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Satt

Gott schickt uns nicht hungrig heim

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Die Predigt "Satt" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Markus 8,1-9

In aller Kürze

Oft ist es erst der Hunger, der uns den Überfluss wertschätzen lässt, in dem wir sonst leben. Gott sieht unseren Hunger. Und er lässt uns damit nicht hängen.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Hungrig waren sie. Deshalb sind sie ja überhaupt erst zu Jesus gekommen. "Der Mensch lebt nicht vom Brot allein", das weiß nicht nur Jesus. Sie kamen mit ihren Fragen. Mit ihren Ängsten und Nöten. Mit ihren Krankheiten und Schmerzen. Blind. Lahm. Taub. Verzweifelt. Einsam. Bessessen. Ausgestoßen. Verachtet. Alle kommen sie zu Jesus, weil sie gehört haben, dort werde ihr Hunger gestillt.

"Wohin sollen wir gehen, Herr? Nur du hast Worte des ewigen Lebens", sagen die Jünger einmal. Das erleben wohl auch diese Menschen. Ein Prophet muss er wohl sein, vielleicht Johannes der Täufer (wiedergekehrt) oder sogar Elia, der mit dem feurigen Wagen vom Himmel zurückgekommen ist. Manche kommen von weit her, aber der Weg hat sich gelohnt.

Hungrig waren sie. Bei ihm, da werden sie satt. Geistlich gesprochen. Worte des ewigen Lebens. Körperlich gesprochen. Er macht sie "heil", im umfassenden Sinn des Wortes.

Sie können sich gar nicht mehr losreißen von ihm. Drei Tage lang sind sie nun schon da. Nie sind sie so satt geworden.

Und trotzdem hungrig. Angesichts dessen, was sie hier erleben, scheint es fast schon banal. Nach drei Tagen ist der Proviant längst aufgebraucht. Selbst Jesus macht sich Sorgen: "Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehe ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten."

Was tun? Die Jünger sind ratlos. Wahrscheinlich knurrt auch ihnen der Magen.

Hungrig waren sie. Jahrhunderte zuvor, damals in der Wüste. Ausgezogen aus Ägypten mit großen Hoffnungen. Gewaltige Wunder hatten sie erlebt. Gott zeigte seine Macht in großen Plagen. Vor seinem Volk teilte er das Rote Meer, so dass sie trockenen Fußes durchziehen konnten. Die Feinde hinter ihnen ertranken. Er führte sie sichtbar auf seinem Weg, Tag und Nacht, in einer riesigen Wolken- und Feuersäule.

Aber jetzt hatten sie Hunger. In der Wüste gab es nichts. Plötzlich schienen sogar die Fleischtöpfe Ägyptens wieder attraktiv.

Was tun? Die Menschen sind ratlos.

Hungrig waren sie. 1816 war Europa mitten in der sogenannten "Kleinen Eiszeit". Im Vorjahr, 1815 war am anderen Ende der Welt, in Indonesien, der Vulkan Tambora ausgebrochen. Die Aschesäule ragte 43 Kilometer in die Höhe. Die Asche verteilte sich mit dem Wind rund um die Erde und ließ den Himmel dunkel werden. Ein Jahr später wollte in Württemberg die Sonne gar nicht mehr scheinen. Das zweitkälteste Jahr seit 1400 ging als "das Jahr ohne Sommer" in die Geschichte ein. "Achtzehnhundertunderfroren".

Das kalte, nasse Jahr führte zu einer totalen Missernte. Getreide, Wein, Obst und Futter gingen aus. Zwei Drittel des Viehs starben oder wurden notgeschlachtet. Die Menschen backten ihr Brot aus Baumrinde, Stroh und Kleie, kochten Gras und Heu. Bäckereien und Mühlen wurden geplündert.

Was tun? In den ersten vier Monaten des Jahres 1817 wurden in Württemberg 17.000 Reisepapiere für Auswanderer ausgestellt. Alle wollten nur noch weg.

Hungrig waren sie. Hungrig nach Freiheit, nach Demokratie, nach Zukunft. Nach dem normalen Leben, das vielen von ihnen durch das Regime verwehrt worden war. Und so sammelten sie sich im Sommer 1989 an den Grenzen ihrer Urlaubsländer. Sie überkletterten die Mauern deutscher Botschaften. Auch sie wollten nur noch weg.

Hungrig waren sie.

Sind wir nicht auch hungrig? Lang ist es her, dass uns in einem Jahr so eindrücklich vor Augen geführt wurde, wie abhängig wir von vielem sind, was wir nicht beeinflussen können. Dass unser Wohlstand und unsere Sicherheit, die wir für so selbstverständlich halten, eben eines nicht sind: Selbstverständlich. Wir haben Angst bekommen vor einem Gegner, den wir nicht sehen können. Wir müssen Abstand voneinander halten, weil wir nicht sicher wissen, wer ansteckend ist. Viele von uns haben liebe Menschen verloren, andere ihren Arbeitsplatz und noch mehr ihre Zuversicht.

Wir suchen nach Lösungen, nach Erklärungen. Manche schrecken da auch vor den schlimmsten Verschwörungstheorien nicht zurück. Und hinter allem steckt doch vor allem eines: Der Hunger nach Normalität, nach Kontakt zu anderen Menschen, nach einem Leben ohne Angst.

Was tun? Sind wir nicht auch alle ratlos?

Wonach hungerst du?

Es ist zutiefst menschlich, dass wir die Normalität oft erst dann wieder wertschätzen, wenn sie verloren geht. Dann wissen wir, was wir daran hatten: An dem vollen Kühlschrank, dem sicheren Job, dem fröhlichen Feiern, dem Lachen der anderen. Dann, wenn es uns fehlt.

Wenn wir Hunger haben.

"Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen.", sagt Jesus. Er sieht unseren Hunger. "Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten."

Seine Jünger sind ratlos. Sie haben keine Lösung. Sie haben nur sieben Brote. Viel zu wenig. Das hätte nicht einmal für sie selbst gereicht.

Aber Jesus nimmt das Wenige, das da ist. Und er teilt es aus.

Am Ende sind aus sieben Broten sieben Körbe mit Resten geworden.

Gott lässt sie nicht verhungern.

1818 feiert König Wilhelm von Württemberg zum ersten Mal ein Fest, das bis zum heutigen Tag erhalten geblieben ist. Ein Erntedankfest. Schnell kommt das religiöse Element dazu -- von dem man heute auf dem Cannstatter Wasen zugegebenermaßen nicht mehr viel sieht. Von Gott kommt alles, was wir haben. Er lässt uns nicht verhungern. Ihm sei Dank dafür.

In der weiten Leere der Sinaiwüste tritt Mose vor das Volk. Gott schickt uns nicht hungrig heim, weiß auch er. Er versorgt sein Volk auch fern von den Fleischtöpfen Ägyptens, wenn sie ihm nur vertrauen. Und tatsächlich: Jeden Tag finden sie morgens Manna vom Himmel. Genügend, dass alle satt werden. Manna, und Fleisch für alle.

Gott schickt uns nicht hungrig heim. Ihm sei Dank dafür.

1989 sind manche über die Grenzen entkommen. In der deutschen Botschaft in Prag sprach Hans-Dietrich Genscher seinen berühmten, unvollendeten Satz: "Wir sind heute gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass ihre Ausreise..." Und der Rest?

Sie strömten in die Kirchen, in die Nikolaikirche und anderswo. Die friedliche Revolution fand ihre Stärke im gemeinsamen Montagsgebet, in der Hinwendung zu Gott.

Gott schickt uns nicht hungrig heim. Ihm sei Dank dafür.

Wenn wir uns 30 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung an diese bewegenden Momente erinnern, sollten wir das nicht vergessen.

Und heute?

Was jetzt, wenn wir hungrig sind? Hungrig nach so vielem, was uns gefehlt hat in diesem Jahr? Über das uns auch toll dekorierte Erntealtäre nicht hinwegtrösten können?

Glaubt ihr wirklich, Gott würde uns diesmal hungrig wegschicken?

4.000 Leute wurden bei Jesus satt. Manchen von uns hat das stutzen lassen. Waren das nicht 5.000? Und 5 Brote und 2 Fische? Die Geschichte von der Speisung der 5.000 ist schließlich viel bekannter. Ob es hier einfach ein abweichender Bericht desselben Ereignisses ist oder eine völlig andere Geschichte, das wissen wir nicht. Zumindest wurde dieser Bericht aber von seinen Redakteuren ganz bewusst in Form gebracht.

Nicht von ungefähr kommt es, dass unser Text die Einsetzungsworte des Abendmahls aufgreift: "Und er nahm die sieben Brote, dankte, brache sie und gab sie seinen Jüngern..."

Dieser Text, mitten aus dem Evangelium, weißt uns auf Jesus hin, bei dem unser Hunger gestillt werden kann. Dass das die materielle Dimension mit einschließt, dafür danken wir heute an Erntedank. Aber es geht weit darüber hinaus: Er macht den ganzen Menschen heil. Am Ende, das wissen wir, gibt er sich selbst ganz hin, selbst in den Tod, um unseretwillen. Gott schickt uns nicht hungrig heim. Im Gegenteil: Er gibt und gibt im Überfluss. Aus sieben Broten werden sieben Körbe mit Resten.

Was könnten wir also besseres tun, als zu ihm zu kommen mit unserem Hunger?

Ganz am Ende des Texts bin ich noch einmal hängen geblieben. Da steht ein kleiner Teilsatz, den man oft einfach überliest: "Es waren aber viertausend", steht da, "und er ließ sie gehen."

Da staune ich. Das Wunder, das er tut, ist nicht zum Selbstzweck. Es dreht sich nicht um ihn oder um ein geistliches Geschehen, dass nun noch weitere drei Tage sozusagen "in die zweite Runde" gehen könnte. Jetzt sind ja alle gestärkt und satt.

Nein, Jesus gibt und dann schickt er die Menschen heim. Zurück ins normale Leben. Dorthin, wo ihr Platz ist. Wo sie gebraucht werden. Wo sie andere Menschen treffen werden.

Gott schickt uns nicht hungrig heim. Bei ihm finden wir das, was wir zum Leben brauchen, um dann gestärkt in unsere alltägliche Welt zurückzugehen.

Und wenn du heute hungrig bist, dann vertraue ihm, dass er deinen Hunger kennt.

In diesem Sinne: Guten Appetit!

Und: Gott sei Dank dafür.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer