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Jetzt zieh dich doch mal anständig an

(K)Eine Moralpredigt

Aufnahme der Predigt (17:12)
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Die Predigt "Jetzt zieh dich doch mal anständig an" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Epheser 4,22-32

In aller Kürze

Ich mag keine Moralpredigten. Du wahrscheinlich auch nicht. Deshalb ist es gut, dass sich der Predigttext auf den zweiten Blick als etwas ganz anderes entpuppt.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Den heutigen Predigttext lese ich aus dem vierten Kapitel des Epheserbriefs:

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Laßt kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.  Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. (Epheser 4,22-32)

 

Und nun: Eine Moralpredigt.

Legt die Lüge ab.

Sündigt nicht im Zorn.

Gebt dem Teufel keinen Raum.

Wer gestohlen hat, soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten.

Hört auf mit dem faulen Geschwätz.

Betrübt den Geist Gottes nicht.

Vermeidet Bitterkeit, Grimm, Zorn, Geschrei und Lästerung.

Eine ganz schöne Keule, diese Liste.

 

Ich mag keine Moralpredigten. Vor allem keine, mit langen Listen von Ge- und Verboten, bei denen die Chance, dass ich mich irgendwo wiedererkenne, noch deutlich steigt.

Zum Glück habe ich da so meine Strategien. Du sicher auch.

Bei manchen Moralpredigten schalte ich innerlich einfach ab. Ich höre gar nicht mehr zu. Ich lasse das Ganze über mich ergehen, ziehe mich im Geist zurück auf irgendeine glückliche Insel und warte ab, bis das Gewitter vorübergezogen ist. Mitnehmen kann ich da vielleicht nichts, aber mit etwas Glück war ja wenigstens der Rahmen gut. Aus einem Sonntagsgottesdienst mit so einer Predigt kann ich mich vielleicht immerhin noch an die gute Orgelmusik erinnern oder an die Kleidung meines Sitznachbarn oder an das, was wir während des Glockenläutens miteinander geredet haben. Die Predigt ging an mir vorbei.

Bei anderen Moralpredigten höre ich aufmerksam zu. Mir fallen da oft schon bei den ersten Sätzen Menschen aus meiner Umgebung ein, die das dringend mal hören müssten. Mit etwas Glück sitzen die ja vielleicht sogar unter den Zuhörern, so dass ich ihnen verstohlen ein paar triumphierende Blicke zuwerfen kann. Wenn nicht, dann kann ich mir immer noch vorstellen, sie würden das hören und kann mich in meinem Kopfkino daran weiden, wie sie endlich einmal die verdiente Abreibung bekommen (zumindest in Worten), während ich überheblich lächelnd zusehen darf. Recht so. Preach it, brother. Immer feste drauf.

Manchmal ziehe ich aber meine Schutzschilde auch nicht schnell genug hoch und dann erwischt mich eine Moralpredigt eiskalt. Jedes Wort scheint sich nur auf mich zu beziehen. Ich fühle mich ertappt – oft auch bei Dingen, von denen eigentlich gar niemand weiß, dass ich mir da etwas zu Schulden kommen lassen habe. Mit jedem Satz zucke ich zusammen, werde immer kleiner und würde mir ein liebsten unter meiner Bank ein Loch graben, mich darin zusammenkauern und verstecken. Hoffentlich schaut mich jetzt keiner an. Hoffentlich ist es bald vorbei. Leider wird diese Hoffnung meist enttäuscht, denn gerade diese Reden sind die, die absolut kein Ende zu nehmen scheinen.

Habe ich schon erwähnt, dass ich Moralpredigten nicht mag?

Du vielleicht auch nicht.

Dann hoffe ich, dass ich dich noch nicht an ganz andere, vielleicht viel angenehmere Gedanken verloren habe.

Ich bin nämlich überzeugt, dass es dem Autor dieses Texts überhaupt nicht darum ging, hier mit einer großen Liste von Anschuldigungen die große Keule zu schwingen und uns niederzuknüppeln. Ich glaube, dass man diesen Text auch ganz anders lesen und hören kann.

Wer dazu bereit ist, der hört vielleicht beim zweiten Lesen die Sehnsucht, die darin mitschwingt. Sehnsucht nach einem Leben, das anders ist. Von einem neuen Menschen, geradezu einer Neuschöpfung Gottes – und zwar in meinem Leben. Sehnsucht nach einem Miteinander, in dem sich Jesus selbst spiegelt.

Wir probieren’s mal. Könnt ihr das heraushören?

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.
Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; laßt die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, und gebt nicht Raum dem Teufel. Wer gestohlen hat, der stehle nicht mehr, sondern arbeite und schaffe mit eigenen Händen das nötige Gut, damit er dem Bedürftigen abgeben kann. Laßt kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung.  Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit.
Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. (Epheser 4,22-32)

Und? Konntet ihr es hören? Den Traum vom neuen Leben, von Erneuerung und Gerechtigkeit, gar von Heiligkeit.

Da wird die Wahrheit geredet. Da wird vergeben, bevor die Sonne untergeht. Da kann man sich mit ehrlicher Arbeit den Lebensunterhalt verdienen und sogar noch Bedürftigen davon abgeben. Was geredet wird, bringt Segen und das Miteinander ist so freundlich, herzlich und fehlertolerant, dass sich darin Gottes Liebe zu uns wiederspiegelt.

Sehnsucht. Ein Traum.

Und ein großer Anspruch.

Also doch die Moralpredigt? Doch die Frage: Warum seid ihr nicht so? Doch die vorwurfsvolle Anklage, dass ich es doch eben an vielen Stellen ganz anders mache?

 

Ich glaube, der Schlüssel zu diesem Text liegt in den ersten Sätzen:

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.

Legt ab.

Zieht an.

Als ob das Leben ein Kleidungsstück wäre, das man mal eben nach Belieben wechseln kann.

"Jetzt zieh dich doch mal anständig an!"

Der, der das schreibt, lebt in einer anderen Zeit als wir. Wenn er nach Hause kommt, steht dort kein siebentüriger Kleiderschrank mit Spiegelfront im Schlafzimmer. Kleider sind damals handgefertigte Einzelstücke. Teuer und kostbar. Kaum jemand kann es sich leisten, sich gleich mehrfach einzukleiden. Das eine Kleidungsstück, das man besitzt, das trägt man Tag und Nacht. Der mantelartige Umhang, den die meisten bei kälteren Temperaturen darüber tragen, dient oft bei Nacht noch mit als Bettdecke.

Altes ablegen. Neues anziehen. Das ist keine alltägliche Geste für die Menschen damals. Wo wir uns ohne groß nachzudenken manchmal mehrmals am Tag umziehen, gewinnt das dort schon bedeutenden Symbolwert.

In der alten Kirche hat man dieses Symbol aufgegriffen. Damals, als die Christen ganz deutlich in der Minderheit waren, kamen Menschen meistens als Erwachsene durch eine ganz bewusste Entscheidung zur Gemeinde. Nach einer Art Probezeit von bis zu einem Jahr wurden sie dann in einer festlichen Zeremonie in die Kirche hineingetauft. Nicht wie bei uns heute mit ein paar wenigen Tropfen Wasser, sondern durch komplettes Untertauchen, oft in einem Fluss oder See. Vor der Taufe zog der Täufling seine alten Kleider aus. Der Schmutz und die Spuren seines ganzen Lebens hafteten daran. Nach der Taufe wartete dann ein Geschenk auf ihn: Ein neues Gewand, weiß und strahlend sauber. Zeichen des neuen Lebens, das Gott uns in Jesus Christus schenkt.

Wenn heute kleine Kinder zur Taufe ein schickes neues Kleid bekommen, ist das ein Rest dieses Zeichens. Für die Christen damals war das sofort verständlich.

Für sie muss auch ganz klar gewesen sein, was der Text hier sagen soll.

Legt ab.

Zieht an.

Der Traum von einem neuen Leben ist nichts, was man durch eigene Anstrengung erreichen soll oder muss.

Neues Leben habt ihr doch bereits von Gott beschenkt bekommen. Denkt doch an eure Taufe! Das ist es, was der Autor hier sagt.

Ihr seid doch bereits erneuerte Menschen. Christus lebt doch bereits in euch.

Und weil man damals in der Gemeindeversammlung nicht nur ein paar Zeilen, sondern den ganzen Brief vorlas, hatten die Gläubigen nur wenige Minuten zuvor das hier gehört:

Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in der Liebe; er hat uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten. In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden, nach dem Reichtum seiner Gnade, die er uns reichlich hat widerfahren lassen in aller Weisheit und Klugheit. Gott hat uns wissen lassen das Geheimnis seines Willens nach seinem Ratschluss, den er zuvor in Christus gefasst hatte, um die Fülle der Zeiten heraufzuführen, auf dass alles zusammengefasst würde in Christus, was im Himmel und auf Erden ist, durch ihn. In ihm sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt, nach dem Ratschluss seines Willens, damit wir zum Lob seiner Herrlichkeit leben, die wir zuvor auf Christus gehofft haben. In ihm seid auch ihr, die ihr das Wort der Wahrheit gehört habt, nämlich das Evangelium von eurer Rettung – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist, der verheißen ist, welcher ist das Unterpfand unsres Erbes, zu unsrer Erlösung, dass wir sein Eigentum würden zum Lob seiner Herrlichkeit. (Epheser 1,3-14)

„Ihr seid doch schon neue Menschen!“, sagt der Autor. „Jetzt lebt doch auch so!“

 

Nun ist es leider nicht so, als wäre Gottes erneuerndes Werk in der Taufe etwas, das sich uns in irgendeiner Art und Weise aufzwingt. So, dass ich gar nicht mehr anders könnte als, von Gott verändert, die beste Version meiner selbst zu sein. Das brauche ich euch nicht erklären. Das wisst ihr alle selbst.

„Der alte Adam muss täglich ersäuft werden“, meinte schon Martin Luther und dachte dabei ebenfalls an nichts anderes als das Zeichen der Taufe, in dem Gott uns bereits neues Leben geschenkt hat. Dass der alte Adam sich immer noch oft quicklebendig fühlt und vielleicht morgens viel schneller wach und munter ist als ich selbst, das erleben wir alle Tag für Tag.

„Ersäufen wir ihn!“, sagt Luther. „Legen wir ihn ab“, sagt der Autor des Epheserbriefs, „und ziehen wir den neuen Menschen an“, der, so könnten wir das Bild weiterspinnen, schon für uns an der Bettkante bereit liegt, weil ihn Gott längst geschenkt hat.

Besinnen wir uns auf das, was Gott schon getan hat. Was er in Christus schon für uns vollbracht hat und uns in der Taufe zugesprochen.

Wer sich täglich auf das zurückbesinnt, der erkennt in Texten wie diesem keine Moralpredigt. Er weiß, dass er sich Gottes Zuwendung nicht erst durch korrektes Verhalten verdienen muss. Gott hat das neue Leben doch aus Gnade schon geschenkt!

Wer sich täglich auf dieses Geschenk Gottes zurückbesinnt, der erkennt in Texten wie diesem aber auch, dass manches Verhalten diesem neuen, von Gott geschenkten Leben nicht gerecht wird. Der sieht Christi Spuren in seinem Leben und möchte, dass sein Verhalten diese Liebe wiederspiegelt und verherrlicht. Der sieht sich von Gottes Liebe getrieben, nun als ein neuer Mensch zu leben und nicht die Lumpen des alten Lebens wieder anzuziehen.

Das ist zumindest die Sehnsucht. Das ist zumindest der Traum.

Und wenn ich dann abends im Bett liege und über den Tag nachdenke und immer mal wieder auch feststellen muss, das das heute doch eher nach dem „alten Adam“ aussah, dann fällt an dieser Stelle immer noch nicht der Hammer. Dann bleibt die Gewissheit, dass Gott mir in Christus unverbrüchlich sein „Ja“ gesagt hat – aus Gnade und nicht weil, ich es mir so toll verdient hätte. Dann kann ich in dieser Zuversicht einschlafen und aus der Erfahrung lernen, den alten Adam morgen noch gründlicher zu ersäufen, indem ich mich auf Gottes Barmherzigkeit zurückbesinne.

Und wenn ich das verstanden habe, dann ist das heute keine Moralpredigt.

Sondern eine Gnadenpredigt.

Habe ich schon erwähnt, dass ich Gnadenpredigten liebe?

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer