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Kein Ding unmöglich

Aus bitterem Lachen wird echte Freude

Aufnahme der Predigt (18:05)
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Die Predigt "Kein Ding unmöglich" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Genesis 18,1–2.9–15

In aller Kürze

Enttäuschte Hoffnungen. Abgesagte Pläne. Bittere Traurigkeit. Jedes Wort der Hoffnung entlockt nur noch ein bitteres Lächeln. Aber bei Gott ist kein Ding unmöglich. Seine Antwort auf all das: Ein Kind. Und große Freude.

Und der HERR erschien ihm im Hain Mamre, während er an der Tür seines Zeltes saß, als der Tag am heißesten war. Und als er seine Augen aufhob und sah, siehe, da standen drei Männer vor ihm. Und als er sie sah, lief er ihnen entgegen von der Tür seines Zeltes und neigte sich zur Erde [...].

Da sprachen sie zu ihm: Wo ist Sara, deine Frau? Er antwortete: Drinnen im Zelt. Da sprach er: Ich will wieder zu dir kommen übers Jahr; siehe, dann soll Sara, deine Frau, einen Sohn haben. Das hörte Sara hinter ihm, hinter der Tür des Zeltes. Und sie waren beide, Abraham und Sara, alt und hochbetagt, sodass es Sara nicht mehr ging nach der Frauen Weise. Darum lachte sie bei sich selbst und sprach: Nun, da ich alt bin, soll ich noch Liebeslust erfahren, und auch mein Herr ist alt! Da sprach der HERR zu Abraham: Warum lacht Sara und spricht: Sollte ich wirklich noch gebären, nun, da ich alt bin? Sollte dem HERRN etwas unmöglich sein? Um diese Zeit will ich wieder zu dir kommen übers Jahr; dann soll Sara einen Sohn haben. Da leugnete Sara und sprach: Ich habe nicht gelacht -, denn sie fürchtete sich. Aber er sprach: Es ist nicht so, du hast gelacht. (Genesis 18,1-2.9-15)

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

Bei der Frage zucke ich kurz zusammen. "Natürlich nicht", entfährt es mir gedanklich. Die Frage scheint ja fast schon ein Angriff auf die Grundfesten meines Glaubens zu sein:

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

"Ich glaube an Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde", beginnen wir, wenn wir gemeinsam unseren Glauben bekennen. Und damit ist die Frage doch eigentlich schon beantwortet:

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

Wer auch immer diesen alten Text letztlich verfasst hat -- er teilt diese Ansicht ja. Der Satz ist eine rhetorische Frage. Die Antwort wird schon als bekannt vorausgesetzt: Nein, natürlich ist dem Herrn nichts unmöglich.

Soweit die Theorie.

Wenn es in der Praxis immer so einfach wäre, dann könnte ich meine Predigt jetzt schon wieder beenden: Bei Gott ist kein Ding unmöglich. Amen.

Zwei Frauen und ich

Zwei Frauen begegnen uns in den Texten zum heutigen Sonntag. Zwei Frauen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Sie leben zu verschiedenen Zeiten in ganz verschiedenen Lebenssituationen. Und doch ist ihnen einiges gemeinsam. Schauen wir mal:

Sara

Da ist Sara. Sie ist alt, "hochbetagt" sagt der Text. Als Frau von Abraham hat sie viel miterlebt. Jahrzehnte ist es her, da wohnten die beiden als junges Ehepaar in einem fernen Land. Sie waren reich. Es ging ihnen gut. Das Leben lag vor ihnen -- mit guten Aussichten. Fast scheint es unwirklich, wie ein ferner Traum. Denn dann kam der Tag, an dem Abraham Gott reden hörte: "Verlaß dein Zuhause und geh in das Land, das ich dir zeigen werde." Was wohl Sara damals gesagt hat, als ihr Mann ihr davon erzählte? Und nicht nur erzählte, sondern auf dieses Wort allein hin alles zusammenpackte und mit Frau und Haushalt, mit Dienern und Herden und allem, was sie besaßen, loszog. Ohne zu wissen wohin.

Abraham und Sara sind Glaubenshelden. Welch ein Vertrauen auf Gott muss man haben, um so einen riesigen Schritt zu wagen?

Aber das Vertrauen hat sich gelohnt. Durch Höhen und Tiefen und viele große Abenteuer hat Gott sie begleitet. Er hat sie in ein neues Land gebracht. Er hat ihnen Reichtum und Segen geschenkt. Ihr Glaube hat seine Bestätigung gefunden

Wenn sie es noch einmal entscheiden müssten, würden sie es wieder tun.

Wenn da nicht diese eine Kleinigkeit wäre. Diese eine Sache, die an Sara nagt und die ihr immer wieder bittere Stiche ins Herz versetzt. Damals nämlich, ganz am Anfang, da hatte Gott nicht nur ein Land versprochen. Er hatte vor allem auch eine Familie versprochen. Nachkommen, von ihm auserwählt und gesegnet, so zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie die Sandkörner am Strand des Meeres. Eine unüberschaubare Menge von Nachkommen. Segen, quasi unendlich potenziert. Ein begeisterndes Versprechen.

Zwischenstand. Bisher davon eingetroffen: Null.

Abraham und Sara sind kinderlos. Und sie sind alt. Jahrelang haben sie geglaubt, gehofft, gebangt -- und zugesehen, wie die biologische Uhr unaufhaltsam weitertickte, ablief. Sie haben selbst versucht, Gottes Versprechen nachzuhelfen. Mit den Mitteln der damaligen Zeit: Saras Dienerin sollte an ihrer Stelle ein Kind bekommen. Den verheißenen Erben. Das Zeichen, das Gott sein Versprechen hält. So wurde Ismael geboren. Nun würde alles gut werden -- hatten sie gedacht. Aber nichts wurde gut. Die Bitterkeit wuchs. Die Enttäuschung auch. Und der Stiefsohn war für Sara nur die beständige Erinnerung daran, dass etwas nicht stimmte.

Bis zu diesem Tag...

Maria

Maria lebt in einer ganz anderen Zeit. Sie kennt die Geschichte Saras aus den alten Sagen ihres Volkes, aus längst vergangenen Tagen, die schon lange keiner mehr genau beziffern kann. Maria selbst lebt um die Zeitenwende, am vergessenen Rande des römischen Reichs, in einem unbedeutenden galiläischen Bergdörfchen namens Nazareth. Nichts ist bei ihr wie bei Sara: Ein junges Mädchen, kaum dem Kindesalter entwachsen. Ein Teenager, gerade erwachsen nach den damaligen Sitten, wurde sie einem Mann zur Heirat versprochen. Noch lebt sie bei ihren Eltern. Das Leben, die Zukunft, der Schritt aus dem Elternhaus in eine eigene Familie -- all das liegt noch vor ihr. Maria ist noch jung und behütet in ihrer kleinen, angestammten Welt.

Auch Maria hat keine Kinder, aber das ist auch besser so. Schließlich hat sie ja noch keinen Mann. Eine Schwangerschaft, ein Kind -- Gott behüte! Das hieße ja Ehebruch, Untreue, Schande! Verstoßen würde man sie oder gleich steinigen. Zum Glück gibt es keinen Grund, überhaupt daran zu denken.

Bis zu diesem Tag...

Sara und Maria

Jetzt kommt die Gemeinsamkeit der so unterschiedlichen Geschichten: Beide Frauen haben eine Erscheinung. Völlig unerwartet spricht Gott in ihr Leben hinein. Einmal durch einen Engel, der plötzlich im Haus von Marias Eltern steht. Das andere Mal durch drei Männer, die in der Mittagshitze beim Zelt des Patriarchen Rast machen. Und beides Mal ist die Botschaft die selbe: Ein Kind wird geboren.

"Ich bin zu jung", sagt Maria. "Ich bin doch mit gar keinem Mann zusammen. Ich kann doch gar kein Kind bekommen."

"Ich bin zu alt", sagt sich Sara, "und Abraham auch. Ich kann doch gar keine Kinder mehr bekommen."

Und zweimal ist die Antwort dieselbe:

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

"Bei Gott ist kein Ding unmöglich!", weiß der Engel bei Maria schon die Antwort.

Sara und Maria.

Beide sind sie völlig überrumpelt von dem, was Gott in ihrem Leben tut.

Ich

Tailfingen. 2020.

Ich habe keinen Engel gesehen. Aber einen gemalt. In den nächsten Tagen soll er nur wenige Meter von hier, draußen an der Mauer vor der Pauluskirche hängen. "Fürchtet euch nicht.", sagt dieser Engel mit dem Text aus dem Weihnachtsevangelium. "Jesus ist da."

Draußen an der Straße, wo auf den wenigen Wegen, die in der tristen Zeit des Lockdown noch gestattet sind, die Menschen vorbeifahren.

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Dahinter steht die Pauluskirche. Und die Türen sind zu. Am vergangenen Donnerstag mussten wir uns eingestehen, dass die Entwicklung der letzten Wochen das nahelegt. Andere zu schützen geht vor uns lieb gewordenen Traditionen. Die Entscheidung ist uns unendlich schwergefallen. Traurig sind wir, dass es dieses Jahr keinen öffentlichen Weihnachtsgottesdienst in dieser Kirche geben wird. Während andere an den Bildschirmen zuschauen und an den Telefonen zuhören, werden nur ganz wenige Menschen dieses Jahr hier im Raum "O du fröhliche" anstimmen.

Was für Zeiten, in denen wir leben!

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Das große Banner haben wir zuallererst für uns selbst gemalt. Und mir schwerem Herzen bemerkt, dass es gar nicht so leicht ist, das immer so unbeschwert zu glauben.

Seufzend kann man kaum "O du fröhliche" singen.

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Ein Engel. Mit Botschaft vom Kind.

Sara

Nach all den Jahren kann es Sara kaum fassen. Als sie hinter der Zeltwand lauscht, was Abraham da zugesagt wird, ist ihre Reaktion ein Lachen.

Hat sie das etwa komisch gefunden?
War das ein bitteres Auflachen über die schreckliche Ironie eines Versprechens, das Jahrzehnte zu spät kommt?
Ein Zeichen von emotionaler Überforderung?

Auf jeden Fall ist es kein fröhliches Lachen -- das zeigt die Antwort darauf und auch die Angst, die Sara selbst vor ihrer eigenen Reaktion bekommt. Es ist ein ungläubiges Lachen, dem das Vertrauen auf den Herrn, dem kein Ding unmöglich ist, verloren gegangen ist?

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

Ist das Reden vom allmächtigen Gott vielleicht irgendwann nur noch lächerlich, wenn man ihm die bittere Realität des eigenen Erlebens entgegenhält?

Manchmal fühle ich mich Sara ganz nahe.

Maria

Sara hätte sich eigentlich freuen können. Maria müsste eigentlich entsetzt sein -- weiß sie doch, was es bedeutet, ein Kind haben, aber keinen Mann!

"Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast."

Maria ist bereit, sich auf Gottes Handeln einzulassen.

Oder ergibt sie sich einfach in ihr Schicksal, weil ihr sowieso nichts anderes übrig bleibt?

"Siehe, ich bin des Herrn Magd. Mir geschehe, wie du gesagt hast."

Ich will es als Zeichen des Glaubens lesen. Dann wird sie mir zum Vorbild, Maria. Und ich hoffe nur, dass ich ihr nacheifern kann.

Ich

"Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.", sagt mir mein Engel, der bald vor der Pauluskirche steht und allen, die vorbeifahren, von dem Kind erzählt, das die Antwort auf alle unsere Ängste ist.

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Ich zittere manchmal, wenn ich an Weihnachten denke. An die Enttäuschungen, die vielen bevorstehen. An all das Schöne, was wir uns ausgedacht hatten. An alles, was anders wird. Oder einfach nicht stattfindet. An bedrohliche Zahlen, die uns davonzulaufen scheinen. An die Menschen in den Krankenhäusern, auf den Intensivstationen -- die, die in den Betten um ihr Leben kämpfen und die, die neben dem Bett völlig erschöpft die dritte Doppelschicht in Folge arbeiten. An die, die zu Hause bleiben müssen und ihre Familie nicht sehen können. Und an die, die aus ihrer Familie liebe Menschen verloren haben.

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Wenn dann die nächste Verordnung kommt und die nächste Einschränkung, die nächste Absage von lang geplantem, die nächste Beerdigung, die ich halten soll -- dann spüre ich manchmal, wie sich Saras bitteres Lachen in meine Kehle schieben möchte.

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Und so geht es mir, der ich hier in der sicheren Kirche stehe. Das ist noch weit weg von der Situation von vielen anderen, die diese Tage in erbärmlichen Flüchtlingslagern verbringen oder auf schwankenden Schlauchbooten im Mittelmeer. Ohne Aussicht auf Hilfe.

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

Wie weit weg die Antwort auf diese Frage oft plötzlich zu sein scheint...

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

Das Kind

Bei beiden Frauen hat es etwas gedauert, bis sie die wahre Antwort gefunden haben. Beide, übrigens. Nicht nur Maria, die sich Gottes Willen ergibt. Auch die bitter lachende Sara. Gute Nachricht: Gott ist barmherzig mit unserem kleinen Glauben. Er wendet sich nicht von denen ab, die nur noch ein bitteres Lachen finden.

Im Gegenteil: Bei Gott ist kein Ding unmöglich! Er verwandelt das bittere Lachen...

Bei Sara, ist es echtes Lachen geworden. Es hat ein Jahr gedauert, aber dann ist es da, das freudige Lachen, ganz tief aus dem Bauch und aus dem Herzen, aus der Seele. Es hat einen Namen bekommen, das Lachen, und Sara hält es in ihrem Arm: Isaak, der versprochene Sohn. Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Bei Maria ist es Singen geworden, spontan und fröhlich und mit einer Tiefe, die uns das bis heute nachbeten lässt:

Magnificat

Meine Seele erhebt den Herrn,
und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
Denn er hat große Dinge an mir getan,
der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
Und seine Barmherzigkeit währet für und für
bei denen, die ihn fürchten.
Er übt Gewalt mit seinem Arm
und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
Er stößt die Gewaltigen vom Thron
und erhebt die Niedrigen.
Die Hungrigen füllt er mit Gütern
und lässt die Reichen leer ausgehen.
Er gedenkt der Barmherzigkeit
und hilft seinem Diener Israel auf,
wie er geredet hat zu unsern Vätern,
Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.

Was es wohl bei uns werden wird?

Vielleicht genau das, was dem heutigen vierten Adventssonntag seinen Titel gibt: Die große Freude.

Fürchtet euch nicht. Jesus ist da.

Das ist ja nichts anderes, als die Kurzform dessen, was der Engel im Weihnachtsevangelium sagt. Damals zu den Hirten auf dem Feld. Heute zu uns in Tailfingen. Nicht nur in der Pfeffinger Straße:

"Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist [...] der Heiland geboren, [...] Christus der Herr!" (Lukas 2,10-11a)

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Er kann auch unser bitteres Lachen in Freude verwandeln.

Er kann auch unser tristes Weihnachten zu "O du fröhliche" machen.

Er kann in unsere einsamen Wohnungen, traurigen Gedanken, leeren Kirchen, enttäuschten Herzen, bitteren Gedanken kommen und seine große Freude hineinschenken -- auch wenn das gerade vielleicht manchem unvorstellbar scheint.

Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Sollte dem Herrn etwas unmöglich sein?

Die Antwort ist immer dieselbe. Ein Kind.

Euch ist der Heiland geboren. Christus der Herr.

Möge Gott mit der Freude darüber unsere Herzen füllen.

Bei Gott ist kein Ding unmöglich.

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer