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Die Predigt "Ode an die Freude" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Philipper 4,1-9

In aller Kürze

Gefängnisse gibt es nicht nur aus Stahl und Stein. Eines der besten Gefängnisse ist die Angst -- gerade in diesen Tagen. Aber Freude lässt die Gefängnismauern ins Wanken geraten.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

So hätte er sich das sicher nicht vorgestellt. So ganz sicher nicht.

Dabei hatte doch alles so vielversprechend begonnen: Gott selbst hatte ihn an diesen Ort geschickt. Mehrere eigene Pläne geschickt vereitelt und dann auch noch eine Vision geschenkt, einen Traum, mit einem dringenden Hilferuf. Da konnte man sich ja gar nicht mehr irren. Gestärkt und ermutigt und mit dem klaren Auftrag Gottes hatte er sich mit seinen Gefährten auf den Weg gemacht. Hatte tapfer Neuland betreten -- im wahrsten Sinne des Wortes: Einen neuen Kontinent. Mit Gott an der Seite und dem Evangelium auf Herz und Lippen.

Und die Ereignisse hatten das alles noch bestätigt: Fast sofort fanden sich Menschen, die seine Botschaft hören wollten. Das Evangelium fiel auf fruchtbaren Boden. Herzen wurden verändert. Gottes Heiliger Geist war sichtbar am Wirken. Menschen fanden zum lebensverändernden Glauben an Jesus Christus und wurden zu seiner Kirche hinzugetan. In seinen kühnsten Träumen hätte er sich kaum ausmalen können, dass der Erfolg so groß sein würde. Und dann -- auf dem Höhepunkt der Euphorie -- auch noch das Tüpfelchen auf dem "i": Ein Wunder. Und zwar nicht irgendeines. Keine leichten Kopfschmerzen, die hinterher ein bisschen besser waren, oder irgendetwas, das sowieso keiner so genau nachvollziehen konnte. Nein, dieses Wunder hatte alle in Staunen versetzt: Völlige Befreiung von teuflischen, finsteren Mächten. Eine stadtbekannte Person, die sich auf einen Schlag völlig verändert. Und das vor den Augen aller. Das war wirklich der Höhepunkt: Gott stellte sich für alle sichtbar zu seiner Sache. Besser kann man es sich kaum wünschen.

Jetzt scheint das alles wie ein ferner Traum, der im Dämmerlicht des Morgens bereits zu verblassen beginnt. Jetzt ist er hier, im Dunkeln. Ganz unten -- wörtlich. Im tiefsten Loch. Dort wo die Ratten sind. Im Dunkeln, in Ketten, im Loch.

Wie sich das Blatt doch gewendet hat!

Mächtige Leute hat er gegen sich aufgebracht mit seinem Handeln für Gott und die haben sich das nicht gefallen lassen. Mitten in seinem Höhenflug haben sie zugegriffen. Haben ihn geschnappt und vor die Oberen geschleift. Der kurze Prozess war eine Farce: Man hat ihm alles mögliche vorgeworfen. Beweise brauchte es keine. Verprügelt hat man ihn. Bloßgestellt, ihm die Kleider vom Leib gerissen. Und nun sitzt er hier im Dunkeln, die Füße in den Block eingespannt.

So hätte er sich das nicht vorgestellt.

Was tut man, wenn man dort im Dunkeln sitzt? Gefangen, ausgeliefert, ohne Licht und Hoffnung?

Was macht man da?

Das wüsste ich nämlich auch gern. Auch wenn ich nicht im Knast sitze, sondern hier auf der Kanzel stehe. Es ist nämlich wirklich nicht so, als hätte ich keine Erfahrung mit Gefängnissen. Und ich könnte mir vorstellen, dass es dir heute genauso geht dort auf der Kirchenbank. Bei uns sind die Gitter eben aus anderem Material...

"Unser versklavtes Ich ist ein Gefängnis und ist gebaut aus Steinen unserer Angst", heißt es in einem unserer Lieder. Man braucht nämlich keine Eisenstäbe und Steine und Mörtel, um Menschen gefangen zu halten. Da gibt es andere Dinge, die manchmal noch viel wirkungsvoller sind. Die Angst ist sicher eines der besten Mittel dazu. Und gerade davon haben wir doch so viel:

Angst um unsere Gesundheit.
Angst um unsere Sicherheit.
Angst um unseren Wohlstand.
Angst um unseren Arbeitsplatz.
Angst um unser Land.
Angst um unseren Planeten.
Angst um unsere Heimat.
Angst um unsere Zukunft.
Angst, abgehängt zu werden.
Angst, zu Dingen gezwungen zu werden.
Angst vor Überforderung.
Angst vor Überfremdung.
Angst vor Versagen.
Angst, nicht gut genug zu sein.
Angst, nichts wert zu sein.
Angst, nicht geliebt zu sein.

Angst, vor der kalten, dunklen, stillen Einsamkeit.

Da kann sich jeder etwas aussuchen, was zu ihm passt.

Und unsere Angst hält uns gefangen.

Sie hindert uns daran, auf einander zuzugehen.
Sie hindert uns daran, füreinander dazusein.
Sie hindert uns daran, notwendige Veränderungen zu wagen.
Sie hindert uns daran, eigene Fehler einzugestehen.
Sie hindert uns daran, uns zu versöhnen.
Sie hindert uns daran, wirklich frei zu leben.

Angst ist vielleicht das beste Gefängnis von allen.

So hätten wir uns das nicht vorgestellt.

Sie auch nicht -- die Christen in Philippi, viele Jahre später, als Paulus und Silas und die anderen längst wieder frei sind und abgereist und in Philippi eine blühende Gemeinde existiert. Eigentlich läuft da auch alles ganz gut, wenn es nicht die kleinen Dinge wären, die immer wieder einen bitteren Beigeschmack hinterlassen:

Zwei, die sich immer wieder streiten.
Andere, die das Wesentlich aus den Augen verlieren.
Manche, die den Mut verlieren.

Mitten hinein in diese Situation kommt ein Brief des Apostels. Vielleicht weiß der ja Rat. Und tatsächlich. Das Rezept des Paulus ist ganz einfach:

"Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!" (Philipper 4,4)

So einfach kann es sein.

Äh, Moment mal! Das kann ja wohl nicht dein Ernst sein Paulus? Es mag ja sein, dass du gerade in der Lage bist, ganz unbeschwert die Freuden des Lebens auszukosten. Aber doch nicht wir. Doch nicht hier. Doch nicht jetzt.

"Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!" (Philipper 4,4)

Du hast dich wohl in der Adresse geirrt!

Ein Blick auf den -- sagen wir mal -- "Briefumschlag" hilft weiter:

Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus in Philippi samt den Bischöfen und Diakonen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus! Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke - was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden -,
für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute; und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird's auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu. So halte ich es denn für richtig, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige. (Philipper 1, 1-7)

Moment mal! Der schreibt ja aus dem Gefängnis!

Und was er schreibt, das lässt unweigerlich die Erinnerung an damals wieder aufkommen -- an den Tag, als der Apostel selbst hier in Philippi im Gefängnis saß. Dort, im kalten, dunklen Verließ, ist damals nämlich Folgendes passiert:

Um Mitternacht aber beteten Paulus und Silas und lobten Gott. Und es hörten sie die Gefangenen.
Plötzlich aber geschah ein großes Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Und sogleich öffneten sich alle Türen und von allen fielen die Fesseln ab.

Ich horche auf. Das ist also nicht nur leeres Gerede! Dieser Paulus lebt tatsächlich, was er predigt. Und selbst dort in der dunklen Zelle lobt er Gott und betet. Vielleicht ist da doch etwas dran, an dem, was er so betont:

"Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!" (Philipper 4,4)

Ich lese also noch einmal weiter und da fällt es mir dann wie Schuppen von den Augen:

Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!
Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen lasst eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!
Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.

Na klar! Das sind die Gründe, warum sich Paulus freuen kann! Wo ich nur das Dunkle, das Unangenehme, sehe -- eben das, was ich mir ganz anders vorgestellt hätte -- da schaut er auf die wirklich wichtigen Dinge:

Der Herr ist nahe! Ich brauche mir keine Sorgen zu machen. Gott wird mir seinen Frieden schenken.

Aus diesem Blickwinkel sieht vieles ganz anders aus. Und gerade im Gefängnis, wo man ja Zeit zum Nachdenken hat, fällt einem dann immer mehr ein, was da mit dranhängt... Und worüber man sich freuen kann:

Freude, dass Gott bei mir ist. Immer und überall. In guten wie in schlechten Zeiten. Das hat er doch schließlich versprochen -- schon in der Taufe und dann immer wieder.

Freude, dass Gott für mich sorgt. Dass es ihm nicht egal ist, wie es mir geht und dass er Gutes mit mir vorhat. Weil er mich doch liebt. Und weil ich zu ihm gehöre (Wieder das Stichwort: Taufe). Ich darf zu ihm kommen, egal, womit. Er hört mich. Und er antwortet. Immer wieder gibt es Grund zum Danken. Und zum Freuen.

Freude, dass Gott mich annimmt.
Freude, dass Gott mich mag.
Freude, dass Gott nett zu mir ist. Mein Freund.
Freude, dass Gott zu mir steht.
Freude, dass Gott mich begleitet.
Freude, dass meine Zukunft in Gottes Hand liegt.
Freude, dass Gott mir treu bleibt, trotz meiner Fehler.
Freude, dass Gott mich liebt, so wie ich bin.
Freude, dass Gott mir Gnade schenkt.
Freude, dass Gott sich mit mir versöhnt hat.
Freude, dass Gott immer da ist.
Freude, dass Gott mich wertvoll findet.
Freude, dass Gott mich liebt.

Erinnert euch daran, sagt Paulus. Und mit jeder Erinnerung wächst die Freude. Und mit jedem Quäntchen Freude geraten die Mauern des Gefängnisses mehr ins Wanken. Da knirscht es im Gebälk. Da rieselt schon der Mörtel. Da beginnen die Steine zu fallen. Die Gitter werden aus ihren Verankerungen gerissen. Die Angst muss weichen, wo die Freude ihren Weg findet.

So vieles hätten wir uns anders vorgestellt -- gerade in diesen Tagen. Vieles macht uns Angst. Vieles raubt uns die Zuversicht. Und wir reden miteinander darüber und verstärken uns gegenseitig noch darin und wir ziehen die Mauern der Angst immer höher.

Vielleicht ist es gerade das, was fehlt in unseren Tagen: die Freude. Die Freude über das, was Gott für uns getan hat und was er heute immer noch tut.

Die könnte unsere Perspektive ändern. Die könnte unsere Mauern niederreißen und die Gefängnisse abschaffen, dass wir wirklich frei sind. Und dass durch uns auch andere zu dieser Freiheit finden.

Nicht alles wird dadurch automatisch gut. Nicht jedes Problem verschwindet, wenn man nicht mehr daran denkt. Aber manche Probleme haben die Tendenz, uns die Sicht auf das zu verbauen, was wirklich wichtig ist. Uns die Freude zu rauben, zu der wir doch so viel Grund hätten in Jesus Christus.

Wenn wir als Christen eines beitragen können -- gerade auch in einer Zeit, wo sich so viele Menschen Sorgen machen -- dann ist es das: Dass wir die Freude hineintragen können in diese Welt. Die Freude über das, was niemand wegnehmen kann; was niemand ins Wanken bringt: Das, was Gott uns zugesagt hat und was er für uns tut in Jesus Christus.

Also machen wir's wie Paulus und schauen wir darauf, dann haben wir auch im Dunkeln Grund, Gott zu loben. Und dann kommen so manche Gefängnismauern ins Wanken und stürzen ein.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer