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Facetime

Von dem Gott, der sich uns zuwendet

Aufnahme der Predigt (12:29)
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Die Predigt "Facetime" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Numeri 6,22-27

In aller Kürze

Eigentlich unverständlich -- ein Gott, der uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist begegnet. Ganz unterschiedlich wendet sich Gott uns zu -- und das ist gerade das Unglaubliche: Er wendet sich uns zu!

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Wo erlebst du Gottes Zuwendung?
  2. Was bedeuten die unterschiedlichen Personen der Gottheit, Vater, Sohn, und Heiliger Geist, für dich?
  3. Wo gibst du im Alltag Segen weiter? Wie könntest du heute Segen an andere weitergeben?

Noch einmal: Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen! (2. Kor 13, 13)

Facetime im Supermarkt

"Hallo, Herr Fischer!" ertönt es im Supermarkt plötzlich hinter mir. Ich drehe mich verdutzt um. Gerade war ich doch den Gang entlang gelaufen und hatte niemand Bekanntes entdeckt. Tatsächlich: Auch jetzt muss ich zweimal hinschauen, um die Person zu erkennen. Die große Stoffmaske verdeckt den größten Teil des Gesichts. Nur die Augen schauen heraus. Kein Wunder, dass ich ahnunglos vorbeigelaufen war.

Wenn Du vor wenigen Monaten so maskiert eine Bank betreten hättest, wäre vermutlich die Polizei gerufen worden. Heute ist das Normalzustand. Man gewöhnt sich erstaunlich schnell daran, die Maske aufzusetzen, bevor man ein Geschäft betritt. Aber die persönlichen Kontakte macht es wahrlich nicht einfacher.

"Wir geben uns nicht die Hand. Wir begrüßen uns mit einem Lächeln.", steht auf einem Schild bei meinem Optiker. Das stammt wohl noch vom Anfang der Coronazeit. Heute erscheint es eher ironisch. Mag ja sein, dass mich alle anlächeln. Ich sehe es aber nicht. Ich sehe nur Augen und Masken.

Facetime in der Kirche

Liebe Schwester, lieber Bruder in Jesus Christus,

So ähnlich sitzen wir heute morgen auch hier in der Kirche. Wer uns über das Internet zuschaut, braucht wenigstens keine Maske anzuziehen. Hier sind sie überall. Vor mir sehe ich nur eure Augen über die Maskenränder schauen. Ob du mich gerade anlächelst, grimmig schaust oder das Gesicht verziehst, wird für immer dein Geheimnis bleiben. Ich sehe es jedenfalls nicht.

Vielleicht gab es noch nie eine Zeit, in der uns so sehr neu bewusst wurde, wie wichtig der Kontakt von Angesicht zu Angesicht für uns Menschen ist. In den letzten Wochen haben Videodienste im Internet den Umsatz ihres Lebens gemacht. Ob Teams oder Zoom, Skype oder Insta -- es ist einfach so viel besser, wenn man sich nicht nur hören, sondern auch sehen kann. "Facetime", heißt einer dieser Dienste, von der Firma Apple. "Gesichtszeit", heißt das wörtlich übersetzt. Zeit, sich ins Gesicht zu schauen. Zeit, sich einander zu zeigen. Einander zu sehen. Den anderen wahrzunehmen. Ganz persönlich. Das brauchen wir nämlich.

Aber auf Dauer reicht auch ein Bildschirm nicht aus. Wenn du heute morgen hier in der Kirche sitzt, war es dir vermutlich wichtig, noch direkter mit anderen Menschen zusammen zu sein. Anderen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen -- selbst wenn wir dabei eine Stoffmaske tragen. Ich kann das nachvollziehen. Wie viele andere habe ich mich unheimlich gefreut, als die Lockerungen der letzten Zeit es endlich wieder möglich machten, meine Eltern zu treffen. Persönlich. Nicht nur auf einem Bildschirm.

Wir brauchen das nämlich.

Das verborgene Wesen Gottes

Liebe Schwester, lieber Bruder in Jesus Christus,

Heute feiern wir Trinitatis. Viel wird über das Geheimnis des Wesens Gottes geredet. Ein Gott in drei Personen. Das scheint schon mathematisch nicht ganz richtig. Wir könnten stundenlang darüber diskutieren, wie man sich das genau vorstellen muss. Wir könnten alle möglichen Bilder bemühen und würden doch jedesmal ganz schnell an deren Grenzen stoßen. Am Ende des Tages ist Gott einfach zu groß für unsere kleinen Köpfe. Sein Wesen übersteigt unsere Vorstellungskraft. Gott ist anders als alles, was wir kennen und uns ausdenken können. Er wird uns immer ein Geheimnis bleiben.

Heute feiern wir Trinitatis. Viel zu oft bleibt dieser Satz ohne großen Inhalt. Trinitatis ist vielleicht das eine Fest im Kirchenjahr, mit dem wir am wenigsten anfangen können. Weil wir Gottes Wesen nicht ergründen können, bleibt es leider inhaltsleer und theoretisch. Was soll man da feiern?

Dreimal Facetime mit Gott

Dabei müssten wir gerade heute feiern -- und dieses Jahr ganz besonders. Denn an Trinitatis erinnern wir uns: Der große, unbegreifliche, unergründliche Gott wendet sich uns zu. Eigentlich könnten wir gar nichts über ihn wissen. Weil er aber beschlossen hat, sich uns zu offenbaren -- "offen-baren", sich offen zu legen -- deshalb wird er für uns erfahrbar.

Der eine Gott begegnet uns als Vater, als Schöpfer, als Ursprung aller Dinge, als Erhalter unseres Lebens.

In Jesus Christus kommt er uns so weit entgegen, wie es nur geht: Er wird selbst Mensch. Mit Menschen kann ich etwas anfangen. Ihn kann man sehen, beobachten, hören, erfahren. Von ihm wissen wir mehr als alles andere, wie Gott ist. In ihm sehen wir den Vater, der uns verborgen bleibt. In ihm sehen wir Gott, der aus Liebe zu uns bereit ist, selbst die schlimmsten und dunkelsten Wege unseres Lebens mit uns zu gehen. Ja mehr noch, sogar über das Leben hinaus: In sehen wir Gottes Sieg über Dunkelheit, Leiden und Tod -- und haben die Hoffnung auf Erlösung und neues Leben durch seine Auferstehung. Kein Wunder, dass der zweite Artikel des Glaubensbekenntnisses über Jesus Christus der ausführlichste ist.

Und da wo sich Jesus Christus, der Sohn, unserer Erfahrung wieder entzieht, weil er nun zur Rechten Gottes, des Vaters, sitzt und wir auf sein Wiederkommen noch warten (Gerade war ja Himmelfahrt, ihr erinnert euch?), da begegnet uns Gott ganz neu durch seinen Heiligen Geist, den er mitten in unser Leben hinein sendet. Durch ihn wohnt Christus in uns und gibt uns Glauben, Zuversicht und Hoffnung. Durch ihn schafft Gott in uns das neue Leben, das er uns in Christus schenkt. Durch ihn wird Gott unser ständiger Begleiter. In uns: Das heißt, näher geht es gar nicht mehr.

Ihr seht: Gott wendet sich uns zu. Als Vater, Sohn und Heiligen Geist erleben wir den einen Gott, der immer für uns da ist.

Das ist es, was wir an Trinitatis feiern.

Das ist es, was den Glauben an Gott so besonders macht.

Facetime am brennenden Busch

Lange Zeit bevor der heutige Predigttext geschrieben wurde, stand ein Mann in der Wüste vor einem ganz anderen Rätsel. Vor ihm brannte ein Dornbusch -- keine Seltenheit im heißen, trockenen Klima der Wüste. Aber die Tatsache, dass der Busch nicht verbrannte, ließ in stutzig werden. "Mose, zieh deine Schuhe aus", hörte er Gottes Stimme aus dem Dornbusch heraus. Dieser Ort ist heiliger Boden. Wieder wendet sich Gott einem Menschen zu. Ganz persönlich wird diese Begegnung. Gott stellt sich Mose vor, mit Namen: "Ich bin Jahwe, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs", sagt er.

"Jahwe", ein Name. Gott wird persönlich.

"Jahwe", eine Botschaft. "Ich bin für euch da." So heißt Gott. Sein Name ist Programm. Er ist für seine Menschen da.

Facetime am brennenden Busch.

Facetime in der Wüste

"So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne", sagt derselbe Gott zum selben Mose viele Jahre später. Inzwischen ist Israel aus Ägypten befreit. Gott hat einen Bund mit ihnen geschlossen: Ihr gehört zu mir. Ihr seid mein Volk. Ich bin für euch da.

Die Priester sind ein sichtbares Zeichen dafür. Im Namen Gottes segnen sie das Volk.

Jahwe segne dich und behüte dich.
Jahwe lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Jahwe erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir Frieden.

Jahwe. Jahwe. Jahwe.

Ich bin für euch da.

Der, der für dich da ist, segne dich und behüte dich.
Der, der für dich da ist, lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.
Der, der für dich da ist, erhebe sein Angesicht auf dich und gebe dir seinen Frieden.

Jahwe. Er ist nämlich wirklich für uns da.

Wenn er auf das Volk schaut, dann wird sein Heil gegenwärtig. Das ist es nämlich, was segnen heißt. Da fließt die ganze Güte Gottes zu seinen Menschen:
Sicherheit. Er behüte dich.
Gnade. Auch dann, wenn du es gar nicht verdient hast.
Frieden. Schalom, auf hebräisch. Das ist mehr, als wir mit einem Wort übersetzen können. Ein Zustand ungetrübten Wohlergehens.
Segen eben.

Facetime mit mir

Das geschieht, wenn Gott sich seinen Menschen zuwendet.

Facetime mit Gott eben.
Da leuchtet sein Angesicht. Gott schaut mich an.
Ohne Maske.
Von Angesicht zu Angesicht.

Nicht, dass das selbstverständlich wäre. Niemand kann Gott sehen, heißt es sonst immer. Und die, die es versucht haben, mussten mit dem Leben bezahlen.

Dann wendet sich Gott seinen Menschen zu. Er schaut sie an. Direkt ins Gesicht. Und sein Gesicht, das trägt ein Lächeln.

Ich bin für euch da.

Segen eben.

Das ist es, was wir heute an Trinitatis feiern: Das wir Gesehene sind. Und Gesegnete. Facetime mit Gott.

Israel hat er das durch die Priester zugesprochen. Und nimmt er durch Jesus Christus mit hinein in seinen Bund. Und durch seinen Heiligen Geist wohnt er mitten drin in uns.

Der Sehende. Der Segnende.

Wenn das kein Grund zum Feiern ist...

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer