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In Gottes Namen

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Die Predigt "In Gottes Namen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Kolosser 3,17

In aller Kürze

Hilde Bitzers Denkspruch ist in gewisser Weise eine Lebensberufung. Kann man solchen Ansprüchen überhaupt genügen? Vielleicht muss man da einfach einmal von Gottes Seite aus drauf schauen.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Hilde Bitzer wurde am 27. August 1921 in Tailfingen als Tochter des Malermeisters Carl Conzelmann und seiner Frau Marie Conzelmann geb. Mayer als Jüngstes von sechs Geschwistern geboren.

Die Familie lebte in einem Haus in der Goethestraße 28 in Tailfingen in dem sich auch das Malergeschäft des Vaters befand.

Hilde Bitzers ältester Bruder Reinhold verstarb zwei Monate nach der Geburt an einer Cholera-Erkrankung. Zu ihren vier übrigen Geschwistern, den Brüdern Alwin, Alfred und Erich sowie der Schwester Ella hatte Frau Bitzer zeitlebens ein sehr inniges Verhältnis.

Während des zweiten Weltkrieges verstarb 1942 ihr Vater Carl Conzelmann völlig unerwartet an einem Schlaganfall, zwei Jahre später fiel ihr zweitältester Bruder Alwin 1944 in Frankreich und ein Jahr später verstarb ihre Schwester Ella an Multipler Sklerose. Dies war eine sehr schwere Zeit für die Familie.

Hilde selbst wurde im Krieg verpflichtet worden, in einem metallverarbeiten Betrieb zu arbeiten. Nach dem Krieg hat sie diese Arbeit noch einige Jahre fortgeführt, bis sie dann zu Hause bei der Pflege ihrer Mutter gefragt war. Die Brüder Alfred und Erich heirateten und verließen das Elternhaus während Hilde weiterhin im Hause der Mutter lebte und dieser zur Hand ging.

Nach dem Krieg kehrte ihr Bruder Erich mit seiner Familie, die den Krieg in Berlin erleben musste, zurück ins elterliche Haus. Hilde war für die Kinder ihres Bruders wie eine zweite Mutter, da Erichs Frau von den Kriegserlebnissen in Berlin traumatisiert, als Mutter oft nicht für die Kinder da sein konnte. Zu ihrer Nichte Elke hatte sie bis zu Elkes Tod im Jahre 2004 ein sehr liebevolles und inniges Verhältnis.

Auch kümmerte sich Hilde weiterhin um das Wohl ihrer Mutter und versorgte und pflegte diese bis zur deren Tod im Jahre 1969.

Im Jahre 1971 lernte Hilde ihren zukünftigen Mann Martin Bitzer kennen und lieben. Da war sie schon 54. Getroffen haben sie sich wohl im Milchstüble. Er hat sie angeschaut und ganz trocken gesagt...du Hilde ....du bischd doch alloi ond i au. Solla mir it heiraten?
Sie sagte sie sei so verlegen gewesen und wusste erst nicht wohin schauen....dann hätte er gesagt....jetz überlegs dir. Dann hätte sie eine Nacht drüber geschlafen und sei zu ihm und hätte gesagt .... du...i haus mer iberlegt...also i dät de heirata! :-)))) Im gleichen Jahr am 13. August heiratetet das Paar.

Martin und Hilde führten eine sehr gute Ehe. Leider verstarb Martin Bitzer schon 5 Jahre nach ihrer Trauung. Er hinterließ eine tieftraurige Hilde Bitzer und zwei Kinder aus erster Ehe.

Hilde hatte ihren Mann sehr verehrt und geliebt und in ihrer Wohnung lächelte er stehts von einer Fotografie auf sie herab. Sie empfand die wenigen Jahre, die sie zusammen verbringen durften als großes Geschenk und war stets dankbar für die gemeinsame Zeit. Noch im Pflegeheim stand sein Bild an ihrem Bett und sie erinnerte sich gerne an ihn. „Er war ein guter Mann“, sagte sie dann.

Ihre Neffen und Nichten und deren Familien hatte Hilde sehr lieb. Viele von Ihnen erinnern sich gerne an die Besuche bei ihr.

Besonders zu Manuela, der Tochter ihres Neffen Rolf, hatte Hilde eine sehr enge Beziehung und besuchte diese regelmäßig. Zusammen mit ihrem Bruder Erich, zu dem sie zeitlebens aufschaute und ihn gerne um Rat in allen Lebenslagen bat, verbrachte sie schöne Stunden in Pfeffingen bei Manuela und ihrer Familie.

Hilde Bitzer war eine Frau von großer Freundlichkeit und immer voller Lebensfreude und Optimismus. Sie nannte die Dinge beim Namen, war authentisch und hat sich nie verbogen oder verstellt. Sie hatte einen herrlichen Sinn für Humor und einige ihrer Aussprüche sind inzwischen zu geflügelten Worten in der Familie geworden.

Sie war sehr gerne kreativ, bis zum Schluss bewahrte sie sehr gelungene Zeichnungen aus ihrer Schulzeit auf und mit Leidenschaft fertigte sie große Stickbilder von Landschaften oder Blumen an.

Sie war eine Genießerin, liebte es gut zu essen und hatte einen besonderen Faible für Schokolade. Den Friseur am Freitag hat sie nie ausfallen lassen und legte Wert darauf, immer gut gestylt zu sein.

Ihre letzten Jahre verbrachte Hilde im Seniorenzentrum in Albstadt-Tailfingen. Sie hatte sich eine sehr schöne Wohnung mit Blick in den Park gemietet und führte ein bescheidenes und glückliches Leben. Dass sie die schöne Umgebung und das gute Essen dort genoss, hat sie immer wieder erwähnt. Auch den Wochenmarkt am Freitag und das Kaffeetrinken am Sonntag besuchte sie gerne noch. Bis vor 2 Jahren ging sie noch selbst einkaufen.

Als die Kräfte nachließen und sich eine fortschreitende Demenz bemerkbar machte, wechselte sie in den Pflegebereich der Einrichtung.

Dort durfte sie nach 98 erfüllten Lebensjahren, fast einem Jahrhundert, friedlich einschlafen.

98 Jahre! Eine kaum zu überblickende Zeitspanne. So viele Erinnerungen. So vieles Erlebnisse. Manche Geschichten haben Sie miteinander schon zusammengetragen. Manche Lebensweisheiten und Sprüche von Hilde werden Sie alle noch lange begleiten.

98 Jahre! Wie soll man da in wenigen Minuten einen Schlussstrich drunter ziehen, gar eine Art Bilanz ziehen?

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Ich kann das nicht. Das möchte ich mir gar nicht anmaßen. Ich glaube, niemand wird dem Leben eines Menschen gerecht, wenn er das für so einfach hält.

Ich möchte lieber etwas anderes tun: Ich möchte dem Lebenslauf von Hilde Bitzer gerne einen Bibelvers zur Seite stellen. Eigentlich ist auch das nicht ganz richtig: Zur Seite gestellt wurde er Hilde nämlich schon vor langer Zeit -- genauer am 5. April 1936. Da war sie gerade mal 14 Jahre alt und wurde in Tailfingen konfirmiert. Das ist der Tag, an dem man in der Kirche einen Denkspruch mitbekommt -- damals noch ausgesucht vom Pfarrer. Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Kolosser hat man Hilde damals Folgendes mitgegeben:

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. (Kolosser, 3,17)

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus...

Was die vierzehnjährige Hilde wohl damals mit diesem Satz verbunden hat? Ob sie ihn mitgenommen hat, und drüber nachgedacht, wie es ja das Wort "Denkspruch" nahelegt? Ob sie sich daran erinnert hat und ihn zeit ihres Lebens immer wieder hervorgeholt und wiederholt hat? Ist er gar ihr Lebensmotto geworden?

Das weiß ich alles nicht. Und wir werden es vermutlich auch nicht wissen. Nur Gott kann in das Herz eines Menschen hineinschauen.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus...

Das ist ja auch ein ganz schön hoher Anspruch. Wie soll man das überhaupt leben? So ganz praktisch?

Martin Luther hat das uns so geläufige Wort "Beruf" geprägt. Das war ein ganz neuer Gedanke in seiner Zeit. Vorher hatte man immer unterschieden: Da gab es auf der einen Seite Menschen, die "berufen" zu sein schienen, ganz besondere Dinge für Gott zu tun. Die wurden dann Priester oder Diakone, oder sonst irgendetwas im Bereich der Kirche. Zu denen schaute man auf. Sie war ja schließlich etwas ganz Herausragendes. Fast so etwas wie Heilige. Sie waren im Namen Gottes unterwegs. Nicht jeder konnte das von sich behaupten. Und dann gab es auf der anderen Seite sozusagen, das "gemeine Volk." Die, die sich halt mit den ganz "normalen" Aufgaben des Lebens beschäftigten. Ganz profan einer Arbeit nachgingen, Geld verdienten, eine Familie gründeten, und so weiter.

Martin Luther sah das anders. Ihm war wichtig, dass man mit allem, was man tut, Gott ehren konnte -- nicht nur in der Kirche. Egal ob als Priester oder als Bauer, Zimmermann, Hausfrau oder einfache Magd. „Ob Prinz, Flickschuster oder Pfarrer, alle dienen einander wie die Gliedmasse eines einzigen Körpers dessen alleiniger Befehlshaber Christus ist.“ Jeder ist "berufen", meinte Luther, mit seinem Leben Gott zu ehren.

Hilde Bitzer war es -- wie vielen ihrer Generation -- nicht vergönnt einen "Beruf" zu lernen. An Arbeit und Inhalt hat es ihrem Leben deshalb nicht gefehlt.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus...

Ob sie das dann so beherzigt hat? Im Namen Jesu Christi die Mutter gepflegt und sich um die Kinder des Bruders gekümmert, Martin geheiratet, und Lebensweisheiten weitergegeben hat? Ich weiß es nicht. Wusste sie das denn?

Und ist das nicht überhaupt ein viel zu überzogener Anspruch an eine einfache Frau aus Tailfingen -- "im Namen Gottes" zu reden, zu handeln und zu leben? Kann man das heute irgendwie bewerten, ob sie das auch angemessen gemacht hat, oder nicht?

Was heißt das überhaupt "im Namen Gottes" reden und handeln?

Vielleicht muss man die Sache ganz anders angehen. Von der anderen Seite her, sozusagen. Von Gottes Seite her.

Da braucht man dann nämlich auch nicht bis zum Ende warten. Da war schon sehr viel früher alles klar: Am 11. September 1921, da war die kleine Hilde noch keinen Monat alt, trug man sie zum Gottesdienst in die Pauluskirche. Im Namen Gottes wurde sie dort getauft. Im Namen des dreieinigen Gottes: Vater, Sohn und Heiliger Geist. Dieser Gott hat ihr an diesem Tag ein Versprechen gemacht: "Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein."

Mit anderen Worten: Du gehörst zu mir, Hilde. Du trägst meinen Namen auf deinem Leben, als Zeichen, als Erinnerung, dass ich "ja" zu dir gesagt habe. Ein für allemal in Jesus Christus. Und damit du nie daran zweifelst, dass das noch gilt, verspreche ich dir noch weiter: "Siehe, ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende."

Ob Hilde diese Versprechen in ihren 98 Jahren bewusst bedacht hat, weiß ich nicht. Dass Gott sie nie vergessen hat, weiß ich sicher.

Egal ob Hilde daran dachte oder nicht: Aus Gottes Sicht stand ihr Leben schon immer "in seinem Namen." Sein Beistand hat sie 98 Jahre begleitet, ob sie es wusste oder nicht.

Und das ist auch heute noch nicht zu Ende. Jesus Christus, in dem Gott als Mensch zu uns kam, hat die Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens bis hin zum Tod auf sich genommen. Und dann, als er am Kreuz gestorben war, hat Gott ihn zu neuem Leben auferweckt. Er ist auferstanden! Und -- das ist die Hoffnung, die uns Christen alle trägt -- mit ihm auch wir. Sein Leben, wird unser Leben. "Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt", sagt er selbst.

Das gilt auch für Hilde Bitzer. Das ist sein unumstößliches Versprechen an sie, dass er ihr damals in der Taufe gegeben hat. An seinem Tag wird Christus wiederkommen und die seinen zu sich nehmen. Auch Hilde. Dann, spätestens dann, wird sich wirklich und endlich zeigen, dass in ihrem Leben Gott verherrlicht wird.

Als Christ kann einen diese Hoffnung durch Leben und Sterben tragen. Wer dass weiß, der kann schon im Hier und Jetzt in allem Gott, dem Vater danken und als konkreten Dank in seinem Namen leben, wie es Paulus schreibt. Ob Hilde das so gesehen hat, weiß ich nicht. Aber wenn wir uns heute neu daran erinnern, dass Gottes Versprechen ja nicht nur speziell Hilde Bitzer, sondern auch uns gilt, dann kann ihr Denkspruch auch uns Hoffnung geben und "Berufung" werden.

Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt Gott, dem Vater, durch ihn. (Kolosser, 3,17)

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer