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Fürchte dich nicht

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Die Predigt "Fürchte dich nicht" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Offenbarung 1,9-18

In aller Kürze

Mitten in Sorge, Not, und Angst legt sich plötzlich eine Hand auf deine Schulter: "Fürchte dich nicht!" [Kurzversion der Predigt vom letzten Sonntag nach Epiphanias]

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Gerade war der letzte Sonntag nach Epiphanias. Weihnachten ist schon wieder nur eine ferne Erinnerung. Uns alle hat schon längst der Alltag wieder. Das ist nicht grundsätzlich schlecht: Der Alltag, das ist dort, wo das Leben stattfindet. Also reden wir nicht schlecht über den Alltag! Aber unser Alltag bringt eben auch die kleinen und großen Herausforderungen des Lebens mit sich. Die Schwierigkeiten. Die Dinge, mit denen wir nicht fertig werden. Das, was uns Sorge bereitet. Und oft auch Angst macht.

"Niemand hat etwas davon, wenn er Angst hat", sagt Rocca, die elfjährige Heldin des Kinderfilms "Rocca verändert die Welt". Ein wunderschöner Film. Aber so einfach ist es nicht. Niemand kann einfach beschließen, keine Angst mehr zu haben.

Ich möchte euch, liebe Geschwister, heute gerne mit auf die griechische Insel Patmos nehmen. Zurück ins erste Jahrhundert der Christenheit. Dort werden wir einem Propheten namens Johannes begegne, der sich als "Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis" vorstellt. Dieser Teil der Bibel wurde in einer Zeit geschrieben, in der die Menschen, die sich zu Jesus Christus bekannten, unbarmherzig verfolgt wurden. Im Vergleich dazu geht es uns heute geradezu paradiesisch gut. Wir haben gewiss keinen Grund, uns Sorgen zu machen, oder? Solche Vergleiche helfen nicht. Wenn du mitten drinsteckst in Nöten, in Sorgen und Problemen, dann gibt es dir wenig Trost, zu wissen, dass alles noch viel schlimmer sein könnte. Deine Sorgen werden dadurch nicht weniger. Dein Schmerz verschwindet dadurch nicht. Vergleichen hilft nicht.

Was uns aber helfen könnte, ist das, was andere Menschen in oft noch viel schlimmeren Situationen getragen hat. Das letzte Buch der Bibel, die "Offenbarung des Johannes", wurde als tröstliche Botschaft an Menschen in Not und Bedrängnis geschrieben. Hören wir also hin und schauen, was ihnen geholfen hat. Ich lese uns aus dem ersten Kapitel der Offenbarung den Predigttext für heute:

Ich, Johannes, euer Bruder und Mitgenosse an der Bedrängnis und am Reich und an der Geduld in Jesus, war auf der Insel, die Patmos heißt, um des Wortes Gottes und des Zeugnisses Jesu willen. Ich wurde vom Geist ergriffen am Tag des Herrn und hörte hinter mir eine große Stimme wie von einer Posaune, die sprach: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es an die sieben Gemeinden: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamon und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea. Und ich wandte mich um, zu sehen nach der Stimme, die mit mir redete. Und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter und mitten unter den Leuchtern einen, der war einem Menschensohn gleich, der war angetan mit einem langen Gewand und gegürtet um die Brust mit einem goldenen Gürtel. Sein Haupt aber und sein Haar war weiß wie weiße Wolle, wie Schnee, und seine Augen wie eine Feuerflamme und seine Füße gleich Golderz, wie im Ofen durch Feuer gehärtet, und seine Stimme wie großes Wasserrauschen; und er hatte sieben Sterne in seiner rechten Hand, und aus seinem Munde ging ein scharfes, zweischneidiges Schwert, und sein Angesicht leuchtete, wie die Sonne scheint in ihrer Macht. Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot; und er legte seine rechte Hand auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige. Ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und der Hölle. (Offenbarung 1,9-18 L17)

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Mitten in der Bedrängnis legt sich plötzliche eine Hand auf Johannes' Schulter. "Fürchte dich nicht!"

Es ist auffällig, wie oft Gott diesen Satz sagt. Als müssten wir das immer wieder hören. "Fürchte dich nicht!"

"Fürchte dich nicht, Abraham!" sagt er zu einem, der auf unbekannten Wegen in eine ungewisse Zukunft unterwegs ist. Das braucht viel Vertrauen und eine gehörige Portion Mut. "Ich bin dein Schild und dein sehr großer Lohn!", sagt Gott. "Also: Fürchte dich nicht!"

"Fürchte dich nicht, Hagar!", sagt er zu einer, die allein mit ihrem Kind in der Wüste ist, ausgestoßen, mutlos, ohne Hoffnung. "Ich habe dich gehört.", sagt Gott. "Ich habe dich nicht vergessen, dich nicht im Stich gelassen. Ich helfe dir. Also: Fürchte dich nicht!"

"Fürchte dich nicht, Isaak!", sagt er zu einem, dessen Vater große Fußstapfen hinterlassen hat. Ob er die wohl wirklich ausfüllen kann? Ob er das schaffen wird, oder doch eher bitter versagen?  Unsicher und zaghaft hört auch er die Stimme, die seinem Vater so vertraut war. "Fürchte dich nicht!"

"Fürchte dich nicht, Jakob!", sagt Gott zu einem, dem das Leben viele Kämpfe und Herausforderungen beschert hat. Er hatte schon alles, was er liebte, verloren. Alles aufgegeben und bitterlich geweint. Und plötzlich ist da neue Hoffnung. Aber diese Hoffnung heißt auch: Aufbrechen, in ein fernes Land, nach Ägypten. Kann das ein alter Kämpfer in seinen letzten Tagen noch einmal wagen? Und dann ist Gott da: "Fürchte dich nicht!"

"Fürchte dich nicht, Mose!", spricht Gott zu einem, der die riesengroße Aufgabe bekommen hat, ein widerspenstiges Volk durch die Wüste zu führen, nur auf das Wort einer Verheißung hin. Er droht, am Druck dieser Aufgabe mit immer neuen Problemen zu zerbrechen. Aber er ist nicht allein: "Fürchte dich nicht!", sagt Gott. "Ich habe die Feinde in deine Hand gegeben."

"Fürchtet euch nicht!", das haben wir ja gerade noch aus der Weihnachtsgeschichte im Ohr. In einer dunklen Nacht bei einer kleine Schar von Männern, ohne irgendetwas, was uns erwarten ließe, dass sich die Welt gerade bei ihnen verändern würde. "Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids!"

"Fürchtet euch nicht!", das klingt trotzdem immer noch ein wenig nach Rocca aus dem Kinderfilm. Sicher haben sich die völlig überrumpelten Hirten auch so ihre Fragen gestellt, nachdem sie das Kind in der Krippe gesehen hatten. Wie soll uns der helfen? Wie könnten wir um dieses Kindes Willen unsere Ängste überwinden?

So einfach ist es nicht. Niemand kann einfach beschließen, keine Angst mehr zu haben.

"Fürchte dich nicht, Johannes!", sagt einer und legt ihm die Hand auf die Schulter. Als Johannes sich umdreht, um zu sehen, wer da zu ihm redet, da haut es ihn buchstäblich um. Denn der, der da vor ihm steht, ist wie kein anderer auf der ganzen Welt. Weiß wie Schnee und mit Augen wie Feuer. Füße wie Gold und eine Stimme wie großes Wasserrauschen. Sterne in der Hand und ein Schwert im Mund. Sein Gesicht leuchtet wie die Sonne selbst. Man spürt förmlich, wie Johannes um Bilder ringt, um das völlig unbeschreibliche zu Beschreiben. Einer, "wie ein Menschensohn", sagt er, mit Bildern aus den alten Propheten, bei Daniel und Hesekiel..

Einer, "wie ein Menschensohn". Langsam dämmert es ihm, wen er da vor sich hat. "Ich bin der Erste und der Letzte" -- Anfang und Ende, alles umfassend. Himmel und Erde, Zeit und Ewigkeit liegen in seiner Hand. "Ich war tot, und siehe ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit." Gestorben. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Aufgefahren in den Himmel. Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters. Sterne in  seiner Hand und Himmelsleuchter um ihn her, sagt Johannes. "Und ich habe die Schlüssel des Todes und der Hölle." Schlüsselgewalt. Vollmacht. Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und Toten. Auferstehung der Toten. Und das ewige Leben.

"Fürchte dich nicht!", sagt Jesus Christus. Der Herr. Der Auferstandene. Der Herrscher über Himmel und Erde. Und er legt seine Hand auf die Schulter des Johannes.

Liebe Schwestern und Brüder,

Genau das ist es, was Menschen hören müssen, die von ihren Ängsten überwältigt zu werden drohen. "Was du siehst, das schreibe in ein Buch", sagt Jesus selbst zu Johannes. Das müssen die anderen auch wissen. Das wird ihnen helfen in ihrer Angst:  Jesus ist immer noch da. Er, der versprochen hat, bei uns zu sein bis an das Ende der Welt, hat uns in der Zwischenzeit nicht vergessen. Auch wenn es für uns manchmal fast so aussieht. "Fürchte dich nicht."

Und der, der das sagt, ist nicht nur irgendjemand. Es ist auch nicht nur der Jesus unserer ausgewählten Erinnerungen. Das kleine Kind in der Krippe. Der sanfte Bote Gottes. Der leidende Gottesknecht am Kreuz. Nein! Weit gefehlt! Der, der hier redet, ist der Auferstandene. Den nicht einmal der Tod halten konnte. Der auf ganzer Linie gesiegt hat. Der auf dem Platz des himmlischen Herrschers sitzt. Wer ihn auf seiner Seite weiß, braucht keine Angst mehr zu haben.

"Fürchte dich nicht", sagt Jesus und legt seine Hand auf Johannes' Schulter. Auf die Schulter aller seiner leidenden Glaubensgeschwister. "Fürchtet euch nicht."

Liebe Schwester, lieber Bruder in Jesus Christus,

Einmal geblinzelt und schon sind wir wieder im Haus Raichberg in Onstmettingen. Gottesdienst. Singen und beten. Nachher gehen wir wieder hinaus und der Alltag wartet. Der hat sich in der Zwischenzeit nicht verändert. Wenn du mit Sorgen und Ängsten hier hereingekommen bist, ist es nicht unwahrscheinlich, dass die auch nachher noch auf dich warten.

Aber du trittst ganz anders durch die Tür, als du hereingekommen bist.

"Was du siehst, das schreibe in ein Buch!" Nicht nur für die Menschen früher. Auch für uns. Wir haben heute davon gelesen und neu begriffen, wer es ist, der versprochen hat, alle Tage bei uns zu sein, bis an der Welt Ende. Es ist derselbe, der sagte: "Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden." In den Worten des Johannes begegnen wir ihm heute neu. Wir staunen über ihn. Und wir hören ihn sagen: "Fürchte dich nicht." Nicht nur zu Johannes. Auch zu uns. Auch zu mir. Dann legt er seine Hand auch auf unsere Schulter: "Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir."

Egal, was der Alltag mit sich bringt: Seine Hand wir weiter genau da sein. Auf deiner Schulter. Wenn du sie spürst, dann weißt du, dass der Herr der Himmels und der Erde bei dir ist. Und dann hörst du durch alles hindurch seine Stimme:

"Fürchte dich nicht."

Möge das deiner Angst ein Ende bereiten.

Amen.

 

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer