Aufnahme der Predigt (16:21)
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Die Predigt "Plan B" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Lukas 16,1-9

In aller Kürze

Eine verblüffende Erzählung von Jesus enthält eine grundlegende Lebensweisheit: Plan B, wenn sicher geglaubtes nicht mehr sicher ist.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Liebe Schwestern und Brüder,

Von Jesus Christus, unserem Herrn, stammt auch der Predigttext für den heutigen vorletzten Sonntag des Kirchenjahres. Wie so oft erzählt Jesus darin ein Gleichnis, eine Geschichte aus dem alltäglichen Leben, um seinen Zuhörern eine Lebensweisheit näher zu bringen. Lasst uns heute diese Zuhörer sein und mit offenen Ohren und offenen Herzen hören, was Jesus erzählt. Aus dem 16. Kapitel des Lukasevangeliums:

Er sprach aber auch zu den Jüngern: Es war ein reicher Mann, der hatte einen Verwalter; der wurde bei ihm beschuldigt, er verschleudere ihm seinen Besitz. Und er ließ ihn rufen und sprach zu ihm: Was höre ich da von dir? Gib Rechenschaft über deine Verwaltung; denn du kannst hinfort nicht Verwalter sein.
Da sprach der Verwalter bei sich selbst: Was soll ich tun? Mein Herr nimmt mir das Amt; graben kann ich nicht, auch schäme ich mich zu betteln. Ich weiß, was ich tun will, damit sie mich in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich von dem Amt abgesetzt werde. Und er rief zu sich die Schuldner seines Herrn, einen jeden für sich, und sprach zu dem ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig? Der sprach: Hundert Fass Öl. Und er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich hin und schreib flugs fünfzig. Danach sprach er zu dem zweiten: Du aber, wie viel bist du schuldig? Der sprach: Hundert Sack Weizen. Er sprach zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig.
Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Denn die Kinder dieser Welt sind unter ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichts. (Lukas 16,1-8)

Nein, er ist kein Vorbild.

Der Verwalter, von dem Jesus redet, ist nicht besonders gut in seinem Job. Verantwortungsvolles Handeln erwartet man von einem Verwalter. Vorausschauende Planung, kluge Investitionen und ein besonnes Abwägen von Prioritäten.

Er tut das alles nicht. Vielleicht kann er es einfach nicht. Vielleicht will er es auch nicht. Vielleicht wird es ihm zu viel, oder er ist zu faul, oder er schielt einfach auf den eigenen Vorteil.

Niemand kann so einen Angestellten brauchen. Schon gar nicht in einer verantwortungsvollen Leitungsfunktion.

Kein Vorbild.

Selbst sein Chef hat das bemerkt.

Galiläa zur Zeit Jesu ist ein eigenartiger Landstrich. Sehr international ist es geworden in diesem kleinen Teil des römischen Reichs. Dafür sorgt das milde Klima, die heilenden Quellen und die große Stadt Sephoris, die Herodes der Große mitten in der Pampa aus dem Boden stampfen lies. Gleich um die Ecke von Nazareth, das im Vergleich nur ein unbedeutendes Kaff war, gibt es hier alle Annehmlichkeiten des kulturierten Lebens: Theater, Gymnasien, Thermen. Man kann es sich gut gehen lassen in Galiläa.

Längst ist die Gegend zu einem Ort für reiche Touristen geworden. Verdiente Offiziere oder Politiker erhalten als Belohnung Landgüter in dieser Region. Ein Sommerhaus auf dem Land, zur Erholung. Und natürlich auch als Verdienstquelle. Natürlich verbringt man den größten Teil des Jahres in Rom. Um das Landhaus kümmert sich in der Zwischenzeit ein Verwalter. Von dem erwartet man dann gutes Wirtschaften. Möglichst mit Gewinn.

Das hat sein Chef auch erwartet. Herausgekommen ist das Gegenteil. Und jetzt ist der Chef selbst unterwegs, um die Bücher zu prüfen.

Au weia.

Das wird nichts, weiß der Verwalter.

Er weiß, wie es um seine Zukunft steht: Seine Tage hier sind gezählt. Er kann nur hoffen, mit einem blauen Auge davon zu kommen. Von seiner Entlassung geht er jedenfalls sicher aus.

Und dann?

Was tun?

Als Verwalter wird ihn keiner einstellen nach dieser Pleite.

Ein einfacher Hilfsarbeiter will er nicht sein.

Und der Bettelstab ist auch nichts für ihn.

Er braucht einen Plan B.

Hier ein paar Vorschläge:

Erstens: Aufgeben. Das wird sowieso nichts. Wer will denn schon mit so einem noch etwas zu tun haben? Selbst den Hilfsarbeiterjob würde ich ihm nicht anbieten. Da fragt man ja auch nach Referenzen. Betrug und Misswirtschaft, das macht sich nicht gut in der Bewerbung.

Er sollte sich keinen Illusionen hingeben. Keine falschen Hoffnungen machen. Sich einfach damit abfinden, dass er ein Versager ist.

Er hatte ja seine Chance. Die hat er vergeigt.

Das war's jetzt.

Ende. Aus. Fertig.

Kein guter Plan B.

Zweiter Vorschlag: Selbstmitleid. Da könnte man jetzt viel sagen über all die unvorhergesehenen Umstände, die zu dieser Misere geführt haben. Natürlich alles Dinge, die sich seiner Kontrolle entzogen. Höhere Gewalt. Ungerechte Behandlung. Es hätte ja keiner wissen können... Würde er heute leben, wäre Corona sicher ein Teil seiner Liste. Überhaupt scheinen sich ja alle gegen ihn verschworen zu haben. Jetzt auch noch der Chef. Der sieht gar nicht, wie viel Gutes er getan hat. Der hat ja keine Ahnung, wie er sich jahrelang abgerackert hat, sich geradezu aufgeopfert für seinen Herrn. Der war ja immer weg, und alles blieb an ihm hängen.

Ungerecht ist das Leben. Bitter enttäuschend.

Und die Schuld liegt überall, nur nicht bei ihm.

Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

Kein guter Plan B.

Der Plan B des Verwalters überrascht uns -- vor allem, weil ausgerechnet Jesus mit so einer Geschichte daherkommt. Der Mann, der längst die Hoffnung auf einen Fortbestand seiner Arbeitsstelle aufgegeben hat, sucht sich Freunde an anderer Stelle -- auf Kosten seines Chefs. Er lädt die Schuldner ein. All die säumigen Zahler, von denen er eigentlich längst die fälligen Summen eintreiben müssen hätte. Und dann geht er kurzerhand her und fälscht ihre Schuldscheine. Reduziert ihre Schulden auf die Hälfte. So steht er gut da bei denen, die ihm hinterher gewogen sein sollen.

Sein Chef schaut in die Röhre.

Aber das kann er sich offensichtlich leisten, denn als er seinem Verwalter auf die Schliche kommt, gerät er nicht in Rage: Im Gegenteil! Offensichtlich beeindruckt ihn die Tatsache, dass der zumindest an dieser Stelle vorausschauend gehandelt hat.

Ein guter Plan B.

Wir tun uns schwer mit dieser Jesusgeschichte. Die passt einfach nicht in unser Denkschema. Nach unserem Verständnis ist das Betrug, was der Verwalter tut. Bei uns hätte er sicher mit einer Anzeige rechnen müssen. Und seine Chancen auf eine zukünftige Beschäftigung wären endgültig dahin.

Kein Vorbild, dieser Verwalter.

Wie kann dann ausgerechnet Jesus...?

Wir tun uns schwer, weil wir viel zu oft die Tendenz haben, solche Gleichnisse einfach 1 zu 1 auf unsere Lebenssituation übertragen zu wollen. Wir lesen uns selbst in die Geschichte hinein und wollen allzu gerne in eine der darin vorhandenen Rollen schlüpfen -- weil wir meinen, das sei das, worum es Jesus beim Erzählen geht.

Wenn wir diesen Text so behandeln, dann wären wir ja der Verwalter und Jesus -- so hört es sich zumindest an -- legt uns nahe, genauso krumme Dinger zu drehen wie die Hauptperson in seiner Erzählung. Das kann ja wohl nicht wahr sein, oder?

Die Geschichte, die Jesus erzählt, folgt, wie viele seiner Geschichten, einer ganz anderen Logik: Jesus erzählt aus dem wahren Leben, aus einer unvollkommenen Welt mit Menschen, die nicht immer im besten Sinne handeln. Am Ende der Geschichte zieht er sein Fazit: Im Denken dieser unvollkommenen Welt hat der Verwalter schlau gehandelt. Er hat das, was ihm zur Verfügung stand, vorausschauend eingesetzt. Hat über den Moment hinausgeblickt und vorgesorgt für die Zeit, die kommt. Das muss sogar sein Chef anerkennen. Die "Kinder dieser Welt" sind klug, sagt Jesus.

"Wie viel mehr..." ist in vielen Geschichten, die Jesus erzählt, der Schlüsselgedanke. Manchmal auch unausgesprochen, wie hier.

Die Kinder dieser Welt sind klüger als die "Kinder des Lichts."

Eigentlich müssten Nachfolger Jesu Christi doch noch viel klüger handeln.

An dieser Stelle gehört der Text in den Zusammenhang des heutigen Sonntags und des Endes des Kirchenjahres. Vom Weltgericht ist da die Rede und vom nahenden Ende. Zeit, klug zu sein. Zeit, die große Perspektive zu sehen und verantwortungsvoll mit dem umzugehen, was wir haben.

Dabei muss man gar nicht unbedingt gleich an das ganz große Weltenende denken. Gerade dieses Jahr hat uns ja auch in kleineren Dimensionen wieder neu vor Augen geführt, dass sich Dinge ganz schnell ändern können und wir gut daran tun, nicht nur ins Blaue hineinzuleben, als ginge alles ewig und ungetrübt weiter. Dinge, die wir immer für selbstverständlich gehalten haben, stehen plötzlich in Frage. Wie oft haben wir dieses Jahr schon einen Plan B gebraucht? Oder Plan C? D, E, F ... ich weiß gar nicht, bei welchem Buchstaben wir in manchen Dingen inzwischen sind.

Kluges und verantwortungsvolles Handeln...

Was tun, wenn der sicher geglaubte Job plötzlich auf dem Spiel steht?
Was tun, wenn mir auf einmal klar wird, dass ich zu einer Risikogruppe gehöre?
Was tun, wenn der Coronatest positiv war?
Was tun, wenn eine Beziehung zu Ende geht? Wie soll das Leben weitergehen? Was wird aus dem, was bisher gemeinsam war? Wie wird das Leben auch in Zukunft lebenswert?
Was tun, wenn immer mehr Menschen im gleichen Alter sterben und mir langsam aufgeht, dass auch mein Leben nicht endlos weitergehen wird?
Was tun, wenn das Klima auf der Kippe steht und es klar wird: So können wir Menschen nicht ewig weiterleben?
Was tun, wenn sich die Gesellschaft immer mehr polarisiert?
Was tun, wenn die besten Freunde plötzlich Verschwörungsmythen hinterherlaufen?
Was tun, wenn 75 Jahre nach dem Ende des Krieges plötzlich rechte Ideologien wieder gesellschaftsfähig werden?
Was tun, wenn Kirche plötzlich nicht mehr möglich ist, wie vorher? Wenn Gottesdienste nicht stattfinden kommen, oder (fast) keiner mehr kommt? Was, wenn es keinen Pfarrer mehr vor Ort gibt und ganz neue Formen nötig werden, damit das Evangelium auch in Zukunft hier noch gehört wird?

Und die ganz große Nummer: Was tun, wenn mir klar wird, dass Gott mich irgendwann fragt, was ich mit meiner Zeit, meiner Energie, meinen Ressourcen und Fähigkeiten eigentlich gemacht habe hier auf dieser Welt? "Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi." Und was, wenn mir dann schmerzlich bewusst wird, wie viel Zeit und Geld und wie viel Wertvolles ich oft verschwende für völlig unwichtige Dinge? Als wäre das Leben und was ich habe unendlich und morgen immernoch Zeit für das, was ich heute versäumt habe?

Wenn sicher geglaubtes nicht mehr sicher ist, brauchen wir einen Plan B.

Aufgeben und Jammern sind keine guten Optionen.

Erklärungen und Rechtfertigungen helfen uns nicht weiter.

Jesus richtet unseren Blick nach vorne: Das Leben vorwärts leben, mit Blick über den Moment hinaus und einer Perspektive, die das Ende mit einbezieht -- all die kleinen Enden genauso, wie das große, dicke Ende, das jedem von uns blüht. Vorausschauend zu handeln. "Nachhaltig", würden wir heute sagen. Zu fragen, was uns zur Verfügung steht -- an Ressourcen, an Zeit, an Kraft und Geld und Begabungen, und das zu nutzen, um das Beste zu machen aus dem, was uns bleibt. Zu träumen von einem Morgen, das es wert ist, gelebt zu werden und mich einzusetzen dafür, dass dieses Morgen kommt -- nicht nur für mich selbst, sondern auch für die anderen um mich her.

Kluges Leben bezieht diese Dinge mit ein in die Lebensplanung.

Kluges Leben nimmt das Ende mit in den Blick.

Das alles ist gar keine besonders christliche Lebensweisheit, sondern einfach eine menschliche.

Christlich wird sie dadurch, dass sie die Hoffnung in sich trägt, die über das Ende hinaus blickt.

Da gehört dann auch der Paulustext hin, den wir vorher gelesen haben -- der uns darauf hinweist, dass unser Leben nicht nur uns gehört und nicht nur in unseren Händen liegt. Leben wir, so leben wir dem Herrn. Sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Das ist dann wieder Evangelium, gute Nachricht, und beruhigend zu wissen. Aber es verändert die Perspektive. Es macht klug, so zu denken.

Kluges Leben nimmt die anderen mit in den Blick.

Es sieht, dass ich nicht allein auf dieser Erde bin. Der Verwalter in Jesu Geschichte hat das begriffen. Uns erinnern die Texte zum heutigen Sonntag daran. Dazu gehört auch dieser, aus dem 25. Kapitel des Matthäusevangeliums:

Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen. ... Was ihr getan habt an einem der geringsten meiner Brüder, das habt ihr an mir getan. (Matthäus 25,35-36.40b)

Was kann ich mit dem, was ich habe, für andere tun?

Die heutige Predigt hat ganz viele Fragezeichen. Viele Antworten muss jeder von uns für sich selber finden. Aber oft ist es entscheidend, erst einmal die richtigen Fragen zu stellen.

Die Antworten auf alle diese Fragen sind so unterschiedlich, wie wir Menschen es sind.

Die Frage zu stellen und die Antwort zu leben: Das ist klug.

Möge Gott uns wahrhaft klug machen.

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer