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Gnade: Gefunden.

Von zertrampelter Schuld und versenkter Sünde

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Die Predigt "Gnade: Gefunden." von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Micha 7,18-20

In aller Kürze

"Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?" fragte sich schon Martin Luther. Und die Antwort ist ganz einfach: "Ich habe ihn schon." Wo Schuld und Sünde ernst genommen werden, leuchtet Gottes Gnade um so stärker.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn.

Gnade mit euch und Friede...

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Von der Gnade will ich gerne reden. Tatsächlich gibt es nichts, von dem ich lieber rede und predige als die Gnade unseres Gottes, die sich in Jesus Christus zeigt. Das ist für mich so eine Art Lebensthema geworden. Das Zentrum des Evangeliums, aus dem die ganze Herrlichkeit der Liebe und Barmherzigkeit Gottes leuchtet. "Wie finde ich einen gnädigen Gott?" war für Martin Luther die grundlegende Frage. Im Evangelium von Jesus Christus hat er ihn gefunden -- den gnädigen Gott.

Gnade, das heißt unverdiente Zuwendung. "Als wir noch Sünder waren" schickt Gott seinen Sohn in diese, unsere Welt. Mitten hinein in Ungerechtigkeit und Boshaftigkeit und Neid und Gier und Unterdrückung. Er kommt als Mensch hinein in den Morast der Welt und er nimmt alles auf sich. In ihm wendet sich Gott uns zu, mit "leuchtendem Angesicht", wie es im Segen immer heißt. Er schaut uns freundlich an. Uns, die wir dafür nichts getan haben.

Gnade, das heißt unverdiente Zuwendung. Wir können nichts tun, um uns Gottes freundlichen Blick zu erkaufen. Aber das müssen wir auch nicht. Bevor wir überhaupt etwas tun können, tut Gott in Jesus Christus schon alles, was notwendig ist. Schuld und Sünde und Leid und Tod trägt er am Kreuz. Nimmt alles selbst auf sich. Damit wir, als von ihm Erlöste, seine Kinder sein können. Lange, bevor wir irgendetwas Vorzeigbares geleistet hätten.

Das ist ein starkes Zeichen, wenn wir einen Menschen schon als kleines Baby taufen dürfen. Da hat er wirklich noch nichts vorzuweisen. Und doch sagt Gott ihm durch Jesus Christus schon alles zu: "Fürchte dich nicht. Siehe, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein." Und er verspricht dem kleinen Menschen alles: "Ich bin bei dir alle Tage, bis an der Welt Ende."

Wer diesen gnädigen Gott gefunden hat, hat alles gefunden, was es zum wahren Leben braucht.

Dabei ist das gar nicht so offensichtlich: "Wo ist ein Gott wie du,", fragt der Prophet Micha in unserem heutigen Text, "der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält?"

Wo findet man so einen Gott? Einen gnädigen?

In der religiösen Umwelt des alten Propheten glaubte man an viele Götter. Jedes Volk hatte eine ganze Reihe davon aufzuweisen. Mancherorts sogar jede kleine Stadt. Götter wie Sand am Meer. Götter mit Geschichten, mit sehr menschlichen Zügen, mit Bedürfnissen, die auch von den Menschen mit befriedigt werden mussten. Götter mit ganz menschlichen Eigenschaften: Zank und Neid, Streit in der Familie, Boshaftigkeit, Vorzugsbehandlung einzelner und Rache waren ihnen nicht fern, wenn man die Erzählungen der Alten liest.

"Wo ist ein Gott wie du?", fragt Micha.

So einen findet man sonst nirgends. "Er hat Gefallen an Gnade." Er ist freundlich, nicht nur, weil ich dafür etwas getan habe. Er ist freundlich, weil er so ist. Im tiefsten Grund seines Wesen ist er selbst die Freundlichkeit, die Liebe.

"Wo ist ein Gott wie du?", fragt Micha.

Wie gut, wenn man ihn gefunden hat -- den gnädigen Gott.

Von ihm und seiner Gnade könnte ich noch lange schwärmen. So wie es Micha hier geht, reißt es mich geradezu mit, diesen Gott für seine Freundlichkeit zu loben:

"Wo ist ein Gott wie du?" ist nämlich zuallererst eine Art Loblied. Das "Du", das hier angesprochen wird, ist Gott selbst. Der Prophet, dessen Aufgabe es eigentlich ist, im Auftrag Gottes zu den Menschen zu reden, wendet sich hier in eine andere Richtung. "Nach oben", sozusagen. "Du", Gott, dem ich diene und für den ich rede -- du begeisterst mich mit deiner Gnade.

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Mitten drin in diesem Lobpreis Gottes wechselt der Prophet dann noch einmal die Richtung. Es scheint, als müsse er seinen Hörern erklären, was ihn da plötzlich so leidenschaftlich werden lässt. Zwischen zwei an Gott gerichteten Sätzen mit dem "du" dreht er sich noch einmal zu seinem Publikum. Da ist Gott dann wieder "er", in der dritten Person, wenn der Prophet über ihn zu den Menschen redet:

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

In diesem Satz steckt die Erklärung für das Reden von der Gnade:

Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

Diese Erklärung hat es in sich. Man kann nicht, wie Micha, den gnädigen Gott preisen, und die Schuld und Sünde außer Acht lassen. Oder das ganze restliche Prophetenbuch vergessen, an dessen Schluss diese Worte stehen.

Wie alle Propheten ist Micha keiner, der irgendeine religiöse Romantik pflegt. Der in Gott nur den liebevollen Vater sieht, der eine Wolke des Vergessens über alles Schlechte legt und alles mit dem Schleier seiner Liebe zudeckt.

Nein, das wird Micha nicht gerecht. Und Gott sowieso nicht. Und auch nicht den Menschen, die Gott so liebt.

In der Welt des Micha herrscht die Ungerechtigkeit. Landraub ist an der Tagesordnung. Die Reichen und Mächtigen unterdrücken die Armen und einfachen Leute. Richter sind bestechlich. Auf Gerechtigkeit ist nicht zu hoffen. Weit weg ist das alles von dem Bund, den Gott mit seinem Volk geschlossen hat; zu dem ein Gesetz gehört, das Recht und Gerechtigkeit garantieren soll. Die Menschen gehen ihre eigenen Wege. Auch auf Kosten der anderen.

Und Gott, der den Menschen liebt, den nimmt das mit. Er wird selbst leidenschaftlich, wenn er seine Menschen so sieht. Wie sie miteinander umgehen. Wie sie an- und untereinander leiden. Er wird zornig, wütend, dieser liebevolle, gute Gott. Weil es so nicht weitergehen kann. Weil sonst alles kaputtgeht. Allen voran seine Menschen.

Dieser leidenschaftliche Gott ist der, von dem Micha redet. Seine Gnade besteht nicht in einem Zudecken von Unrecht, in einem unerwarteten Freispruch gegen alle Logik. Nein, er nimmt Schuld und Sünde ernst. Sehr ernst.

Seine Gnade besteht darin -- erklärt Micha seinen Hörern --, dass er die Schuld der Menschen nimmt und sie zertrampelt. Die Schuld, nicht die Menschen! Ein ganz entscheidender Unterschied!

Seine Gnade besteht darin, dass er die Sünde der Menschen -- das Unrecht im Großen und im Kleinen, die ganzen Irrwege dieser Welt -- in die Tiefen des Meeres wirft. Da, wo man heute Atommüll und Kriegswaffen verklappt. "Unwiderbringlich weg" meint Micha damit. Und damals gab es noch keine U-Boote, die das irgendwie wieder an die Oberfläche bringen könnten.

So leidenschaftlich, aktiv ist Gottes Gnade. Das weiß schon Micha. Und wir wissen noch mehr darüber, weil wir das Evangelium kennen, von Christus, den Gott in diese Welt sendet -- bis ans Kreuz -- um Schuld und Sünde den Garaus zu machen und uns Gnade, Liebe und Freundlichkeit zu schenken.

Wenn wir den alten Propheten heute verstehen wollen, müssen wir ihn ernst nehmen. Da kommen wir nicht umhin, auch an die Ungerechtigkeiten unserer Zeit zu denken: an die Kluft zwischen Arm und Reich; an Rassismus und Nationalismus, die wieder stärker werden; an Kriege und Konflikte; an die Zerstörung von Gottes guter Welt. Aber auch an die Ungerechtigkeiten im Kleinen, an die kleinen Dinge, die oft zwischen uns stehen: Missgunst und Neid, Egoismus und Lieblosigkeit, harte Worte und fehlende Taten. Da kann keiner von uns sich rühmen, kann keiner behaupten drüber zu stehen. Da müssen wir uns alle an der eigenen Nase packen. Und auf Gott hoffen. Auf einen gnädigen Gott.

Wie gut, dass wir den gefunden haben!

Oder besser: Wie gut, dass er uns gefunden hat!

Dann leuchtet seine Gnade um so mehr, an der er Gefallen hat. Dann können wir selbst mit Micha einstimmen in dieses bewegende Loblied auf den einzigartigen, barmherzigen Gott, der sich uns in Christus in seiner ganzen Freundlichkeit zuwendet:

Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade! Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer