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Freudenbotschaft

Grund zum Jubel in Tailfingen

Aufnahme der Predigt (20:15)
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Die Predigt "Freudenbotschaft" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Jesaja 52,7-10

In aller Kürze

Wo Friede fehlt und Zerbrochenheit herrscht, da freut man sich über einen, der kommt und alles gut macht -- "heil" eben. Dieses Muster zieht sich durch von den Propheten bis heute. Nur einmal, da bekommt die Hoffnungsbotschaft plötzlich noch eine ganz andere, neue Wendung.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Aus dem Buch des Propheten Jesaja, aus dem 52. Kapitel:

Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!  Deine Wächter rufen mit lauter Stimme und jubeln miteinander; denn sie werden's mit ihren Augen sehen, wenn der HERR nach Zion zurückkehrt.  Seid fröhlich und jubelt miteinander, ihr Trümmer Jerusalems; denn der HERR hat sein Volk getröstet und Jerusalem erlöst.  Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes. (Jesaja 52,7-10)

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I

Psst!

Da kommt einer!

Hast du es nicht gehört?

Da keucht einer den Berg hoch, genau auf uns zu?

Der hat es aber eilig. Der ist ja ganz außer Puste.

Wer das wohl ist? Was der wohl will?

Ob wir den reinlassen sollten?

Man kann ja nicht vorsichtig genug sein in diesen Zeiten.

Halt! Wer da? Was willst du hier?

"Macht das Tor auf", keucht er. "Stoßt es weit auf! Lasst mich rein! Was ich zu sagen habe, das müsst ihr hören! Das wollt ihr hören!"

"Friede", japst er -- noch völlig außer Atem. "Friede! Wir haben Frieden. Der Krieg ist vorbei. Die Besatzung ist vorbei. Die Unterdrückung hat ein Ende. Friede!"

Was redet der? Was meint der nur?

Heil!

Was, Heil? Ist er krank?

Nein: Heil! Das Land wird heil! Im umfassenden Sinn. Was verletzt ist, wird gesund. Was zerstört ist, wiederaufgebaut. Was am Boden liegt, aufgerichtet. Was krumm ist, gerade. Wo es dunkel ist, kehrt Licht ein. Wo Böses herrscht, wird alles Gut. Alles. Gut!

Gott selbst steckt dahinter. Nur er kann das machen -- alles gut. Heil bringen, eben. Und er tut es. Er erhellt das Dunkel. Er überwindet das Böse. Er stößt die Mächtigen vom Thron und erhebt die Niedrigen. Kapiert ihr das nicht? Gott kommt. Zu uns. Alles wird gut!

Mach das Tor auf. Mensch, mach doch schneller. Lass den rein! Leute, das müsst ihr hören! Ihr werdet es nicht glauben, was wir soeben erfahren haben.

Neugierige stecken ihren Kopf aus den Fenstern. Schaulustige laufen zusammen. Alle reden durcheinander, bis einer dem Boten Gehör verschafft. Es wird still. Alle hören gebannt zu. Aber nicht für lange. Jubelrufe unterbrechen die Botschaft. Es werden immer mehr. Da beginnen sie zu reden. Da zieht man eilig die Nachbarn herbei, die es noch nicht gehört haben. Irgendwo spielt plötzlich Musik. Da tanzen sie schon. Einer bringt Wein. Sie stoßen an. Ein spontanes Fest. Was sollte man denn auch sonst tun, bei so einer Nachricht? Nach all den Jahren?

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II

Für den Propheten, der unseren heutigen Text schreibt, ist das alles noch eine Zukunftsvision. Den unbekannten Autor, auf den der zweite Teil des Buchs zurückgeht, das wir heute als "Jesaja" kennen, nennen die Theologen "Deuterojesaja." Gelebt hat er wohl im 6. Jahrhundert vor Christus, in jener spannenden Zeit, als Judäa, das Südreich Israels, aufgehört hat zu existieren und die Bevölkerung sich zum größten Teil weit weg von der Heimat in der Verbannung befindet. Im Exil. In Babylon. Weit weg von Zuhause. "Zion", der Name des Bergs im Bergland von Juda steht für die ganze Stadt, die auf und um ihn herum gebaut ist: Jerusalem, einst Hauptstadt des Südreichs. Heimat. Hoffnungsort. Sehnsuchtsort. Und die Hauptstadt wiederum steht stellvertretend für das ganze. Für das Zuhause, weit weg. Unerreichbar. Zerstört und in Trümmern, gestohlen und geraubt. An den Flüssen von Babylon ("By the rivers of Babylon"), da sitzen sie und trauern um alles, was sie verloren haben.

Deuterojesaja, den wir jetzt einfach auch so nennen, weil wir keinen anderen Namen kennen, ist ein Hoffnungsprophet. Einer derer, die auch im Exil den Glauben an Jahwe, den Gott Israels, nicht verloren haben. Hatte er nicht mit ihren Vätern einen ewigen Bund geschlossen? Mit Abraham, Isaak und Jakob, mit Mose am brennenden Busch, mit dem ganzen Volk am Berg Sinai, nachdem er sie durch's Rote Meer herausgeführt hatte aus Ägypten. Sollte Gott diesen Bund vergessen haben? Kann er wirklich ewig zornig sein über die Sünden seines Volkes, dass ihn zugegebenermaßen über viele Jahrhunderte immer wieder ignoriert, vergessen und auf herablassendste Art und Weise verärgert hat?

Natürlich hat er recht mit seinem Zorn, natürlich haben sie alle Fehler gemacht. "Sünde" ist das entscheidende Stichwort hier. Das was von Gott trennt, von seiner Gnade, von seinem Segen, von seinem Bund. Trennt -- im wahrsten Sinn des Wortes.

Dort, in Jerusalem, da hatte Gott seinen Wohnort im Tempel, mitten unter ihnen. Ein sichtbares Zeichen der Verbindung mit seinem Volk. Jetzt liegt der Tempel in Trümmern und sie sind weit weg davon, in einem fremden Land gefangen.

Andere Propheten haben die Lage schon sehr drastisch beschrieben. Gott ist ausgezogen aus Jerusalem, fort aus dem Tempel, weg von diesem treulosen Volk, haben sie gesagt. Da mag wohl was Wahres dran sein.

Aber ist Gott nicht ein gnädiger Gott? Einer, dessen Treue größer ist als unsere menschliche, ja, selbst als unsere menschliche Untreue es jemals sein kann? Ist er nicht ein Gott, der ... liebt und der ... vergibt?

Barmherzig und gnädig ist der HERR,
geduldig und von großer Güte.
Er wird nicht für immer hadern
noch ewig zornig bleiben.
Er handelt nicht mit uns nach unsern Sünden
und vergilt uns nicht nach unsrer Missetat.
Denn so hoch der Himmel über der Erde ist,
lässt er seine Gnade walten über denen, die ihn fürchten.
So fern der Morgen ist vom Abend,
lässt er unsre Übertretungen von uns sein.
Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.

Ist nicht das das Wesen unseres Gottes?

Deuterojesaja hat Hoffnung. Hoffnung, dass sich das Blatt wenden wird. Dass es wieder aufwärts geht mit Israel. Dass Gott sich seiner Versprechen erinnert und dass er gnädig ist und noch einmal neu anfängt mit denen, die jetzt weit weg sind von ihm und von zu Hause und von dem Bund mit ihrem Gott.

Deuterojesaja hat Hoffnung. So stark ist diese Hoffnung, dass er gar nicht anders kann, als davon zu reden. Die Menschen zu trösten mit der Erinnerung daran, dass bei Gott eine andere Zukunft möglich ist.

"Tröstet, tröstet mein Volk!, spricht euer Gott.", so beginnt sein Teil des Buchs, "Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist; denn sie hat die volle Strafe empfangen von der Hand des HERRN für alle ihre Sünden."

Deuterojesaja hat Hoffnung. So plastisch ist diese Hoffnung, dass er es schon fast greifbar vor sich sieht, wie das sein wird, wenn Gott kommt und alles heil macht. Wenn Jerusalem, Zion, die Heimat -- so weit weg und doch immer vor seinen Augen -- die Nachricht bekommt, dass jetzt Frieden ist. Dass alles gut wird. Heil. Und Gott als König über alles herrscht. Für Deuterojesaja ist das so real, dass er schon die Schritte des Boten vor dem Stadttor hören kann...

"Wie lieblich sind auf den Bergen die Füße des Freudenboten, der da Frieden verkündigt, Gutes predigt, Heil verkündigt, der da sagt zu Zion: Dein Gott ist König!"

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III

Hoffnung gibt Trost. Aber Hoffnung ist meistens auch mit Warten verbunden. Manchmal mit langem Warten. Viel länger, als wir das gerne hätten.

Siebzig Jahre hat es gedauert, bis Israels Exil in Babylon sein Ende finden. Siebzig bange Jahre mit Warten, Hoffen, Bangen, Zittern, Zweifeln, Zagen, ... bis schließlich die Hoffnung siegt und es endlich gute Nachrichten gibt in Jerusalem, in Israel und vor allem dort, bei den Gefangenen von Babylon.

Der Weg in die Heimat ist offen. Gott hat sie nicht vergessen!

Freudenboten auf Zion.

Und doch bleibt gleichzeitig noch Vieles offen von dem, was sich Deuterojesaja ausgemalt hat. "... aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes." -- das ist noch weit weg, auch mit der Heimkehr nach 70 Jahren Exil. Da gibt es immer noch eine Menge zu Hoffen. Und zu Er-warten.

Denn die Heimat hat sich verändert. Die Zeit der Besatzung ist noch nicht zu Ende. In den folgenden Jahren wird Israel zu einer persischen Provinz, dann zu einer griechischen, dann zum Spielball der großen Mächte nach dem Zusammenbruch des Reichs von Alexander dem Großen, dann zu einem unbedeutenden Fleck Erde am Rande des großen römischen Reichs. Da ist noch viel Dunkel. Da ist noch viel, was nicht Heil ist. Der erhoffte Friede ist noch weit weg.

Bis...

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IV

Bis zu diesem Tag Jahrhunderte später -- oder bis zu dieser Nacht, genauer gesagt, dieser kalten, dunklen, unwirtlichen Nacht, die nicht einmal ein Zuhause bietet für ein junges Pärchen weit weg von daheim, deren erstes Kind zur Welt kommt unter den unwirtlichsten Bedingungen, die man sich vorstellen kann. Diese grausame, kalte Nacht in dieser Kleinprovinz am Rande des römischen Reichs wird durchbrochen von einem Lichtstrahl, einem Hoffnungs-Strahl, und plötzlich ist da wieder einer, der von Hoffnung zu reden beginnt und von Friede und Freude und von dem, der alles gut macht -- alles "heil":

"Siehe, ich verkündige euch große Freude,...", sagt dieser strahlende Bote Gottes. "... Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids."

Darf man das eigentlich, diesen alten Text des namenlosen Deuterojesaja nehmen und einfach auf Weihnachten beziehen, jahrhunderte später und im Neuen Testament? Als Christen kommen wir nicht umhin, in der Botschaft des Engels in dieser heiligen Nacht ein Muster zu entdecken, dass sich durchzieht bei denen, die darauf vertrauen, dass Gott seine Menschen nicht vergessen hat. Ein Hoffnungsmuster, das darauf wartet, sich danach sehnt, es im Glauben geradezu vorwegnimmt, dass irgendwann Friede kommen wird und alles gut wird -- "heil" eben -- und es Grund gibt zu grenzenloser Freude. Das finden wir in den alten Propheten, bei Deuterojesaja und Jesaja vor ihm und bei vielen anderen und hier wieder, in der Botschaft des Engels.

Noch ein lieblicher Freudensbote.

Nur, dass es diesmal anders ist. Diesmal heißt es nicht: Hofft, wartet, glaubt... und irgendwann wird das alles geschehen. Diesmal spricht der Freudenbote in der Gegenwart.

Hier. Heute. Jetzt. Bei euch. In Bethlehem, der Stadt Davids, ist euch heute einer geboren, der die Erfüllung all der langen Hoffnungsträume ist:

Der Christus. Das ist nichts anderes als die lateinische Übersetzung des alten hebräischen Hoffnungswortes. Ha-Maschiach, der versprochene, von Gott gesalbte und beauftragte Retter. Noch so eine Hoffnungsfigur aus den Zukunftsvisionen der Propheten. Er ist hier, sagt der Engel. Jetzt. Heute. Bei euch.

Der Herr. Ein Herrschertitel. Regelmäßig angewandt auf den römischen Kaiser, den damals mächtigsten Mann der Welt. Weit weg in Rom, gleichsam entrückt aus dem Alltag der Menschen, auf einer ganz anderen Ebene. Mächtiger, stärker als alle. Nein, sagt der Engel. Hier ist der ware Herr. Hier. Heute. Bei euch. In Bethlehem. Dort in der Krippe, ein Baby in Windeln gewickelt. Ganz klein. Und doch größer als alle anderen. "Dein Gott ist König", sagen die Hoffnungsboten in Deuterojesajas Vision. Genau, sagt der Engel. Schaut dort hin. Da ist er. Gott. Der König. Der Herr.

Der Heiland, sagt der Engel. Der Heil-macher. Der, der endlich alles gut macht. "Alles wird gut", das ist kein leerer Traum, kein frommer Wunsch, wie man ihn zu Beginn eines Lockdowns auf Regenbogenbilder malt und an die Fenster klebt. "Alles wird gut, wird... heil", das ist eine Tatsache, weil es bei ihm anfängt. Er macht alles gut. "Der Heiland", sagt der Engel.

Ein lieblicher Freudenbote.

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V

Ist das so? Ist wirklich alles gut geworden? Ist nicht die Nacht immernoch kalt geblieben, damals in Bethlehem, und noch viele andere Nächte und Tage seither? Beklagen wir nicht hier und heute noch, 2.000 Jahre später, dass Friede oft nur ein Traum bleibt und dass so viel Leid und Dunkelheit herrscht auf dieser Welt. Und das alles gut sei, alles "heil", das wird doch wohl keiner ernsthaft behaupten wollen, jetzt am Ende des Jahres 2020?

Moment mal: Darf man das, einfach, so weiterhüpfen, von Deuterojesaja und den Hirtenfeldern in Bethlehem, hierher zu uns, nach Tailfingen? Ja, man darf, weil wir als Christen ein Muster erkennen, das sich durchzieht: Ein Muster, von Menschen, die Trost brauchen in Dunkelheit und Leid und Un-Heil, egal ob in Babylon oder Bethlehem oder bei Balingen im 21. Jahrhundert. Und ein Muster, von Menschen, die Hoffnung haben, dass es einen Gott gibt, den das alles nicht kalt lässt. Der kommt, und Frieden schenkt, Grund zur Freude und Heil. Als Christen glauben wir, dass diese Nacht von Bethlehem damals wirklich etwas Wesentliches verändert hat: In dem kleinen Jesus dort in der Krippe zeigt uns Gott, dass er bereit ist, selbst hineinzukommen in den Unfrieden und die Zerbrochenheit, in Leid und Dunkelheit dieser Welt. Und weil er selbst kommt, finden Menschen Frieden. Weil er kommt, in diesem Jesus, wird Zerbrochenes "heil". Weil er selbst kommt, gibt es Grund zur Freude.

Weil dieses Muster sich durchzieht, braucht Tailfingen heute Freudensboten. Menschen mit "lieblichen Füßen" und einer noch lieblicheren Botschaft: Menschen, die Frieden bringen, Gutes predigen, Heil verkündigen und zu Tailfingen sagen: "Gott ist König." Der Engel draußen auf dem Banner vor der Pauluskirche macht den Anfang: "Fürchtet euch nicht. Jesus ist da." Und wir könnten die sein, die es weitertragen. Die, die zueinander sagen: "Fürchtet euch nicht." Die, die die Freude über das Evangelium von Gott, der uns nahekommt, an andere weitergeben -- egal, ob persönlich, am Telefon oder mit einem kleinen Zeichen der Zuwendung.

Psst! Da kommt einer! Was der wohl will?

Wir könnten die sein mit den lieblichen Füßen. Dann könnte Freude einziehen in Tailfingen -- und das könnten wir alle ganz gut gebrauchen in diesen Tagen.

Also:

Seid fröhlich und jubelt miteinander [...]; denn der HERR hat sein Volk getröstet und [...] erlöst.  Der HERR hat offenbart seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker, dass aller Welt Enden sehen das Heil unsres Gottes.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer