Aufnahme der Predigt (15:40)
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Die Predigt "Owi lacht" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Titus 3,4-7

In aller Kürze

Völlig unromantisch und unlustig ist die Weihnachtsgeschichte. Gottes Sohn kommt in eine kalte, dunkle Welt. Aber in ihm lächelt uns die gesamte Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes an.

"Stille Nacht. Heilige Nacht. Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stund, Christ, in deiner Geburt."

Als ich ein Kind war haben wir uns in der Adventszeit fast jeden Abend um den Adventskranz versammelt. Mein Vater holte seine Flöte heraus und wir sangen Advents- und Weihnachtslieder. Schon bald kannten wir Kinder die wichtigsten in- und auswendig. "Macht hoch die Tür, die Tor macht weit, es kommt der Herr, der Herrlichkeit." "Ich steh an deiner Krippen hier, o Jesu du mein Leben." "Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein." Und eben auch: "Stille Nacht, heilige Nacht."

Als Kind konnte ich mir die Weihnachtsgeschichte in den Bildern dieser Lieder umso lebendiger vorstellen. Josef und Maria, die Hirten, die Engel, das alles erwachte zum Leben, wenn wir miteinander im Schein der Kerzen sangen. Nur eines war mir lange nicht klar:

Wer ist eigentlich Owi?

Wie, ihr kennt Owi nicht? Owi aus der Weihnachtsgeschichte. Zugegeben, in der biblischen Erzählung kommt er nirgends vor, aber unsterblich geworden ist er durch Franz Xaver Gruber und Joseph Mohr, die am Heiligabend 1818 in der Dorfkirche St. Nikola in Oberndorf bei Salzburg zum ersten Mal das Lied anstimmten, das seither zum Inbegriff deutscher Weihnachtskultur überhaupt geworden ist. Und zum UNESCO-Weltkulturerbe. "Stille Nacht. Heilige Nacht." Und dann in der dritten Strophe: "Owi lacht."

Wer ist eigentlich Owi?

Und wieso lacht der in der Stillen Nacht?

Zu Lachen gibt es an Weihnachten ja nun wirklich nichts. Man muss die Weihnachtsgeschichte ja manchmal retten: Vor zuviel Zuckerguss und Lametta, vor zu viel Tannengrün und Kerzenschein, vor zu viel gut gemeinter Weihnachtsromantik und vor Tiroler Schnitzereien und Schneeflocken. Und Elchen. Was die mit Weihnachten zu tun haben sollen, ist mir nun wirklich unerklärlich. An wohl keinen anderen Abend im Jahr werden höhere Erwartungen geknüpft und es vermischen sich Kulturerbe und Kinderträume, kitschige Vorstellungen und alte Traditionen, alles miteinander zu einem großen, wirren, undefinierbaren, weihnachtlichen Etwas.

Vor dem würde ich die Weihnachtsgeschichte gerne retten. Die ist nämlich zutiefst unromantisch. Die Weihnachtsgeschichte der Evangelien, wie wir sie vorher nach dem Bericht des Lukasevangeliums gelesen haben, hat mit Romantik rein gar nichts zu tun. Und auch nicht mit Stiller Nacht. Die Weihnachtsgeschichte hat Ecken und Kanten, ist hart und unbeugsam und widerborstig und passt eigentlich gar nicht in ein weihnachtliches Wohnzimmer. Sie erzählt von der Dunkelheit einer kalten Nacht, von kalten Fussböden in der Fremde, von Menschen, für die kein Platz ist. Sie spricht von Unterdrückung und Ausbeutung und Willkürherrschaft, von schmutzigem Stroh und von schmutzigen Windeln. Von einer jungen Mutter, völlig erschöpft, die gerade nach einer anstrengenden mehrtägigen Reise ihr erstes Kind unter den denkbar schlimmsten Umständen zur Welt bringt. Von einem ebenso jungen Vater, der nicht in der Lage war, seiner kleinen Familie dieses Schicksal zu ersparen. Von armen Schluckern am Rand der Gesellschaft, die sich gerade noch damit über Wasser halten können, dass sie bei Nacht auf das warme Bett verzichten und stattdessen auf stinkende, blökende Viecher aufpassen. Und von Babygeschrei, durchdringend und schrill.

Nichts mit "stiller Nacht." Kein "holder Knabe im lockigen Haar." Völlig unromantisch.

Zutiefst politisch ist sie, die Weihnachtsgeschichte, die die Evangelisten uns erzählten. Vor unseren Augen malt Lukas ein revolutionäres Bild des römischen Reiches, wo unter der unangefochtenen Souveränität des Kaisers Augustus plötzlich ein Gegenkandidat auftaucht. Ein neuer Herr, mit göttlicher Legitimation und bekannten Kaisertiteln, aber gleichzeitig völlig anders, als man sich das vorstellen würde. Der neue Herr kommt nämlich nicht mit Gewalt und Macht, sondern als das genaue Gegenteil davon: Er liegt als kleines, unschuldiges Kind in einer ärmlichen Futterkrippe in einer Provinz am Ende der Welt -- nach römischen Maßstäben jedenfalls. Die, die ihm huldigen, sind nicht die Fürsten und Prominenten des Reiches, sondern das genaue Gegenteil: Es sind die Ärmsten der Armen. Niemand, mit dem man irgendwie Staat machen könnte. Und genau das ist das Revolutionäre: Gottes Reich kommt auf die Welt und es beginnt sozusagen "von Unten", schwach und klein und unscheinbar und genau darin liegt seine Größe. Kein Herrscher hätte damit rechnen können. Niemand hat dem etwas entgegenzusetzen. Gottes Reich beginnt und jeder wird es sehen: Der wahre Herrscher heißt nicht Augustus Caesar, sondern -- und darin gipfelt die Weihnachtsgeschichte -- Jesus. Jeschua. Gott rettet.

Durch und durch politisch. Eine Kampfansage. Eine Revolution. Völlig unromantisch.

Und überhaupt nicht zum Lachen.

Und Owi?

Auch wenn ich inzwischen Lesen kann und das Lied besser verstehe, wird es für mich immer einen Owi geben in der Weihnachtsgeschichte.

Owi lacht.

Owi lacht in der Stillen Nacht, die gar nicht still ist.

Owi lacht an der Krippe, wo es gar nicht lustig ist.

Owi lacht in die Nacht hinein, in der die Mächtigen der Welt gar nicht mitbekommen, dass hier die größte Revolution aller Zeiten beginnt. Und hätten sie es gewusst, hätten sie bestimmt nicht gelacht.

Aber Owi lacht.

Viele Jahre sind vergangen. Das kleine Kind aus der Krippe ist längst erwachsen geworden und berühmt noch dazu. Jesus aus Nazareth hat das ganze Land bereist und allen Menschen vom Kommen des Reiches Gottes erzählt. Er hat von Gott geredet wie keiner vor ihm. Viele haben es gehört. Sie haben gesehen, wie er in der Kraft Gottes Wunder tat. Sie haben gespürt, dass dieser Mann anders ist als alle anderen. Manche haben alles verlassen um ihm zu folgen.

Dann haben sie ihn ans Kreuz genagelt. Die Römer, nicht seine Nachfolger. Die Mächtigen des Landes hatten sich durch ihn bedroht gefühlt. Also musste er sterben. Schrecklich.

Aber eine wachsende Zahl von Menschen im ganzen römischen Reich ist überzeugt davon, dass das nicht das Ende der Geschichte war. Er ist auferstanden, sagen sie. Und die Zahl seiner Anhänger wächst, trotz seines Todes.

Einer von ihnen heißt Paulus. Früher trug er den Namen Saulus -- ein stolzer Name, benannt nach dem ersten König Israels. Stolz war er auch und er hatte sich an die Spitze derer gesetzt, die die neue Jesus-Bewegung unbarmherzig verfolgten. Bis -- so erzählt er es selbst -- Jesus ihm begegnete. Auf der Straße nach Damaskus. Seither folgt auch er diesem Jesus.

Aber auch das ist schon Jahre her. Paulus ist viel gereist. Hat Gemeinden gegründet. Hat Briefe geschrieben. Gerade kommt wieder einen. An seinen Freund Titus, in Kreta, und an alle Gläubigen dort. Paulus blickt zurück. Er erzählt von dem Tag, an dem sich die Welt veränderte. Er erzählt von Jesus, der zu uns Menschen kam. "Weihnachten" nennen wir das heute. Paulus weiß das noch nicht. Hier ist es, was er erzählt:

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes, unseres Heilands, machte er uns selig - nicht um der Werke willen, die wir in Gerechtigkeit getan hätten, sondern nach seiner Barmherzigkeit - durch das Bad der Wiedergeburt und Erneuerung im Heiligen Geist, den er über uns reichlich ausgegossen hat durch Jesus Christus, unsern Heiland, damit wir, durch dessen Gnade gerecht geworden, Erben seien nach der Hoffnung auf ewiges Leben. Das ist gewisslich wahr. (Titus 3,4-8a)

Dieser Text ist viel zu sehr theologisch aufgeladen, als dass man ihn in einer Predigt am Heiligabend erschöpfend ergründen könnte. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass ihr heute alle noch mehr vorhabt, als hier mit mir eine Bibelarbeit zu machen.

Müssen wir aber vielleicht auch gar nicht: Ich bin gleich bei den ersten Worten hängengeblieben. Es geht um das, was "erschienen" ist in Jesus Christus. "Erschienen" ist so ein typisch weihnachtliches Wort. In der Weihnachtszeit feiern wir das "Erscheinungsfest" (auch Epiphanias genannt) am 6. Januar. In den ersten Jahrhunderten war das das zentrale Weihnachtsfest der Christenheit, wie man heute noch bei den orthodoxen Kirchen sehen kann. Erscheinung: Gott taucht ganz plötzlich bei uns auf. Damit hätte keiner gerechnet. "Christ ist erschienen, uns zu versühnen.", werden wir heute Abend noch singen.

Ich nenne das hier die Weihnachtsgeschichte nach Paulus. Es ist typisch für ihn, den großen Theologen der ersten Christenheit, dass da keine Hirten auftauchen und keine Engel. Keine Krippe, schon gar kein Stall und keine Weisen aus dem Osten. Über holde Knaben im lockigen Haar reden wir gar nicht erst. Paulus ist einer, der gerne hinter die Kulissen schaut. Der über die Dinge nachdenkt. Über das, was hier eigentlich wirklich passiert, in dieser denkwürdigen Nacht, als Gott in Jesus Christus "erscheint". All die plastischen, so greifbaren Bilder der Weihnachtsgeschichte fehlen bei ihm. Dafür sehen wir das Eigentliche, das Wesentliche: "Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes..."

Das ist es, was Paulus hier sieht. Freundlichkeit und Menschenliebe. Einen Gott, der nicht abgehoben in himmlischen Sphären schwebt. Der sich vielleicht gar nicht mehr für die Welt, die er geschaffen hat, interessiert. Oder der aus der Ferne, sozusagen von oben, durchregiert--so, wie es die Menschen damals und heute von weltlichen Herrschern gewohnt sind. Mit eiserner Hand und nach Lust und Laune. Nein, Paulus sieht in dieser Nacht den Gott, der den Menschen so nahe kommt, wie es nur möglich ist: Er wird selbst einer von uns. Und nicht einmal ein herausragender, berühmter, mächtiger, irgendwo in einem Palast. Gott stellt sich selbst mit den niedrigsten Menschen auf eine Stufe. Auf Augenhöhe. Er kommt zu uns, mitten hinein in unseren Schlamassel, unseren Alltag, unsere kleinen und großen Kämpfe, und Leiden, und Sorgen und Befindlichkeiten. Er kommt uns nahe. Sein Engel verheißt uns große Freude. Und Frieden. Das sind Dinge, die wir selbst oft nicht so gut hinbekommen.

In Jesus, der hier geboren wird -- oder bei Paulus: erscheint -- finden wir die liebevolle Zuwendung Gottes zu den Menschen. Und das hier ist erst der Anfang. Das Kind bleibt ja nicht in der Krippe liegen. Als der erwachsene Jesus loszieht, um allen vom Reich Gottes zu erzählen, setzt sich das Muster fort: Er wendet sich den Armen zu. Den Kranken. Den Ausgestoßenen. Den Kindern. Den Frauen. Stadtbekannten Sündern. An ihm sehen sie -- sehen wir -- ganz praktisch eine Tatsache, die wir viel zu lange übersehen haben: Gott ist freundlich zu uns. Er ist nett. Er mag es, Gemeinschaft mit uns zu haben. Er mag uns. Mehr sogar: Er liebt uns.

Als aber erschien die Freundlichkeit und Menschenliebe Gottes...

Ich habe lange gebraucht -- und einen ganz unweihnachtlichen Paulusbrief dazu -- um meinen Owi richtig einordnen zu können.

Owi lacht. In der unromantischen, unlustigen, ungemütlichen Weihnachtsnacht.

Recht hat er: Vermutlich hat er schon längst hinter die Kulissen der Tiroler Weihnachtskrippe geschaut und dort entdeckt, wofür Weihnachten steht: Das Lächeln Gottes zu seinen Menchen.

Freundlichkeit.

Und Menschenliebe.

Gott lächelt uns an in Jesus, der hier geboren wird.

Er ist nett.

Er mag uns.

Er zeigt es uns, indem er selbst kommt.

Ist das nicht genau das, was wir miteinander singen: "Gottes Sohn, o wie lacht Lieb aus deinem göttlichen Mund, da uns schlägt die rettende Stunde, Christ, in deiner Geburt"?

Gott lächelt uns zu.

Und Owi lacht.

Ich lache und lächle mit und kann mich plötzlich noch einmal viel mehr und viel weihnachtlicher freuen, als zuvor.

Und du hoffentlich auch.

Fröhliche Weihnachten!

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer