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Leer

Wenn Gott mein Leben mit Freude füllt

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Die Predigt "Leer" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Johannes 2,1-11

In aller Kürze

Leer. Aus. Vorbei. Geht nicht mehr. Die Kraft ist nicht mehr da. Das Leben macht so gar keine Freude mehr. Was nun? Jesus kann die Leere füllen. Mit Freude.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

So langsam reicht es jetzt doch mit Corona-Gottesdiensten. Mit Masken und Abständen und Kontaktbeschränkungen. Vorgestern hat die Regierung wieder angekündigt, dass der Lockdown verlängert werden soll. Das Spiel kennen wir doch inzwischen schon alle. Wieder lange Verhandlungen, ein zähes Ringen in Berlin. Wieder Pressekonferenzen und neue Verordnungen und zwei Wochen mehr, in denen wir uns einschränken müssen -- gefühlt bei allem, was im Leben irgendwelche Freude macht. Und in zwei Wochen wird sich das Spiel wiederholen -- davon gehen wir insgeheim doch längst aus.

Rational kann man das ja auch alles nachvollziehen. Ich weiß auch keine bessere Lösung, die unser Land durch diese Krise bringt. Und ich bin eigentlich ganz froh, dass ich nicht entscheiden muss, was nun das Beste zum Wohle aller ist. Verstehen kann ich das alles schon.

Aber es zehrt an den Kräften. Fast ein ganzes Jahr lang schon.

Am Anfang dachten wir noch alle, diese Zeit geht schnell vorüber. Der letzte Sommer mit seinen Lockerungen hat uns Hoffnung gegeben. Und dann, im Herbst, die brutale Wiederkehr der Infektionswelle. Seither kommt eine Verlängerung nach der anderen. Und ein Ende ist nicht in Sicht. Das kostet Kraft. Die Langstrecke belastet ganz anders als ein kurzer Sprint. Und inzwischen sind wir ausgepowert. Die Kräfte schwinden. Die Motivation schwindet. Die Dinge, die uns irgendwie über Wasser gehalten haben, werden weniger. Dünner. Ausgezehrt. Wir sind bereit, nach jedem hoffnungsvollen Strohhalm zu greifen, so unbedacht der auch manchmal sein magt.

Wir sind leer.

Ich finde, die Geschichte von der Hochzeit, bei der der Wein ausgeht, passt ganz gut in diese Zeit.

Ein Partykiller! Ein abruptes Ende der festlich freudigen Stimmung. Wie wenn jemand mitten im fröhlichen Tanz die Musik abdreht. Wie ein Radio, dem mitten in einem mitreißenden Hit die Batterie ausgeht. Wie ein Auto, das mitten auf der Strecke plötzlich mit leerem Tank stehen bleibt.

Leer. Aus. Vorbei. Geht nicht mehr.

Man braucht auch gar nicht Corona, um das so zu erleben. Es gibt eine Menge verschiedener Lebensumstände, die uns in diese Lage bringen können. Vielleicht ist es schon Jahre her, dass du deinen Ehepartner verloren hast. Plötzlich warst du ganz allein. "Das wird schon irgendwie gehen", hast du dir damals gesagt und eine Zeit lang ging es auch irgendwie. Aber das kostet Kraft, mit jedem Tag mehr. Und als die Jahre so dahinziehen, fühlst du dich plötzlich leer.

Aus. Vorbei. Geht nicht mehr. Die Kraft ist nicht mehr da. Das Leben macht so gar keine Freude mehr.

Vielleicht ist es eine Krankheit, die dir seit langem zu schaffen macht. Angefangen hat alles noch ganz harmlos. Es war nur irgendwie unangenehm. "Da gibt es sicher eine Lösung", hast du dir gedacht. "Und vielleicht ist alles gar nicht so schlimm." Aber dann wurde es schlimmer. Du musstest ganz schön die Zähne zusammenbeißen. Und das kostet Kraft. Vor allem, wenn es gar nicht mehr aufhört und die Aussichten nur die sind, dass das so bleiben wird. Du fühlst dich leer.

Aus. Vorbei. Geht nicht mehr. Die Kraft ist nicht mehr da. Das Leben macht so gar keine Freude mehr.

Man muss auch nicht alt sein, um das zu erleben. Junge Menschen, in der Blüte des Lebens, werden genauso mit Lebensumständen konfrontiert, die sie über ihre Kraft hinaus fordern. Jeden Tag schwindet ein Stückchen mehr Lebensfreude, mehr Widerstandskraft, mehr Durchhaltevermögen und irgendwann ist man leer.

Aus. Vorbei. Geht nicht mehr. Die Kraft ist nicht mehr da. Das Leben macht so gar keine Freude mehr.

Ich bin mir sicher, diese Hochzeit in Kana war gut geplant und vorbereitet. Keiner hätte damit gerechnet, dass ausgerechnet hier etwas dazwischenkommen könnte, was die Freude stört. Warum genau der Wein ausging, wissen wir ja gar nicht. Ich kann mir vorstellen, vielleicht kamen einfach mehr Gäste als geplant. Da hat man sich gefreut, dass so viele mit Anteil nehmen am Glück des jungen Ehepaars und hat freudig noch ein paar Becher mehr ausgeschenkt. So könnte es gewesen sein.

Und irgendwann ist das Fass leer.

Aus. Vorbei. Wie soll man da noch feiern?

Den Dienern hinter den Kulissen muss das wahnsinnig peinlich sein. Der "Speisemeister", der Organisator des Fests, weiß noch gar nichts davon. Keiner hat sich getraut, ihm irgendetwas davon zu sagen. Sie suchen nach Lösungen aber finden keine. Wo denn auch?

Vielleicht sind sie deshalb in ihrer Verzweiflung bereit, auf diesen Jesus aus Nazareth zu hören, der bisher nirgends öffentlich aufgefallen ist -- schon gar nicht als Partyveranstalter und Weinhändler. Wie soll denn der helfen können? Keiner kann sich das so recht vorstellen, aber in der Not sind sie bereit, alles zu versuchen.

Niemand wünscht sich eine solche Leere, eine solche Not. Aber wenn man mitten drin steckt, ist es gut, nicht einfach aufzugeben, sondern sich nach Jesus umzuschauen.

In einer Ecke stehen sechs große Wasserkrüge. Hunderte von Litern gehen da hinein. Wasser. Nicht Wein. Völlig nutzlos in der jetzigen Situation. Steinerne Wasserkrüge, wie unsere versteinerten menschlichen Lösungswege, die uns nicht weiterhelfen, wenn die große Leere kommt. Lösungen, die völlig am Problem vorbeigehen. Die nur noch mehr Kraft kosten -- Kraft, die uns nachher fehlt. Und vorher auch schon, wenn wir leer sind. Ausgebrannt.

Und dann kommt Jesus. Bisher hat das Johannesevangelium nur von seiner Taufe erzählt. Johannes der Täufer bezeugt von ihm, dass er der Auserwählte Gottes ist, auf den Gottes Geist sichtbar herabkam. "Siehe, das Lamm Gottes, welches der Welt Sünde trägt." Begonnen hat sein Dienst noch nicht. Das erste, was er tun wird, tut er hier. In Kana. Bei der Hochzeit.

Und sein erstes Zeichen ist eine Verwandlung. Wasser wird Wein. Leere wird Fülle. Verzweiflung wird Hoffnung. Enttäuschung wird Freude.

Er kommt in eine Situation, die keiner ändern kann. Wo alles verloren ist. Und alle Freude verschwunden. Leer.

Er nimmt das, was da ist. Das, womit niemand etwas anfangen kann. Steinerne Krüge mit Wasser.

Und er schenkt das, was nur er geben kann: Echte Freude. Echte Erfüllung. Echte Hoffnung.

Was er ausschenkt ist besser, als alles, was vorher jemals da war. Besser als alles, was menschlich hätte organisiert werden können.

Der Speisemeister traut seinen Augen nicht: Wo kommt denn dieser Wein her? Der beste Wein?

Nur wenige wissen, was wirklich geschehen ist. Während draußen das Fest wieder fröhlich seinen Gang nimmt, passiert bei ihnen in diesem Moment noch viel mehr.

"Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat.", schreibt Johannes. "Es geschah zu Kana in Galiläa, und er offenbarte seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn."

Das Johannesevangelium hat Zeit gebraucht, um an diesem Punkt anzukommen. "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott", hat Johannes im ersten Kapitel begonnen. "Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir haben seine Herrlichkeit gesehen."

Auch wenn das ganz anders klingt als die Erzählung von Krippe und Hirten und Engeln -- das ist die Weihnachtsgeschichte in den Worten des Johannes. Gott kommt zu den Menschen.

"Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird, denn euch ist heute der Heiland geboren", sagt der Engel zu den Hirten im Lukasevangelium. "Große Freude!"

Johannes erzählt das nicht, aber die Botschaft ist dieselbe: Wo Gott zu den Menschen kommt, schenkt er Hoffnung, Friede und Freude.

Das ist es, was sich hier in Kana zeigt. Das ist es, was die leeren Krüge wirklich füllt. Echte Freude.

Dass die in der Begegnung mit Gott zu finden ist, hat sich bis heute nicht geändert.

Und deshalb gilt auch bei uns, was schon damals geholfen hat: Wenn du dich leer fühlst, dann suche nach Jesus. Der kann diese Leere füllen. Mit Freude.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer