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Gartenarbeit

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Die Predigt "Gartenarbeit" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Gen 2,4b-9.15

In aller Kürze

Eine Geschichte vom Ursprung: Gott pflanzt einen Garten für seinen Menschen. Wie der wohl aussieht? Was da wohl wächst? Und wer macht da die Gartenarbeit?

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Von den Lagerfeuern der Nomaden, von den Gutenachtgeschichten des alten Orient, aus uralten Traditionen, lange von Generation zu Generation weitererzählt und irgendwann auch aufgeschrieben, kommt uns eine Geschichte. Eine Geschichte vom Anfang. Nein, nicht vom Anfang der Zeit. Eine Geschichte vom Ursprung. Kein Bericht, der dokumentieren will, wie genau das alles abgelaufen ist, als die Erde und die Menschen entstanden. Diese Geschichte gräbt viel tiefer. Sie erzählt und will uns mit hineinnehmen in Fragen wie diese: Was ist der Mensch? Was macht sein Leben aus? Wie ist sein Verhältnis zu der Welt, in der er lebt? Und was hat Gott mit all dem zu tun? Diese Geschichte ist nicht "passiert" in dem Sinn, wie ein Verkehrsunfall passiert ist, oder eine Gemeinderatssitzung oder ein Orgelkonzert. Man könnte sie nicht in die Zeitung schreiben. Aber in gewisser Weise "passiert" diese Geschichte an uns allen, irgendwie auch immer wieder. Jeder Mensch kann sich in ihr finden. Sie ist, so sagen die Theologen, "Urgeschichte."

Ich lese aus dem 2. Kapitel der Genesis, des Buches "1. Mose", wörtlich: "Im Anfang".

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land.
Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin und setzte den Menschen hinein, den er gemacht hatte. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. (Genesis 2, 4b-9.15)

Trocken.

Trocken und dürr und kahl beginnt die Welt in dieser Geschichte. Nirgends auch nur ein Hälmchen Gras, ein Blättchen Grün.

Nichts wächst.

Die Welt ist leer.

Inhaltslos.

Ohne Leben und ohne Sinn.

Da krempelt Gott die Ärmel hoch und beginnt sein Werk.

Aus dem Material der Erde macht er einen Menschen.

Erdverbunden. Bodenständig. Teil der Welt, in die Gott in hineinstellt.

Aber genauso leblos und kalt.

Bis Gott ihm seinen Atem einhaucht. Atem ist Leben. Und Leben kann nur von Gott kommen. Nur er macht aus toter Materie einen Menschen mit Kopf und Herz und Sinn. Leben, sagt die Geschichte, ist Gottes Atem in uns. Das macht es heilig. Einzigartig. Unkopierbar. Und unendlich wertvoll.

Das vergessen wir oft, wenn einzelne Menschenleben nicht viel zählen. Wenn Menschen wie Masse umhergeschoben werden oder zu "Kollateralschäden" in unseren Kriegen werden. Leben ist heilig, der Atem Gottes in uns.

Geschafft.

Die Welt: Die Erde und der Mensch.

Und dann greift Gott zum Spaten...

Wie gut: Gott lässt den Menschen nicht einfach allein in der Welt. Er stellt ihn nicht in den leeren Raum, ohne Inhalt und Sinn.

Gott pflanzt einen Garten. Er schafft einen Ort für seinen Menschen. Er sorgt für ihn. Er will das beste für sein Geschöpf.

Ein Garten.

Wie wohl ein Garten aussieht, wenn Gott ihn pflanzt?

Vielleicht wie das blühende Barock in Ludwigsburg, wie die Blumenpracht auf der Insel Mainau, oder sonst einer der sorgfältig geplanten Lustgärten. Geometrische Formen, akkurate Linien, herrliche Dekorationen -- und alles mit der leuchtenden Herrlichkeit von tausend Blüten und Farben. Sieht so Gottes Garten aus?

Vielleicht ein holländisches Tulpenparadies? Mit lauter gleichen Blumen, zu Hunderttausenden, und doch jede einzigartig. Und wie viele Farben und Schattierungen? Mehr, als ich es mir jemals erträumt hätte.

Vielleicht ein typischer Familiengarten, mit Buchenhecke und Rasenfläche, mit Fußballtoren für die Kinder, mit Schaukel, Rutsche und einem Trampolin. Mit einem kleinen Gartenhaus für den Rasenmäher und einer Terasse mit Grill, wo man in lauen Sommernächten noch lange mit einem Glas Wein sitzen und über Gott und die Welt reden kann?

Oder hat Gottes Garten einen Jägerzaun, mit Hochbeet und Gewächshaus, in dem die Tomaten in die Höhe ranken? Ein ordentliches Gemüsebeet mit langen Reihen: Salat und Karotten und sogar ein paar Kartoffeln, mit Schnittlauch und Petersilie und Zucchini für die ganze Nachbarschaft? Mit knorrigen alten Apfelbäumen, die Geschichten von Generationen erzählen und ein paar Sträuchern, Johannisbeer und Stachelbeeren?

Steht in Gottes Garten ein Gartenzwerg?

Ich weiß es nicht. Die Geschichte lässt hier Raum für meine Fantasie.

Ich kann mir Gottes Garten auch in wilder Schönheit vorstellen, ganz ungeordnet von allen menschlichen Gartentraditionen, und doch atemberaubend schön in der Morgensonne, die sich in Tautropfen spiegelt.

Nur eines ist klar in dieser Geschichte: Gott macht es schön für seinen Menschen. Er setzt ihn da mitten hinein. Da wird es ihm gut gehen, in diesem Garten.

Vielleicht jedem von uns in einem Garten ganz anderer Art. Das wäre ja auch schade, wenn alles immer gleich wäre.

Und dann kommt der Sommer.

Der Sommer des Lebens, wo alles wächst und grünt und blüht. Weil Gott es gepflanzt hat.

Das vergessen wir auch oft. Wenn jetzt wieder Erntedank ist, dann ist das vielleicht auch für uns neu Gelegenheit, über die Dinge nachzudenken, die wir für so selbstverständlich nehmen. Gerade dieses Jahr hat uns ja drastisch vor Augen geführt, wie schnell auch selbstverständliche Dinge in Frage gestellt werden können. Und wie froh wir sein können, wenn sie uns erhalten bleiben. Umso dankbarer nehmen wir sie dann wieder aus Gottes Hand.

Wir ernten sie, sozusagen. Erntedank.

Und dann ist Gartenarbeit angesagt.

Ich bin ganz ehrlich: Ich mag keine Gartenarbeit.

Wer in meinen Garten kommt, der sieht das wahrscheinlich auch.

Und das sieht man auch in vielen Lebensgärten.

Die Natur findet so ihre Wege, manch schöne Pflanzung durcheinanderzubringen.

Wenn sich Unkraut im Gemüsebeet breit macht. Wenn das Gras hoch steht wie in der afrikanischen Savanne und das Blumenbeet aussieht wie ein Kartoffelacker. Wenn der Ahorn plötzlich aus der Buchenhecke wächst und der Thymian sowieso aus den Fugen zwischen den moosbedeckten Terrassenplatten sprießt. Da schleicht sich so manches ein, in so einem Garten.

Wenn sich Sorgen im Lebensgarten breit machen und die Angst die kleinen Hoffnungspflänzchen zu ersticken droht. Wenn sich Zweifel unter die schönen Glaubensgewissheiten aussäen und die Zukunft aussieht wie eine dicke Moosdecke, die sich erdrückend über alles ausbreiten will. Da schleicht sich so manches ein, in so einem Leben.

Wie schnell verwildert so ein Garten. Und nicht jede Wildnis ist schön.

Was mache ich denn nun?

Nach einem der Herbststürme vergangener Jahre mussten wir in unserem Garten zwei Bäume umsägen, die schwer gelitten hatten. Die Zeit, die wir hatten, reichte gerade, um sie zu fällen und dann zumindest einmal in größere Einzelteile zu zerlegen. Dann kam das schlechte Wetter und dann kamen die Termine des Alltags und dann kam der Winter. Unter der weißen Schneeschicht in unserem Garten lag ein riesiger Haufen. Ein Gewirr aus Ästen und Zweigen tauchte auf, als im Frühling die Sonne den Schnee wegschmolz. Jeder Blick aus dem Terrassenfenster in den Garten fiel zuerst auf diese wilden Überreste. Unangenehm blieb ständig die Erinnerung an das, was da noch zu tun war. Allein die Zeit dazu, die fehlte und manchmal auch die Energie.

Bis zu dem Tag, an dem es uns zu viel wurde. In der Stadt gab es eine soziale Einrichtung, die haushaltsnahe Dienstleistungen anbot und auch Hilfe bei der Gartenarbeit. Ein Anruf genügte und plötzlich standen da vier Männer in unserem Garten, die hackten und sägten und schnitten und den riesigen Haufen in kürzester Zeit auf ihren Lastwagen verladen hatten. Als der wegfuhr, fiel uns ein Stein vom Herzen. Und die Sonne schien in einen ganz anderen Garten.

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petr 5, 7)

Diesen Wochenspruch hören wir ja nicht nur ganz zufällig in Verbindung mit der alten Urgeschichte. Wir hören ihn, weil wir ihn brauchen. Weil uns nämlich selbst so oft die Kraft fehlt, unsere von Sorgen und Angst und Zweifeln und Leid überwucherten Gärten vom Unkraut zu befreien. Weil wir da Hilfe brauchen.

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch. (1. Petr 5, 7)

Manchmal braucht es da vielleicht auch einen ganzen LKW, um das alles aufzunehmen. Aber Gott ist immer nur einen Anruf weit entfernt. Ein Gebet und alle meine Sorgen liegen in seiner Hand. Da sind sie gut aufgehoben. Besser als in meinem Garten.

Möge da seine Sonne wieder leuchten und Pflänzchen der Hoffnung grünen lassen und Frucht des Heiligen Geistes wachsen.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer