Fastenzeit

Gepredigt am 2021-02-18 08:59:45 Aus der Reihe: Passionszeit 2021
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Die Predigt "Fastenzeit" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Jesaja 58,1-9a

In aller Kürze

Die Fastenzeit hat begonnen. Sollten wir nicht besser gut reformatorisch Würste essen? Warum wir das Fasten nicht brauchen und es uns trotzdem gut tut...

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Gestern, am Aschermittwoch, hat die Fastenzeit begonnen. Die vierzigtägige Zeit der Vorbereitung auf das Osterfest nimmt uns mit ihren Inhalten mit hinein in den Weg Jesu hinauf nach Jerusalem -- hinauf in die Zeit des Leidens, schließlich des Sterbens für uns. Die Zeit der Entbehrung und des Nachdenkens über uns selbst und über unser Verhältnis zu Gott mündet am Osterfest in das erleichterte Aufatmen, in die große Freude: Christus ist auferstanden! Er hat den Tod überwunden. Das Leben triumphiert. Die Zeit der Selbstbesinnung und der Einsicht, vielleicht auch der Buße und Umkehr in manchen Dingen, mündet am Osterfest in die befreiende Botschaft: Christus ist auferstanden! Er hat die Sünde der Welt getragen. Die Freiheit hat gesiegt! Nicht umsonst ist Ostern unser größtes und schönstes Fest, ohne das unser Glaube gar keinen Sinn machen würde.

Aber soweit sind wir noch nicht. Wir sind ja erst am Anfang der Fastenzeit. In den letzten Jahrzehnten ist die ja auch von evangelischen Christen wieder ganz neu entdeckt und wertgeschätzt worden. Es tut uns gut, einmal innezuhalten, kürzer zu treten, in uns zu gehen und nachzudenken. Das ist auch der Anlass der seit nun schon vielen Jahren wiederkehrenden Aktion "7 Wochen ohne..." in der Evangelischen Kirche.

Fasten ist dabei ja aber keine Neuentdeckung. Fasten hat Tradition. Schon zu biblischen Zeiten gab es diese Momente, wo bewusster Verzicht zusammenfiel mit Nachdenken, Einkehr und Umkehr. Traditionen sind daraus entstanden. Fasten hatte seinen gewohnten Platz im Jahresrhythmus. Man wusste, was man zu tun und was man zu lassen hatte. Bis ein Prophet, den wir heute Tritojesaja nennen, da mitten reinplatzt... Aus dem 58. Kapitel des Jesajabuchs:

Rufe laut, halte nicht an dich! Erhebe deine Stimme wie eine Posaune und verkündige meinem Volk seine Abtrünnigkeit und dem Hause Jakob seine Sünden! Sie suchen mich täglich und wollen gerne meine Wege wissen, als wären sie ein Volk, das die Gerechtigkeit schon getan und das Recht seines Gottes nicht verlassen hätte. Sie fordern von mir Recht, sie wollen, dass Gott ihnen nahe sei.

»Warum fasten wir und du siehst es nicht an? Warum kasteien wir unseren Leib und du willst's nicht wissen?« Siehe, an dem Tag, da ihr fastet, geht ihr doch euren Geschäften nach und bedrückt alle eure Arbeiter. Siehe, wenn ihr fastet, hadert und zankt ihr und schlagt mit gottloser Faust drein. Ihr sollt nicht so fasten, wie ihr jetzt tut, wenn eure Stimme in der Höhe gehört werden soll. Soll das ein Fasten sein, an dem ich Gefallen habe, ein Tag, an dem man sich kasteit oder seinen Kopf hängen lässt wie Schilf und in Sack und Asche sich bettet? Wollt ihr das ein Fasten nennen und einen Tag, an dem der HERR Wohlgefallen hat?

Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut! Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten. (Jesaja 58,1-9a)

Ein paar Gedanken zu Beginn der Fastenzeit möchte ich gerne mitnehmen, nicht nur für den heutigen Gottesdienst, sondern auch in die nächsten Wochen hinein.

Erstens: Wir brauchen es nicht.

Am 9. März 1522 war die Stadt Zürich in Aufruhr: Die Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Im Haus des Druckers Christoph Froschauer war etwas ungeheuerliches geschehen. Angesehene Bürger der Stadt und ehrbare Männer wie der Stadtpfarrer Huldrych Zwingli saßen dort gemeinsam zu Tisch und aßen Würste. Würste! An Invokavit, dem ersten Sonntag der Fastenzeit. So etwas Unerhörtes war schon lange nicht mehr gesehen. Die Aufregung war groß.

Heute sieht die Geschichtsschreibung in diesem Wurstessen einen der Anfänge der Schweizer Reformation. Die öffentliche Provokation war bewusst geplant. Christen brauchen kein Fasten, um sich Gottes Zuwendung zu verdienen, wollten die Beteiligten allen Zeigen. Bei Gott kommt es nicht auf Rituale, nicht auf Äußerlichkeiten an. Man muss sich nicht erst bei ihm einschmeicheln. Wenn Gott sich uns zuwendet, dann tut er es einfach um Christi Willen, aus Gnade. Dazu brauchen wir kein Fasten.

Das tut gut, zu hören. Immer, weil es befreiend ist. Ich muss mir Gottes Liebe nicht erarbeiten -- nicht durch Fasten, nicht durch irgendetwas sonst. 2021 tut das besonders gut. Haben wir nicht alle schon auf ganz viel verzichtet, in diesen zurückliegenden Monaten? Die Zeit der Pandemie wird lang. Wir werden immer dünnhäutiger. Wir sehnen uns nach einem Ende. Stellt euch vor, jetzt käme auch noch Gott und forderte noch mehr von uns ein. Ich glaube mancher von uns wäre da am Ende angekommen.

Wir brauchen es nicht. Das ist eine gute Nachricht. Gottes Zuwendung zu uns hängt nicht von solchen Dingen ab.

Zweitens: Es tut mir gut.

Wir fasten doch! Geradezu fordernd scheinen die Menschen zu Jesajas Zeiten Gott gegenüber aufgetreten zu sein. Wir sind doch die Guten! Wir machen doch alles richtig! Jetzt haben wir doch auch Anspruch darauf, dass du für uns etwas tust. Dass du unsere Gebete erhörst und unsere Wünsche erfüllst. Wir haben unseren Teil des Vertrags doch eingehalten!

Habt ihr das? Der Prophet legt den Finger in die Wunde: Ausbeutung und Unterdrückung, Streit und Gewalt sind an der Tagesordnung. Darüber kann ein zur Schau gestelltes Ritual nicht hinwegtäuschen. "Wir sind die Guten", darin liegt der ganze Selbstbetrug der Menschen. Das Problem liegt nicht in der korrekten Ausführung von Fastengeboten. Es liegt an ganz anderer Stelle. Viel tiefer.

Wir sind doch die Guten! Ich bin doch einer von denen. Oft genug lasse ich selbst mich auf diese Selbsttäuschung ein. Ich weiß sofort, was die anderen alles besser machen können. Ich entsetze mich über die politische Lage in den USA, über Verschwörungstheoretiker und Coronaleugner, über Klimasünder, über soziale Ungerechtigkeit und den Umgang mit Flüchtenden an den Grenzen Europas. Mit dem Brustton moralischer Überlegenheit erhebe ich meine Stimme. Ich gehöre ja zu den Guten.

Ist das so? Sind nicht Neid und Missgunst, Ignoranz und Geiz, Streit und Nachtragen, lieblose Gedanken, keine Zeit für die anderen -- sind nicht alles das auch Dinge, die in meinem Leben ihren Platz haben? Die Fastenzeit lädt mich ein, still zu werden. Sie hält mir an manchen Stellen unbarmherzig den Spiegel vor -- und tut mir gut, weil sie mich befreien kann von meinem Selbstbetrug. Nur wer das Problem einsieht, kann nach einer Lösung suchen. Und er findet sie: an Ostern, bei Jesus Christus. Der macht mich frei.

Das tut mir gut.

Drittens: Es tut uns allen gut.

Wer sich einladen lässt, nicht unter Zwang, sondern weil es gut tut, der macht sich auf einen Weg, der uns alle verändert. Beim Fasten -- das haben die Wurstesser in Zürich auch begriffen -- geht es nämlich um etwas ganz anderes als um die Reduzierung der Nahrungsaufnahme. Das wird schnell klar, wenn man die "Sieben Wochen ohne..."-Aktionen der letzten Jahre betrachtet. Nie geht es um banale Dinge wie "Sieben Wochen ohne Schokolade." Sicher würde es vielen von uns gut tun, mal etwas weniger Zucker oder ein Stück Fleisch weniger zu uns zu nehmen. Aber wirklich für's Leben gewonnen, wäre dabei nicht viel.

Der Prophet zeigt, worum es wirklich geht:

Ist nicht das ein Fasten, an dem ich Gefallen habe: Lass los, die du mit Unrecht gebunden hast, lass ledig, auf die du das Joch gelegt hast! Gib frei, die du bedrückst, reiß jedes Joch weg! Heißt das nicht: Brich dem Hungrigen dein Brot, und die im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus! Wenn du einen nackt siehst, so kleide ihn, und entzieh dich nicht deinem Fleisch und Blut!

Es geht um viel grundlegendere Fragen des Lebens, unseres Miteinanders. Verzichten, ja, aber auf die richtigen Dinge: Auf Unrecht und Unterdrückung, auf Reichtum auf Kosten der anderen, auf Teilnahmslosigkeit und Desinteresse.

Wer darauf verzichten lernt, tut nicht nur sich selbst gut. Er verändert die Welt für uns alle.

"Spielräume: Sieben Wochen ohne Blockaden", heißt das Thema der diesjährigen Fastenaktion. Es beginnt mit der Frage, wo ich mich selbst zu sehr einenge oder einengen lasse und fragt dann auch nach den Freiräumen, die ich anderen zugestehe. Fragen, an denen wir alle noch lernen können. Spielräume, die unser Miteinander verändern und verbessern könnten.

Ich bin gespannt auf diese sieben Wochen. Denn ich glaube: Es tut uns allen gut.

Euch möchte ich einladen, mit nachzudenken; euch mit hinterfragen zu lassen; mit daran zu arbeiten, an den Herausforderungen dieser Zeit. Wenn ich dem Propheten zuhöre, dann sehe ich, es lohnt sich für uns alle. Da gibt es eine große Verheißung:

Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Heilung wird schnell voranschreiten, und deine Gerechtigkeit wird vor dir hergehen, und die Herrlichkeit des HERRN wird deinen Zug beschließen. Dann wirst du rufen und der HERR wird dir antworten.

Möge das an uns geschehen.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle „Erlöserkirche“ in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer