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Es kommt die Zeit

Vom Warten und Hoffen

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Die Predigt "Es kommt die Zeit" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Jeremia 31,31-34

In aller Kürze

Gottes Verheißungen sind wunderbar. Nur das Warten darauf ist lange und schwer. Ich warte nicht gerne. Ich hätte alles lieber sofort. Was gibt mir Kraft und Hoffnung in dieser Zwischenzeit?

Fragen zur Vertiefung

Zu dieser Predigt hat Christoph eine Reihe von Fragen hinterlegt, die in der Kleingruppe zur Vertiefung weiter besprochen werden können:

  1. Was hat Gott für dich schon getan?
  2. Auf welche Verheißung Gottes freust du dich am meisten?
  3. Wie könnten Zeichen der Hoffnung in deiner Umgebung aussehen? Was kannst du dafür tun?

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

"Meine Damen und Herren, bitte beachten Sie folgenden Hinweis: Der ICE 690 nach Frankfurt Flughafen, planmäßige Abfahrt 10:06 Uhr von Gleis 10, hat aufgrund einer Störung am Zug eine Verspätung von voraussichtlich 30 Minuten." Ich stöhne auf. Auch das noch. Ich hasse Verspätungen. Ich fahre gerne mit der Bahn, aber dann soll sie bitte pünktlich sein und nicht zu voll und mich einfach so schnell wie möglich von A nach B bringen. So schnell wie möglich, ist das Schlüsselwort hier. Ich warte nämlich nicht gerne.

"Setzen Sie sich doch noch einen Moment ins Wartezimmer, wir rufen Sie dann auf." Die Nummer beim Kinderarzt kenne ich inzwischen schon. Drei Stunden bin ich schon öfter mit einer meiner Töchter in diesem Wartezimmer gesessen. Irgendwann ging mir dann meistens die Geduld aus und ich habe nachgefragt, wie lange es noch dauern könnte. "Ganz zufällig" war ich dann immer gerade der nächste auf der Liste. Das habe ich schon durchschaut, denke ich. Und hätte ich nicht nachgefragt, würde ich wahrscheinlich noch länger da sitzen. Ich warte aber nicht gerne.

Ich bin lieber gleich dran. Ich werde lieber sofort bedient. Meine Bedürfnisse oder mein aktuelles Verlangen sollte am besten schnell gestillt werden. Mit Warten hab ich's nicht so.

"Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr..." Jetzt fängt Gott auch noch damit an. So wunderbar es ist, was er uns verheißt -- das Warten darauf schmeckt mir nicht. Ich hätte es lieber gleich gesehen, wie sich seine Verheißungen erfüllen. "Siehe, es kommt die Zeit...", sagt er.

Liebe Geschwister in Jesus Christus,

Ich weiß nicht, wann unser aller Geduld zuletzt so auf die Probe gestellt wurde wie jetzt in dieser Coronazeit. Wir alle warten, seit vielen Wochen. Wir warten darauf, dass sich die Lage entspannt. Dass die Ansteckungsgefahr zu Ende ist. Dass die Zahlen kleiner werden. Dass die Beschränkungen gelockert werden. Dass das Leben wieder normal wird. Eltern warten sehnsüchtig darauf, dass Schule und Kindergarten wieder richtig öffnen. Kinder und Jugendliche warten inzwischen auch darauf, auch wenn das noch nicht alle zugeben.  Menschen in Kurzarbeit oder ganz ohne Beschäftigung warten auf bessere Zeiten. Menschen in Pflegeheimen warten darauf, endlich wieder ihre Verwandten sehen zu dürfen -- und die Verwandten und Freunde draußen warten genauso sehnsüchtig auf ein Wiedersehen. Alle warten wir auf einen Impfstoff, eine Behandlung, ein Zeichen der Hoffnung, das sagt: Wir haben diesen Feind besiegt.

Und das Warten ist lange. Und anstrengend. Und mit jedem Tag unerträglicher.

"Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr..." Ob sich so die Zuhörer Jeremias gefühlt haben, damals, in Jerusalem? In dem aus ursprünglich vielen verschiedenen Texten zusammenkomponierten Jeremiabuch gehört dieser Text ins sogenannte "Trostbüchlein für Ephraim". "Ephraim", das ist ein anderer Name für den Nordteil Israels, einst ein stolzes und wohlhabendes Königreich, das schon Jahre vor dem Wirken Jeremias von Feinden überrannt und zerstört wurde. "Siehe, es kommt die Zeit", spricht Gott über Ephraim, über Nord-Israel und verheißt eine Zukunft, in der alles besser wird. Trost ist das auch für die Menschen im Süden, die sich selbst in einer schwierigen Lage befinden, in der die Feinde immer mehr die Übermacht gewinnen. "Siehe, es kommt die Zeit", sagt der Herr und das lässt hoffen. Aber in der Realität wird alles nur immer schlimmer.

"Siehe, es kommt die Zeit", sagt der Herr. Und wir müssen warten. Hoffen. Irgendwie dran festhalten und glauben, dass die Zeit irgendwann tatsächlich auch kommt. Auch wenn es im Moment so gar nicht danach aussieht.

Warum eigentlich nicht gleich? Warum nicht sofort alles ändern, alles besser machen, alles wahrmachen?

Dein Reich komme, wie im Himmel, so auf Erden.

Warum nicht hier und heute?

"Maranatha", seufzen die verfolgten Christen der frühen Kirche im Neuen Testament. "Komm, Herr. Komm bald."

"Siehe, es kommt die Zeit...", sagt der Prophet.

"Merkel muss weg", schreien die Demonstranten auf den Straßen, die das Warten satt haben. Die ihre Hoffnung jetzt auf schnelle, einfache Scheinlösungen richten, mit denen das alles abgekürzt werden soll.

"Wie lange noch, Herr?" fragen die Beter des Alten Testaments in den Psalmen und bringen ihre Klage in sehr direkten Worten vor Gott.

"Siehe, es kommt die Zeit...". Oh, dieses Warten!

Was machen wir denn nun, wir, die wir an Christus glauben, in dieser Zwischenzeit, in der wir nun einmal leben? Mit einem Reich Gottes, das vor fast zweitausend Jahren in Jesus Christus zu den Menschen kam, einer Erlösung, am Kreuz teuer erkauft und in der Auferstehung triumphierend besiegelt, einem König, der zum Himmel auffuhr und zur Rechten Gottes sitzt und wir, seine Gemeinde, sind seither hier und warten: "Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten". Aber wann?

"Siehe, es kommt die Zeit..."

Es ist ja nicht nur Corona, das uns das Warten schwer macht. Es sind auch die vielen anderen Momente im Leben, wo eigene Schwierigkeiten oder fremde Not oder die Masse der schlechten Nachrichten aus der ganzen Welt uns die Sehnsucht auf bessere Zeiten ins Unendliche steigen lässt. Wann, Herr? Wann endlich?

"Siehe, es kommt die Zeit..."

Bei Jeremia finde ich keine Auflösung dieser Spannung. Bei Jesus übrigens auch nicht. Da sind wir drin und das gilt es auszuhalten, bis sein Tag kommt.

Aber ich finde Rat und Hilfe für die Zwischenzeit, auch in diesem Text von heute. Daran will ich mich halten.

Da lerne ich zunächst das Zurückschauen. Das Innehalten und Beobachten dessen, was Gott schon getan hat.

Dass Gott schon einmal einen Bund geschlossen hat, höre ich da mit den Menschen in Jerusalem, zu denen Jeremia spricht. Er war doch bei den Vätern. Er hat sie doch an der Hand genommen. Er hat sie doch, gegen alle menschlichen Vorhersagen, aus Ägypten geführt. Er war am Sinai und hat sie sich als Volk genommen. Trotz ihrer eigenen fortwährenden Fehler und ihrer Untreue hat er sie in das verheißene Land gebracht und gesegnet.

Das alles hat Gott schon getan. Darauf braucht man nicht mehr warten.

Aber man kann sich festhalten daran. Denn jetzt, in der Zwischenzeit, wenn das Warten fast unerträglich wird, erinnert es mich daran, wer der Gott ist an den ich glaube. Wie der Gott ist, an den ich glaube. Dass er seine Versprechen hält, auch wenn es zwischenzeitlich nicht so aussieht. Dass er den Wartenden neue Kraft gibt. Und dass sich das Warten am Ende lohnt.

In den Worten des Propheten lerne ich auch, nach vorne zu schauen. Mich zu freuen, an dem was Gott noch tun wird. Auch wenn es jetzt noch nicht so ist.

Für Israel -- nicht nur für den Norden -- heißt das, Gott schließt einen neuen Bund. In Christus, das wissen wir, dürfen auch wir da dazugehören. Ein ganz anderer Bund, der nicht an Gebotstafeln hängt, sondern an erneuerten Herzen und an Gott, der in Christus in uns wohnt -- noch näher dran an Gott kann man nicht sein. Missetat vergeben und Sünde vergessen -- ein Bund, der von der Gnade Gottes lebt.

Für die Menschen rund um Jeremia war das Zukunftsmusik. Für uns ist vieles davon schon wahr geworden durch Jesus Christus. Und manches steht noch aus. In bunten Farben wird uns in der Bibel ausgemalt, wie es einst sein wird, am Tag Jesu Christi und seiner Herrlichkeit.

Diese Bilder sollen uns Mut machen. Kraft geben, wenn es hier und heute manchmal zäh und schwierig wird, zu glauben und durchzuhalten. Auch dann, wenn ich kurz davor bin, alles hinzuschmeißen. Oder wenn die schnellen, einfachen "Lösungen" so verlockend sind.

Dann schaue ich nach vorne. Auf das Ziel. Und das gibt mir Kraft, auch im Warten.

Sehen, was Gott schon getan wird. Vorausschauen auf das, was noch kommt.

Beides zusammen hilft mir, in der Zwischenzeit aus der Hoffnung zu leben.

Für Jeremia selbst wurde das ganz konkret. "Kaufe dir einen Acker in Anatot.", sagt Gott im nächsten Kapitel zu ihm. Eine sinnlose Geste, würde man sagen, in einem Land, dass kurz vor dem Untergang steht. Ein Zeichen der Hoffnung setzen -- dazu ruft Gott die, die auf seine Zeit warten immer wieder.

Was könnte heute ein Zeichen der Hoffnung sein?

Gesten der Liebe für Menschen, die sich einsam fühlen jetzt, mit Corona?
Ein Telefonanruf? Eine Karte? Ein paar Besorgungen? Ein Zeichen: Du bist nicht allein, nicht vergessen.
Gelassenheit angesichts allgemeiner Aufregung?
Neue Ideen und Wege, kreativ miteinander auch in den Beschränkungen Gemeinschaft zu pflegen und uns am Evangelium zu freuen?
Ganz einfache Symbole wie die Tauben, die Menschen in der kommenden Woche vor dem Pfingstfest mit Kreide auf die Straßen von Tailfingen sprühen?

Vielleicht fallen dir ganz andere Dinge ein. Gott hat uns kreativ und unterschiedlich, ganz bunt, zu seiner Gemeinde zusammengefügt.

Lasst uns gemeinsam auf das bauen, was Gott schon getan hat.
Lasst uns glaubend auf das hin vorwärtsgehen, was Gott uns verheißen hat.
Und lasst uns diese Zwischenzeit mit blühenden Blumen der Hoffnung schmücken.

Wenn ich beim Kinderarzt im Wartezimmer eines gelernt habe, dann das: Mit solchen Beschäftigungen vergeht die Wartezeit viel schneller.

Und dann...
Es kommt die Zeit, spricht der Herr.

Möge sie auch bei uns kommen.
Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer