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Duft der Liebe

Evangelium braucht mehr als Hosianna

Aufnahme der Predigt (18:19)
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Die Predigt "Duft der Liebe" von Christoph Fischer und alle dazu gehörigen Ressourcen (Predigtzettel, Aufnahme) sind lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz. Verwendete Bilder stehen eventuell unter eigenen Lizenzbedingungen. Ausdrücklich von der Creative Commons-Lizenz ausgenommen sind die Logos und Namen der Gemeinde, in der die Predigt gehalten wurde und ihrer Arbeitsbereiche.

Predigttext

Markus 14,3-9

In aller Kürze

Die einen schreien Hosianna. Sie tut das nicht. Sie zeigt ihre Liebe in Taten, nicht nur mit Worten. Und Jesus sieht das. Die Verkündigung des Evangeliums kommt an ihrem Handeln nicht vorbei.

Gnade mit euch und Friede von Gott, dem Vater, und von Jesus Christus, unserem Herrn!

Liebe Schwestern und Brüder in Jesus Christus,

Mit dem heutigen Palmsonntag befinden wir uns am Anfang der Karwoche. Schritt für Schritt werden wir in den nächsten Tagen Jesus auf dem Weg zum Kreuz begleiten. Sein Leiden und Sterben für uns wird immer mehr in den Vordergrund treten, bis wir ihn dann am Freitag dort am Kreuz hängen sehen. Sterben sehen. Für uns.

Eine der eindrücklichsten Wochen im Kirchenjahr.

Und am Anfang steht dieser Palmsonntag.

Ein mir bekannter Pfarrer hat die Frage gestellt, wie es wohl gewesen wäre, wenn Jesus heute in Jerusalem einziehen würde. 2020, in Coronazeiten. Da würde wohl keine Menschenmenge den Straßenrand säumen. Keine Palmzweige, keine Kleider auf dem Boden. Keine Jubelrufe. Ganz schön allein wäre er auf seinem Esel, wenn nur noch ein paar Jünger in 2 Meter Abstand in begleiten könnten.

Ich frage mich, ob das wirklich einen Unterschied machen würde. Ob man all die Hosiannarufer wirklich vermissen würde. Lange gehalten hat ihr Jubel ja sowieso nicht. Und am Ende der Woche wird Jesus wirklich recht allein dort hängen und leiden -- am Kreuz. Für uns.

Aber soweit sind wir noch nicht. Mit dieser Fragestellung im Hinterkopf bringt und die Erzählung des Markusevangeliums zunächst einmal nach Betanien, nahe bei Jerusalem, wo Jesus mit seinen Jüngern zum Essen eingeladen ist. Die Szene, die dann folgt, lese ich aus dem vierzehnten Kapitel des Evangeliums nach Markus:

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt. Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit. Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis. Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat. (Markus 14,3-9)

Klirr. Das Geräusch einer zerbrechenden Flasche lässt sie alle aufschrecken. Da sitzen sie nun, auf gemütlichen Kissen vor einem guten Essen, und starren sie an. Sie steht mit großen Augen da, wie ein aufgescheuchtes Reh. Was hat sie nur getan?

Zu denen, die da vor ihr sitzen, passt sie nicht. Eine reine Männerrunde ist es, die da zusammenhockt und über Gott und die Welt redet. Jesus, mittendrin, ist der Star der Runde. Eingeladen, um mehr zu hören von diesem faszinierenden Mann, der von Gott redet, wie kein anderer. Es ist ein ganz besonderes Dinner. Ein Höhepunkt für Simon, den Gastgeber, der noch Jahre später davon erzählen können wird, dass der berühmte Rabbi aus Galiläa einmal bei ihm zu Hause saß.

Und dann kam sie: Eingeladen ist sie natürlich nicht. Frauen haben in der damaligen Gesellschaft bei einer solch illustren Gesellschaft nichts zu suchen. Aber sie steht plötzlich mittendrin. Als sie ihre Flasche zerbricht, verstummen die Gespräche auf einen Schlag.

Alabaster ist ein edles Material. Eine Steinart, weich und gut zu bearbeiten. Ideal geeignet für Kunstwerke aller Art. Ganz dünn geschnitten, lässt Alabaster Licht durchschimmern. Fast wie eine Art Glas. Eine teure Angelegenheit.

Noch edler ist der Inhalt der Flasche. Nardenöl, importiert aus dem fernen Indien, gepresst aus Pflanzen, die hoch oben am Fuße des Himalaya wachsen. Weit weg von Jerusalem. Eine exotische Kostbarkeit, und deshalb entsprechend teuer. 300 Silberstücke hat das mindestens gekostet. Das Jahresgehalt eines Arbeiters. 20-30.000 € wären das heute locker.

Wo sie das wohl her hat? So etwas kauft man nicht eben einmal schnell auf dem Markt? Ein Familienerbstück vielleicht. Ein Statussymbol, Zeichen von Reichtum und Wohlstand. Keine Massenware. Nicht eine von vielen Flaschen, die man schnell wieder nachkauft und ersetzt.

Jetzt ist die teure Flasche zerbrochen. Die kunstvolle Alabastervase, unwiderbringlich zerstört. Schon ergießt sich ihr Inhalt, er läuft ihr über die Hände. Schockierte Blicke, einige halten vor Schreck den Atem an. Das Öl tropft auf Jesu Haare und läuft daran herunter. Sanft gießt die Unbekannte den ganzen Inhalt der zerbrochenen Flasche über ihn aus.

Dann löst sich die Schockstarre der Anwesenden. Entsetzen macht sich breit. Unmut äußert sich lautstark. Man redet -- nicht mit ihr, sondern über sie.

"Verschwendung ist das!", sagen sie. Und schnell schieben sie ihre Vorschläge nach, was man stattdessen habe tun können. Und sie steht da und muss sich das alles anhören.

Die anderen wissen es ja immer besser. "Für das Geld hätte man den Armen helfen können", sagen sie, wenn sie Jesus die Ehre erweist. "Da hätte man den Obdachlosen helfen können", sagen sie, wenn man verzweifelt vor Krieg und Bomben Geflüchtete aufnimmt. "Da hätte man gegen Altersarmut demonstrieren können", sagen sie, wenn sich junge Menschen für den Schutz der Umwelt und des Klimas einsetzen.

Die anderen wissen es immer besser. Von ihren bequemen Sesseln aus können sie alles beurteilen. Und keiner von ihnen hilft den Armen, während sie sich hier die Bäuche füllen. Keiner nimmt Obdachlose zu Hause auf, während er über die Gefahren der Migration schwadroniert. Keiner bewahrt einen Rentner vor dem Flaschensammeln, während er im Internet die Ehre des Diesels rettet. Aber sie wissen es besser.

Bis Jesus die Diskussion unterbricht.

Er sieht die Sache völlig anders. Ein "gutes Werk" hat sie getan. Plötzlich wird ihr wieder ganz warm ums Herz.

Nein, Jesus hat nichts gegen Spenden für die Armen. Das hat er längst auch zur Genüge bewiesen. Er, in dem Gott uns wie nie zuvor nahe kommt, wendet sich regelmäßig genau denen zu, die am Rande der Gesellschaft stehen. Die nichts haben, die nichts vorweisen können, die den Maßstäben der anderen nicht genügen. Für Arme und Kranke, für Frauen und Kinder, für Ausgestoßene und Sünder ist er immer da. Und er sieht das auch als Aufgabe seiner Anhänger.

Aber das hier ist anders. Das hier ist prophetisch. Am Ende seiner Erzählung zitiert der Markusevangelist einen steilen Satz: "Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat." (Markus 14,9).

Die Verkündigung des Evangelium kommt gar nicht herum um das Handeln dieser Frau!

Und da sind alle baff.

Was meint denn Jesus?

Wer genauer hinschaut, in dessen Kopf verändern sich die Bilder. Die gemütliche Szene im Wohnzimmer, das Essen unter Freunden, die Sanftheit und die Liebe der fremden Frau, sie verblassen plötzlich. Sie machen Platz für Bilder vom Ende dieser Woche. Von Peitschenhieben und Blut. Von Folter und Erniedrigung. Von unsäglichen Schmerzen und röchelnden Atem am Kreuz. Vom Leiden, vom Sterben. Vom Tod. Von Vergänglichkeit und Begräbnis. Das ist es doch, worauf wir diese Woche zugehen.

Jesus weiß das. Seine Anhänger, wenn sie ihm die letzten Tage und Wochen auch nur ansatzweise zugehört haben, auch.

Wie können sie da noch so ruhig am Tisch sitzen?

"Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis." In Jesu Augen hat das, was die unbekannte Frau tut, etwas Prophetisches. Es passt zu dem, was kommen wird. Sie hat die Prioritäten richtig gesetzt. Sie allein hat das Gebot der Stunde erkannt.

Stille.

Plötzlich hat keiner mehr etwas zu sagen.

Stille.

Ein Psalm

Siehe, wie fein und lieblich ist's,
wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!
Es ist wie das feine Salböl auf dem Haupte Aarons, /
das herabfließt in seinen Bart,
das herabfließt zum Saum seines Kleides,
wie der Tau, der vom Hermon herabfällt
auf die Berge Zions!
Denn dort verheißt der HERR Segen
und Leben bis in Ewigkeit.
(Psalm 133)

Stille

Salbung ist etwas ganz Wichtiges im antiken Israel. Als der Komponist dieses alten Psalms nach einem Vergleich sucht, um die von ihm besungene Einheit zu beschreiben, da fällt ihm eines der schönsten Bilder ein, das er kennt. Aaron, der Bruder des Mose, der frisch ernannte Hohepriester, steht vor dem versammelten Volk. Man bittet um Gottes Segen für den Dienst, den er tun wird -- ein Dienst an den Menschen, am Volk Gottes. Und dann nimmt man ein Horn, eine Art Flasche, voll von kostbarem Öl und schüttet sie über seinem Kopf aus. Das Öl wird ein sichtbares Zeichen für Gottes Zuwendung, Gottes Güte, Gottes Segen, den er verheißt. Das Öl rinnt vom Kopf herunter, durch die Haare. Es tropft auf die Gewänder. Es durchdringt alles. Bis zum Boden hinunter.

Der Komponist hat es gesehen und verstanden: Das ganze Leben von Gott gesegnet. "Welch ein schönes Bild", denkt er sich. Das nehme ich.

Priester werden in Israel gesalbt für ihren Dienst. Könige auch. Gäste, denen man Gottes segen wünscht.

Und Tote, die man in Gottes Hand legt.

Stille

"Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.", sagt Jesus. Diese Frau hat das Gebot der Stunde erkannt.

Haben das die anderen denn nicht?

Haben sie nicht auch alle ihre Hingabe zu Jesus zum Ausdruck gebracht? Standen sie nicht gerade noch an der Straße, als er in Jerusalem einzog? Haben Sie dort nicht gerufen: "Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn"? Ist das denn nicht genauso gut? Ist das denn nicht -- Evangelium?

Das Haus des Simon wird von einem kostbaren Duft durchzogen. Mittendrin steht sie -- die unbekannte Frau. Das, was man da riecht, ist ihre Liebe zu Jesus. Die hat sie in die Tat umgesetzt. Nicht nur geredet. Gehandelt hat sie. Das riecht man jetzt. Sie hat das Gebot der Stunde erkannt.

Die Verkündigung des Evangelium kommt gar nicht herum um das Handeln dieser Frau. Evangelium braucht mehr als Hosianna.

Stille

Wer hätte gedacht, dass uns dieser Text 2020 mitten in der Coronazeit treffen wird? Jetzt, wo alles anders ist. Wo wir uns nur aus der Ferne grüßen und über das Telefon miteinander sprechen und über das Internet miteinander verbunden sind. Wo Abstand das Gebot der Stunde ist. Mittendrin steht dieser Text, wie die Frau im Wohnzimmer des Simon.

Was ist denn heute das Gebot der Stunde?

In dieser Woche werden wir noch viel über Jesus reden. Über sein Leiden, sein Sterben. Für uns. Für uns. Das kann man gar nicht genug betonen. Aus Liebe zu uns, zu seinen Menschen, zu seiner Welt, geht er dort ans Kreuz und trägt --erträgt-- unser Leiden, unser Sterben.

Was damals in Jerusalem Realität war, rückt uns heute wieder ganz nahe, jetzt, wo Leid und Sterben wieder ganz massiv in unserer Umgebung, in unserer Nähe sichtbar werden. Gott geht mit hinein in Krankheit, Leid und Sterben, das sehen wir an Jesus, wieder ganz neu in dieser Woche. Ich bin mir sicher, 2020 redet sein Kreuz genauso stark zu uns, wie es damals zu den Menschen gesprochen hat.

Was ist dann heute das Gebot der Stunde?

Wir haben hier ja keinen Jesus, den wir mit kostbarem Öl salben könnten.

Was ist dann heute das Gebot der Stunde?

Wenn wir in dieser Zeit über Gottes Nähe reden -- seine Nähe zu den Menschen, zu den Kranken und Leidenden, zu den Einsamen zuhause, zu den Sterbenden -- dann darf es nicht beim Reden bleiben. Als seine Nachfolger sind wir gerufen, denn Duft unserer Liebe zu ihm in dieser Welt zu verbreiten. Das kann man nur im Handeln tun.

Diese Zeit fordert uns heraus, kreativ zu werden. Viele unserer bewährten Handlungsweisen sind gerade gar nicht anwendbar. Jetzt loszurennen und große Aktionen anzuzetteln oder Menschen zu besuchen, wäre ja gerade nicht liebevoll. Es ist wichtig, dass wir auf einander Acht geben und Abstand voneinander halten, um niemanden anzustecken. Da brauchen wir neue Ideen. Wir alle. "Die Kirche muss etwas tun", fordern manche. Und sie haben ja recht. Gerade in dieser Zeit darf sich die Kirche auf keinen Fall verstecken. Dass Gott aus Liebe den Menschen bis ins Leiden und Sterben nahe ist, dass mus unbedingt unters Volk!

Aber die Kirche, das ist ja nicht ein Gebäude, oder eine abstrakte Institution. Die Kirche, das sind wir, wir alle: Menschen, Sie und ich, die zu Jesus gehören. Wir müssen etwas tun, damit man diese Liebe riecht.

Das fängt mit ganz kleinen Dingen an: Ein Anruf bei einer einsamen Person. Ein Hilfsangebot. Ein Zeichen der Zuwendung. Ein Überraschungspaket für eine Familie, der zuhause das Dach auf den Kopf fällt. Ein anderer sendet seiner Tante einen Blumenstrauß. Ein Signal: Du bist nicht vergessen, du bist nicht allein. Das geht mit größeren Dingen weiter: Wir sind begeistert, wie viele Menschen sich in Tailfingen und den umliegenden Orten melden, um anderen ihre Hilfe anzubieten. Freiwillige nähen Mundschutze für Pflegeeinrichtungen oder tragen Pakete der Tafel aus. Andere engagieren sich in der Diakonie, in der Pflege, in Hilfsdiensten und Einrichtungen, um für die Menschen da zu sein. Jedes dieser Dinge ist ein Tropfen kostbaren Öls, das in der Welt den Duft der Liebe verbreitet.

Diese Zeit fordert uns heraus, mutig zu werden. Die unbekannte Frau ist sicher nicht leichten Schrittes und frohen Mutes in diese feindselige Männergesellschaft hineinspaziert. Es hat sie viel gekostet -- nicht nur an Geld, sondern auch an Courage. Das wird uns in manchem ganz ähnlich gehen. Aber jeder Schritt, den wir aus unserer gewohnten Komfortzone heraus wagen, ist ein Tropfen kostbaren Öls, das in der Welt den Duft der Liebe verbreitet.

Die Verkündigung des Evangelium kommt gar nicht herum um das Handeln dieser Frau. Auch heute nicht. Die Verkündigung des Evangeliums kann nicht ohne diesen Duft der Liebe geschehen. Aber da wo es duftet, da wird das Evangelium verkündigt. Und wann, wenn nicht heute.

Also lassen wir es duften.

Wenn Sie im Internet unterwegs sind, dann sehen sie das als neuen Hashtag: #tailfingenduftet. Nicht zum posten. Sondern als Auftrag.

Lassen wir es duften nach Liebe zu Gott und Liebe zu seinen Menschen!

Gott gebe uns Kraft, Mut und gute Ideen dazu.

Amen.

Über Christoph

Christoph Fischer (* 1978) ist Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg auf der Pfarrstelle “Erlöserkirche” in Albstadt-Tailfingen.

Christoph ist verheiratet mit Rebecca. Gemeinsam haben sie drei Töchter.

Pfarrer