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Englische Gäste

Unerwartete Besucher und außergewöhnliche Entdeckungen

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Die Predigt "Englische Gäste" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Hebräer 13,1-3

In aller Kürze

Wo wir mit offenen Herzen auf andere zugehen, da schenkt uns Gott vielleicht unerwartete Begegnungen. Kurzform für den Telefongottesdienst

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

"Schutzengel" steht auf dem Holzgehänge an der Tür. Darunter baumeln an kurzen Schnüren drei lustige Engelsfiguren. Wenn Conny die Tür aufmacht, dann klappern sie, als wollten sie jeden Gast gleich mit begrüßen. Oder vielleicht auch jeden Eindringling auf ihre Schutzfunktion hinweisen: "Hier wachen wir", so wie es andernorts auf Schildern mit dem Bild eines wilden Wachhunds steht.

Lange Zeit waren Engel ja irgendwie aus der Mode geraten. Wer Elektrizität benutze und Radio höre, könne unmöglich an Engel glauben, hieß es in der modernen, aufgeklärten Welt. Höchstens auf alten Bildern tauchten sie noch auf, in Stein gemeißelt in irgendwelchen Kirchen und natürlich am Weihnachtsbaum -- äh, in der Weihnachtsgeschichte. Ansonsten spielten Engel keine große Rolle mehr. Zu recht, könnte man auch sagen. Schließlich haben sie selbst in der Bibel, die man als ihren natürlichen Lebensraum betrachten könnte, allerhöchstens eine Nebenrolle.

Aber die Engel sind zurück. Psalm 91, 11 ist der meistgewählte Taufspruch überhaupt: "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen." So einen Schutzengel möchten viele ihrem Kind mit auf den Weg geben. 70% der Menschen in den USA glauben auch, dass sie einen persönlichen Schutzengel haben. In Deutschland dürften die Zahlen ganz ähnlich aussehen.

Nur gesehen hat sie noch keiner. (Außer in Holz, an Connys Tür)

Gesehen hat sie noch keiner.

Aber vielleicht schauen wir ja einfach an der falschen Stelle.

Kanaan, irgendwann im 2. Jahrtausend vor Christus

Der alte Mann sitzt vor seinem Zelt im Schatten. Heiß ist die Sonne über der Wüste, selbst jetzt noch, als sich der Tag dem Ende zuneigt und die Arbeit getan ist. Im Schatten lässt es sich aushalten. Ziellos schweift sein Blick über die weite Ebene. Plötzlich bleibt er an etwas hängen. Da kommt jemand. Drei Männer nähern sich den Zelten. Ein ungewöhnliches Ereignis hier draußen. Und eine willkommene Abwechslung. Gastfreundschaft ist im Nahen Osten eine der zivilisierten Grundtugenden. Bald sitzen sie zu viert miteinander um ein duftendes Essen. Die Fremden erzählen von hier und dort und der Alte erzählt von seinen Lebenserfahrungen: Wie er als junger Mann auf ein Wort Gottes hin alles verließ und sich auf den Weg ins Unbekannte machte. Wie Gott ihn durch Höhen und Tiefen hierherbrachte, nach Kanaan. Und wie er Gottes Versprechen glaubte, dass dieses Land einmal seinen Nachkommen gehören würde.

Erst an dieser Stelle stockt seine Erzählung. Trauer steht auf seinem Gesicht geschrieben, als er von Gottes Versprechen redet. Trauer, und vielleicht ein kleines Bissches Bitterkeit. Nachkommen gibt es nämlich keine. Die Ehe mit seiner geliebten Sara ist kinderlos geblieben. Dabei hatte Gott doch gesagt, die Familie würde einst zahlreich wie die Sterne am Himmel.

Tröstenden Worte finden die Gäste: In einem Jahr wirst du den langerwarteten Sohn haben.

In einem Jahr? Wie soll das gehen? In unserem Alter? Die greise Frau, die aus dem Zelt gelauscht hat, kann nur lachen.

Erst als sich die Gäste nach dem Mahl wieder auf den Weg machen, fällt es Abraham wie Schuppen von den Augen. Das war kein normaler Besuch.

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. (Hebräer 13,2)

Vielleicht schauen wir ja einfach an der falschen Stelle. Oder mit dem falschen Blick.

Zwischenspiel

In Israel ist die Gastfreundschaft in Kultur und Gesetz verankert. "Ihr wisst um der Fremdlinge Herz, weil ihr auch Fremdlinge in Ägypten gewesen seid." Diese eigene Erfahrung des Fremd-seins hat das Volk geprägt. Vielleicht hat man da einfach mehr Verständnis für die Fremden.

Wie Israel haben auch Christen ihre Erfahrung mit Fremdheit gemacht. Ganz besonders, wenn es um das Verhältnis zu Gott geht. Dass wir von uns aus eigentlich keinen Grund hätten, bei ihm Gnade zu finden, wissen wir. Wir kommen als Fremde, ausgegrenzt durch unsere eigenen Verfehlungen. In Jesus Christus ändert sich das: Gott zeigt uns seine Gastfreundschaft. Er lädt uns ein, zu sich. Im Abendmahl ganz sichtbar: an seinen Tisch. Aber durch Jesus Christus nicht mehr als Fremde: Versöhnt mit Gott, gehören wir jetzt zu seiner Familie.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2, 19)

Aus dieser Erfahrung heraus sind wir gerufen, den anderen zu begegnen:

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Irgendwo im Mittelmeerraum, gegen Ende des ersten Jahrhunderts

Irgendwann sind sie müde geworden. Vielleicht war der Druck zu groß. Es ist schließlich nicht leicht, sich zum Glauben an Jesus Christus zu bekennen, wenn man dafür mindestens verlacht, vielleicht aber sogar verfolgt und gefoltert wird. Die Christen, an die sich der Hebräerbrief richtet, haben irgendwie den Mut verloren.Lasst euch jetzt nicht hängen, mahnt der Briefschreiber. "Werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat." "Stärkt die müden Hände und die wankenden Knie und tut sichere Schritte mit euren Füßen, dass nicht jemand strauchle wie ein Lahmer, sondern vielmehr gesund werde."

Konkret sieht das dann so aus:

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt. (Hebräer 13,1-3)

So einen Engel, den könnten sie jetzt brauchen. Gesehen hat ihn noch keiner. Aber vielleicht schauen sie ja auch an der falschen Stelle.

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Albstadt, 2020

Von den vielen Menschen, die in den letzten Jahren auf der Flucht nach Deutschland gekommen sind, erfahren wir oft nur, wenn etwas schief geht. Schwarze Schafe gibt es natürlich auch unter den Flüchtlingen, so wie überall, wo es Menschen gibt.

Ob darunter auch Engel sind? Ich weiß es nicht. Wie würde ich es je erfahren?

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Noch einmal Tailfingen. Noch einmal 2020.

In der Pauluskirche ist heute Konfi-Vorstellung. Da sitzen dann plötzlich die neuen Konfis im Gottesdienst. Ein paar bekannte und viele unbekannte Gesichter. Manche von ihnen nehmen den "alten Hasen" den Stammplatz weg. Eigentlich -- so habe ich mir überlegt -- müsste man das ganze ja herumdrehen. Müsste eine Gemeindevorstellung machen, statt einer Konfivorstellung. Wo die Konfis in den Reihen sitzen und jeder von uns einmal aufsteht und sich vorstellt und erzählt, warum er oder sie in der Kirche ist. Und warum wir uns freuen, dass ihr Konfis jetzt daseid. Vielleicht kann sich das ja nachher draußen ergeben. Oder über's Jahr verteilt.

Heute morgen wird in der Pauluskirche auch Sarah getauft. Eine Jugendliche, mit 14 Jahren. Jetzt gehört sie ganz offiziell dazu, zu unserer Gemeinde. Ich freue mich darüber riesig. Ich denke, die anderen auch -- auch wenn man es vielleicht nicht jedem gleich ansieht.

So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen. (Eph 2, 19)

Das ist genau das, was wir heute Morgen am Taufstein miteinander feiern haben.

Ob die Sarah ein Engel ist? Ob bei den Konfis jemand sitzt, der für uns im nächsten Jahr zum Engel wird? Oder in den anderen Bankreihen jemand, den Gott einem Konfi als Engel ins Leben schickt, irgendwann in diesen kommenden Monaten?

Ich weiß es nicht. Vielleicht fängt es genau da an, was wir mit offenen Augen und vor allem offenen Herzen entdecken müssen.

Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.

Möge Gott uns dazu die Herzen öffnen.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer