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Die Predigt "Gottes Hausgenosse" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Epheser 2,19

In aller Kürze

Gnade mit euch und Friede von Gott dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Wir nehmen Abschied von Walter Vollmer. Geboren wurde er am 19. November 1928 als erstes Kind von Adolf und Anna Vollmer hier in Tailfingen. Hier hat er auch die Mittelschule besucht. Bis auf eine kurze Abordnung zur Flak in der Nähe von Salzburg im Kriegsjahr 1944 hat er auch immer hier seinen Lebensmittelpunkt gehabt.

Hier hat er seine Lehre als Mechaniker bei ALBI gemacht und war dort dann auch bis zur Rente im November 1991 als Strickmaschinenmonteur tätig.

Hier hat er 1947 seine Margarete kennengelernt und am 24. Oktober 1952 haben Sie beide in der Pauluskirche geheiratet. Zwei Söhne wurden Ihnen geboren: Günther 1954 und Joachim 1966. Im Anfang der 1960er-Jahre gebauten Eigenheim auf Stiegel hat ihre Familie ein trautes Heim gefunden, in dem ihre Söhne behütet aufwachsen konnten. Beide Söhne haben ja in unserem Telefongespräch ihre tiefe Dankbarkeit für die beständige und uneingeschränkte Unterstützung durch den Vater zum Ausdruck gebracht.

Inzwischen hat sich natürlich viel verändert. Längst haben Sie beide ihre eigenen Familien. 6 Enkel und sogar 2 Urenkel sind zur Familie hinzugekommen. Über all die Jahre haben Sie als Familie eng zusammengehalten, trotz zum Teil großer Entfernungen. Dass die Eltern immer für sie da waren, haben sie sehr hervorgehoben bei unserem Gespräch. In großen Familienfesten zu runden Geburststagen oder Ehejubiläen haben Sie das immer wieder miteinander gefeiert.

Sie, Frau Vollmer, blicken zurück auf 67 Jahre Ehe. Goldene, diamantene und sogar die eiserne Hochzeit haben Sie miteinander gefeiert. Sie waren ein gutes Team, haben "so harmonisch zusammengelebt", haben Sie mir gesagt. Sie haben sich gut ergänzt und aufeinander acht gegeben -- auch gerade in den letzten Jahren, in denen es wichtig wurde, dass Sie ihren Mann immer wieder auch an den richtigen Umgang mit seinen gesundheitlichen Einschränkungen erinnerten.

In der letzten Zeit machten die sich ja auch bemerkbar, vor allem darin, dass Walter seit 2016 dreimal pro Woche zur Dialyse nach Hechingen musste. Auch Diabetiker war er schon jahrelang. Trotzdem war er noch bis zum Ende auch erstaunlich fit und konnte vor anderthalb Wochen noch ordentlich mit Ihnen in Onstmettingen spazieren gehen. Ohne Rollator oder ähnliches.

Da hätte niemand von Ihnen geahnt, dass Sie sich so kurz darauf von ihm verabschieden müssten. Ganz plötzlich ist der Tod gekommen. Innerhalb einer Stunde verstarb Walter Vollmer am vergangenen Mittwoch. Er wurde 91 Jahre alt.

Das kann man noch gar nicht begreifen. Unfassbar, wie schnell das gehen kann. Das wird noch viel Zeit brauchen, um damit fertig zu werden. Trauer und Schmerz bohren sich ins Haus, wo mit Walters Weggang ein Loch mitten in ihre Familie hineingerissen wurde.

Was soll man da sagen? Dieses Loch wird sich nicht einfach schließen, egal was ich heute an frommen Worten finde. Man kann den Verlust eines lieben Menschen, zumal nach so vielen Jahren, nicht einfach wegreden.

Aber wir können bei Gott nach Trost suchen. Nach Frieden. Und nach Hoffnung, gerade jetzt, wo alles so traurig scheint.

Als Christen halten wir uns in solchen Momenten an der Zusage Gottes fest, dass in Jesus Christus der Tod besiegt ist. Er, der für uns gestorben ist, ist am dritten Tage von den Toten auferstanden. Das feiern wir in wenigen Wochen wieder an Ostern, wenn auch dieses Jahr vielleicht etwas anders als sonst. Am Inhalt hat sich nichts geändert: Christus ist auferstanden. Der Tod hat nicht mehr das letzte Wort.

Und das betrifft uns ganz direkt selbst. Und es betrifft Walter Vollmer. Das hat Gott versprochen.

Hörbar wurde dieses Versprechen in Walter Vollmers Leben zum ersten Mal am 2. Dezember 1928. Bei seiner Taufe wurde es ihm zugesagt: Gott nimmt dich mit hinein in das Sterben und in das neue Leben Jesu Christi. Du gehörst zu ihm. Nichts kann dich aus seiner Hand reißen und er wird bei dir sein alle Tage bis an der Welt Ende.

Bestätigt wird dieses Versprechen noch einmal in Walters Denkspruch von seiner Konfirmation am 7. März 1948. Der steht im Brief des Apostels Paulus an die Epheser, Kapitel 2 Vers 19:

Ihr seid nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.

Was es heißt, ein Gast zu sein, das hat Walter Vollmer immer wieder selbst erlebt. Angefangen von der Zeit in Salzburg 1944, aus der lebenslange Freundschaften hervorgingen. Auch im weiteren Verlauf seines Lebens ist er viel gereist. Sei es geschäftlich, wo er international im Einsatz war, oder gemeinsam mit Ihnen als Familie. Von den Campingurlauben in Italien ab Ende der 60er haben Sie mir ja erzählt. Von den Fahrten über den Brenner, nach Lignano; später nach Kroatien, nach Südtirol, ins Monafon, oder sogar bis nach Amerika zu seiner Schwägerin. Und natürlich nach Schleswig-Holstein und Sachsen, zu Günther und seiner Familie.

Gleichzeitig hatte das eigene Zuhause einen ganz großen Stellenwert. Nicht nur im äußerlichen, wenn er das Haus mit seinem großen handwerklichen Geschick selbst in Schuss hielt. Hier, in Tailfingen, auf Stiegel in der Flaschnerstraße, war der Ankerpunkt seines Lebens. Da war er ja sehr beständig. Da konnte er wissen: Hier gehörst du hin.

Bei mir bist du kein Gast, hat Gott von Anfang an gesagt. Bei mir gehörst du dazu. Du bist hier nicht fremd. Du bist bei mir zu Hause.

Was das für Walter während seines Lebens bedeutete, weiß ich nicht. In das Herz eines Menschen hineinschauen kann nur Gott.

Was es für ihn aber nun bedeutet, das kann ich sagen -- und vielleicht kann uns das heute Hoffnung schenken.

Da wo wir nämlich nur das Ende sehen -- den Tod, das Weggehen, die "Abreise", wenn Sie so wollen, da zeigt sich in Gottes Perspektive etwas ganz anderes. Da ist der Tod ja nicht der Schlusspunkt. Nein, eigentlich ist er ein nach Hause kommen.

An seinem Tag wird Jesus Christus kommen, wie wir es im Glaubensbekenntnis miteinander bekennen. Dann wird er die seinen zu sich rufen. Er wird neues Leben schenken. In einem neuen Zuhause. Für immer und in alle Ewigkeit.

Für uns sieht das heute aus wie ein Bruch. Ein Abbruch sozusagen -- besonders, wenn das Leben so plötzlich endet. Aus der Perspektive des Glaubens sieht das anders aus: Einer der dazugehört, ein "Hausgenosse Gottes", wird man ja nicht erst in der Auferstehung, in der Ewigkeit. Nein, das war Walter Vollmer ja schon immer, schon Zeit seines Lebens, weil Gott ihn dazu gemacht hat.

Diese Perspektive kann auch unseren Blick verändern. All die Versprechen Gottes gelten ja nicht nur exklusiv für Walter Vollmer. Jedem von uns hat Gott in der Taufe dieselbe Zusage gegeben. Auch wir gehören bei ihm dazu. Auch wir sind seine Hausgenossen. Auch uns hat er versprochen, uns niemals allein zu lassen.

Das kann uns heute Trost sein: In all unserer Trauer sind wir nicht allein. Gott ist da. Er ist Ihnen heute ganz besonders nah und wird es auch in den kommenden Tagen sein.

Das kann uns aber auch Hoffnung schenken: Auch wir werden einmal "nach Hause kommen" als "Hausgenossen Gottes". Dort in der Ewigkeit, wo Gott alle Tränen abwischt und Krankheit, Leid und Tod ein Ende haben, dort werden wir bei ihm zuhause sein, in dieser "Wohnung", die Jesus Christus uns bereitet. Wir alle. Das wird ein Wiedersehen geben in ewiger Freude!

Möge diese Gewissheit uns heute angesichts des Todes Trost und Hoffnung geben.

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer