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Malta

Gestrandet in einem aufrüttelnden Text

Aufnahme der Predigt (15:28)
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Die Predigt "Malta" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Apostelgeschichte 27,1-28,2

In aller Kürze

Man kann die Geschichte von Paulus' Schiffbruch einfach als eine glaubensstärkende Apostelerzählung lesen. Oder man kann den Text mit aktuellen Assoziationen an sich heranlassen -- wahrscheinlich weniger einfach, aber vielleicht im Ergebnis viel wirkungsvoller.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

"Hilf, Herr! Hilf, Herr!"

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Dieser Hilfeschrei passt gut zu dem Abschnitt, den wir gerade gelesen haben.

Hilf, Herr! Wir ertrinken!

"Unterwegs mit Paulus" sind wir in diesem Sommer und heute führt uns dieser Weg nach Malta. Kein gemütlicher Landgang, mit Sightseeing und ein bisschen Shopping in den Läden am Hafen; kein historischer Rundgang für interessierte Touristen, mit netten Fotomotiven und ein paar Souvenirs für die Familie zu Hause. Das Lagerfeuer am Ufer des Meeres ist kein netter Abschluss des Tages mit Cocktails und Seemannsliedern.

Hilf, Herr!

Paulus und seine Mitreisenden können froh sein, mit dem Leben davongekommen zu sein. Die nackte Haut gerettet zu haben. Manche kommen nur ans Ufer, weil sie sich verzweifelt an einem Teil des Schiffswracks festklammern, das die Brandung dann irgendwann an Land spült. Pudelnass, erschöpft und frierend sitzen sie hier am Feuer. Ein Häufchen Elend neben dem Nächsten.

Malta.

Hilf, Herr!

Seit Wochen bin ich jetzt mit diesem Text unterwegs. Habe ihn mitgenommen, in den Urlaub an die holländische Nordseeküste. Bin am Ufer des Meeres gesessen, bei heftigem Wind und schäumenden Wellen und dann auch wieder bei strahlender Sonne, die Füße im feinen Sand, und habe über Malta nachgedacht. Über die Assoziationen, die dieser Text in uns hervorgerufen hat, als wir Malta gemeinsam als Station für diese Sommerreise ausgewählt haben. Und über das, was ich wohl heute dazu sagen könnte.

Ich will mir das nämlich gar nicht so einfach machen. Ich will den Text ernst nehmen -- das gehört sich schließlich so, bei einem Abschnitt aus der Bibel, mit dem wir uns beschäftigen.

Wenn ich frage, was der Text sagt, dann rückt -- und das ist so gewollt -- sofort der Apostel Paulus ins Blickfeld. Der ist ja nicht ganz freiwillig unterwegs nach Malta. Als Gefangenen bringt man ihn nach Rom, zum kaiserlichen Gericht, weil er sich bei der Verhandlung in Israel auf sein Recht als römischer Bürger berufen hatte und der Fall nun in der Hauptstadt weiterverhandelt werden muss. Keine ganz einfache Reise zur damaligen Zeit -- zumal zu dieser späten Jahreszeit, wohl etwa Anfang Oktober, wenn die Herbst- und Winterstürme schon anfangen, das Mittelmeer aufzuwühlen. Normalerweise hätte man da die Reise bis zum nächsten Frühjahr unterbrochen, aber irgendetwas drängt die Mannschaft dieses Schiffes doch, die Weiterfahrt zu wagen -- in den Untergang. Stürme, Angst, Verzweiflung, hilflose Versuche, zu retten was zu retten ist -- und mittendrin Paulus. Ein Fels in der Brandung, so erzählt die Apostelgeschichte von dieser Fahrt. Er behält den Überblick. Er bleibt ruhig und er bleibt weise. Durch seinen Rat, durch sein Gebet und sein beherztes Eingreifen werden alle Insassen des Schiffs gerettet. Alle, die jetzt hier nass und zitternd am Feuer sitzen, sind wegen ihm hier.

Wer noch weiterliest, für den wird dieses Gestalt noch wunderlicher. Eine Giftschlange beißt ihn beim Sammeln von Feuerholz. Alle sind sich sicher, dass er dem Tod geweiht ist. Aber Gott wirkt an und durch Paulus: Er bleibt nicht nur selbst völlig unversehrt, sondern predigt schon bald wieder von Jesus Christus und seiner Kraft, durch die noch weitere Menschen auf Malta von Krankheiten geheilt werden.

Die Absicht der Erzähler ist hier ganz klar: Das ist "Apostel-Geschichte". Ein Text, der für den Apostel als ursprünglichen Zeugen von Jesus Christus spricht. Der ihn als Held darstellt. Als jemanden, dessen Glaube ihn durch Dick und Dünn trägt. Als jemanden, zu dem sich Gott selbst sichtbar stellt mit seiner ganzen Macht. Als Autorität, von Gott selbst bestätigt. Die Apostelgeschichte nimmt den Apostel in Schutz, gegen alle, die gegen ihn sein könnten und gegen alle, die Zweifel an ihm und seiner Botschaft hegen. Ein Held.

Und ein Vorbild, dieser Apostel, mit seinem unerschütterlichen Glauben, der einzig und allein aus der persönlichen Begegnung mit dem auferstandenen Jesus Christus kommt.

Darum geht's in diesem Text. Und während ich das schreibe, mit dem Schreien der Möwen und dem Rauschen der Brandung im Ohr, hat das irgendwie etwas Erhebendes. Majestätisch fast. Es stärkt meinen eigenen Glauben und will mich begeistern für die Kraft des Evangeliums, für das Paulus steht. Genau das hatten die Autoren und Bearbeiter der Apostelgeschichte im Sinn.

Und doch... Malta.

Hilf, Herr!

Bilder drängen sich mir auf, die eigentlich nicht hineingehören in die ursprüngliche Welt dieses Textes. Ich will es zulassen, weil ich den Text ernstnehmen will. Ernstnehmen als einen Teil der Bibel, dieses einzigartigen Zeugnisses vom Evangelium von Jesus Christus, aus deren Seiten Gottes Geist mich immer wieder auf unerwartete Art und Weise anspricht. Als einen der Texte, die immer wieder ganz neu Gottes Wort an mich werden. Hier und Jetzt.

Wer das ernstnehmen will, der muss auch in sich hineinhören. Fragen: Was macht der Text mit mir?

Vor meinem inneren Auge verschwimmen die Bilder der Menschen, die sich hier an den Trümmern der Schiffsplanken festklammern mit denen von Menschen, die in antriebslosen, überfüllten Schlauchbooten auf demselben Mittelmeer unterwegs sind. Die Bilder von durchnässten Geretteten am Ufer weichen denen von Menschen, die von vorbeifahrenden Schiffen gerettet wurden. Über 300 allein in den ersten drei Einsatztagen der Sea Watch 4. Menschen, die nun auf einen sicheren Hafen hoffen. Auf eine sichere Zukunft. Und wenn ich mit Paulus und seinen durchnässten Gefährten in die Flammen des wärmenden Feuers am Strand von Malta blicke, dann sehe ich plötzlich vor mir die Flammen von Moria, auf Lesbos, diesem entsetzlichen Ort, wo in dieser Woche das letzte Hab und Gut von über 12.000 Menschen verbrannt ist. Menschen, die dort zusammengepfercht waren, unter unsäglichen Bedingungen, an einem Ort, der schon für die 2.300, für die er geplant war, kein würdiger Platz gewesen wäre.

Wenn ich den Text an mir wirken lasse, dann schwappen die Bilder von Flucht und Elend, von Ertrinken und Festklammern, von Hoffnung, von Ausgrenzung, von Hass und Leiden und Krieg über mich herein wie die brandenden Wellen von Malta über Paulus und seine Mitreißenden und mein Gesicht wird naß -- nicht von Meerwasser, sondern von den Tränen, von dem Schmerz, der sich in mein Herz bohrt.

Malta. Lampedusa. Lesbos. Moria.

Hilf, Herr!

Was mache ich nur mit diesem Text. Kann ich euch wirklich heute nach Hause gehen lassen, nur mit einem heroischen Bild vom Apostel mit dem wirkmächtigen Glauben und der Ermutigung, wie er in allen Wellengängen des Lebens am Vertrauen auf Gott festzuhalten?

Hilf, Herr!

Von Martin Luther haben wir gelernt, im Umgang mit biblischen Texten immer von der Mitte des Evangeliums her zu kommen. Im Lesen des Texts nach dem zu fragen, "was Christum treibet". Also quasi Christus selbst zu suchen, mitten in dem Text und uns auf das zu Konzentrieren, was dort auf ihn und sein Evangelium zeigt.

Wo ist den Christus zu finden, in diesem Erzähltext aus der Zeit der frühen Kirche? Wörtlich kommt er ja gar nicht darin vor. Ganz sicher aber im Glauben des Apostels, den sein Vertrauen auf Gott ans sichere Ufer trägt.

Ganz schnell und unbemerkt habe ich mich beim Lesen der Geschichte unwillkürlich schon in den Text eingeschrieben. Natürlich in der Rolle des Paulus -- in wen denn sonst. Ganz schnell gehe ich weg von einem solchen Text und will mich selbst wie ein Paulus fühlen. Einer, dem Christus begegnet ist und ihm den Glauben gestärkt hat und der nun vertrauensvoll und sicher in die Zukunft gehen kann.

Eher selten stelle ich in Frage, ob diese Zuschreibung so überhaupt stimmt. Oder ob nicht andere viel eher für diese Rolle in Frage kommen würden. Menschen, die sich aufgemacht haben, auf eine riskante Fahrt übers Mittelmeer voller Hoffnung, voller Zuversicht, voll Glaubens an eine bessere Zukunft. Wie viele Gebete da wohl schon gesprochen würden? Wieviel da wohl schon an Gott geglaubt und auf ihn gehofft wurde? Wer kann das überhaupt ermessen?

Ob ich überhaupt selbst in diesem Text vorkomme, hängt vielleicht viel mehr mit meiner Beziehung zu der anderen Stelle ab, an der ich Christus hier entdecke: nämlich in den Händen derer, die die Schiffsbrüchigen am Ufer in Empfang nehmen. "Die Leute da erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der über uns gekommen war, und wegen der Kälte." (Apg. 28,2) Sicher das beste, was man an dieser Stelle tun könnte. Und sicher genau das, was Christus selbst an dieser Stelle getan hätte.

"Was ihr getan habt an einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr an mir getan." (Matthäus 25,40)

In den Händen der Menschen von Malta damals erkenne ich dann meinen Herrn Jesus Christus und das Evangelium von der Rettung derer, die am dringendsten Rettung brauchen.

Wenn dann die Bilder von Malta, von Lampedusa und Moria wieder mit Macht über mich hereinbrechen, dann stellt mir dieser Text die Frage, was ich an denen tue, die dort hin getrieben werde. Ob ich auch einer bin, der bereit ist, ein Feuer zu entfachen, das von Wärme, Liebe und Willkommen spricht? Der an ihnen handelt, wie es Christus selbst getan hätte?

Was das für mich als Einzelnen ganz konkret heißt, das ist eine große Frage. Unsere Kirche setzt durch ihren Einsatz in diakonischen Hilfsprojekten, aber auch durch die Entsendung des Rettungsschiffs "Sea Watch 4" ganz deutliche Zeichen. Ich bin froh, dass unser Kirchengemeinderat einstimmig beschlossen haben, dass auch wir als Kirchengemeinde United4Rescue, dem Träger der "Sea Watch 4" beitreten, um unsere Unterstützung sichtbar zu machen. Vertreter unserer Kirche erheben auch immer wieder zu Recht mutig die Stimme, um politische Lösungen, möglichst auf europäischer Ebene, zu fordern. Als Kirche können wir es uns gar nicht leisten, da zu schweigen.

Und trotzdem -- das haben mich nicht zuletzt auch viele Diskussionen in den sozialen Netzwerken gelehrt -- trotzdem bin ich überzeugt, dass die Lösung des Problems im Herzen des Einzelnen beginnen muss. Eine "Kultur des Willkommens", wie sie schon in den letzten Jahren immer wieder beschrieben wurde, kann nur entstehen, wenn ich ganz persönlich mein Herz für die Not der Menschen öffne. Wenn ich bereit bin, in ihnen die "Nächsten", die "geringsten Brüder und Schwestern" zu sehen, die Gott an unsere Tür schickt, und denen wir ein Willkommen mit Wärme und Zukunft geben können.

Ich bin überzeugt, dass es große Lösungen auf politischer Ebene brauchen wird. Genauso überzeugt bin ich, dass keiner von uns sich deshalb aus dem Ganzen ausklammern kann. Das Europa, das Menschen im Mittelmeer ertrinken lässt, das sie in überfüllte Lager an den Außengrenzen pfercht und dort zu vergessen sucht, dieses Europa, das sind ja wir alle. Und ich hoffe und bete, dass in unseren Herzen und an ganz vielen anderen Orten, die Veränderung beginnt.

Liebe Schwester, lieber Bruder in Christus,

Wenn du möchtest, kannst du heute nach Hause gehen und dich an einen Landausflug mit Paulus erinnern, der dich herausgefordert hat, wie Paulus auch in den Stürmen des Lebens am Vertrauen auf Gott festzuhalten. Das ist nicht falsch, den darum ging es sicher denen, die die Apostelgeschichte aufgeschrieben haben. Mein Gebet ist, dass wir alle nach Hause gehen mit dem Wunsch, uns in die Geschichte mit einzutragen als die, die den Gestrandeten geholfen haben. Möge Gott uns dazu Kraft, Entschlossenheit, Liebe und offene Herzen geben. Die Gelegenheiten kommen dann schon von selbst.

Hilf, Herr!

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer