecht genannt. Das ist mit Sicherheit die erste Erzählabsicht des Lukasevangeliums in dieser kurzen Kindheitsgeschichte.

Und doch könnte sie auch uns heute herausfordern, noch ein Stück weiter zu schauen. Über das Unmittelbare, menschlich Begreifbare hinaus. Auch über die zumindest bei mir stattfindende unwillkürliche Allianz mit den menschlichen Eltern, Maria und Josef, hinaus.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

In gewisser Weise stellt Jesus hier nämlich auch die Frage nach meiner Identität noch einmal neu. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo gehöre ich hin? Wo bin ich zu Hause?

In seinem ganzen aktiven Dienst hier auf der Erde hat Jesus von Nazareth den Menschen Gott als den Vater nahegebracht. Nicht nur als "seinen" Vater. Nicht nur in einer exklusiven Art und Weise: Schaut her, ich bin der Gottessohn. Nein, genau im Gegenteil: Er hat uns allen einen ganz neuen Zugang zu Gott eröffnet:
"Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehn. Wir dürfen ihn gar Abba, Vater, nennen!"

So hat er uns gelehrt zu beten: "Unser Vater" im Himmel, geheiligt werde dein Name..."

Der Blick auf diesen selbstsicheren Zwölfjährigen im Tempel, der sich seiner Identität als Kind Gottes gewiss ist, lädt auch uns ein, neu darüber nachzudenken, wie wir unser eigenes Leben verstehen. Welche Rolle Gott darin spielt. In welcher Beziehung zu ihm wir uns selbst sehen. Und was das Zentrale ist, über das wir uns definieren, was uns wirklich ausmacht.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Wo muss ich sein? Wo bin ich zu Hause?

Zu Hause...

Vielleicht berührt das ja gerade auch einen wunden Punkt. "Zu Hause" hat sich in den letzten Monaten ja auch gewandelt. "Zu Hause" ist nicht mehr nur der Ort, wo ich daheim bin, geborgen, in vertrauter Umgebung. "Zu Hause" ist für viele von uns auch der Ort, an dem wir geradezu eingesperrt sind in der letzten Zeit. "Zu Hause" ist für viele ein spannender Ort geworden: Wo man sich aneinander reibt, weil man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Wo man bleiben muss, weil man nicht den Beschäftigungen nachgehen kann, mit denen man sonst sein Leben füllt. Wo man herausgefordert ist, Dinge zu entdecken, mit denen man sich überhaupt beschäftigen kann. Wo man vielleicht auch gar nicht weg darf, weil man ansteckend sein könnte.

"Zu Hause" ist für viele auch der Inbegriff all der Herausforderungen geworden, vor die uns Corona stellt. Nicht nur im guten Sinn. Und vieles von dem, was bisher unser Leben interessant und spannend und schön gemacht hat, was uns irgendwie auch ausgemacht hat, das ist "zu Hause" gar nicht greifbar.

Vielleicht tut es uns gerade in diesen Zeiten ganz besonders gut, von Jesus neu zu lernen, dass "zu Hause" für uns auch noch eine neue Dimension hat. Dass wir nicht nur das sind, was wir arbeiten und leisten, was wir an Beziehungen mitbringen, was einfach menschlich sichtbar vor Augen liegt.

Vielleicht sollten wir gerade jetzt von einem frechen Zwölfjährigen lernen, uns noch einmal auf das zu besinnen, was uns als Christenmenschen eigentlich ausmacht. Wer wir sind. Wo wir hingehören.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Dank Jesus, der als Kind zu uns gekommen ist, dürfen wir mit diesem Vater leben. Dürfen wir uns an der Beziehung zu ihm festhalten -- immer, ob "zu Hause" oder in völlig fremden Lebensumständen.

Möge Gott uns in allem, was dieses Jahr auf uns zu kommt, neu die Gewissheit schenken, dass wir bei ihm immer ein Vaterhaus finden.

Das wäre ein wirkliches Wunder.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer