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Zu Hause

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Die Predigt "Zu Hause" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Johannes 14,1-6

In aller Kürze

In Emma Urbachs Leben hat das "Zuhause" immer wieder gewechselt. Nun ist sie ein letztes Mal umgezogen. Diesmal geht es in das wahre Zuhause, das Jesus für uns vorbereitet.

Gnade mit euch und Friede von Gott dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Heute nehmen wir Abschied von Emma Urbach: für euch Mama, Oma, Uroma, sogar Ururoma. Nach einem langen Leben hat Gott sie am vergangenen Samstag aus dem Leben gerufen. 94 Jahre war sie alt.

Geboren ist Emma Urbach (damals Schreiber) am 7. August 1925 in Norka im Wolgagebiet. Dort ist sie mit 4 Geschwistern aufgewachsen. Schon in jungen Jahren musste sie schwere Zeiten mit erleben. Die Kriegszeit brachte schweres Leid über die deutschstämmigen Menschen dort in der Gegend. Als Emma gerade 16 Jahre alt war wurde die Familie auseinandergerissen und verschleppt. Zur Zwangsarbeit verpflichtet kam sie nach Kasachstan, dann ins Uralgebiet nach Tscheljabinsk. Für sie hieß das Armut und Hunger, Unterdrückung und Unfreiheit.

Dort, in der Trutarmee, lernte sie Konrad Urbach kennen, den sie 1947 heiratete. Weitere 10 Jahre sollten es in der Kommandatur dort in Tscheljabinsk noch werden. In dieser Zeit wurden die vier Kinder Waldemar, Irina, Alexander und Lidia geboren.

Die harte Zeit der Zwangsarbeit hat gesundheitliche Spuren hinterlassen, an denen Emma ihr Leben lang zu leide hatte. Trotzdem hat sie ihr ganzes Leben lang gearbeitet --in einer ganz bunten Mischung von Berufen: einige Jahre als Malerin, dann in einem Labor zum Test von Baumaterialien, im Musikstudio und zuletzt im Kino, bis sie nach Deutschland kam.

Da begann noch einmal ein ganz neuer Lebensabschnitt für sie: Mit den Töchtern Irina und Lida und deren Familien kam sie 1997 nach Deutschland. Auch der erste Urenkel war da schon mit dabei. Auf ihn musste sie aufpassen, während alle anderen beim Sprachkurs waren. Mit Sohn Waldemar und Familie zog sie nach Tailfingen, auf die Schwäbische Alb. Hier hat sie noch einmal eine Heimat gefunden. Der schwäbische Dialekt habe noch auf sie abgefärbt, meinte sie.

Im Kreis der Familie hat sie hier ihre letzten Jahre verbracht. Sie war eine liebe und herzliche Oma, immer hilfsbereit. Ihre Kinder und Enkelkinder hat sie sehr geliebt und sich immer gefreut, wenn jemand kam um sie zu besuchen.

Mit ihrem Mann Konrad verband sie zeit lebens eine gute Beziehung. 72 Ehejahre haben die beiden miteinander erlebt. Kurz nach seinem 94. Geburtstag ist Konrad am 20. April 2019 verstorben.

Emma erlebte noch ein weiteres Jahr. Sie durfte noch mitbekommen, wie ihre erste Ururenkelin, Tochter des Urenkels Schenja, geboren wurde. 2 Tage vor ihrem Tod hat sie sie noch an den Händen gehalten. Sie ahnte wohl schon, dass es auf das Ende zuging. "Du bist erst geboren und ich muss jetzt leider schon gehen", hat sie gesagt und angefangen, zu weinen.

Das war ihr letztes Treffen. Am vergangenen Samstag ist sie zu Hause im Kreis der Familie und durch die Pflege ihrer Engsten aus dem Leben gegangen. Sie wurde 94 Jahre alt.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

So wünscht sich -- glaube ich -- jeder, einmal aus dem Leben zu gehen: Umringt von den liebsten Menschen. Geborgen. Geliebt. Sanft einschlafen dürfen. Zu Hause.

Leider ist das nicht selbstverständlich. Gerade in diesen Tagen erleben wir mit, wie Menschen im Krankenhaus sterben, oder in Pflegeheimen, weit weg von ihren Angehörigen. Ein Besuch ist oft nicht möglich. Schrecklich muss das sein -- ganz allein.

Zu Hause. Das war ja auch in Emma Urbachs Leben nicht immer selbstverständlich. Sicher hätte sie es sich als Kind nie träumen lassen, wo sie einmal überall herumkommen würde. Was sie einmal alles machen und miterleben würde im Leben. Und dann wurde die Familie, die traute Kindheit, die vertraute Umgebung -- das Zuhause -- ganz plötzlich von ihr weggerissen. Schreckliche Zeiten.

Was bleibt denn da noch? Ein verblassender Traum vom Zuhause der Kindheit?

Wo ist denn "Zuhause", wenn man plötzlich in Kasachstan Zwangsarbeit leisten muss? Und dann, wenn man vielleicht gerade angefangen hat, sich einzugewöhnen, wieder weg muss -- diesmal nach Tscheljabinsk?

Und dann? Eine Familie entsteht. Die Kinder kommen. Ist das dann jetzt "Zuhause"?

Mit 72 Jahren noch einmal umziehen. Ganz weit weg, in ein anderes Land, nach Deutschland. Sicher, da stammen die Vorfahren her. Aber: Ist das nun "Zuhause"? War das jetzt nach all der Zeit "nach Hause kommen"?

Wo ist denn nun "Zuhause"? An der Wolga? Im Ural? Auf der Schwäbischen Alb?

Vielleicht ist ja Zuhause einfach da, wo man sich wohl fühlt. Da, wo die Familie ist, die Allerliebsten. Wo man miteinander lachen kann und sich umarmen. Wo man Geschichten miteinander teilt und die Enkel, Urenkel und Ururenkel im Arm hält. Wo man miteinander feiert und miteinander trauert und alles miteinander tut. Vielleicht ist ja da Zuhause.

Dann zeigt das Leben von Emma Urbach auch, dass man immer wieder ein Zuhause finden kann.

Von Jesus Christus hören wir im Evangelium, dass unser eigentliches Zuhause als Christen ein ganz anderes ist:

"In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen", sagt er zu seinen Anhängern. Kurz bevor er stirbt und am dritten Tag vom Tod aufersteht und 40 Tage später in den Himmel geht, wo er nun zur rechten Gottes, des Vaters sitzt. Himmelfahrt, das haben wir gerade erst gefeiert -- am Donnerstag der letzten Woche. Zwei Tage vor Emmas Tod. Und deshalb wird das auch ganz aktuell für uns, die wir heute Abschied nehmen.

"In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen", sagt Jesus Christus. "Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehen, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen, und euch zu mir holen, damit auch ihr seid, wo ich bin."

In diesem Jesus, Gottes Sohn, kommt Gott uns Menschen nahe. Ganz nahe: Er wird selbst Mensch. Und er kommt mit einer Botschaft, einer guten Nachricht. "Evangelium" nennen wir das. "Das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen", verkündet Jesus überall im ganzen Land. Das Reich Gottes -- gekommen in Jesus. "Da könnt ihr dazugehören" ist seine Botschaft. Und durch ihn gehören wir dazu.

Dass wir wirklich zu Gottes Reich gehören, hat er uns selbst versprochen: in der Taufe. "Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein.", hat Gott da uns allen zugesprochen. Auch Emma. Auch ihr Zuhause ist das Reich Gottes.

Euer Zuhause ist das Reich Gottes. So muss man Jesu Botschaft verstehen. Ihr seid hier eigentlich nur noch Gäste, Fremde wirklich. Fast so, wie sich vielleicht die Deutschstämmigen gefühlt haben, damals, in Norka in Emmas Kindheit. Eigentlich irgendwie anders.

"Ich gehe jetzt nach Hause", sagt Jesus kurz vor Himmelfahrt. "Und ich bereite dort eine Wohnung für euch vor."

Es steht also noch ein Umzug an. Für uns alle. Der eine Umzug, der uns wirklich "nach Hause" bringt. Dorthin, wo wir nie wieder weg müssen. Oder weg wollen.

Für Emma hat dieser Umzug jetzt begonnen. Jesus Christus ist ihr vorausgegangen. Vorausgegangen, auch durch den Tod, zu einem neuen Leben. Das hat er uns gezeigt, in seiner Auferstehung, an Ostern damals. Der Tod ist nicht das Ende. Der Tod hat seine Macht verloren. In Jesus wartet neues Leben.

"Was steht ihr da und schaut in den Himmel?", fragten Engel die Jünger Jesu an Himmelfahrt. "Dieser Jesus wird doch wiederkommen." Und genau das hat er ja selbst versprochen: "... dann will ich wiederkommen und euch zu mir holen, damit auch ihr seid, wo ich bin."

Wann das genau sein wird, wissen wir nicht. An seinem Tag wird Jesus kommen und die seinen zu sich holen. Dann wird er an den Gräbern stehen und unsere Namen rufen. Emmas auch. "Emma", wird er dann rufen, "du gehörst doch zu mir. Komm nach Hause! Ich habe eine Wohnung für dich."

Dieses Versprechen gilt uns allen: Denen, die uns schon vorausgegangen sind. Uns, die wir noch leben. In dieser Zwischenzeit, wenn der Abschied uns traurig macht, kann es uns trösten: Der Tod hat den Schrecken verloren. Der Abschied, so endgültig er für uns heute auch aussieht, ist nur ein Abschied auf Zeit. Wir werden uns wiedersehen -- bei Jesus. Zu Hause!

"Tröstet euch mit diesen Worten", schreibt der Apostel Paulus in seinem Brief an die Thessalonicher. Und das wollen wir tun, wenn wir heute weg vom Grab zurückgehen in unser irdisches Zuhause. Da, wo es gerade leer ist und traurig. Da wollen wir uns festhalten an dem, was uns Gott versprochen hat -- uns, und Emma Urbach:

"In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen", sagt Jesus Christus. "Wenn es nicht so wäre, hätte ich dann gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehen, euch die Stätte zu bereiten, so will ich wiederkommen, und euch zu mir holen, damit auch ihr seid, wo ich bin."

Und eines Tages werden wir dann gemeinsam sehen, was uns heute tröstet, wenn wir es nur im Glauben ergreifen: Eines Tages sind wir dann tatsächlich dort. Zu Hause.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer