Aufnahme der Predigt (23:28)
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Die Predigt "Hoffnungsboten" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Jeremia 1,4-10

In aller Kürze

Die Fronten sind verhärtet. Man kann kaum noch miteinder reden. Und uns vergehen Lust und Mut, das Gespräch überhaupt noch zu suchen. Doch Gottes Wort ist an uns geschehen. Er sendet uns als Boten seiner Hoffnung in die Welt.

Hauptpunkte der Predigt

  1. Erwählt: An uns ist Gottes Wort geschehen.
  2. Gesendet: Gott legt sein Wort in unseren Mund.
  3. Beauftragt: Gott macht uns zu Boten der Hoffnung.

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wo bist du durch die großen Diskussionen unserer Zeit besonders herausgefordert?
  2. Wie würdest du Gottes Reden in Christus zusammenfassen?
  3. Wo kannst du anderen von deiner Hoffnung weitergeben?

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern. (Lk 12, 48b)

Was ist es denn, was uns gegeben ist, das die Welt heute braucht? Was ist der "Schatz im Ackerfeld", von dem wir wissen und den wir mit den Menschen um uns herum teilen können? Darüber möchte ich heute gerne mit euch ein wenig nachdenken. Dazu lese ich den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia, aus dem 1. Kapitel:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: "Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. (Jeremia 1,4-10)

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige!

Liebe Schwestern und Brüder,

Der heutige Predigttext hat mich schon einmal umgetrieben: Vor zwei Jahren, als ich nach Tailfingen kam, habe ich darüber meine erste Predigt gehalten. Das war ein bewegender Moment für mich -- als neuer Pfarrer in einer neuen Gemeinde; als langjähriger Freikirchlichler in einer neuen Kirche. Anhand der Berufung des Propheten Jeremia durfte ich noch einmal neu über meine eigene Berufung nachdenken und mich daran erinnern, dass ich trotz aller meiner Bedenken immer zuallererst im Auftrag des Herrn unterwegs bin. Das hat gut getan -- damals und immer wieder in diesen letzten zwei Jahren.

Wer wissen will, was ich damals gesagt habe, der findet die Predigt auf meiner Homepage im Internet.

Heute, zwei Jahre später "erwischt" mich dieser Text wieder. Ich lese und höre ihn ganz neu in einer ganz anderen Situation mit anderen Vorzeichen. Das ist ja eine der herausragenden Qualitäten der biblischen Texte, die Gottes Geist atmen und durch die Gott zu uns spricht: Sie "erwischen" uns immer wieder neu in unterschiedlichsten Situationen und das Licht des Evangeliums leuchtet in ganz vielen Facetten darin auf. Man könnte es mit Jeremia sagen:  "Des Herrn Wort geschieht an uns." Wenn ich diese Texte lese, dann passiert etwas -- zuallererst mit mir, dem Leser. Gott "erwischt" mich beim Hören und Lesen und von ihm möchte ich mich gerne erwischen lassen.

Heute trete ich kein neues Amt als Pfarrer an. Ich bin mittendrin im Gemeindeleben, mittendrin in all den Herausforderungen, die diese Zeit so mit sich bringt. Wer hätte gedacht, dass 2020 so aussehen würde? Dass wir uns im Gottesdienst hinter Masken sehen würden und Abstand halten müssten, um nicht krank zu werden? Das hätten wir uns alle ganz anders vorgestellt.

Ganz anders vorgestellt hätte ich mir auch -- und da holt mich gleich dieser Text wieder ein -- den Umgang der Menschen um mich herum mit diesem Thema. Und nicht nur mit diesem, sondern mit ganz vielen anderen auch noch. Egal ob es um Corona geht, oder um das Klima, um Geflüchtete oder um eines der anderen großen Themen unserer Zeit -- das Grundproblem in diesen Tagen scheint mir eigentlich viel tiefer zu liegen: Ich habe manchmal den Eindruck, wir haben es völlig verlernt, wie man miteinander redet. Da werden -- online und offline -- erbitterte Redeschlachten geführt. Jeder ist plötzlich Experte für alles. Jeder hat seine Quellen -- manche gut und manche schlechter --, die seine Sicht der Dinge untermauern. Fast jeder scheint in einer Blase zu leben, die alles ausblendet, was nicht ins Schema passt. Viele haben komplett die Orientierung verloren, was jetzt eigentlich wahr ist -- was man noch glauben kann -- und was nicht. Sonst vernünftige Menschen rennen plötzlich irgendwelchen Scharlatanen nach und glauben die abstrusesten Verschwörungsmythen. Die Gräben verhärten sich. Extreme treten zutage, sowohl in der Wortwahl, als auch in der Einstellung anderen Menschen gegenüber. Die Ablehnung alles Fremden, die Verherrlichung der eigenen kleinen Gruppe, sogar der Hass auf Juden scheinen auf einmal wieder massentauglich zu sein -- und die harten Lektionen der Geschichte vergessen.

Darüber reden kann man kaum: Wenn das Gespräch beginnt, weiß eigentlich jeder schon, was der andere sagen wird. Keiner scheint mehr zugänglich für die Gedanken des anderen, für Veränderung und für die Möglichkeit, dass man selbst daneben liegt.

Manches von all dem macht mich wütend. Oder traurig. Oder betroffen. Anderem versuche ich nur noch, aus dem Weg zu gehen. Zumindest im Internet geht das ja auch ganz einfach: Wer zuviel Unsinn verbreitet, den kann man blockieren. Dann muss man das nicht mehr sehen. Aber wenn das jeder tut, dann werden die in sich geschlossenen Blasen doch immer nur noch mehr verfestigt. Dann sieht jeder nur noch das, was er sowieso schon denkt und was ihn in seiner Position bestätigt.

Ach, Herr!

Irgendwie fühle ich mich dem jungen Propheten aus Anatot manchmal ganz nahe in diesen Tagen. Ob er bei seiner Berufung schon geahnt hat, was auf ihn zukommt? Man könnte ja meinen, berufener Prophet des Herrn zu sein müsste einen stolz machen. Welch eine Ehre! Bei Jeremia sieht man nichts davon. In den folgenden Jahren wird man ihn auslachen wegen seiner Botschaft, ihn ignorieren, beleidigen, verfolgen, verhaften und zu guter letzt versuchen, ihn im Morast einer Zisterne einfach verrotten zu lassen. Weg mit ihm! Den will doch keiner hören! Man wird ihn verdächtigen, auf der Seite des Feindes zu stehen und dem Volk im Krieg den Mut zu rauben. Er wird leiden müssen wegen seiner Botschaft. Er wird manchmal schier daran verzweifeln. Und selbst als er am Ende recht bekommt, kann er das nicht als Triumph genießen. Im Gegenteil: Weinend wird er durch das zerstörte Jerusalem irren. Die rauchenden Trümmer seiner Heimat sind die Zeugen, die an seiner Seite stehen. Welch ein Elend.

Ach, Herr!

Was sollen wir denn machen, in so einer Zeit? Als deine Kirche hast du uns berufen, Zeugen deines Evangeliums zu sein. Aber statt freudigen Scharen, die begeistert die befreiende Botschaft von der Gnade Gottes hören wollen, sehen wir nur die Scharen, die aus der Kirche austreten. Im letzten Jahr so viele wie nie zuvor.

Ach, Herr!

Als deine Kirche hast du uns berufen, auf der Seite der Schwachen zu stehen -- so wie du es selbst getan hast. Aber wenn wir uns an die Seite der Flüchtenden stellen, bekommen wir Gegenwind. Wenn wir zur Bewahrung deiner Schöpfung aufrufen, treten weitere Menschen aus der Kirche aus. Wenn wir uns für die Armen und Benachteiligten dieser Welt einsetzen, ernten wir nur Unverständnis.

Ach, Herr!

Was sollen wir den machen.

Manchmal läge es nahe, alles hinzuwerfen. "Ich tauge nicht zu predigen.", sagt Jeremia.

Ach, Herr!

Kannst du nicht jemand anders rufen?

Erwählt: An uns ist Gottes Wort geschehen.

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Sage nicht: "Ich bin zu jung".

Fürchte dich nicht.

Ich bin bei dir und will dich erretten.

Jeremia mit seinen Bedenken kommt nur ganz kurz zu Wort in diesem Text. Mit seinem einen Seufzer scheint die Diskussion auch schon wieder beendet. Der Rest ist Zuspruch Gottes. Und der wirkt, so scheint es, denn ab dem 11. Vers ist Jeremia dann ganz im Auftrag des Herrn unterwegs.

Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und will dich erretten.

Haben wir das nicht auch schon gehört? Hat Gott nicht dasselbe schon zu uns gesagt?

Während wir hier stehen, wird in meiner Gemeinde in Tailfingen in der Pauluskirche die kleine Pia getauft.

"Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!", sagt Gott ihr da zu. Und: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Das klingt schon fast wie bei Jeremia.

An dem "geschah das Wort des Herrn." Da ist etwas passiert, als Gott zu ihm redete.

An uns ist sein Wort auch geschehen. Genau das ist es doch, was wir glauben, dass schon in der Taufe passiert: Gottes Wort und das von Christus eingesetzte Zeichen verbinden sich und an uns geschieht etwas. Sein Wort wird Wahrheit für uns. Sein Versprechen wird ganz persönlich.

"Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!" Und: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Jeremia haben diese Worte Mut gemacht: Ich kannte dich schon im Mutterleib. Ich habe dich zu etwas Besonderem gemacht. Ich habe dich erwählt. Ich sende dich. Ich bin bei dir. Ich will dich erretten. Ich setze dich ein.

Das baut doch auf, wenn man so etwas hört. Da steht man gerader. Da atmet man freier. Da geht man mit einem ganz neuen Bewusstsein in Gottes Berufung hinein: Ich bin im Auftrag des Herrn unterwegs.

Wir auch. Wir sind doch auch Erwählte, Berufene, Erlöste, Begleitete, Gesegnete des Herrn! An uns ist Gottes Wort geschehen.

Das darf uns begleiten, wenn wir unterwegs sind in allen Turbulenzen dieser Zeit.

Gesendet: Gott legt sein Wort in unseren Mund

Und was sagen wir dann?

Jeremia's Einwand gegen Gottes Ruf kommt ja nicht ganz aus dem Blauen: "Ich tauge nicht zu predigen", sagt er. Und vielleicht hat er damit ja recht. Was soll er diesem Volk denn sagen? Was kann er denn tun, damit sie ihre Einstellung ändern? Kann er wirklich den Lauf der Welt aufhalten? Werden die Könige, die Priester, die Mächtigen, ihm überhaupt zuhören? Warum gerade ihm? Womit soll er sie denn überzeugen?

Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Nicht mit deinen Worten, Jeremia. Nicht mit deinen klugen Gedanken, mit Plänen und Strategien und Argumenten, die du dir zurechtlegst.

Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Dieser Satz ändert alles.

Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Das würden sich ja viele auch in unserer Zeit wünschen: Das Gott einmal ein Machtwort spricht. Klar und deutlich und über allen Zweifel erhaben. Dass er sichtbar eingreift ins Weltgeschehen und endlich einmal aufräumt. Reinen Tisch macht. Dann wäre alles klar.

Wer so denkt, übersieht vielleicht, dass Gott das längst getan hat. In seinem Sohn Jesus Christus hat er endgültig geredet. Deutlicher geht es kaum. Wer Christus anschaut, der erkennt, was Gottes Herz bewegt. Der sieht seine Zuwendung zu den Menschen -- gerade zu den Armen und Schwachen und Benachteiligten. Der sieht, wie er die Wege unseres Lebens alle mitgeht -- selbst bis hin in den Tod. Auch den nimmt er auf sich. All unseren Schmerz und unser Leiden und unsere Ohnmacht trägt er am eigenen Leib. Und wer ihn sieht, der sieht auch, wie Gottes Liebe triumphiert -- selbst über den Tod. In Christus hat Gott längst alles gesagt. Nie ist sein Wort mehr "geschehen" als in ihm.

Uns hat er zu Zeugen dieses Christusgeschehens berufen. Nicht zu Volkslehrern. Nicht zu klugen Führern, die mit guten Argumenten die Welt vom richtigen überzeugen. Nein, zu Zeugen seines Christus'.

Was sollen wir denn sagen, in dieser Zeit? Was können wir denn tun, damit sich die Dinge ändern? Können wir den Lauf der Welt aufhalten? Werden sie uns überhaupt zuhören? Warum gerade uns? Womit sollen wir sie überzeugen?

Das müssen wir alles gar nicht. Wir müssen nur von Christus zeugen.

Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Beauftragt: Gott macht uns zu Boten der Hoffnung.

Das heißt nicht, dass sich Christen raushalten sollten aus den heißen Themen unserer Zeit. Dass wir uns irgendwie nur auf geistliche Themen beschränken sollten. Im Gegenteil: Wer Christus anschaut, der sieht Gott in der Auseinandersetzung mit all den praktischen Fragen dieser Welt. Und der kann dazu nicht schweigen.

Als Erwählte, Berufene, Erlöste, Begleitete, Gesegnete des Herrn sind wir unterwegs mit Gottes Wort, das an uns geschehen ist.

"Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!" Und: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Das macht uns Mut. Das gibt uns Hoffnung.

Und genau das ist das, was in den unerbittlichen Diskussionen unserer Tage fehlt: Hoffnung.

Wo man sonst nur noch verzweifeln könnte, auf der einen Seite, wie auf der anderen, gibt Gottes Wort an uns uns eine andere Perspektive. Wir haben Hoffnung.

Und diese Hoffnung können wir weitergeben. Diese Hoffnung dürfen wir weitergeben. Diese Hoffnung müssen wir weitergeben, weil die Welt sie so dringend braucht.

Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und will dich erretten.

Das sagt Gott doch nicht nur zu uns. Das möchte er gerne zu allen sagen. Das hat er bereits gesagt: durch Christus. Und wir sind die Zeugen davon, hier und heute.

Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und will dich erretten.

Aus der Perspektive der Hoffenden sieht manches Problem vielleicht noch einmal ganz anders aus.

Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und will dich erretten.

Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Vielleicht ist es das, was unsere Zeit am dringendsten braucht.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer