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Honigsüße Worte

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Die Predigt "Honigsüße Worte" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Hesekiel 2,1-5.8-10;3,1-3

In aller Kürze

Wenn Gott redet, bin ich herausgefordert. Denn sein Reden ist nicht immer leichte Kost. Im Gegenteil: Es hinterfragt mich. Es fordert mich heraus. Es droht, mir schwer im Magen zu liegen. Was mache ich mit seinem Reden? [Kurzversion der Predigt vom 09.02.2020 für das Seniorenzentrum Augustenhilfe]

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Aus dem Buch des Propheten Hesekiel, aus dem zweiten Kapitel und bis hinein in den Anfang des dritten Kapitels:

Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern, die von mir abtrünnig geworden sind. Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen. Zu denen sollst du sagen: "So spricht Gott der HERR!"
Sie gehorchen oder lassen es - denn sie sind ein Haus des Widerspruchs -, dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Aber du, Menschenkind, höre, was ich dir sage, und widersprich nicht wie das Haus des Widerspruchs. Tu deinen Mund auf und iss, was ich dir geben werde. Und ich sah, und siehe, da war eine Hand gegen mich ausgestreckt, die hielt eine Schriftrolle. Die breitete sie aus vor mir, und sie war außen und innen beschrieben, und darin stand geschrieben Klage, Ach und Weh. Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, iss, was du vor dir hast! Iss diese Schriftrolle und geh hin und rede zum Hause Israel!
Da tat ich meinen Mund auf und er gab mir die Rolle zu essen und sprach zu mir: Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe. Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig. (Hesekiel 2,1-5.8-10;3,1-3)

Möge Gottes Wort durch unsere Ohren in unsere Herzen dringen und dort Wurzeln schlagen und Früchte tragen in unserem Leben.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Da braut sich etwas zusammen im Land. Überall hört man sie diskutieren. "So kann es nicht weitergehen."  Das Land ist voll von besorgten Bürgern. Mit geschickter Propaganda hat man die Menschen eingefangen. Mit honigsüßen Worten: Man hat an an ihren Nationalstolz appelliert.  Man hat den unterschwelligen Neid angefacht, auf andere, denen es besser geht. Man hat mit den Ängsten der Menschen gespielt, mit der Überforderung durch all die großen Veränderungen der letzten Jahre. "Da erkennt man ja sein Land nicht mehr wieder. Ist das noch unsere Heimat?" Die Menschen sehnen sich zurück zu den besseren Zeiten von Früher. Früher. Vor der großen Niederlage.

Lange genug! Aber nicht mehr länger.  Da braut sich etwas zusammen im Land! Haben sie denn nichts aus der Geschichte gelernt?

Einer hat alles miterlebt. Jahre des Abfalls von Gott. Den Krieg. Die Übermacht der Feinde. Die Zerstörung. Die Niederlage. Er kann sich daran noch gut erinnern. Es ist ja erst fünf Jahre her, dass Babylon in Israel einfiel und den König und seine Männer gefangen wegführte. Sein Name ist Hesekiel. Und er ist einer von Gottes Propheten.

Hesekiel hat sich das nicht ausgesucht. Im Gegenteil: Er ahnte nichts, als er ganz plötzlich von Gott berufen wurde. "Du Menschenkind. Ich will mit dir reden."

Propheten gibt es damals wie Sand am Meer. Jedes Land hat seine eigenen. Die meisten davon sind Berufspropheten. Ihr Platz ist am Hof, im Auftrag des Königs. Was sie so von sich geben, könnte man im Grunde schon vorhersagen. Eine gleichgeschaltete Masse, die genau das prophezeit, was ihr Auftraggeber hören möchte. Wer nur auf sie hört, hat jeden Bezug zur Realität verloren. Je öfter eine Lüge wiederholt wird, desto mehr Menschen beginnen, sie zu glauben. Und manchen hört man eben lieber zu als anderen: Was sie sagen, bestätigt die eigene Position. Es schmeichelt dem Ego. Und es streichelt die eigenen, unerreichten Träume. Honigsüße Worte eben. Auf die hört man gerne.

Die wahren Propheten, Gottes Gesandte, sind da ganz anders. Die Propheten der Bibel gehen den Mächtigen gegen den Strich. Sie nehmen selten ein Blatt vor den Mund. Sie ecken an mit ihrer Botschaft. Sie sind unangenehm. Und sie haben es nicht nötig, irgendjemand Honig um den Bart zu schmieren.

Hesekiel ist da keine Ausnahme. In unserem Text redet Gott ja zunächst einmal zu ihm. Harte Kost: Ein widerspenstiges Publikum sagt Gott ihm voraus. Harte Köpfe und verstockte Herzen. Die Menschen werden lieber denen zuhören, die ihnen angenehmere Dinge sagen: Honigsüße Worte. Auf die hört man gerne.

Fünf Jahre vorher hatte das seine Konsequenzen. Jahrhundertelang hatte Gott sein Volk durch Propheten ermahnt, doch zurückzukehren zu ihm. Jahrhundertelang hatte man deren Worte in den Wind geschlagen. Die Worte der anderen waren immer süßer. Und auf die hörte man gerne.

Dann kam der Tag, an dem das alles ein Ende hatte. Eine Weltmacht aus dem Nordosten, die Babylonier, überrollte das kleine Land Juda förmlich. Jerusalem fiel in die Hände der Feinde. Der Tempelschatz wurde geplündert. Der König und seine treuen Gefolgsleute -- die ganze Oberschicht des Landes -- mussten als Gefangene ins Exil gehen. Der neue König war nur eine Marionette der Babylonier, die für die Zukunft Unsummen an jährlichen Tributzahlungen forderten. Mit einem Schlag waren alle Träume Judas ausgeträumt.

Eigentlich hätte man da doch lernen müssen. Eigentlich wäre das doch der Zeitpunkt für Einsicht gewesen. Für Umkehr. Für eine Bußbewegung. "Nie wieder", hätte das Schlagwort der Stunde werden müssen. Damit sich die Geschichte nicht wiederholt. Vielleicht war das auch am Anfang so. Aber lange hat es nicht ausgehalten.

Denn schon sind die alten Parolen sind wieder zum Leben erwacht. Wieder redet man von der Einzigartigkeit des Volkes; von garantiertem himmlischen Beistand. Wieder ist man sich seiner Unverwundbarkeit so sicher, dass man glaubt, alle Warnungen in den Wind schlagen zu können. "Gott mit uns", so meint man sich ja sicher zu wissen. Honigsüße Worte. Auf die hört man gerne. Haben sie denn nichts gelernt?

Jetzt wird Gott wieder reden. Durch Hesekiel. Noch weiß keiner, was er sagen wird. Eine Schriftrolle reicht ihm Gott. Deren Inhalt bleibt uns verborgen. Essen soll er sie, die Worte Gottes. Nicht nur flüchtig überfliegen. Nicht nur lesen, zur Kenntnis nehmen und irgendwo im Hinterkopf behalten. Essen. Verinnerlichen. Geradezu verschlingen, sozusagen. Doch Gottes Wort ist harte Kost.  "Klage, Ach und Weh", sagt Hesekiel. Wer hört so etwas schon gerne?

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Sind wir doch ehrlich: Was würdest du denn lieber hören? Honigsüße Worte, die dir schmeicheln, dich bestätigen und runtergehen wie Öl? Oder "Klage, Ach und Weh", hartes Schwarzbrot, das dich hinterfragt, dich herausfordert, deine Schuld aufdeckt und Veränderung von dir verlangt? Worauf würdest du hören?

Auf Gott zu hören war noch nie Schonkost. Wie weit das gehen kann, daran werden wir uns dieses Jahr zum Beispiel am 9. April wieder erinnern. 75 Jahre nach dem Tag, an dem Dietrich Bonhoeffer im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Mit Schrecken sehen wir, dass das Hören auf Gottes Wort schon manchen alles gekostet hat. Sogar Kopf und Kragen. Nirgends gibt es ein Versprechen, dass es immer ein Vergnügen sein wird, auf Gott zu hören. Schaut nur auf Jesus selbst, wie der immer wieder aneckt mit seiner Botschaft.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Gottes Worte zu hören, zu bewahren und zu befolgen, ist keine einfache Aufgabe: Feindesliebe. Nächstenliebe. "Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes." Fremde lieben. Gastfreundlich sein. Einander dienen. Und das alles im uneingeschränkten Vertrauen auf Gott und seine Verheißungen. Wer kann wirklich von sich sagen, dass ihm das alles immer leicht fällt? Was Gott sagt ist kein Honigschlecken. Auch für mich nicht.

Wenn Gott redet, kann man immer eines von zwei Dingen tun:

Erstens: Man kann ihn ignorieren. Lieber dort zuhören, wo es angenehmer klingt. Wo ich in meinem Tun und Denken bestätigt werde. Honigsüße Worte.

Oder zweitens: Man kann auf ihn hören. Seine Worte in sich aufnehmen. Verschlingen geradezu, wie Hesekiel mit seiner Schriftrolle. "Du allein hast Worte des ewigen Lebens", sagen die Jünger. Aber keine leichte Kost. Worte, die mich herausfordern. Worte, die mich manchmal viel kosten. Worte, die mir schwer im Magen zu liegen drohen.

"Du Menschenkind, gib deinem Bauch zu essen und fülle dein Inneres mit dieser Schriftrolle, die ich dir gebe.", sagt Gott zu Hesekiel.

"Da aß ich sie, und sie war in meinem Munde so süß wie Honig.", berichtet Hesekiel. Gottes Reden tut mir am Ende gut. Aber das kann man erst wissen, wenn man sich darauf einlässt. Wenn ich höre, dann beginnt sein Wort zu wirken. Es wird mir zum Segen. Und durch mich vielleicht auch Anderen.

Worte des Lebens. Wirklich honigsüße Worte.

Möge Gott unser Hören und Denken, unseren Kopf und unser Herz, unser Reden und Tun mit seinem Reden füllen.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer