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Die Predigt "Saft und Kraft" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Johannes 15,1-8

In aller Kürze

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Frühling! Die Natur erwacht. Tristes Grau weicht einer Explosion von Farben. Alles blüht auf. Das tut gut! Ein Fest für die Sinne, schon ganz ohne unser zutun.

Weinberge haben wir hier auf der Schwäbischen Alb nicht so viele. Aber auch dort beginnt die Blüte. Junge, grüne Triebe schießen voller Saft und Kraft in die Höhe. Bald werden sich dort die ersten kleinen Trauben bilden. Es lässt sich ahnen, wieviel süßer Genuss in ihnen stecken wird. Noch ein Fest am Horizont.

Allerdings sieht das nicht an allen Stellen so aus. Schon vor Wochen waren die Winzer in den Weinbergen. Mit ihren Scheren. Mit schnellen, präzisen Schnitten haben sie viele der Reben nicht weit vom Stamm gekappt. Wo letztes Jahr noch saftige Trauben wuchsen, ist jetzt nur noch ein Stummel.

Der Rest fällt zu Boden. Ein paar Minuten lang glänzt die Schnittfläche noch feucht. Schnell vertrocket sie in der kalten Frühjahrsluft. Der verholzte Trieb bleibt liegen. Blätter verlieren ihr frisches Grün. Erst wird es braun, dann beginnt es zu zerbröseln. Witterung und Pilze machen sich über den Ast her. Während sich oben die ersten Triebe nach der Sonne ausstrecken, liegt unten nur noch totes Holz. Irgendwann wird es aufgesammelt. Und verbrannt. Sonst ist es zu nichts mehr nutze.

Liebe Geschwister in Jesus Christus,

Abgeschnitten.

Das Gefühl kennen viele von uns in diesen Tagen. Statt sattem Leben, Freude und Gemeinschaft, Besuchen und Festen, Musik und Vergnügen, sind wir plötzlich isoliert. Getrennt voneinander und von allem, was Spaß macht. Begegnungen finden vermummt hinter Masken statt. Besuche müssen ausbleiben. Liebe Menschen sind plötzlich ganz weit weg. Berührungen gibt es kaum noch. Das Leben scheint wie abgestorben. Wir sind allein.

Wer in den Erinnerungen besserer Tage kramt, dem scheint das alles unwirklich weit weg. Letztes Jahr um diese Zeit, da haben wir die Sonne genossen. Miteinander ein Eis gegessen auf der Terasse beim Eiskaffee, wo jetzt nur leere Tische stehen und Abstandsmarkierungen auf dem Boden sind. Für die Jungen begann gerade die Freibadsaison. Für andere die Zeit im Garten. Die Straßen und Parks waren voll mit Menschen, die Tische mit Frühlingsblumen und die Herzen mit Freude. Und mancher begann schon Paul Gerhards Lied zu summen: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit an deines Gottes Gaben."

Wie anders ist alles in diesem Jahr.

Wir sind abgeschnitten.

Plötzlich merken wir, wie viele Dinge wir immer für so ganz selbstverständlich gehalten haben. Und jetzt fehlen sie uns plötzlich. Mit jedem Tag mehr. Manchem zerreißt es fast das Herz.

Abgeschnitten.

Statt Saft und Kraft und Blüte, Wachstum und Leben nur noch Abstand, Stille und totes Holz.

Wie die beschnittene Ranke dort unter dem Weinstock.

Abgeschnitten.

Jesus gebraucht dieses Bild, als er mit seinen Jüngern redet.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun.
Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.

In diesen Tagen merken wir, was wir alles brauchen, um nicht vom Leben abgeschnitten zu sein. Wir begreifen, was zu unserem Wachstum und Wohlergehen alles wichtig ist. Jetzt, wo es uns plötzlich fehlt.

Und dann kommt Jesus, und redet auch noch davon.

Will er es noch schlimmer machen?

Nein, ich glaube nicht. Hören wir noch einmal genau hin:

"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.", sagt Jesus. "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."

Wenn ich über diese Worte nachdenke, tun sie mir gut.

"Bleibt in mir", sagt Jesus. Das ist es, was ihr wirklich braucht. Zum Leben. Zum Wachsen. Zum "Frucht bringen", mit allem das, was das auf das Leben übertragen bedeuten kann. Für die "Blüte des Lebens" müsst ihr "in mir bleiben", sagt Jesus.

Ah, wie wir das alles vermissen: Besuche und Umarmungen, Spaziergänge und Einkaufstouren, Eis essen und Menschen treffen und draußen sein und das Leben genießen.

Und Jesus? Den vermissen wir nicht.

Das soll jetzt keine unterschwellige Kritik sein. Nein, das ist eine ermutigende Zusage: Jesus vermissen wir nicht. Den hat uns ja niemand genommen.

Als -- schnipp -- die Coronaschere zuklappte und Heime schlossen, Türen und Fenster; da hat niemand Jesus ausgesperrt. Als man Masken aufsetzte und sich nicht mehr nahe kam, da hat niemand Jesus aus unserer Nähe verdrängt. Als Besuche aufhören musste und wir alle einsamer wurden, da blieb Jesus nicht zuhause.

"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.", sagt Jesus. "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."

Vielleicht brauchen wir es in diesen Tagen mehr als je zuvor, dass wir uns erinnern an das, was uns Gott in diesem Jesus bereits zugesagt hat. Jedem von uns, bereits vor vielen Jahren, in der Taufe. "Fürchte dich nicht. Ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Das haben wir damals gehört. Und: "Siehe, ich bin bei dir, alle Tage, bis an der Welt Ende."

Nicht: Bis zum Beginn der Quarantäne. Nicht: Nur zu genehmigten Besuchszeiten, mit Maske und Abstand.

Sondern ohne Einschränkung: Alle Tage, bis an der Welt Ende.

Das hat sich nicht geändert. Gott ist uns nahe. Näher als jeder andere uns gerade kommen darf. Er ist da.

Es ist gut, sich daran zu erinnern.

"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.", sagt Jesus. "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."

Wie macht man das denn -- "in ihm bleiben"?

"Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.", sagt Jesus. "Bleibt in meiner Liebe", sagt er weiter.

Und das ist auch schon das ganze Geheimnis.

Machen wir die Augen auf, die "inneren Augen" und erinnern wir uns daran, dass er da ist.

Hören wir neu seine Worte, als Zuspruch an uns, der uns aufrichtet und Mut Saft und Kraft gibt wie dem jungen, aufsprossenden Trieb. Und wenn seine Worte nur noch eine fast verblasste Erinnerung sind, dann hören wir sie neu und lesen sie in der Bibel und sprechen sie uns gegenseitig zu. Oder schreiben sie auf nette Kärtchen für den Nachbarn. Damit wir alle hören.

Bleiben wir in seiner Liebe. Lassen wir uns neu daran erinnern, wie sehr Gott uns liebt. In der Passionszeit und an Ostern war das kirchlich ein großes Thema. Aber das sollte nicht aufhören. Sagen Sie es sich selbst und ihren Nachbarn: "Du bist von Gott geliebt." Und dann: Leben wir miteinander, als ob wir alle von Gott innig geliebte Menschen wären.

Das ist die Verbindung, die uns blühen und wachsen lässt.

"Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.", sagt Jesus. "Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun."

Keine Corona-Verordnung und keine Winzerschere, ja, nichts auf dieser Welt, kann uns davon einfach abschneiden.

Möge uns das Hoffnung für einen ganz persönlichen Frühling geben und Vorfreude auf das, was da blüht und wächst und Frucht bringt.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer