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Die Predigt "Hoffnungsboten" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Jeremia 1,4-10

In aller Kürze

Die Fronten sind verhärtet. Man kann kaum noch miteinder reden. Und uns vergehen Lust und Mut, das Gespräch überhaupt noch zu suchen. Doch Gottes Wort ist an uns geschehen. Er sendet uns als Boten seiner Hoffnung in die Welt.  [Gekürzte Version für das Seniorenzentrum]

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen; und wem viel anvertraut ist, von dem wird man um so mehr fordern. (Lk 12, 48b)

Was ist es denn, was uns gegeben ist, das die Welt heute braucht? Was ist der "Schatz im Ackerfeld", von dem wir wissen und den wir mit den Menschen um uns herum teilen können? Darüber möchte ich heute gerne mit euch ein wenig nachdenken. Dazu lese ich den Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia, aus dem 1. Kapitel:

Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.
Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung.
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: "Ich bin zu jung", sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund. Siehe, ich setze dich heute über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. (Jeremia 1,4-10)

Herr, tue meine Lippen auf, dass mein Mund deinen Ruhm verkündige!

Liebe Schwestern und Brüder,

Wer hätte gedacht, dass 2020 so aussehen würde? Dass wir uns im Gottesdienst hinter Masken sehen würden und Abstand halten müssten, um nicht krank zu werden? Das hätten wir uns alle ganz anders vorgestellt.

Ganz anders vorgestellt hätte ich mir auch -- und da holt mich gleich dieser Text wieder ein -- den Umgang der Menschen um mich herum mit diesem Thema. Und nicht nur mit diesem, sondern mit ganz vielen anderen auch noch. Egal ob es um Corona geht, oder um das Klima, um Geflüchtete oder um eines der anderen großen Themen unserer Zeit -- das Grundproblem in diesen Tagen scheint mir eigentlich viel tiefer zu liegen: Ich habe manchmal den Eindruck, wir haben es völlig verlernt, wie man miteinander redet. Da werden -- online und offline -- erbitterte Redeschlachten geführt. Jeder ist plötzlich Experte für alles.  Viele haben komplett die Orientierung verloren, was jetzt eigentlich wahr ist -- was man noch glauben kann -- und was nicht. Sonst vernünftige Menschen rennen plötzlich irgendwelchen Scharlatanen nach und glauben die abstrusesten Verschwörungsmythen. Die Gräben verhärten sich. Extreme treten zutage, sowohl in der Wortwahl, als auch in der Einstellung anderen Menschen gegenüber.

Ach, Herr!

Irgendwie fühle ich mich dem jungen Propheten aus Anatot manchmal ganz nahe in diesen Tagen. Ob er bei seiner Berufung schon geahnt hat, was auf ihn zukommt? Man könnte ja meinen, berufener Prophet des Herrn zu sein müsste einen stolz machen. Welch eine Ehre! Bei Jeremia sieht man nichts davon. In den folgenden Jahren wird man ihn auslachen wegen seiner Botschaft, ihn ignorieren, beleidigen, verfolgen, verhaften und zu guter letzt versuchen, ihn im Morast einer Zisterne einfach verrotten zu lassen. Weg mit ihm! Den will doch keiner hören! Man wird ihn verdächtigen, auf der Seite des Feindes zu stehen und dem Volk im Krieg den Mut zu rauben. Er wird leiden müssen wegen seiner Botschaft. Er wird manchmal schier daran verzweifeln.

Ach, Herr!

Was sollen wir den machen.

Manchmal läge es nahe, alles hinzuwerfen. "Ich tauge nicht zu predigen.", sagt Jeremia.

Ach, Herr!

Kannst du nicht jemand anders rufen?

Und des HERRN Wort geschah zu mir:
Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker.

Sage nicht: "Ich bin zu jung".

Fürchte dich nicht.

Ich bin bei dir und will dich erretten.

Haben wir das nicht auch schon gehört? Hat Gott nicht dasselbe schon zu uns gesagt?

Letzten Sonntag wurde in der Pauluskirche die kleine Pia getauft.

"Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!", sagte Gott ihr da zu. Und: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Das klingt schon fast wie bei Jeremia.

An dem "geschah das Wort des Herrn." Da ist etwas passiert, als Gott zu ihm redete.

An uns ist sein Wort auch geschehen. Genau das ist es doch, was wir glauben, dass schon in der Taufe passiert: Gottes Wort und das von Christus eingesetzte Zeichen verbinden sich und an uns geschieht etwas. Sein Wort wird Wahrheit für uns. Sein Versprechen wird ganz persönlich.

"Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!" Und: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Jeremia haben diese Worte Mut gemacht: Ich kannte dich schon im Mutterleib. Ich habe dich zu etwas Besonderem gemacht. Ich habe dich erwählt. Ich sende dich. Ich bin bei dir. Ich will dich erretten. Ich setze dich ein.

Das baut doch auf, wenn man so etwas hört. Da steht man gerader. Da atmet man freier. Da geht man mit einem ganz neuen Bewusstsein in Gottes Berufung hinein: Ich bin im Auftrag des Herrn unterwegs.

Wir auch. Wir sind doch auch Erwählte, Berufene, Erlöste, Begleitete, Gesegnete des Herrn! An uns ist Gottes Wort geschehen.

Das darf uns begleiten, wenn wir unterwegs sind in allen Turbulenzen dieser Zeit.

Und was sagen wir dann?

Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.

Nicht mit deinen Worten, Jeremia. Nicht mit deinen klugen Gedanken, mit Plänen und Strategien und Argumenten, die du dir zurechtlegst.

Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Als Erwählte, Berufene, Erlöste, Begleitete, Gesegnete des Herrn sind wir unterwegs mit Gottes Wort, das an uns geschehen ist.

"Fürchte dich nicht! Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!" Und: "Siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende."

Das macht uns Mut. Das gibt uns Hoffnung.

Und genau das ist das, was in den unerbittlichen Diskussionen unserer Tage fehlt: Hoffnung.

Wo man sonst nur noch verzweifeln könnte, auf der einen Seite, wie auf der anderen, gibt Gottes Wort an uns uns eine andere Perspektive. Wir haben Hoffnung.

Und diese Hoffnung können wir weitergeben. Diese Hoffnung dürfen wir weitergeben. Diese Hoffnung müssen wir weitergeben, weil die Welt sie so dringend braucht.

Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und will dich erretten.

Das sagt Gott doch nicht nur zu uns. Das möchte er gerne zu allen sagen. Das hat er bereits gesagt: durch Christus. Und wir sind die Zeugen davon, hier und heute.

Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und will dich erretten.

Aus der Perspektive der Hoffenden sieht manches Problem vielleicht noch einmal ganz anders aus.

Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir und will dich erretten.

Ich lege meine Worte in deinen Mund.

Vielleicht ist es das, was unsere Zeit am dringendsten braucht.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer