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Die Predigt "Nachtlicht" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

2. Timotheus 1,7-10

In aller Kürze

Wenn die Nacht kommt, werden die Schatten lang und die Dunkelheit bedrückend. Wie gut, wenn man ein Nachtlicht hat, das leuchtet und Sicherheit vermittelt.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ein Trostbrief.

Für Trauernde. Für Besorgte. Für Bedrängte.

Trost.

Aus dem 2. Brief des Apostels Paulus an Timotheus, aus dem 1. Kapitel:

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes. Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium... (2. Timotheus 1,7-10)

Trost.

Über dem Bett meiner kleinen Pia hängt eine besondere Lampe. Das Bild eines Hasen ist darauf zu sehen. Abends, wenn Pia ins Bett geht, dann leuchtet über ihrem Bett das Bild des Hasen, der ebenfalls im Bett liegt und tief und fest schläft. Morgens, wenn Pia wieder viel zu früh aufwacht, schläft der Hase immer noch. Erst zur eingestellten Zeit schaltet die Lampe um und dann sieht man einen lustigen Hasen, der aufsteht und spielt. "Hase wach", sagt Pia dann und freut sich, dass sie jetzt auch aufstehen darf. Seit wir die Lampe haben, weckt uns Pia nicht mehr um kurz vor fünf. Eine gute Veränderung!

Aber die Lampe hat noch eine zweite, ganz wichtige Funktion. Wenn Pia mitten in der Nacht aufwacht, dann ist es nicht stockdunkel. Das Licht der Hasenlampe erhellt den Raum ein wenig. Und ein Blick zum Hasen zeigt: Es gibt keinen Grund zur Angst. Der Hase kann ganz unbesorgt schlafen. Die kleine Pia auch.

Trost.

Die dunkle Nacht ist nicht nur für kleine Kinder beunruhigend. Wenn man nichts sehen kann, dann weiß man nicht, welche Gefahren da lauern mögen. Die Nacht wirft lange Schatten. Manche vertraute Ecke sieht plötzlich ganz unheimlich aus. Bei Dunkelheit, allein, da fühlt sich mancher unsicher. Eine Vorlage für einen Gruselfilm -- die Nacht.

Nacht ist es nicht nur wenn der Uhrzeiger zwischen Abend und Morgen unterwegs ist. Nacht ist es auch im übertragenen Sinn ganz oft. Die dunkle Nacht der Seele verdrängt das Licht. Die Angst wirft ihre Schatten. Es ist finster im Leben. Unheimlich und unsicher. Nacht.

Nacht ist es in vielen Leben. Mal werfen die großen Dinge ihre Schatten: Corona. Klima. Globalisierung. Überforderung. Zukunft. Gesellschaftliche Veränderungen, die die Menschlichkeit verdrängen. Da ist es ganz schön finster, an vielen Orten.

Mal sind es die ganz persönlichen Umstände, die alles ins ungewisse Dunkel hüllen. Krankheit. Einsamkeit. Ungewissheit. Streit. Neid. Schmerzen. Sorgen. Es gibt so vieles, was seinen dunklen Schatten ins Leben werfen kann. Da ist es ganz schön finster, an vielen Orten.

Und in den realen Nächten, zwischen Sonnenuntergang und Morgenröte, da rauben uns die Nachtschatten des Lebens den Schlaf.

So eine Nacht kennt auch der, an den sich dieser Brief richtet. Von Tränen ist da die Rede. Von Kämpfen. Von Streit. Von falscher Lehre, die sich in die Gemeinde drängt. Von der Frage, ob man angesichts dieser Probleme noch durchhalten kann. Da ist es ganz schön finster, wenn man mal zwischen den Zeilen liest.

Aber man darf eben nicht nur zwischen den Zeilen lesen. Vor allem in den Zeilen muss man lesen, denn da findet man...

Trost.

"Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht".

Wer zu Gott gehört, der braucht keine Angst zu haben in der Nacht. Ein Blick auf Gott ist wie ein Blick auf's Nachtlicht, auf den kleinen Hasen über Pias Bett. Getrost schlafen, in der dunklen Nacht -- das kann man, wenn man zu Gott gehort.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Trost.

Kraft und Liebe und Besonnenheit kommen von Gott, sagt dieser Brief. Wo soll man die denn auch sonst hernehmen in der Nacht?

Kraft und Liebe und Besonnenheit kommen direkt aus dem, was wir unumstößlich wissen von Gott: Aus dem Evangelium.

Selig gemacht und berufen, mit Gnade beschenkt und verbunden mit Jesus Christus. Das ist es, was auf unserem Nachtlicht steht.

Trost.

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Der Wochenspruch, herausgegriffen aus diesem Trostbrief, bringt es auf den Punkt.

Christus hat das Licht angeknipst in der dunkelsten Nacht: Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Ans Licht gebracht.

Da leuchtet etwas.

Mitten im Dunkel der Umstände, der Sorgen, der bedrückenden Probleme.

Knips.

Da geht ein Licht an.

Selbst im finstersten Tal.

Knips.

Da geht ein Licht an.

Selbst angesichts des Todes, der für uns so unausweichlich und endgültig dunkel erscheint.

Knips.

Da geht ein Licht an.

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Hat er das?

Ist der Tod denn besiegt? Ist nicht Tod und Sterben und Leid und Leiden und Angst und Sorge und Nacht rund um uns herum eine bleibende Realität?

Der Briefschreiber weiß genau: In der Nacht der Angst und der Sorge braucht man keine Argumente. Keine Diskussionen. Keine langen theologischen Abhandlungen. Man braucht den Blick auf das Nachtlicht. Da wo bei Pia der Hase beruhigend leuchtet. Man braucht die Erinnerung an das, was bleibt. Geschichten, die einen tragen:

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Hat er das?

Das Bild der Nacht ist der Bibel nicht fremd. Es ist dort regelmäßig ein Gleichnis für das Verloren-sein, das Umherirren ohne Gott, fern von dem, der uns das Leben gibt und es erhält. Getrennt von ihm ist es dunkel. Nacht.

Bis Gott kommt.

Schon die ersten Verse der Bibel erzählen von dem Gott, der das Dunkel hell macht:

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.
Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. (Genesis 1,1-3)

Und nirgends geht es deutlicher weiter damit, als dort, wo Christus selbst kommt.

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Das fängt ja schon so an. Bald werden wir es wieder miteinander feiern.

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell (Jesaja 9,1).

Wir werden hören und singen und erzählen von jener Nacht, als die Hirten von Bethlehem nichtsahnend bei ihren Herden saßen und plötzlich alles hell wird.

Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.
Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird;
denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.
Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.
Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen:
Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens. (Lukas 2,9-14)

Christus kommt. Die Nacht wird hell. Ein Stern geht auf, dem Menschen folgen können von weit her.

Wo Christus kommt, da scheint das Licht der Hoffnung in die dunkle Nacht hinein.

Da geht etwas Neues auf.

"Durch die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes besucht uns das aufgehende Licht aus der Höhe, auf dass es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes und richte unsere Füße auf den Weg des Friedens" (Lukas 1,78-79), singt Zacharias.

Und wie viele haben in den Jahren die folgten, dieses Licht gesehen. Die Begegnung mit Christus hat ihr Leben verändert. Hat Hoffnung geschenkt, und Mut. Kraft, Liebe und Besonnenheit.

Gott hat uns nicht gegeben einen Geist der Furcht.

Trost.

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Wenn Christus kommt, dann bleibt selbst das Grab nicht dunkel. Da stehen sie, weinend und klagend, am Grab seines Freundes Lazarus. Alle Hoffnung dahin. So viele Fragen. "Herr, warum bist du nicht rechtzeitig gekommen."

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. (Johannes 11,25)

"Glaubst du das?", fragt er die die weinende Schwester. Und dann ruft er ins dunkle Grab hinein: "Lazarus, komm heraus." Und der tritt blinzelnd aus dem Dunkel des Todes in das helle Licht des Tages.

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Trost.

Sicher war die Nacht nie dunkler als an jenem Freitag, als sie alle ihre Hoffnung dahinschwinden sahen. Hatten Sie nicht geglaubt und erkannt, dass dieser Jesus der Christus ist, der Sohn des lebendigen Gottes? War nicht in ihm das Reich Gottes zum Greifen nahe gerückt? Hatte nicht seine Gegenwart allein all die Schatten der Ängste und Zweifel und Sorgen verschwinden lassen?

An jenem Freitag schien das alles dahin. Seine Gegner behielten die Oberhand. Geschnappt hatten sie ihn, verraten, verhaftet, verleugnet, verspottet, verurteilt. Ans Kreuz genagelt, wie die schlimmsten der Verbrecher. Und dann da in der heißen Mittagssonne hängen lassen, um zu verrecken.

Wie konnte das sein? Eine Legion Engel hätte kommen müssen, um zu zeigen, dass er wirklich der Erwählte Gottes war. Aber die Engel kamen nicht.

[Um die Mittagszeit] kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde. Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (Matthäus 27,45-46)

Und als der Tag zuende geht, liegt der tote Jesus in einem Felsengrab und ein wuchtiger Stein sperrt alles Licht aus.

Nacht.

Trostlos.

Nie war ein Tag so dunkel wie jener Samstag.

Aber am ersten Tag der Woche sehr früh kamen sie zum Grab und trugen bei sich die wohlriechenden Öle, die sie bereitet hatten.
Sie fanden aber den Stein weggewälzt von dem Grab
und gingen hinein und fanden den Leib des Herrn Jesus nicht.
Und als sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zu ihnen zwei Männer in glänzenden Kleidern.
Sie aber erschraken und neigten ihr Angesicht zur Erde. Da sprachen die zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?
Er ist nicht hier, er ist auferstanden. (Lukas 24,1-6a)

Am ersten Tag der Woche geht die Sonne auf. Nicht nur der helle Stern, den wir von unserem Tageshimmel kennen. An jenem ersten Tag der Woche bricht das herrlichste Licht Gottes in die dunkelste aller hoffnungslosen Nächte hinein: Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Trost!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wenn wir heute, am Sonntag, hier in der Kirche sitzen und Gottesdienst feiern, dann ist das, weil für uns Christen jeder erste Tag der Woche ein Osterfest ist. Christus ist auferstanden. Er hat dem Tode die Macht genommen. Er hat das Dunkel ins Licht verwandelt. Das feiern wir, an jedem Sonntag.

Aber das reicht nicht, liebe Geschwister in Christus!

Es ist nicht genug, dass diese gute Nachricht uns zu Beginn jeder Woche feiern lässt. Wir brauchen viel mehr solcher Osterfeste. Jeden Tag -- und vor allem: auch jede Nacht!

Denn die gibt es ja immer noch: die Nächte. Nicht nur die, die die Kalendertage voneinander trennen. Sondern auch die, die im Leben ihre dunklen Schatten werfen.

Und genau da brauchen wir unser Nachtlicht:

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Das ist es, was unsere sorgenvollen Nächte erleuchten soll. Seit Ostern kann es niemand mehr zu erlöschen bringen.

Kein Corona.
Keine Krankheit.
Keine Sorge.
Keine Angst.
Keine Einsamkeit.
Keine gesellschaftliche Entwicklung.
Kein Klimawandel.
Kein Schmerz.
Nicht einmal der Tod. Auch nicht unser eigener.

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Möge das in unsere Nächte leuchten.

Trost.

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Von Christus ans Licht gebracht. Lasst es leuchten!

Noch manche Nacht wird fallen
auf der Menschen Leid und Schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzet von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.
(Jochen Klepper)

Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht.

Trost.

Mein Nachtlicht.

Amen.

 

 

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer