Aufnahme der Predigt (15:48)
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Die Predigt "Hier gibt es Drachen" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Deuteronomium 30,11-14

In aller Kürze

In einer unbekannten Zukunft lauern unbekannte Gefahren. Wenn man da nur eine Orientierungshilfe hätte, die in den weißen Flecken auf der Karte des Lebenswegs Wegweisung geben kann...

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Den heutigen Predigttext lese ich aus dem Deuteronomium, dem "5. Buch Mose", aus dem 30. Kapitel:

Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (Deuteronomium 30,11-14)

Sie stehen an der Schwelle.

40 Jahre lang sind sie durch die Wüste geirrt. 40 lange Jahre -- Jahre der Sehnsucht, Jahre des Verzichts. Jahre, in denen in manchen Momenten die Vergangenheit schon zu verblassen schien. Der Auszug aus Ägypten, der Durchzug durch's Rote Meer -- das kennen viele inzwischen nur noch aus zweiter Hand. Eine ganze Generation ist in der Wüste untergegangen: Die, die noch "live" dabei waren damals. Die etwas mit Gott erlebt hatten. Die trockenen Fuss durch's Rote Meer eilten, die das ägyptische Heer in den Fluten versinken sahen. Die staunend und zitternd am Berg Sinai standen, als Gott selbst zu seinem Volk kam und Mose die Steintafeln mit den Geboten herunterbrachte. Die, die das alles nicht davor bewahrt hat, an der Grenze zum gelobten Land zu zweifeln und zu verzagen. 40 Jahre in der Wüste. Jetzt sind sie nicht mehr da.

Es ist eine neue Generation. Die Erfahrung der Alten lebt nur noch in den Überlieferungen. Sie kennen die großen Wunder nur vom Hörensagen. Und selbst Manna vom Himmel verliert seine Faszination, wenn man sein ganzes Leben lang nichts anderes gegessen hat.

40 Jahre. Und jetzt stehen sie an der Schwelle, an der Grenze des verheißenen Landes. Eine neue Generation. Vor einer neuen Herausforderung.

"Hic sunt dragones" -- "Hier gibt es Drachen", steht auf dem Hunt-Lenox-Globus vom Anfang des 16. Jahrhunderts an der Stelle, die die Region östlich von Asien bezeichnet. Alte Seekarten aus der selben Zeit versahen oft die weißen Flecken jenseits der bekannten Welt mit Zeichnungen von Seemonstern oder ähnlichen Gefahren. "Hier gibt es Drachen." Vielleicht. Oder andere Gefahren. Keiner weiß es. Weil noch keiner dort war.

"Hier gibt es Drachen." So ähnlich muss man sich damals in Israel gefühlt haben, an der Grenze zum verheißenen Land. Die Wüste, die kannten sie. 40 Jahre Erfahrung. Nicht angenehm, aber vertraut. Jenseits der Grenze, da wusste niemand, was da kommen würde. Die Zukunft ist ungewiss. Da gibt es vielleicht Drachen.

Sie stehen an der Schwelle.

Ich glaube, im Jahr 2020 kann man das in Tailfingen ganz gut nachvollziehen. Kaum ein Jahr der jüngeren Vergangenheit, das uns so deutlich vor Augen geführt hat, wie ungewiss die Zukunft ist.

Keiner von uns hat Pandemieerfahrung. Nicht nur die Regierung betritt im Umgang mit Corona Neuland. Wir "fahren auf Sicht" in ganz vielen Bereichen. Wir schmieden Pläne, auf der Basis dessen, was wir heute wissen, und ahnen schon, dass vieles davon ganz anders kommen könnte. Wir leben aus immer neuen Provisorien und denken laut über eine "neue Normalität" nach, von der noch keiner weiß, wie sie einmal werden wird. Im Frühjahr haben wir noch geglaubt, dass bis zum Sommer alles vorüber sein könnte. Im Mai haben wir unsere Konfirmationen auf März verschoben, weil keiner dachte, dass es bis dahin noch Einschränkungen geben könnte. Heute haben wir uns längst an den Gedanken gewöhnen müssen, dass uns das alles länger beschäftigen könnte, als es uns lieb ist. Und dass es vermutlich kein Zurück zu dem, wie es vorher war, geben wird. Eine "neue Normalität". Nur welche? Die Zukunft ist ungewiss. Da gibt es vielleicht Drachen.

Täglich hören wir neue Nachrichten vom Klimawandel. Diverse Grenzen sind längst überschritten. Einsichten von vor dreißig Jahren wurden nie in die Tat umgesetzt oder viel zu lange auf die lange Bank geschoben. Und wer sich anschaut, was wir eigentlich tun sollten, wenn wir konsequent handeln würden, den packt das Unbehagen: Bequem wird das alles nicht. Wahrscheinlich wird die Hälfte davon nie umgesetzt. Die Katastrophe scheint in manchen Bereichen unaufhaltsam. Über eine Grenze des Temperaturanstiegs von 1,5°C reden wir noch. Niemand von uns kann sich wirklich vorstellen, was es heißt, auf dieser Erde zu leben, wenn die Durchschnittstemperaturen weltweit um 2 oder 3°C steigen würden. Die Zukunft ist ungewiss. Hier gibt es Drachen.

Und dann: Die ungelöste Frage der Geflüchteten. Ein in sich zerrissenes Europa. Krisenherde rund um die Welt. Ein verändertes politisches Gleichgewicht. Eine krasse Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Populismus. Neu erstarkte rechtsextreme und antisemitische Gruppierungen. Terroranschläge. Globalisierung. Neue Technologien, von denen wir noch nicht wissen, wie sie unser Zusammenleben verändern werden. Und inzwischen schon ältere, die wir bis heute zum Teil noch nicht kapieren. Die Zukunft ist ungewiss. Die Angst vor den Drachen steigt.

Wenn man nur wüsste, was man tun soll. Wenn man jetzt nur die Lösung hätte. Den richtigen Weg. Oder zumindest einen Wegweiser durch das Unbekannte. Nicht nur weise Flecken auf der Karte.

In der Wüste ruft Mose das Volk zusammen. In einer langen Rede erinnert er sie an die Gebote Gottes. Seine guten Leitplanken auf dem Weg durch unkartierte Lebensbereiche. Gottes Gesetz ist ja nicht da, um die Menschen zu gängeln, sondern um uns zu helfen, ein gutes Leben zu meistern. Viele solcher Gebote zählt Mose auf. Eine lange Rede. Nicht ganz ohne Grund sind wir hier schon im 30. Kapitel des Deuteronomiumbuchs angelangt. Am Ende der Rede.

Gleich wird Mose Boten auf zwei Berge schicken, zur Linken und zur Rechten des Volkes. Von dort oben werden sie dem Volk noch einmal die Konsequenzen möglicher Lebensentscheidungen demonstrieren. Vom Berg Garizim hört man dann die Segensworte, die denen gelten, die Gottes Gebote halten. Vom Berg Ebal ertönen die Flüche über die, die ihre eigenen Wege gehen. Fluch und Segen. Lohn und Strafe. Entscheidungsmöglichkeiten. Im der Luft über dem Tal vermischen sich die Töne. Und drunten steht das Volk und hört zu.

Ich könnte mir das auch bei uns in Albstadt gut vorstellen. Wenn ich die Zeitung so lese, dann könnte das ja in Lautlingen anfangen: Die "Engagierten Lautlinger Bürger" auf den Heersberg und die von "Fit für die Zukunft" auf Autenwang. Und über dem Tal treffen sich dann die verschiedenen Ansichten.

Das könnte aber auch in Tailfingen gut gehen. Wir könnten ja die Querdenker auf den Schlossberg schicken und die Maskenbefürworter auf den Braunhardtsberg. Die Flüchtlingsgegner auf den Lammerberg und den Arbeitskreis Asyl auf Stiegel. Fridays for Future auf den Markenberg und die Autolobby auf den Heuberg. Und wir würden sicher auch noch Plätze für die Vertreter von Positionen in den übrigen großen Fragen finden. Unten in der neuen Mitte würden wir beim Wassertisch stehen und verwundert die Köpfe heben, wenn sich die Luft mit Tönen zu füllen beginnt. Bald hört es sich sicher so an, als wären die Drachen der Zukunft schon im Landeanflug auf Tailfingen. Und wir stünden verwirrt und verängstigt und orientierungslos da und wüssten nicht, was wir tun sollen. Die Zukunft ist ungewiss. Und überall lauern die Drachen.

Nur geht es uns oft gar nicht anders, auch wenn da niemand von den Bergen ruft. Wenn man doch nur wüsste, was tun. Was das Gebot der Stunde ist.

Denn das Gebot, das ich dir heute gebiete, ist dir nicht zu hoch und nicht zu fern. Es ist nicht im Himmel, dass du sagen müsstest: Wer will für uns in den Himmel fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, dass du sagen müsstest: Wer will für uns über das Meer fahren und es uns holen, dass wir's hören und tun? Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (Deuteronomium 30,11-14)

Das Gebot der Stunde ist gar nicht kompliziert, meint Mose. Es ist nicht zu hoch und nicht zu weit weg. Man braucht keine spezielle Himmelsbeziehung und keine Kontakte zu fernen Experten, um das richtige zu tun. Das Richtige liegt eigentlich ganz nahe: "Denn es ist das Wort ganz nahe bei dir, in deinem Munde und in deinem Herzen, dass du es tust. (Deuteronomium 30,11-14)"

Im Mund und im Herzen. Man braucht gar nicht draußen umherzuschauen, sondern nur nach innen. Da ist alles schon da.

Was denn? Was ist da denn?

Zentral im Buch Deuteronomium sind die Worte, die für Israel zum Glaubensbekenntnis geworden sind: "Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein." Diese Worte binden sich die Gläubigen zum Gebet auf die Stirn und auf die Hand, sie schreiben sie auf kleine Zettel an den Türpfosten und sie wiederholen sie täglich. "Der Herr ist unser Gott, der Herr allein." In Kopf und Herz und Wort und Tat, in Denken und Handeln sollen diese Worte immer präsent sein. Mund und Herz.

Und nicht nur diese Worte. Die Aufforderung, das alles zu wiederholen und zu bewahren, in Herz und Mund zu tragen, bezieht sich auf das ganze Gesetz Gottes -- sein gutes Wort für das Leben der Menschen, das auch die jüdische Torah -- wie später Jesus -- in zwei zentralen Geboten zusammenfasst: "Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft." (Dtn 6,5) Und: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst." (Lev 19,18).

Aus dieser Liebesbeziehung zu Gott und zum Nächsten lässt sich die ganze Wegweisung für das Leben herleiten. Das ist eigentlich ganz unkompliziert. Und lange suchen muss man da auch nicht.

Vor allem aber beginnt es an der richtigen Stelle! Lutherisch gesprochen: In diesen Worten steckt Gesetz und Evangelium. Anspruch und Zuspruch Gottes. Es beginnt mit dem "Herrn, meinem Gott." Wie schon in den Zehn Geboten steht seine Zuwendung zu den Menschen an der ersten Stelle, lange vor jedem Anspruch: "Ich bin der HERR, dein Gott, der ich dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt habe." Und erst dann: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir." (Exo 20,1-2)

Das ist der entscheidende Ausgangpunkt: Gottes Ja zu mir, für uns und zu uns gesprochen in der Taufe, das mich frei macht von dem Druck, immer erst und unbedingt das Richtige tun zu müssen, um mit Gott im Reinen zu sein. Frei von dem Anspruch, auch die unbekannten weißen Flecken auf der Karte meines Lebenswegs immer fehlerlos meistern zu müssen. Frei, dann, ohne diesen Druck, geliebt und angenommen von Gott, aus Liebe zu ihm danach zu fragen, was jetzt wohl liebevoll gegenüber meinem Gott und meinem Mitgeschöpft sein könnte. Das alles beginnt mit seiner Liebe zu mir. Es ist schon da. Ganz nahe. Von Anfang an. Das hat er mir versprochen.

Das ist wohl das, was wir noch mehr lernen müssen: Im Angesicht der drohenden Drachen, wenn das Stimmengewirr in der Luft über uns anschwillt und wir nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht: Wegzuschauen und wegzuhören. Hinzuschauen zu dem Ausgangspunkt unseres Lebens -- unseres neuen Lebens in Jesus Christus. Und dem Gewirr der Stimmen und der Meinungen und der Vorschläge und der Optionen das eine entgegenzusetzen, was ganz sicher ist und ganz nahe: Ich bin bei Gott angenommen. Ich bin von Gott geliebt. Mir ist um Christi willen vergeben. Ich bin durch Christus befreit.

Ganz sicher ist es das, was uns mehr noch als zuvor das Herz und auch den Mund füllen sollte. Ein lutherisches "baptizatus sum" -- ich bin getauft, erlöst, befreit und frei, nun auch zu lieben und aus dieser Liebe heraus meine Entscheidungen für die unbekannte Zukunft zu treffen -- geleitet durch Gott und sein Wort, das mir in Christus nahe gekommen ist. Geleitet von seiner guten Hand, in dem Bewusstsein, dass er es immer am Besten mit mir meint.

Das kann mich stark und fest machen, wenn die Drachen kommen.

Möge das mir Mund und Herz füllen und meine Schritte lenken in dieser unbekannten Zukunft.

Amen.

 

 

 

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer