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Die Predigt "Vaterhaus" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Lukas 2,41-52

In aller Kürze

Wer bin ich? Wo gehöre ich hin? Was macht mich aus? Schon als Zwölfjähriger scheint Jesus Gewissheit in diesen existentiellen Lebensfragen zu haben -- und eröffnet auch für uns eine völlig neue Perspektive. Kurzversion meiner Predigt für den Telefongottesdienst.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Nach Jerusalem! Für die einen ist es Tradition. Jedes Jahr geht man hinauf nach Jerusalem, um im Tempel das Fest zu feiern. Vertraute Rituale. Das Leben geht seinen gewohnten Gang. Strukturen, an denen man sich festhalten kann, auch im Wandel der Zeiten. Tröstlich, irgendwie.

Für andere ist es ein Abenteuer. Mitten drin, dieser zwölfjährige Junge, der zum ersten Mal mit darf zum Fest. So viel zu entdecken, zu erleben. Ganz neue Lebensperspektiven eröffnen sich. Die Welt wird größer, bunter, weiter. Ein Abenteuer, dass er mit vielen anderen Zwölfjährigen auf dieser Reise teilt.

Und dann, ein paar Tage später, ist der Festtrubel schon wieder vorbei. Zufrieden und müde macht man sich nach der Heimreise. Nur einer fehlt: Der Zwölfjährige. Es dauert, bis das überhaupt bemerkt wird. Zu sehr hängen sie alle ihren Gedanken an das Fest nach und an das, was jetzt zu Hause auf sie wartet. Es dauert, bis man die naiven Hoffnungen, ihn irgendwo in der Menge auf dem Weg zu finden, aufgegeben hat. Zurück nach Jerusalem. Banges Suchen, hoffen, beten.

Und dann sitzt er da seelenruhig im Tempel. Hat neue Freunde gefunden, aus einer ganz anderen Welt als der Seinen. Er sitzt bei den Großen. Er stellt kluge Fragen und er gibt kluge Antworten. "Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand."

Alle?

Wahrscheinlich nicht ganz alle! Am Rand der Menge tauchen zwei Gestalten auf, die keine Zeit dafür haben, kluge Antworten zu bewundern.

"Mein Kind, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht."

Er bleibt unbekümmert. Typisch. "Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Wir waren doch schon auf dem Nachhauseweg.

Ich bin doch hier zu Hause.

Siehst du denn nicht, dass sich dein Vater Sorgen macht?

Sorgt euch doch nicht! Ich bin doch bei meinem Vater.

Die Erzählung erinnert an das, was dieses Kind so besonders macht.

Gottes Sohn.

Wer ist eigentlich hier der "Vater"? Wo gehört denn der Junge eigentlich hin?

Die Geschichte zeigt, dass die überraschenden Einsichten des jungen Jesus sich vor allem auf eines beziehen: Auf ihn selbst, auf seinen Platz im Leben und im großen Plan Gottes. Das, wonach andere ein Leben lang suchen, das hat er bereits in jungen Jahren entdeckt und kann sich mit Gewissheit darauf berufen. Er ist sich seiner Identität sicher. Das ist das eigentlich Wunder!

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Zum ersten Mal zeigt Jesus selbst das Bewusstsein für eine neue, ganz besondere Beziehung, auf die er sich in seinem ganzen Dienst immer wieder berufen wird. Gott ist für ihn nicht nur Schöpfer, Weltenlenker, übernatürliche Macht die das Universum in der Hand hält. Gott ist nicht nur eine abstrakte Größe, nicht nur Herrscher und Richter, sondern für Jesus ist Gott in seiner Beziehung ganz nahe gekommen: Er ist Vater. "Abba", in seiner Sprache.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

In Jesus ist Gott Mensch geworden -- das feiern wir in dieser Weihnachtszeit. Er begibt sich mitten hinein in unsere menschliche Lebenswelt, mit all ihren Herausforderungen und Fragen, mit all ihren Nöten und Problemen und Hoffnungen und Freuden, auch mit dem ganzen Beziehung, das sie mit sich bringt: Jesus hat Mutter und Vater, ganz menschlich, wie sie hier aufgeregt vor ihm stehen. Gleich wird er mit ihnen nach Hause gehen, folgsam, wie es sich für einen braven Zwölfjährigen seiner Zeit gehört.

Und doch: Jesus blickt über die normalen, bekannten Verhältnisse hinaus. Er verortet seine Identität nicht in dem, was vor Augen liegt. Er weiß, dass das, was und wer er wirklich ist, sich an ganz anderen Realitäten festmacht.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Dieser Jesus ist etwas ganz besonderes. Mehr als ein Mensch. Sohn Gottes wird er zurecht genannt. Das ist mit Sicherheit die erste Erzählabsicht des Lukasevangeliums in dieser kurzen Kindheitsgeschichte.

Und doch könnte sie auch uns heute herausfordern, noch ein Stück weiter zu schauen. Über das Unmittelbare, menschlich Begreifbare hinaus. Auch über die zumindest bei mir stattfindende unwillkürliche Allianz mit den menschlichen Eltern, Maria und Josef, hinaus.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

In gewisser Weise stellt Jesus hier nämlich auch die Frage nach meiner Identität noch einmal neu. Wer bin ich? Was macht mich aus? Wo gehöre ich hin? Wo bin ich zu Hause?

In seinem ganzen aktiven Dienst hier auf der Erde hat Jesus von Nazareth den Menschen Gott als den Vater nahegebracht. Nicht nur als "seinen" Vater. Nicht nur in einer exklusiven Art und Weise: Schaut her, ich bin der Gottessohn. Nein, genau im Gegenteil: Er hat uns allen einen ganz neuen Zugang zu Gott eröffnet:
"Der Herr ist gut, in dessen Dienst wir stehn. Wir dürfen ihn gar Abba, Vater, nennen!"

So hat er uns gelehrt zu beten: "Unser Vater" im Himmel, geheiligt werde dein Name..."

Der Blick auf diesen selbstsicheren Zwölfjährigen im Tempel, der sich seiner Identität als Kind Gottes gewiss ist, lädt auch uns ein, neu darüber nachzudenken, wie wir unser eigenes Leben verstehen. Welche Rolle Gott darin spielt. In welcher Beziehung zu ihm wir uns selbst sehen. Und was das Zentrale ist, über das wir uns definieren, was uns wirklich ausmacht.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Wo muss ich sein? Wo bin ich zu Hause?

Vielleicht sollten wir gerade jetzt von einem frechen Zwölfjährigen lernen, uns noch einmal auf das zu besinnen, was uns als Christenmenschen eigentlich ausmacht. Wer wir sind. Wo wir hingehören.

"Wusstet ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?"

Dank Jesus, der als Kind zu uns gekommen ist, dürfen wir mit diesem Vater leben. Dürfen wir uns an der Beziehung zu ihm festhalten -- immer, ob "zu Hause" oder in völlig fremden Lebensumständen.

Möge Gott uns in allem, was dieses Jahr auf uns zu kommt, neu die Gewissheit schenken, dass wir bei ihm immer ein Vaterhaus finden.

Das wäre ein wirkliches Wunder.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer